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Jüdische Zeitung · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 wie die bestehenden Organisationen, ihres Zweckes vergessend, sich Selbstzweck wähnend, zu leeren Spielkünsten und unverständlicheitlem Selbstbetrug herabsinken. Und da durch solchen Mißbrauch der Sinn der notwendigen Organisation selbst diskreditiert wird, erheben wir gegen jeglichen Mißbrauch mit dem jüdischen Organisationsgedanken energischen Protest. Unsere heutigen Mahnworte an die jüdische Oeffentlichkeit sind durch den Bericht veranlaßt, den die P e st er r ei chi sch - i s r ae 1 itische Union in ihrer soeben erschienenen Monatsschrift vorlegt. Wir wollen heute nicht wieder die schweren Sünden aufzählen, die ihre Politik für die jüdische Gesamtheit bedeutet. Wir wissen doch ohnedies alle, daß der Sekretär der Union Fleischer in geradezu frivoler Art bei den letzten Gemeindewahlen in Wien extrem deutschnationale Kanditaten — schon in der Hauptwahl — unterstützt hat, derselbe Mann, der kurz vorher in Caslau, Böhm.-Leipa, Prag, Aussig, Teplitz, Brüx, Komotau, Saaz, Marienbad, Eger, Pilsen, Strakonitz, Budweis, Tabor, Beneschau, Rakonitz, Schlan, Laun, Leitmeritz, und Reichenberg Werbevorträge abgehalten hat. Sekretär Fleischer kann eben so und kann auch anders. Aber wenn er das nächstemal nach Böhmen kommt, um mit seiner heuchlerischen und doppelzüngigen Werbekunst das entstandene Mißtrauen zu besänftigen, so wird er in mehr als einem Orte offene Absagen zu erwarten haben. Heute wollen wir uns nur mit einer kurzen Erörterung der Art und Weise begnügen. wie die ..Union“ große Leistungen vorzutäuschen versucht. Ihr Kassabe-icht weist unter Ausgaben allerdings 4048.10 Kronen aus für Recbtschutz. Es ist aber charakteristisch, daß sich der Bericht in geschickt dränierter Weise Verdienste zuschreibt, die sich die „Union“ selbst sicher nicht envorben hat. Wenn in dem' Bericht des Rechtschutzbureaus VI ie in Böhmen Vorgefallenen Ritualmordaffairen (besonders aber in Sobo'ka und in Eihotten) des langen und breiten besprochen werden, so ist der Anstoß zur Verfolgung der Schuldigen durch die Prager Presse geschehen, und die , .Union“ ist nur insoferne bete:'igt, als ihre Monatsschrift unsere Meldungen na.-hdruckt. So bum Beisniel jauch'fm1 (Falle 0er -Hetzkampagne des „XX. Vek“. Daß das 'Rechtschutzbureau, durch unser Blatt aufmerksam geworden, Eingaben an den Justizminister richtet, ist ganz löblich — wenn auch solche Eingaben nicht 4048.10 Kronen kosten dürften. Daß die Union in ihren Kassabericht folgende Summen einstellt, ist charakteristisch: Diverse Spesen 2189.18 K Drucksorten 2065.42 „ Monatsschrift 4050.63 „ Remunerationen 2362.— „ Gehalte 12122.— „ R u s s i s ch e Ju d en 15.20,, (!) Die Post: Russische Juden: 15 Kronen 20 Heller — ist wahrlich merkwürdig. Wenn die Union für Gehalte nur 12.122 Kronen auszugeben in der Lage ist, so sind allerdings 15.20 Kronen für die „Russischen Juden“ erschreckend viel! Wenn für die „russischen Juden“ nicht mehr übrig bleibt oder die Union keine Spenden auszuteilen berechtigt ist, dann haben auch solche beschämende Almosen nicht öffentlich ausgewiesen zu werden. Wir erwähnen alle diese Dinge nur, damit die Judenschaft Böhmens weiß, was die Oesterreichisch-israelitische Union bedeutet: eine Organisation, deren Monatsschrift die Berichte