Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 und deren Leitung es versteht, auf diese Weise eine Harmonie h'erzustellen, zwischen den Lebensbedürfnissen des jüdischen Volkes einerseits und denen des jgesamtösterreidiischen fStaatswesens und seiner übrigen Völker anderseits. Wenn aber in jedem Kronlande oder gar in jeder Stadt eine andere und noch' dazu falsche Politik betrieben Wird, wenn auf diese Weise dem jüdischen Volke Oesterreichs das Gefühl der nationalen Einheitdiese kardinale Voraussetzung des Zionismus abhanden kommt, und es nicht )als Ganzes in einer klaren und unzweideutigen Weise seine Stellung zum österreichischen Reichsgedanken, sowie den übrigen Reichsvölkern formuliert, dann wird es nie zu seinerGleidibereditigung als Volk und Staatsbürger gelangen, ohne Verbündete dem antisemitischen Anstürme auch nicht erfolgreich widerstehen können. Friedrich Löw i Dienstag, den 4. Juni wurde Friedrich L ö w zu Grabe getragen. Die Proßnitzer Zionisten haben ihrem langjährigen verehrten Führer eine Leichenfeier bereitet, die mit aller (äußeren Würde ausgestattet, der Liebe und Anhänglichkeit, die dem Dahingeschiedenen entgegengebracht wurde, herzlichen' tiefergreifenden Ausdruck verlieh. Kaum hatte sich die der Oeffentlichkeit unerwartete Todesnachricht, die überall größte Bestürzung hervorrief, verbreitet, als sich auch schon die Mitglieder des „Zion“ und des „Jüdischen Turnvereines“ zur Totenwache rüsteten, die bis zur Ueberführung des Sarges auf den Friedhof Tag und Nacht hindurch ununterbrochen fortgesetzt wurde. Das Leichenbegängnis vollzog sich unter massenhafter Beteiligung der jüdischen Bevölkerung in Anwesenheit der Vertreter der Parteibehörden und der Abordnungen gesinnungsgenössfscher Korporationen. Das Z. K. war durch seinen Vizepräsidenten , H. Rabb. Dr. F r i e d m a n ii, der auch das : mährischschlesische D. K. repräsentierte -und durch den Parteisekretär, .Herrn Dr. Glücklich, die Kreisleitung Olmütz durch den Obmann H. S ch wa r z b a r t vertreten. Die zionistischen Vereine und Schekelzahlergruppen von Olmütz, Ung.-Hradisch und Kojetein, die Verbindung „Unitas“ und „Veritas“, die jüdischen Turnvereine Brünn und Ung.-Hradisch hatten Delegierte entsendet. In der überfüllten Zeremonienhalle hielt Herr Rabb. Dr. Goldschmied den ersten Nachruf und lautes Schluchzen durchzitterte den Raum, als der Redner in ergreifenden Worten das edle Menschentum des teuern Toten und seine unbegrenzte Hingabe an die Sache des jüdischen Volkes pries. In all ihrem Schmerze war es für die Proßnitzer Zionisten doch eine Erhebung, als der nächste Redner, Herr Rabb. Doktor Friedmann, der das Beileid des Z. K. und des mähr.-schles. D. K. überbrachte, von der Wertschätzung und Beliebtheit, der Friedrich Löw in allen zionistischen Kreisen begegnete, feierlich Kunde gab. Am offenen Grabe nahm Herr Bürgermeister Dr. Zweig als Sprecher der nun verweisten Proßnitzer Zionisten innigen Abschied und schloß seine Freundesworte mit einem Appell an die von Friedrich Löw geschaffenen Vereine, daß sie, sowie sie an der Bahre des Führers getreulich die Totenwache gehalten hätten, nun aucn die Ehrenwache bei dem Lebenswerke des Dahingeschiedenen beziehe.i mögen, um es zu erhalten und nach besten Kräften zu fördern. Noch am Abend des Begräbnistages fand eine vom Verein „Zion“ vom „Jüd. Turnverein“ und von der „Giskalah“ veranstaltete Trauerversammlung statt, bei der die Israelitengemeinde Proßnitz, die Kultusgemeinde sowie sämtliche jüdische Wohltätigkeitvereine vertre-, ten waren. Der äußerst würdig und stimmungsvoll drapierte, mit dem Bildnisse des Verstorbenen gezierte