Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 fern sie nicht fluchtartig den Saal verliessen, und sich absentierten. Kein Mitglied des Deutschen Nationalverbandes stimmte für die Gleichberechtigung der Juden. Auch der Wiener Deutschverbändler Abg. Denk stimmte — entgegen der lügnerischen Meldung der „N. Fr. Presse“, welche die deutschen Antisemiten wiederum in Schutz nahm und gleich allen Wiener liberalen Zeitungen die Veröffentlichung der kontra stimmenden Abgeordneten unterließ — gegen den Antrag S m e r a 1, während sich der zweite Wiener Freiheitliche Abg. Ganser absentierte. Nachfolgend seien zur Erinnerung an diesen neuen Verrat der deutschen Abgeordneten an ihren jüdischen Wählern und an den Prinzipien der Freiheit und Gleichberechtigung die Namen derjenigen, die gegen den Antrag Smeral stimmten, veröffentlicht. Der Antrag wurde mit 163 czechischen, sozialistischen und jüdischen gegen 120 deutsche, polnische und slovenisch-klerikale Stimmen angenommen. Es muß bemerkt werden, daß alle Czechen — auch die klerikalen — für den Antrag Smeral votierten. Der Polenklub hatte ursprünglich beschlossen, gegen den Antrag zu stimmen. Im Laufe der Abstimmung änderte er, auf Grund von Zurufen freiheitlicher Czechen, der Abg. Straucher, Breiter und Reizes, seinen Beschluß und die meisten Polen absentierten sich. Auch die Bukowinaer Ru - thenen Wassilko und Smal- Stock i begingen durch bewußte Absentierung Verrat an der Freiheit. Am auffallendsten und niederträchtigsten jedoch benahmen sich die Mitglieder des Deutschen Nationalverbandes. Gegen den Antrag Smeral stimmten die Abgeordneten: A'brecht, Angermann, Bachmann, Baechle, Banas. Benkovic, Bernt, Beyer, Bojko, Brandl Alois, Brandl Michael, Bugatto, Czaykowski, Cech, Damm, Demsar, Denk, Dinghofer, Diwald, Dobernig, d'EIvert, Erler, Fahrner, Felzmann, Fink, Fissthaler, Fon, Glöckner, Gostincar, Gratz, Grim, Groß Gustav, Guggenberrr, Hartl, Heine, Herold, Hladnik, Höher, Hofmann, Hummer, Jaklic, Jankovic, Kosner, Kemetter, Keschmann, Kinz, Kletzenbauer, Knirsch, Kofler, Korosec, Kraus, Krek, Kroy, Kuhn, Langenhan- Lecher, Lechner, Levs, Lipka, Lodgman, Loser, •Lutschouing, Marek hl, Matakiewicz, Miklas, Mühlwerth. Neunteufel, Noggler, Oberleithner, Pacher, Pantz, Peric, Pirker. Pisek. Pogaenik, Pongratz Leopold, Povse. Roller, Schleicher, Schoepfer, Schreiner, Schreit er, Schürff, Schweiger, Seidl Ferdinand, Serbu, Simionovici, Sommer, Spieß, Stahl, Starowievski. Stölzel, Stumpf, Teltschik, Teufel, Tonelli, Unferkirchner, Urban, Verstovsek, Waber, Wagner (Mähren), Wagner (Steiermark), Waldner, Wedra, Wichtl, Wolf, Wollek, Wüst, Zaunegger, Zitnik. Absentiert haben sich unter anderen die Abgeordnetepi: Demel, Ganser, Günther, Keller, Licht, Primavesi, Redlich, Heilinger, Gail, Löwenstein. Rundschau. Die streitbare jüdische Kirche. Am 28. Mai fand in der preußischen Stadt Kattowitz eine Konferenz orthodoxer Juden statt, an welcher Delegierte aus Deutschland, Galizien, Rußland und Ungarn teilnahmen. Den Gegenstand der Beratungen bildete die Schaffung einer alle Länder umfassenden Organisation der jüdischen Orthodoxie. Der Versuch ist nicht neu. Das Beispiel der Zionisten hat anregend gewirkt und seit der Schaffung der Zionistischen Weltpartei wurden von den verschiedensten Seiten nach den verschiedensten Richtungen hin Anstrengungen gemacht, jüdische Organisationen zu schaffen. Auch von orthodoxer Seite wurden solche Versuche wiederholt unternommen, die aber, wie alle anderen, nichts Bleibendes zeitigten. Hier wie dort fehlte der ausreichende positive Inhalt, ohne welchen keine prgariisationsform auf die Dauer zu erhalten ist. Insbesondere bei der jüdischen Orthodoxie tritt dieser Mangel deutlich zutage. Der Hauptzweck einer Organisation ist und bleibt die Regelung des Verhältnisses der einzelnen Mitglieder und Gruppen zueinander, das Wesen der jüdischen Orthodoxie läßt diese Regelung aber einfach nicht zu. Die einzelnen Gruppen scharen sich eng um die Führer und der Gegensatz ist ein so