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Jüdische Zeitung · 1912-06-14 · 24 (14.6.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
24 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 JÜDISCHE ZElTÜNö §eite $ ihre Rechte peinlich Wahren und iihrer Würde nichts vergeben. Wie können wir verlangen, daß man uns achtet, würdevoll behandelt, wenn wir selbst unsere Rechte, unsere (Würde mißachten? An unserem politischen Elend überall und allezeit sind in erster Linie immer unsere „Führer“, das heißt die reichen Juden schuld oder auch solche, die Ehrenstellungen der Juden bekleiden, weil auch dies ihrer persönlichen Eitelkeit schmeichelt, dem Judentume aber sonst wildfremd gegenüberstehen. Die Juden sind immer gescheit für die anderen, für ihr Volk sind sie immer — bescheiden und demütig. Polen und Juden. ln der russisch-jüdischen Presse wird das Verhältnis zwischen den Polen und Juden eifrig besprochen. Seit mehreren Jahren kämpfen alle polnischen Parteien, von den konservativsten bis zu den fortschrittlichsten, gegen die jüdische Bevölkerung. Der ökonomische und gesellschaftliche Antisemitismus hat bereits erschreckende Dimensionen angenommen. Noch ist das Verhalten der Polen in der Frage der Selbstverwaltung in Russisch-Polen in lebhafter Erinnerung. Die Polen beschränkten nämlich das Vertretungsrecht der Juden in rücksichtsloser Weise. Besonders heftig äußert sich der polnische Haß gegen die nationalen Juden. Das Ziel der polnischen Bestrebungen ist die vollständige Verdrängung des jüdischen Elementes aus allen Mittelstandsberufen. Diese Tendenz der polnischen Politik äußert sich nicht nur in Russisch-Polen, sondern auch in Galizien und in Ostpreußen. In allen diesen Gebieten wird von der polnischen Bevölkerung systematisch auf die Verdrängung und Vertreibung der Juden hingearbeitet. Trotz dieser offenkundigen Tendenz der polnischen Politik, entblöden sich viele Juden nicht, sich den Polen gerade in den judenfeindlichen Bestrebungen hilfreich beizugesellen. Man erinnere, sich nur an die Polenklubsjuden in Galizien und an die famosen Warschauer Assimilanten, welche die Beschränkungen der Juden in der städtischen Selbstverwaltung Russisch-Polens mit Rücksicht auf die litauische (lies jüdisch-nationale) Gefahr guthießen! Mit Unrecht wird der polnisch-jüdischen Frage von der Oeffentlichkeit verhältnismäßig geringe Aufmerksamkeit geschenkt. Man lasse sich weder von den offiziellen Versicherungen der polnischen Schachzizen noch durch die Haltung des offiziellen polnischen Isrealitentums einlullen! Die Frage des polnischjüdischen Kampfes hat ungeheure Dimensionen angenommen und ist eine der Hauptfragen des Diasporajudentums geworden. Eine bewußte und voraussehende jüdische Eeuilleton. Die Juden in Italien. (Schluß.) Der Judenhaß ist übrigens eine derart ständige Erscheinung, daß man selbst von der Anwendung eines alten bewährten Rezeptes: „Bei ungünstigen Ereignissen wälzet die Schuld auf die Juden!“ picht zurückschreckt. Seit Beginn des jetzt wütenden Krieges haben sich die drei linken Parteien: die radikale, sozialistische und republikanische Partei gegen den Krieg erklärt bis auf einige Ausnahmen. Diese sind einige jüdische Abgeordnete, die sich für den Krieg förmlich' begeistern und die Freude der italienischen Juden über den Krieg ist eine ganz außerordentliche. Man kann sich jedoch manchmal des Gedankens nicht erwehren, daß es die Juden vor lauter Angst nicht wagen, ihren wahren Gefühlen Ausdruck zu geben. Unter den Spendern zugunsten der Familien der Soldaten und der Verwundeten, ferner für die aus der Türkei ausgewiesenen Landsleute figurieren die Juden mit sehr hohen Beträgen und allsabbatlich werden in allen Synagogen besondere Gebete für den Sieg der italienischen Waffen verrichtet. Unter den Kämpfern in Tripolis befinden sich unverhältnismäßig viel Juden, die sich fast durchweg freiwillig gemeldet haben. Und trotzdem wird in dem überwiegend größten Teile der italienischen Presse die Sache so dargestellt, als ob die Juden gegen den Krieg wären. Politik ist verpflichtet, beizeiten gegen die katastrophale Zuspitzung dieses Ringens