Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 Die Berliner Gäste. Unter den deutschen „Stammesbrüdern“, welche der Wiener antisemitischen Stadtvertrehmg ihre devoteste Aufwartung machten, befanden sidi’ auch drei Israeliten. Der Vornehmste unter diesen vor den Wiener Antisemiten scherwenzelnden Mauscheln war der Justizrat Cassel, Vorsitzender des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, welcher Verein durch' die in letzter Zeit inszenierte Sombarthetze traurige Berühmtheit erlangt hat. Die übrigen zwei Israeliten, welche sich die Ehre nicht nehmen Heißen; mit blutrünstigen Antisemiten zu pokulieren, sind minder, bekannt Die Berliner Stadtvertretung ist fortschrittlich und zählt viele Juden zu ihren Mitgliedern. Es wäre also nur ein Zeichen von Gesinnungstüchtigkeit gewesen, wenn die Berliner Vertretung mit Rücksicht auf ihre Grundsätze und auf ihre jüdischen Mitglieder ebenso freundlich wie entschieden abgeldmt hätte, die reaktionär-antisemitische Gemeindevertretung zu besuchen. Gesetzt den Fall, eine Absage lauf die Einladung des Wiener Ciemeinderates wäre 'ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, so hätten doch die jüdischen Stadtverordneten 'Berlins so stolz sein sollen, zu erklären, daß sie sich von der Teilnahme an diese® Canossagange zu Antisemiten mit Rücksicht auf Ihre Zugehörigkeit zum Judentum' ausschließen. Das geschah nicht, das Gegenteil war zu bemeiken. Die Beteiligung der jüdischen Berliner Stadtverordneten war bei weitem stärker als der jüdische Perzentsatz in der Berliner Stadtvertretung. Die Berliner Mausdiel. scheinen sich geradezu hervorgedrängt und um die Ehre, mit den Wiener Ritualmordhetzern und Judenfeinden zusammenzukommen, gerissen zu haben. Dieses Benehmen, der Creme der Berliner Israeliten ist würdelos und treibt einem anständigen Juden, der etwas auf Würde und Ehre hält, die Schamröte ins Antlitz. Weit würdeloser und unmännlicher ist jedoch die Haltung der Wiener liberalen von. Assimilanten herausgegebenen und redigierten Presse. Der Wiener Gemeinderat hat nämlich die Zulassung liberaler Pressevertreter zu den Empfangsfeierlichkeiten brüsk verweigert. Die liberalen Zeitungsmacher ließen sich jedoch ohne Gegenwehr, .ohne (ein Wort des Protestes, ins Gesicht spucken und veröffentlichten spaltenlange Berichte über dieselben Empfangsfeierlichkeiten, an denen sie nicht teilnehmen durften. Selbstverständlich erwähnten sie mit keinem Worte, _ daß sich _ unter den Berliner ”Gästen""juden befinden,’ daß es einer fortschitüidien Stadtvertretung unwürdig ist, mit Antisemiten zu fraternisieren und daß es seitens . Die materielle Lage der Juden in Italien kann Im allgemeinen eine gute genannt werden. Es gibt .zahllose jüdische Millionäre in den Städten, dafür nimmt aber die Zahl der jüdischen Proleten immer mehr und mehr zu. Viele von ihnen, besonders in Livorno, Venedig und. Turin sind Lumpensammler, viele römische Juden fristen ihr Dasein durch jFeilbieteii von Makkaroni oder Süßigkeiten auf offener Straße. Im öffentlichen Leben spielen die italienischen Juden eine große Rolle. Es ist bekannt, daß Graf^jOttolenghi Kriegsminister_War,_ daß Luzzatti-und_TedesCo^öfter^die Ministerwürde Innehatten. An der Spitze des vornehmsten italienischen Kultxuvereines, der Gesellschaft zur Verbreitung der itaHenischen Sprache „Dante Allighieri“ steht lein Jude, der Senator SAlessandro d’Anoona. An den Universitäten gibt es unzählige jüdische Professoren, auch im Richterstande sind me reichlich vertreten. Auffallend ist jedoch^ daß sie in der Literatur und Journalistik, mit Ausnahme einiger mittelmäßigen Talente, fast völlig fehlen. Daß sie im Handel Schon vermöge''ihrer geringen Zahl und bei einem Volke, dessen Republiken die Devise: „Vorerst Kaufleute und dann Christen“ trugen, keine bedeutende Rolfe spielen, ist leicht zu begreifen. Fast banal klingt die Feststellung, daß die Juden in allen radikalen Parteien vorzufinden sind. Die republikanische nennt