großer, daß die heftigsten Kämpfe unvermeidlich sind. Was hier als orthodox gilt, wird in der nächsten Gemeinde als ketzerisch^ verdammt. Man kann sich nicht leicht größere Widersprüche denken, als die zwischen den Frankfurter, russischen und ungarischen Orthodoxen herrschenden. Ein Ausgleich ist undenkbar, weil der Orthodoxe, welcher (auch nur in einem einzigen'Punkte nadh'gibt, eben kein Orthodoxer mehr ist. Für ihn gibt es keine Unwichtigen Kleinigkeiten, nichts darf preisgegeben werden, alles ist wichtig und groß. Darüber ist man sich wohl auch auf orthodoxer Seite So ziemlich' klar. Auf diese Erkenntnis ist die. Erscheinung zurückzuführen, daß bei orthodoxen Tagungen über die eigentlichen Fragen des orthodoxen Lebens fast gar nicht verhandelt wird. Alle Teilnehmer und fEinberufer sind sichtlich vom Gefühle beherrscht, daß der Anfang einer Diskussion sofeher Fragen unfehlbar das Ende der Beratungen bilden dürfte. Für die Ermöglichung eines zwölfstündigen Beisammenseins mag ja dieses vorsichtige Ausweichen von Wert.sein, im Grunde ist es aber ein schlagender Beweis für die Unmöglichkeit einer dauernden Organisation. Den eigentlichen Hauptinhalt der Beratungen bildet immer die Stellungnahme gegenüber den bestehenden jüdischen Organisationen, insbesondere gegenüber der zionistischen. Mag nun die Tagesordnung wie immer Sauten, der zionistische Krach stellt sich zur rechten Zeit ein und absorbiert das gesamte Interesse. Die Kattowitzer Konferenz bot das gleiche Bild. Auch sie bewies, daß die Absicht der Arrangeure die Schaffung einer Art streitbar er jü disch er Kirche ist Alles, was sich1 jüdisch betätigt^ soll sich dem Kommando der orthodoxen Hauptmacher beugen, ja noch mehr: wer nicht orthodox geaidht ist, darf sich nicht mit jüdischen Fragen beschäftigen. Daß in erster Linie die Zionisten diesen Nichtbefugten beizuzählen sind, ist selbstverständlich. Die Rolle des Wauwaus der Kattowitzer Konferenz Tag in den guten Händen des Frankfurter Rabbiners Dr.Breuer. Bereits in den einleitenden Worten denunzierte er die Zionisten als Vaterlandsverräter. Er schrie nach der Polizei, dieser Patentpreuße, der noch vor kurzer Zeit in Ungarn Rabbiner und magyarischer Patriot war. Nachdem aber die Frankfurter besser zahlen, hat er das heißgeliebte Vaterland gewechselt und aus dem Magyaren wurde ein Preuße. Er hat natürlich, wie alle Denunzianten, die gute Gelegenheit benutzt, um vor den Mächtigen im Staube zu kriechen und erklärt, daß die Juden auch solchen Regierungen, welche sie unter Ausnahmsgesetze stellen und erschlagen lassen, treu ergeben sein müssen. Ein feiner Geselle! Die Delegierten, welche im guten Glauben gekommen waren, daß es sich um Organisationsarbeit handle, traten dem Doktor Breuer entgegen und verlangten statt der Schimpfereien gegen den Zionismus positive Arbeit. Aber sie hatten wenig Glück. Das^ Resultat der langen Besprechungen bildeten einige, farblose „Resolutionen“. Von einer Organisation keine Spur ... Die Konferenzkomödie wird voraussichtlich bald wiederholt werden. Breuer und Konsorten werden dafür sorgen, und es ist die höchste Zeit, daß die Oeffentlichkeit energisch Stellung nimmt. Es ist einfach unerhört, daß unter dem Vorwände „die heilige Thora zu schützen“, «in paar herrschsüchtige und profitgierige Finsterlinge ihr unsauberes Denunziantenhandwerk betreiben und Gutgläubige mißbrauchen dürfen. Unverzeihlich ist die falsche Rücksichtnahme, welche die jüdische Oeffentlichkeit, ein gut Teil der zionistischen mitinbegriffen, angesichts dieses Treibens an den Tag legt Die Tendenzen dieser streitbaren jüdischen Kirche sind nicht um ein Jota besser, als die des mittelalterlichen Hetzpfaffentums, sie sind kulturfeindlich und immoralisch und müssen rücksichtslos bekämpft werden. Altbewährte Natal für gesunde u. kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet abeseitigf Brechdurchfall. Diarrhoe, uarmkatarrh. Preis per Dose K1.8Q,erhältlich in jederOrogtiipolti Feuilleton. Die Juden in Italien. Von Ludwig Batö. Fortsetzung. Die Juden als Individuen sind im gewesenen sardinischen Königreiche seit 1848, im früheren Kirchenstaate seit 1870 den übrigen Bewohnern vollkommen gleichgestellt. Als Gesamheit werden sie nur afs Religion anerkannt. Die Stellung der jüdischen Religion im Staate kennzeichnet ungemein genau Artikel 1 der italienischen Verfassung, der da lautet: „Die Religion des Königreiches Italien ist die hei’ige römisch-katholische Religion.