jüdischer Wochenblätter nachdruckt und deren Sekretär in Wien deutschnationale Pojitik treibt, in Caslau und Tabor dafür wieder über den deutschen Nationalverband schimpft. Mehr Ehrlichkeit fordern wir; denn wir wollen es nicht dulden, daß ein ideales Ziel durch kleinliche Praktiker zu Schaden kommt“. Gem&erger Brief. Von unserem Berichterstatter. Der zukünftige Thronfolger Erzherzog Karl Franz Josef stattete vorige Wodie 'der Stadt Lemberg einen offiziellen Besuch ab. Wie bei solchen Anlässen üblich, bereiteten die zivilen und militärischen Behörden dem Gaste einen feierlichen Empfang. Gewöhnlich beteiligen sich bei derlei Empfängen Vertreter aller Nationalitäten und Konfessionen. In Lemberg jedoch lehnte der Statthalter Bobrzynski "die Teilnahme einer jüdischen Deputation, obwohl die Kultusgemeinde darum ansuchte, ab. In dieser Zurücksetzung ‘der jüdischen Bevölkerung, welche fast ein Dritteil der gesamten Lemberger Einwohnerschaft ausmacht, liegt Methode. Die polnischen Machthaber arbeiten konseauent daraufhin, offiziell die Existenz von luden in Galizien zu verheimlichen. Man findet die Juden nicht in den Aemtern und in den Vertretungskörpern, warum soll denn dem künftigen Thronfolger ad oculos geführt werden, daß Juden vorhanden sind und für das Land irgendwelche Bedeutung haben? Die offizielle Judensch'aft steckte jedoch diesen Fußtritt des Statthalters ein und muckste nicht. Bobrzvnski kennt seine Leute. Er weiß, daß man Sdhmelke Horovitz ungestraft ins Gesicht spucken darf. Der Ehrenmann Horovitz wird dann allen Ernstes behaupten, daß es bloß geregnet hat. * * Gg. Dr. Gerson Zipper, der vor einigen Wochen aus Palästina zurückgekehrt ist, absolviert jetzt eine längere Agitationsreise durch alle größeren gah'zisch'en Städte, um für das Jerusalemer hebräische Gvmn-asium Propaganda zu machen. Dr. Zipper hat sich vorgenommen, in Galizien den Betrag von 100.000 Kronen für den Bau des Gvmnasiums. das jetzt in gemieteten und unzulänglichen Lokalitäten installiert ist, zusammenzubringen. Die Anfänge dieser großen Sammlung sind vielversprechend. Bis ietzt sind über 10.000 Kronen beisammen. Hoffentlich wird es Da Zipper gelingen, sein Vorhaben zu verwirklichen. * Der galizische Landmarschäll Graf B a - d e n i hat seine Stelle niedergelegt und der R' i-hsratsaboeordnete Graf A. Goluchowski ist als Nachfo'ger bestimmt. Der zukünftige Landmarschall ist ein unzugänglicher, misanthroneralprokurator am römischen Kassationshofe ist. Denn wollte man aus den hohen Stellungen, die die Juden im Lande bekleiden, folgern, daß es in Italien keinen 'Antisemitismus gäbe, man -würde fehl gehen. Es gibt überhaupt kein Land, wo der Antisemitismus ein unbekanntes Ding wäre. Die Vorgänge in Tredegar haben uns erst vor einigen Monaten klipp und klar bewiesen, daß es selbst in England nicht nur einen Judenhaß gibt, ja daß dieser auch' ganz unverkennlich barbarische Formen anzunehmen vermag. In einem Kulturlande vom Range Englands. Und nach1 England kommt noch1 lange nicht Italien. _ Der Judenhaß besteht auch in Italien und es wäre töricht, von einem Nichtvorhandensein des Antisemitismus zu sprechen. Es werden keine jüdische Läden geplündert, die Juden werden auch sonst nicht belästigt, der Judenhaß nimmt keine russischen Formen an, da die Zahl der Juden eine überaus geringe ist. Dagegen gilt im Volke das Wort „ebreo“ oder „zudio“ im Venezianischen noch immer als Schimpfwort und es gibt Wörterbücher, die es mit Wucherer übersetzen. Sogar die Parole „Kauft nicht bei Juden“ hat im Schönen, Lande ohne besondere Propaganda Anhänger gefunden. Es ist mir u. a .ein Fall bekannt, daß ein Kaufmann im völlig judenreinen Siracusa eine bereits aufgegebene Bestellung zurückzog, als er erfuhr, daß der Reisende Cassuto heißt, d. fr. Jude ist. Nicht als Zeichen besonderer Judenfreundlichkeit haben es die Juden in Ancona aufgefaßt, (als sie vor 8—9 Jahren eines schönen morgens an ihren Ladentüren folgende Aufschrift vorfanden: Geht nachhause ins Judenland! Es sind dies allerdings vereinzelte Erscheinungen, aber sehr symptomatische. Es gibt sehr viele hervorragende Geldinstitute und Firmen, die keine jüdischen Beamten anstellen und gesellige Klubs, die ihre Türen vor den Juden verschließen. Der Antisemitismus kommt ferner in krasser Form nicht zum Ausdruck, da das klerikale Italien, daß heißt der größte Teil der Bevölkerung zu einer politischen Passivität verurteilt ist. Die päpstliche Kurie hat sich heute, afso 41 Jahre nach der Eroberung Roms durch die italienischen Waffen mit der italienischen Herrschaft noch immer nicht zufrieden gegeben. Haß und Wut kennzeichnen ihre Haltung dem Reiche gegenüber und sie gestattet nicht einmal die Gründung einer klerikalen Partei im italienischen Parlamente, weil hierdurch die Anerkennung der jetzigen Lage der Dinge zum Ausdruck käme. Der Papst sieht in den Italienern noch immer die Usurpatoren seiner irdischen Macht. Auf diese Weise ist Italien sozusagen gezwungen, eine antiklerikale Politik zu treiben und bestrebt, diese seine Gesinnung wo nur möglich1 zum1 Ausdruck zu bringen. Man hat das Gefühl, daß sehr oft, wenn einem Juden eine hohe Stellung verliehen wird, die Regierung damit bloß dem Vatikan ein Schnippchen zu schlagen beabsichtigt. Gegen den Vorstoß der Juden können die Klerikalen infolge ihrer politischen Ohnmacht nicht aufkommen. (Fortsetzung folgt.) pischer, erzreaktionärer Mensch. Ueberdies ist er ein Antisemit reinsten Wassers. Als vor einigen Jahren der nunmehr verstorbene Abgeordnete Pater Stojalowski im galizischen Landtage einen Antrag auf Einführung separater Eisenbahnwaggons für die Juden und in einem andern Anträge die Nichtzulassung iüdischer Richter forderte, da befand sich Graf Goluchowski unter den Antragstellern. Daraus kann man ungefähr einen Schluß ziehen, wie er s:ch n's I andmarschall den Juden gegenübe" im allgemeinen und ihren Forderungen in der Landtagswahlreform im besonderen benehmen wird. Charakteristisch für den Grafen Goluchowski ist, daß er anläßlich der Vertei'ung der Schänkerkonzeesionen in Husiatyn sich nicht schämte, armen Juden die Konzessionen wegzunehmen und sich selbst verleihen zu lassen. Am Hofe des Beizer Rabbi, dieses Finsterlings unter den Finsterlingen, wird ietzt eine Hochzeit gefeiert. Der aus diesem Anlasse entfaltete Pomp spottet jeder Beschreibung. Zehntausende Gäste, viele Wunderrabbiner samt Gefolge. Deputationen aus hunderten Ortschaften, als Fuß- und Reiterkosaken verkleidete Gläubige — das Ganze wie ein Märchen aus dem Morgenlande. Und die Kosten dieser Vergeudungen tragen die armen, fanatischen Chnssidiml In den nächsten Tage« wird in Lemberg eine Konferenz a,,(>' zionistischen Kultus- und Gemeinderäte Ga'i'iens s‘"ttfindeu Diese Konferenz wird «ich mit der Schaffung eines zionistischen Gemcindeprogrammes beschäftigen. ParteisNacfirichteii. XIII. Defegiertent3,f der Zionr'f'rdKn Vereinigung für Deutschland. Unter zahlreicher Beteiligung trat in Posen die Zionistische Vereinigung für Deutschland zu ihrem 13. Delegi"rten*age zusammen. Der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. H a n t k e - Berlin, hielt die Eröffnungsred“. die zugleich den Geschäftsbericht darstellte und führte aus: Aus d“m W«—.