Vorkehrungen zu treffen. Juöifdie Arbeiter in den 6ruben Oberfdilesiens. Die „Kattowitzer Aktien-Gesellschaft für Bergbau und Eisenhüttenbetrieb“ hat sich durch ihre Direktoren Gebhardt und Kluger entschlossen, jüdische Arbeiter in größeren Massen auf ihren Gruben einzustellen. Nachdem sie bereits auf ihrer Florentinegrube seit einiger Zeit jüdische Arbeiter beschäftigt und mit denselben gute Erfahrungen gemacht hat, will die Gesellschaft auch auf ihren andern Gruben einige Hundert jüdische Arbeiter, welche Bergarbeit verstehen und dazu tauglich sind, einstellen. Zunächst soll der Versuch auf der Myslowitz- und. Carlssegengrube gemacht werden, und zwar auf jeder Grube mit 50 Mann. Die Beschäftigung soll unter denselben Bedingungen und - zu denselben Lohnsätzen wie die der ruthenischen Arbeiter erfolgen, nämlichL 3—4 Mark für den Tag je nach Art der Beschäftigung und Leistung, steigend bis 6 Mark. Die Gesellschaft erklärt, daß, wenn die Leute in der Woche sonst fleißig arbeiten, sie durchaus nichts störendes darin findet, wenn sie Sabbat die .Arbeit aussetzen. Den .Entgang zweier Ruhetage in der Woche (Samstag und Sonntag) will die Gesellschaft dadurch wettmachen, obwohl sie dies nicht als Bedingung hinstellt, daß die Leute entweder täglich 1 Stunde länger arbeiten oder einmal in der Woche eine Nachtschicht leisten. Dadurch ist den Arbeitern der Wochenlohn für 6 Tage gewährleistet. Die Gesellschaft hat sich überdies bereit erklärt, den jüdischen Arbeitern besondere Baracken einzuräumen, in denen sich Kücheneinrichtungen befinden, Baracken zu 50 Mann, und „dafür Sorge zu tragen, daß dieselben in ihren religiösen, bezw. rituellen Verrichtungen nicht gestört werden“. Und die preußische Regierung! Dieselbe Regierung, die Oppelner Regierung, welche sich bisher einen Namen erworben hat durch Ausweisung jüdischer Ausländer aus Oberschlesien, hat sich mit der Heranziehung jüdischer Arbeiter aus dem Auslande (Galizien und Polen kommen zunächst in Betracht) einverstanden erklärt. Nur eine Bedingung hat die Regierung gestellt. Einmal im Jahre sollen die Arbeiter auf mindestens 4 Wochen außer Land gehen, das preußische Staatsgebiet verlassen; dies geschieht zu dem Zweck, damit sie (picht auf Grund des Reichsgesetzes., vom Unterstü^zungswohnsitz den Anspruch auf Unterstützung erwerben. Es hat sich ein Komitee gebildet, das den Zuzug der jüdischen Arbeiter organisieren soll. In Lodz hat das Wort schon gezündet. In dieser großen Fabrikstadt wohnen über 10.000 jüdische Arbeiter in der Vorstadt Baluty, meist Weber. Die jüdischen Fabriksbesitzer in Lodz beschäftigen keine jüdischen Arbeiter, nicht etwa weil sie nichts taugen, vielmehr einzig und allein deshalb, weil die jüdischen Arbeiter in Lodz a'm Sabbat nicht arbeiten wollen. Poznanski, Es mag ja sein, daß sich vor dem Ausbruch des Krieges einige jüdische Kapitalisten — was ihnen schließlich nicht verübelt werden kann — gegen den abenteuerlichen Feldzug geäußert haben. Nun wird diese vereinzelte Anschauung verallgemeinert und in sogenannten „demokratischen“ Organen, wie im „Corriere della Sera“ erscheinen (witzige Croquis, wo Herr Daniel Levi — der die Verkörperung der jüdischen Bourgeoisie darstellen soll — sich in Aeußerungen gegen den Krieg gefällt. „Herr Daniel Levi raffen Sie sich auf, werden Sie ein Patriot! oder wünschen Sie nicht den Sieg der italienischen Waffen?“ So und ähnlich ist die Sprache der italienischen Presse. Was Wunder, wenn sich die in Florenz erscheinende zionistelnde Wochenschrift „Settimana Israelitica“ — die sich ja zweifelsohne in einer Zwickmühle befindet — veranlaßt fühlte auszurufen: „Wir italienischen Juden, die schon vor Christo römische Bürger waren, die von Julius Cäsar geliebt ,wurden, die drei Tage an Julius Cäsars Grab weinten, die für die italienische Freiheit kämpften, Wir italienischen Juden wünschen den Sieg der italienischen Waffen!