Barzitai ihren Führer und Emilio Treves gilt als einer der ersten Sozialisten des Landes. Und Ernesto Na- , der Berliner. Juden schmachvoll ist, mit denselben Gemeinderäten an einem Tische zu sitzen, welche ihre jüdischen Kollegen im Wiener Gemeinderate mit dem Zurufe „Saujuden“ traktieren. Abschließendkann man feststellen: Sie (sind einander würdig, die Berliner Israeliten lund die Wiener jüdisch-liberalen Zeitungsmacher. Geprügelte Hunde. Niemals ist der famose Sdrivindel mit der sogenannten „d eutsch'f r eih ei tlich en“ Firma so rasch aufgedeckt worden, wie anläß - lieh der Gemeinderatswahlen. Der .deutschfreiheitliche Dr. Po Häuf, für dessen Wahl sich die gesamte jüdisch'-deutschliberale Presse die Finger wundgeschrieben hatte, ließ, kaum ein Jahr, nachdem er ins Parlament eingezogen war, Manifeste in die Welt flattern, die zur Wahl von Antisemiten Wölfischer Couleur aufforderten und am deutschnationalen Landesparteitag, der kurz nach' 'den -Wahlen stattfand, demaskierte sich auch1 der deutschfreiheitliche Held von Währing Herr D r. W a b e r. Als scharfe Angriffe seitens der noch1 nicht durch die Jesuitenkünsfe der deutsch'freiheitlichen Schule gegangenen Delegierten gegen die Wiener deutschnationale Leitung erfolgten, weil diese'sichanläßlich der Gemefnderatswahlen mit der „internationalen“ Sozialdemokratie gegen die deutsch-antisemitischen Christlichsozialen verbündet hatten, stand Herr Waber auf und sagte, das sei eben nur erfolgt, um den . Deutsdnationalen Man-tate zu schaffen. ImGe- 'meinderat Watte'man dann denCWrist- I ith's o 7. ia len die „Bruderhand“ reichen können. So stand es in der „Neuen Freien“, welche riese Worte durch Sperrdruck hervorhob. Natürlich knüpfte sie nicht die leiseste Bemerkung dr-an. Bloß durch" Sperrdruck wollte sie ihre Leser auf diesen interessanten Passus schüchtern aufmerksam machen. In solchen Fä"en, wo die E-eignissc ihre Lügentaktik desavouieren, muß sie eb“n schWeigen und den Fußtritt "uittieren. Di“ jüdischen Liberalen kann . man jetzt wirklich nur mehr mit 'genrügelten Hunden vergleichen. Erst werden sie von ihren antisemi isdhen He-ren losgekonpelt und auf Hie Mitbewerber dieser Mandatstreber gehetzt, da, müssen sie laut bellen, die Sch'afsherde der urteilslosen deutsdiis-ae’itischen Wähler zur Urne treiben und die Stimmzettel apportieren. Haben sie ihre Pflicht ge^n, dann bekommen sie einen Fußtritt und müssen kuschen. Wir sind sicher: Auch diese Aktion wird nichts nützen. Wenn auch ein paar israelitische Wähler, welche die Welt, die sie nur in Beleuchtung der „Neuen Freien Presse“ zu sehen vermögen, nicht mehr verstehen, in solcher Naivi- ,thän! Sein Name ist in letzterer Zeit so oft genannt worden. Die Italiener können nicht vergessen, daß Nathans Wiege nicht auf italienischem Boden stand und er wird oft von den eigenen Parteigängern erinnert, daß sein Vater ein nach England ausgewanderter deutscher Jude war, der eine italienische Jüdin zur Frau nahm. Daß die ita'ienischen Exsulanten, darunter Garibaldi und Mazzini Im gastfreundlichen Londoner Hause seines Vaters ein ruhiges Heim fanden1, daß der junge Nathan den in ihre Heimat rüdekehrenden Patrioten folgte und ihnen kämpfend und wirkend zur Seite stand und half, das dritte Italien .zu errichten, wird wohlweislich Verschwiegen. ' Und Nathan nimmt sich redlich Mühe, seine Vergangenheit und Abstammung vergessen zu machen. Hierin kann nur noch Luigi, einst Samuele Luzzatti, mit ihm wetteifern. Luzzatti, der aus dem venezianischen Ghetto hervorging, liebäugelt mit den Antiklerikalen, •was ihn nicht abhalten kann, einer der größten Verehrer des Christentums zu sein. In seinen Reden sucht er. die Gelegenheit, von Jesu, als dem divino maestro. dem göttlichen Meister, zu sprechen und den Katholizismus als Grundlage der menschlichen Zivilisation hinzustellen. Er rühmt sich oft, den alten Dichter Carducci, dem alles Christliche verhaßt War und die Pfaffen Barbaren nannte, von der maßlosen Wohltat des Katholizismus für die Menschheit überzeugt zu haben. Für das Judentum hat er nie ein begeistertes! oder preisendes Wort gefunden. Zu Beginn des verflossenen Wintertät die Herren Gans er und Denk auffordern, aus dem Deutschen Nationalverband auszutreten, so sind wir doch1 sicher, daß sie sich, bei einer nächsten Wahl von der „Neuen Freien Presse“ wiederum zu antisemitischem Stimmvieh abrichten lassen werden ,und daß auch der Herr Sekretär der öst.