“n Her zionistischen Bewegung ergeben sich für di“ Tätigkeit unserer Organisation zwei Hauotgesichtspunkte: die Nationalisierung des Volkes und die Schaffung einer neuen Siedelung in Palästina. Beide Seiten unsere" Arbeit bedingen einander. Die Neusiedlung im Lande unserer Vergangenheit wird nie unsere Zukunft bedeuten. wenn sie nicht mehr von nationaler Begeisterung getragen sein wird. Die Wiedererweckung des jüdisch-nationalen Lehens wird nie gelingen wenn den Nationalisierungsnro/rß nicht der Frdgeruch Palästinas durchzieht. Für den Versuch einer methodischen Charakterisierung unserer Arbeit aber is£u nsere Einteilung die gegebene. In Palästina zeigen unsere Positionen eine adlige stetige Entwicklung, die auch der türkisch-italienische Krieg bisher nicht unterbrochen hat. In Konstantinopel, dem Zentrum des türkischen Reiches und des türkischen Judentums, muß auch die Entscheidung über unsere Arbeit in Palästina fallen. Ist doch Palästina als Provinz des türkischen Reiches von den allgemeinen Schicksalen dieses Reiches, von der Ausgestaltung seiner Gesetzgebung, seiner Verwaltung, seiner kulturellen Entwicklung abhängig. Unter den Aktionen für das Land darf die Arbeit für das Volk, oder besser gesagt, die Arbeit i m Volk nicht leiden. Die Zahl der organi Herten Zionisten in Deutschland ist in den Jahren 1910 und 1911 von 6200 auf 8400 gestiegen. Noch sind die indischen Notablen, dm Führer der älteren Generation, in ihrer großen Majorität unsere Gegner. Noh steht uns eine große Mehrheit geschlossen gegenüb“". Noch weiß sie uns die politische Tagesoresse fast zu verschließen. Und doch! Unsere Ideenwelt hat schon heute eine feste Heimat in der deutscheri ludenheit gefunden. Unsere Ansichten von Selbstbewußtsein und Volksgefühl, von der Bedeutung der Kolonisation Palästinas, ia sogar von dem •Wiedererwachen der hebräischen Sprache dringen immer tiefer in nidrtzionistische Kreise. Der Redner warnt vor den Sirenenklängen, als oh im Judentum Grund für' eine satte Zufriedenheit sei. Allerdings, die Zahl unseres Volkes hatte noch nie den heutigen Bestand erreicht. Die Zukunft eines Volkes beruht aber nicht auf der Zahl, sondern aut dem Geist, der es beseelt, auf dem Willen, zum Leben, der in ihm herrscht. Tm Anschluß an den Geschä'tsbericht überbrachte Herr Sokolow die Grüße des Engeren Aktions-Komitees, der obersten Leitung der zionistischen Gesamtorganisntion. Rabbiner Dr. Friedmann aus Tropnau überbrachte die Grüße der zionistischen Organisation Westösterreichs. Dr. Jeremias-Posen spricht im Namen der orthodoxen Misrachi-Föderation, Rechtsanwalt Dr. Kollenscher-Posen im Namen der zionistischen Vereine der Stadt und Provinz Posen. Nach der Wahl des Präsidiums 'erstattete Dr. Heymann-Berlin den Finanzbericht, der eine bedeutende Steigerung der Einnahmen zeigt. Der

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