Saal beherbergte eine zahlreiche •Trauergemeinde, die sich in feierlicher Stille zusammengefunden hatte. Herr Rabb. Dr. Goldschmied gab in einer die Versammlung tief bewegenden Rede eine Charakteristik Friedrich Löws, schilderte die einzelnen Phasen seines zionistischen Wirkens und gedachte seiner harten Mühen und rühmlichen Kämpfe, seiner Hoff- ‘ nungen Und seiner Erfolge. Mit der Verlesung der eingelaufenen Kondolenzschreiben schlossen die Feierlichkeiten, die den Betrauerten noch im Tode als wahrhaften Volksmann erscheinen ließen. Zium dauernden Andenken an Friedrich Löw wird ein Garten im Herzl-Walde gepflanzt und auch in Proßnitz eine nationalen Zwecken dienende Stiftung errichtet werden. Rundschau. Der Uebermagyare Kovacs. Der Abgeordnete Kovacs, welcher im ungarischen Parlamente ein Attentat aut den Präsidenten T i s z a versucht hat, hieß einst S t r a ß e r und ist Jude. Ueber den Attentäter und sein Attentat schrieb die „Neue Freie Presse“ folgendes: „Die vielgeschmähten (ungarischen) Oligarchen von gestern und die vielgefeierten Volkshelden von heute sind klassenmäßig aus demselben Holz geschnitzt wie ihre Gegner, die sich über die Geschäftsordnung hinwegsetzen und die Polizei rufen, weil sie durch ein volles Jahr von ihren Standesgenossen, die sich Unabhängigkeitspartei nennen und auf dem nationalen Uniformrock anders gefärbte Achselklappen tragen, bis aufs Blut gequält worden sind. Zu dieser Klasse gehört jedoch der Abgeordnete Julius Kovacs nicht. Er hat gar nichts, was ihm mit den gesellschaftlichen Schichten gemeinsam wäre, die jetzt den Krieg im AbgeorÜnetenhause führen. Der Meuchelmord ist überhaupt nicht ungarisch. Das Verbrechen des Abgeordneten Julius Kovacs kommt nicht aus einem ' Klassenbewußtsein, das ihm fremd sein muß. Er hat seinen Revolver dreimal abgeschossen mit dem Uebereifer eines Mannes, dessen Sehnsucht stets gewesen sein mochte, sich mit der politisch herrschenden Gentry zu verschwistern, zu der er nicht zählt. Er war vielleicht unbewußt von dem Stachel gequält, in der Klasse, in der er aufgehen wollte, nicht ernst genommen zu werden. Er wollte zeigen, daß er noch stärker sei als sie, ein Uebermagyare, der freilich seinen nationalen Anspruch nicht aus den Tagen von Arpad herleiten kann. Deshalb hat er geschossen. . .“ Man braucht nur die Worte „ungarisch“ „Magyare“; „Kovacs“; „Arpad“; durdh„deutsch“ „Germane“, Benedikt“ und „Hermann der „Cherusher“ zu ersetzen und hat bereits eine' zureichende Erklärung für die politische Haltung der Presse und ihrer Macher. Komisch mutete es an, daß die Mauschel der „Arbeiter-Zeitung“ die Ausführungen der „N. Fr. Pr.“ aufgriffen und auf die psychologische Aehnlichkeit zwischen Kovacs und Benedikt verwiesen. Die roten Assimilanten mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie innerlich genau so aussehen wie Kovacs und Benedikt. Denn schließlich bleibt innere Schäbigkeit doch Schäbigkeit, mag sie sich' magyarisdi, teutoniisch oder international drapieren. Die territorialistische Konferenz in Wien. In den letzten drei Tagen des Monates Juni wird in Wien eine territorialistische Konferenz stattfinden. Die Projektmacher werden zusammentreten und den Globus nach einem Territorium absuchen. Wir haben schon oft auf die Lächerlichkeit der territorialistischen Pläneschmiede, welche den national-sozialen Gedanken des Zionismus verwässert haben und sich in theoretischen Wolkenkuckucksheimen ergehen, hingewiesen. Es ist (daher überflüssig zu betonen, daß die territorialistische Bewegung, wie sie heute aussieht, nur insofern ernst genommen werden darf, als sie sich mit dem jüdischen