-isr. Union für die Heiloantisemiten ä la Waber, Pollauf und W o I k a n den Wahlmacher abgeben wird. Es geht eben nichts über den politischen Verstand der deutschen Führer in Israel. Uns d« östmidisisraelififdien Union. Wir' haben bei vielen Gelegenheiten auf die zweideutige, und die Juden im höchsten Maße schädigende Wirksamkeit der „Oesterreichischisraelitischen Union“ und ihres Sekretärs Samuel (genannt Siegfried) Fleischer hingewiesen. Mehrfach haben wir in unseren Kritiken über diese Organisation feststellen können, daß sie nichts ist, als eine Melkkuh des Sekretärs, der nicht im Dienste der Union steht, sondern die „Union“ seinen Z\veck“n dienstbar macht. Wir erinnern nur an die Haltung der „Union“ in der Frage des jüdischen Wahlkatasters in der Bukowina, an ihre erbärmliche Rolle bei den Wiener Reichsrats-, Gemeinde- und Kultuswahlen, an ihre extrem deutsche Politik in Wien und an die jüdisch-nationalen Reden ihres Sekretärs in Berlin. Dieses unwürdige, heuchlerische Doppelspiel der „Union“ bewegt sich aber nicht nur in dem Extrem iüdischnational und deutsch-völkisch, sondern tritt auch im deutsch-slavischen Streite in Erscheinung. Herr Fleischer wechselt seine Meinung je nach Bedarf. Auf di“ Dauer ist aber eine derartige Poli+ik unhaltbar. Die jüdische Oeffentlichkeit ist, nicht zuletzt dank unserer Aufklärung, s+utzig geworden. Wir werden nicht ermangeln auch in Hinkunft al’es zu unternehmen, um der „Union“ unu ihrem Sekretär das Handwerk gründlich zu legen und wir werden dafür Sorge tragen, daß- Sekretär Fleischer beim nächsten Versuche, seine Wirksamkei* in der Prcvinz zu entfalten, gebührend empfangen werde. Es freut uns, daß unser Urtei’ über di“; ,.I fnion“ und ihren Sekretär von der Prager „Selbstwehr“ deren Ausführungen wir nachstehend wiedergeben, geteilt Wird. Die „Selbstweh r“ schreibt: „Wir haben oft cremig den Ruf nach Organisierung deö-t“-r“ichiscben Judenschaft erhobendenn di» starke Organisation scheint uns ein Lebensbedürfnis der Juderschaft zu sein. Gerade darum sehen wir aber tnit Besorgnis, Semesters hielt Luzzatti als Professor desStaatsredhtes an der Universität zu Rom eine vielbesprochene Antrittsrede, in der er unter anderem Folgendes antiihrte: „Wir müssen zu der Weisheit Unserer Väter, der alten Römer, Zuflucht nehmen, um der neuen Rechtslage, in der wir uns diesem semitischen Stamme gegenüber befinden, gerecht zu Werden.“ Oder soll ich etwa den Staatssekretär Morpurgo erwähnen, denach den russischen Pogromen anläßlich einer Sammlung »zugunsten russischer luden den Sammelbo"en mit de- Rer,°-kun'T zurücksandte, daß er für Russen kein Geld habe. Und wenn wir nun fragen, was die Juden, die in Italien solch' hohe Stufen e-klotnmen, für ihr Volk getan haben, können wir mit ruhigem Gewissen mit einem entschiedenen „Nichts“ antworten. Wir wissen, daß die iüdisch'en Staatsmänner an den arabischen Höfen der iberischen Halbinsel, am Hofe der türkischen Sultane, ja selbst als Leibärzte der Päpste stets bedacht waren, ihren Einfluß ihrem Volke zugute kommen zu lassen. Welch’ klägliches Bild bieten dagegen die jüdisch'en Würdenträger in Italien. AH ihre Würden und Ehren sind eitel Tand für das jüdisch'e Volk, mögen gewisse Assimilantenblätter in ein noch1 so himmelströmendes Jauchten ausbrechen, sobald ein neuer jüdischer Minister ernannt wird. Ein Jude, der Verständnis für jüdisch'e Geschichte und das Wesen der Zerstreuung besitzt, wird sich' dadurch nicht irreführen lassen, daß s. z. der Jude Lodovico Mortara erster Ge-