Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDECHE ZEITUNG JE5JÄ -jüdisches orgfw jgg ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Insera tenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbiähr. K 5—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjäbr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ _ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjahr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. Telefon 22:075. ■ Nr. 24_Wien, Freitag, den 14. Juni 1912 VI. Jahrgang Die Märtyrer von Drohoftycz. Am 19. Juni jährt sich der Tag: des gräulichen Massenmordes in Drohobycz. Anläßlich der Reichsratswahlen 1911 wurden auf das Anstiften einer Rotte verk'ommenener politischer Wegelagerer hunderte Menschen bestialisch niedergemetzelt, vierzig blieben tot am Plätze oder starben nach wenigen Stunden unter furchtbaren Qualen. Noch nie wurde ein Massenmord aus so niedrigen Motiven verübt. Weif die Wähler von Drohobycz nach freiem Willen den Mann ihres Vertrauens bestimmen, weil sie den Hausjuden des berüchtigten Polenklübs D r. Löwen stein nicht länger als ihren Vertreter im Parlamente dulden wollten, wurde dieses Blutbad angerichtet. Dem Morde ging eine wochenlange scheußliche Hetze voraus. Löwensteiri selbst, der-„Kandidat“, wagte es nicht, sich in Drohobycz zu zeigen. Er überließ die Wahlvorber.eitungea seinen Freunden, dem P e t r o 1 e‘ü m s p e k ulanten Feuerstein und dem Bordellbesitzer und Mädchenhänd- Icr Steinhäuser. Im Vereine mit bestochenen Beamten fälschten sie die Wählerlisten, terrorisierten mit Hilfe einer Bande gedungener Strolche den ganzen Wahlkreis. Vergebens (waren alle Proteste bei den Behörden in Lemberg und Wien, denn der mächtige Polenklub |und der Statthalter Bobrzynski schützten das Gelichter. Am Tage der Wahl gtieg die Frechheit (der Löwensteinknechte ins Ungemessene. Das durch Militär abgesperrte Wahllokal, in welchem Sauforgien gefeiert wurden, durfte kein oppositioneller Wähler betreten. Einzelne Strolche warfen die Löwensteinzettel zu Hunderten in die Urne. Die Wähler, die stundenlang im Sonnenbrände warteten, um den Zionisten zu wählen, verzweifelten schließlich und zogen ab. D)a plötzlich' ließen die Mordjbuben Feuerstein, Steinhäuser und der Bezirkskömmissär Lyszkowski auf die vor dem1 HauSe versammelten Zuschauer, darunter Greise, Weiber und Kinder schießen. Während sich die unschuldigen Opfer im Blute wälzten, flössen Champagner und Schnaps in Strömten und Löwenstein war „gewählt“. Ein Schrei der Entrüstung durchtoste Europa! Die Schandtat brachte das ruhigsteBIut zur Wallung. Löwenstein verzichtete auf das Mandat; er und seine Mordbuben verschwanden. Nun erhob die jüdischnationale Öeffentlichkeit ihre Stimme. Sie verlangte Sühne und Bestrafung der Mörder! Aber vergebens! Die Mächtigen schützten ihre Henkersknechte. Mit frecher Stirn logen und vertuschten Minister und Abgeordnete. Und das österreichische Parlament bot ein schmachvolles Schauspiel: von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken fand sich keine Partei, die auf Bestrafung der Mörder gedrungen hätte! Die bestochene Tagespresse tat auch das ihre, und nach wenigen Wochen war alles ruhig. Die Mordgesellen wagten sich wieder ans Tageslicht und Löwenstein zog wieder ins österreichische Parlament ein .... Kaum ein Jahr ist verflössen und die Öeffentlichkeit scheint an den Massenmord in Drohobycz vergessen zu haben. Denn ungestraft darf sich Löwenstein in der Öeffentlichkeit zeigen, darf das österreichische Parlament durch seine Anwesenheit besudeln, darf sich einen jüdischen Vertreter nennen und auch als solcher gelten. Sein Komplize F e u e rstein, das Symbol tiefster Verworfenheit und das scheußlichste Produkt galizisch - jüdischer Assimilation herrscht weiter in Drohobycz. Es ist unfaßbar, daß der Unwille des Volkes, diese Schänder ihrer Nation, die wuchernden Eiterbeulen des Judentums und kaltblütigen Mordgesellen noch nicht weggeschwemmt hat. Mögen feilte Seelen und ehrvergessene Schwächlinge sich mit dem Gedanken, daß Löwenstein und Feuerstein ungestraft ihr verbrecherisches Treiben fortsetzen, abgefunden haben. Die bewußten, ehrlichen Juden haben an die Drohobyczer Märtyerer nicht vergessen. Ungebrochen ist der Haß und unvermindert der Abscheu gegen die Mörder von Drohobycz und unvergessen sind die Märtyerer im Kampfe