“ Dis übrigen Religionen sind geduldet, tollerate, wie es im Urtexte heißt. Die Duldung bezieht sich natürlich nur auf die Juden, da die paar Tausend Waldenser, die in den piemontesisdi'en Bergen leben und den Protestantismus vertreten, kaum in Betracht kommen. Die äußere Form der Organisation bilden die jüdischen Gemeinden, comunitä oder universitä israelitica genannt. Die Gebarung der Gemeinde wird von den Regierungsbehörden aufs schärfste überwacht und die Gemeinden dürfen ohne Bewilligung der Präfektur auch nicht einen Centesimo verausgaben. Es bestehen noch heute die verschiedenen Synagogenriten, die auf die Herkunft der betreffenden Gemeinde schließen lassen. Die im Lande bestehenden ungefähr 60 Synagogen richten sich zur Hälfte nach dem deutschen Ritus, je zu einem Vierte! nach dem spaniotischen [und nach dem italienischen Ritus. Die Gemeinden sind allenthalben im Lande dem Untergange geweiht, da sie — wie überall im Westen — auf das Niveau einer Religionsgemeinde herabgesunken sind, anstatt eine neue Form für die Zusammenfassung der latenten jüdischen Kräfte zu bieten. , Noch eine Erscheinung ist zu beobachten, die in ganz Westeuropa vorhanden ist. Ich meine den Untergang der jüdischen Landgemeinden infolge der Landflucht der Massen. Durch wirtschaftliche Gründe gezwungen verlassen, die Juden die Dorfgemeinden und Kleinstädte und siedeln sich1 in den industriellen und kommerziellen Zentren an. Die Synagogen geraten unter den Hammer und die einstigen Besucher vermehren die Zahl der städtischen Proletarier, der Luftmenschen. Vor zwei Jahren traten in Mailand die Vertreter der großen jüdischen Gemeinden zusammen, um1 dem Untergange der Kleingemeinden zu steuern und Mittel und Wege ausfindig zu machen, um ihre Erhaltung zu ermöglichen, ferner um die Verwendung der beträchtlichen Fonds und Vermögen der verfallenen Gemeinden zu beraten. Es ist zum Studium der Frage eine Kommission eingesetzt worden und damit war die Sache begraben. Ueber große Stiftungen verfügen die jüdischen Gemeinden in Italien, die ein beredtes Zeugnis für den echt jüdischen Wohltätigkeitssina der früheren Generationen ablegen. Durch den Assimilationsdrang wird nicht nur die Gemeinde, auch das alte innige jüdische Familienleben vernichtet. Die feingearbeiteten siebenarmigen SabbatTeuchter finden ihren Weg zum Trödler, die prachtvollen alten Mantuaner Mischha-Ausgaben und die großen venezianischen Machsorim aus dem 17. Jahrhundert, in welchen die Paduaer Universität bestätig?, daß der Text der Gebete weder gegen die Moral, noch gegen die römisch-katholische Religion verstößt, kommen in die) Rumpelkammer, Dante und Petrarca nehmen im Bücherschränke ihren Platz ein, und .... und der Sohn des Hauses hairatet eine waschechte Italienerin oder die Tochter vernarrt sich in einen Vollblutrömer. Mit jüdischer Art und Sitte wird auch dem jüdischen Wohltätigkeitssinn der Garaus gemacht. Advokat Sarfatti sagte einmal auf einem italienischen Zionistentage: „Die italienischen Juden haben Geld, sie sitzen aber darauf.“ Besonders ist dies der Fall, Wenn es sich um jüdische Zwecke handelt. Vor fünf Jahren starb eine reiche Jüdin, die drei oder vier Millionen hinterließ, wobei sie für jüdische wohltätige Zwecke 100, sage 100 Franken vermachte. Gerade das Gegenteil könnte man behaupten, wenn es sich um nichtjüdische Zwecke handelt. Ein Volksgenosse namens Loria aus Mantua hinterließ 13 Millionen Franken dem Mailänder Verein ,Umanitaria‘, der wohl kaum jemals Juden unterstützen wird. Ein anderer Jude hinterließ sieben Millionen Franken einer katholischen Kongregation.