“ All diese Taten und Erklärungen vermögen jedoch' die italienische Presse nicht abzuhalten, die Schuld für die italienfeindliche Haltung der ausländischen Presse den Juden in die Schuhe zu schieben. Es heißt , allgemein, die Juden seien an der ganzen Kampagne schuld. Und alle italienische Blätter schreien Zeter und Mordio gegen die Juden, die da im Auslande der große Millionär, hat neulich 200 jüdische Arbeiter auf die Straße gesetzt. Da kommt ihnen die Erlösung von nicht jüdischer Seite. In kurzer Zeit dürfte die Einstellung dieser 200 Arbeiter in Kattowitz bereits vollzogen sein. Die Sache war nicht so einfach. Es entstanden noch Paßschwierigkeiten. Wer aus Rußland zu dauerndem Aufenthalt ins Ausland reist, muH im Besitze eines sogenannten Auslandspasses sein, der 20 Rubel kostet. Kommerzienrat Feist hat für diese Arbeiter 25.000 Mark gespendet, so daß auch diese Schwierigkeit behoben und vorläufig diesen 200 Arbeitern geholfen ist. Eine fredie Rnsbenfnng ftesjjfflüdieiK Patriotismus. Unter dieser Spitzmarke schreibt unser Bruderblatt, die „Selbstwehr“: Ein Freund unseres Blattes teilt uns mit, daß er und viele Seiner jüdischen Bekannten von Ritter von Hoschek, im Namen einer „Hilfsaktion für Bosnien und Herzegowina“ Aufrufe zugesendet erhalten, in denen „bauend aut ihr patriotisches Empfinden und Ihre bewährte Wohltätigkeit“ die ergebene Bitte gestellt wird, „dem eminent vaterländischen Unternehmen Ihre tatkräftige Unterstützung nicht versagen pu wollen“. Mit besonderem Nachdruck wird (darauf hingewiesen, daß das Protektorat über die Hilfsaktion ihre Hoheit Frau Herzogin von Hohenberg übernommen hat. In dem Aufruf heißt es: „Die Hilfsaktion erstreckt sich darauf, charitative und patriotische Werke in den neuen Reichsländern zu schaffen und so eine breite Grundlage für die sukzessive Hebung dieser Länder zu zeitigen.“ Besonders soll, (eingedenk der Worte unseres Kaisers, der Kinder- und Jugendfürsorge gedacht (werden. Pas wäre alles sehr schön. Sicher sind viele Juden bereit, dem Aufruf, der immer wieder an das patriotische Gefühl appelliert, Gehör (zu Schenken, Spenden direkt an die k. k. priv. Kreditanstalt für Handel und Gewerbe und das ausgefüllte Anmeldeformular an den erwähnten R. v. Hoschek zu senden. Deshalb machen wir auf den frechen Schwindel aufmerksam, auf den uns unser Gewährsmann unter Uebersendung aller Drucksachen hinweist. Es muß nämlich festgestellt werden, daß außer den erwähnten Aufrufen auch Statuten der Hilfsaktion für Bosnien und Herzegowina bestehen. Diese (Statuten hat bisher kein einzige Jude pu Gesicht bekommen. Die Statuten zirkulieren hur in zuverlässigen katholischen Kreisen. Der Zufall, der NESTLE s * Kindermehl für gesunde u. kranke Kinder sowie Magenleidende! Verhütet abeseitii}r Brechdurchfall. Diarrhoe, uafmkatorrh ( Preis per Dose K1.80,erhältlich in jeder Drog.u.ApoHi| die öffentliche Meinung italienfeindlich stimmen und in der Presse, wie auch an der Börse ihren Einfulß in diesem Sinne zur Geltung bringen. Die italienische Literatur ist dem Antisemitismus überhaupt nicht abhold. Es besteht eine geistige Richtung, der sogenannte N e u 1 a t inismus, deren Anhänger einzigallein für das alte Rom schwärmen. Sie stellen in ihren Schriften die alten Römer als das Ideal des Menschen hin und die ewige Stadt mit (ihren Gesetzen, und Sitten als den höchsten Gipfel alles Erstrebenswerten. Daß dieser Romrausch’ auch einige Juden befangen hält, ist selbstverständlich. Dafür ist aber bekannt, daß Gabriele d’A nnunzio, einer der hervorragendsten Vertreter des Neulatinismus, dem Judenfraß, bestenfalls Verachtung entgegenbringt. Einige bewußte Juden haben das Gefährliche der neulateinischen Richtung für die Juden erkannt und bekämpfen sie wacker. Man könnte fragen: „Ja, wenn die Juden in Italien derart assimiliert sind, wie erkennt man sie?“ Die Sache liegt sehr einfach. Vor allem erkennt man sie am Zunamen, die für einen Ausländer als italianissimi gelten, und dabei so spezifisch [jüdisch sind, daß sie sie in Italien jeder Gassenhub kennt. Sehr häufig sind die hebräischen Familiennamen, wie Jarach, Levi, Jona, Dinä, Barzilai, Amar. Die meisten tragen jedoch Städtenamen: wie, Soreni, Viterbo, Campagano, Modena, Ravenna, Fubini. Manche Namen sind nur italanisierte Formen, wie z. B. Bolaffi oder Bolaffio für Abulafia, Sacerdote

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