um die jüdische Freiheit. [In 12. Stunde. Eine der wichtigsten Voraussetzungen einer erfolgreichen jüdischen Politik in Oesterreich ist das Verständnis für idie Vorgänge in diesem Reiche, für deren engen Zusammenhang unter einander und mit der Judenfrage. Alle Kämpfe dies- (und jenseits der Leitha sind in letzter Linie aber nichts anderes als die Geburtswehen des werdenden, neuen, auf der Gleichberechtigung aller seiner Bewohner aufgebauten — Oesterreich, das nach einer Verfassung ringt, in der das Prinzip der Autonomie für sämtliche Reichsvölker verwirklicht ist. Nicht gegen den Bestand des Reiches kämpfen ja die österreichischen Völker, sondern um einen gleichen Anteil der Macht innerhalb desselben. Alle irredentistischen B estrebungen der Chauvinisten sind nur (die Konsequenzen jener a 11 österreichischen Politik, die privilegierte Nationen, Konfessionen und Klassen zum Staatsprinzip erhob, das in der dualistischen Dezemberverfallung seinen extremsten Ausdruck fand. Gegen die reaktionäre (— den Existenzbedingungen und der Existenzberechtigung des Donaureiches gleich widersprechende i— Grundanschauung von herrschenden Nationen, Konfessionen und Klassen (lehnen sich aber alle national oder sozial Unterdrückten dies- und jenseits der Leitha auf; gegen sie — mit ihrer logischen Konsequenz gegen den Antisemitismus in seinen verschieden Formen —, muß sich auch die jungjüdische Politik .richten. Für diese bildet die (Erhaltung und Erneuerung des jüdischen Volkes, dessen Kulturfortschritt und materielle Wohlfahrt das oberste Ziel. Die jungjüdische Politik darf daher nie in den Fehler der verschiedenen parlamentarischen Parteien Cis- und Transleithaniens verfallen, welche nicht für Grundprinzipien, sondern zwecks Erlangung der politischen iMacht einzelner Koterien kämpfen. Darum ist ja das österreichische Abgeordnetenhaus so tief gesunken, konnte in das magyarische Privilegienparlament wiederholt Polizei einmaschieren, und darum steht auch der gesamte bestehende .Parlamentarismus Ues Reiches vor seinem Zusammenbruche. Kühl bis ans Herz verhalten sich aber weite Kreise der Bevölkerung dieser Tatsache und ihren Ursachen, dem öden, prinzipienlosen Parteigezänke in beiden |ReiChshälften. den sich immer von neuem wiederholenden Obstruktionen gegenüber. ‘ Infolge politischer Unreife erkennen sie wohl immer noch' 'nicht, ,daß Wir uns .inmitten einer akuten Verfassungskrise befinden -die Vorgänge’,m Pest und Agram!. sowie die Gerüchte von einem § 14 Regime in Cisleithanien zeigen dies deutlich —; aber sie haben das dumpfe Gefühl. ,daß sie von den jetzigen Parlamentariern nichts zu hoffen haben, daß sie ein Objekt des Volksbetrugcs und der Ausbeutung von ihrer Seite bilden. Dieser Umstand, sowie die zunehmende wirtschaftliche Not. erzeugen eine stets steigende Gleichgültigkeit der Massen am öffentlichen Leben irt Oesterreich. Das hier Gesagte gilt speziell auch (von .den (jüdischen: Massen, die durch die Schule einer der bestehenden parlamentarischen Parteien gegangen sind und deren einzige geistige politische Nahrung ihr „Leibblatt“ bildet. Diese Massen in ,allcn Teilen OesterreiChs bis jn [die kleinste Jüdische (Gemeinde [mit (unserem Krakauer Programme bekannt zu machen, politisch zu erziehen (und sie auf national-sozialer Basis zu organisieren, ist daher unsere allerdringendste Aufgabe der Erörterung auf unserer „Politischen Konf e r e n z“. Dazu müssen Arbeitskräfte und finanzielle Mittel da..sein: denn 'ohne eine systematische Agitation und einen Agitationsfond gibt es auch keine lebensfähige Organisation und mit auf dem Papiere stehenden Vereinen ist uns wahrlich nicht gedient. Nur eine wirkliche Reichs Organisation vermag aber unserem Volks- und ReiCh'sprogramm zum Durchbruche zu verhelfen, die Stellung des jüdischen Volkes zu den übrigen östereichischen Reichsvölkern und zu den österreichischen Regierungen zu klären. Wenn nicht in allen Teilen des Reiches das jüdische Volk als geschlossene Einheit auftritt und seine Forderungen einheitlich geltend macht, ,(so sind sie unrealisierbar. Eine einheitliche jüdische Reichsorganisation würde aber sicherlich Verbündete auch unter den anderen Völkern haben. Wenn sie unwandelbar an dem Krakauer Programm und seinen Grundideen der Reichseinheit, der Völkerautonomic, der politischen Freiheit und sozialen Gerechtigkeit festhält