Emigrantenhilfswerk beschäftigt. Diesbezüglich steht sie auf demselben Niveau wie andere politische' Hilfsgesellschaften. Der Königsgedanke des sich verjüngenden Judentums ist der Territorialismüs nicht gewesen und wird es auch nicht werden. Wes Geisteskinder die Wiener Territorialisten sind, erkennt man aus der Liste des Wiener Komitees: Dr. Bloch, Jakob Krauss, Dr. ■Löwy (von der „Wahrheit“), Direktor Krenberger, Wolf Pappenheim etc. Wie man sieht, lauter verflossene Zionisten oder wütende Zfanistenfresser. Wir gehen nicht fehl, wenn wir annehmen, daß es den meisten Wienern Territorialisten nur darum geht, dem'Zionismus zu konkurrieren. Mit Konkurrenzneid erlöst man kein Volk. Zum Empfange des Finanzministers v. Bilinski in Sarajevo. Ein Gesinnungsgenosse aus Bosnien schreibt uns: Anläßlich der Ankunft des Ministers war auf dem Bahnhofe feierlicher Empfang, zu welchem die römisch-katholische Geistlichkeit nicht erschienen war, da ihrer Forderung, an erster Stelle zu stehen, nicht entsprochen wurde. An erster Stelle wurde die serbisch-orthodoxe Geistlichkeit, an zweiter Stelle die moslimische vorgestellt, dann die evangelische und schließlich die jüdische. Da drängt sich nun die Frage auf, die wir an die Sarajevoer maßgebenden jüdischen Faktoren stejlen: Warum haben sie es zugelassen, dab die Juden an letzter Stelle rangierten, Während ihne l doch unbedingt der Vorrang vor dem -Evängelen gebührt? Nach den gegebenen Verhältnissen, war die Forderung der römisch-katholischen Geistlichkeit, an erster Stelle vorgestellt zu werden, njeht gerechtfertigt, sie hat aber ihren Standpunkt zu wahren gewußt. Warum haben die Juden nicht ihr Recht gesucht, und wenn sie es nicht fanden, warum' ließen sie, durch ihr Erscheinen am Bahnhofe, dies Unrecht zu? Weiters: Am Bahnhofe war auch Herr Dr. Moriz Rothkopf in offizieller Eigenschaft erschienen. Herr Dr. Rothkopf ist Vorsteher der jüdischen Kultusgemeinde und Präsident der Advokatenkammer. Herr Dr. Rothkopf schätzt die Würde, Präsident der Advokatenkam’mer zu sein, höher, als die des Vorstehers der jüdischen Gemeinde. In der Reihenfolge des Empfangens der Korporationen rangierte die jüdische Kultusgemeinde j vor der Advokatenkammer. Das zeigt, wie die offizielle Welt den Rang der einen und der anderen Korporationen einschätzt. Wir sind überzeugt davon, daß die Mitglieder der Advokatenkammer es vollständig gebilligt hätten, wenn Dr. Rothkopf in seiner Eigenschaft als Vorsteher der jüdischen Gemeinde erschienen wäre und dem Vizepräsidenten der Advokatenkammer die Repräsentationspflicht überlassen hätte. Wir sind weiters davon überzeugt: Daß wenn ein Serbe Präsident der Advokatenkammer und gleichzeitig Präsident der serbischen Kirchengemeinde' gewesen wäre, er es nicht unternommen und auch nicht gewagt hätte, die Advokatenkammer zu vertreten statt seiner Gemeinde, daß weiters, wenn er dies doch getan hätte, er gewiß nicht mehr Präsident deif serbischen Kirchengemeinde geblieben wäre. Wir sind immer der Ansicht gewesen, daß die Juden um Gnade oder Protektion nicht zu bitten haben, sie sollen aber immer würdevoll LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLCHSAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Uersidierfes Kapital zirha 380 Hillionen. — Prämienreserue zirha 113 Millionen. — Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit ifiditige, leistungsfähige Agenten gegen höbe Bezüge. Auskünfte erteilt die 6eneralagentsdiaft Wien, l.f Bspernplatz 1 (Beiter: Oauid Nebenzahl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subdirehtion Höbt Taubes, Hemberg. NIEDERLÄNDISCHE SSSSSSSSSSStSsm^mmmmasrnrn