Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 23 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 Die letzte Hoffnung.*) Von Dr. Paul Weisengrün. Der Geschichtsschreiber der Zukunft wird immer wieder staunen über den -grenzenlosen politischen Optimismus der heutigen Judenschaft Daß der Liberalismus durch „eigene Kraft“ nichts mehr jauszurichten vermag — diese Erkenntnis dämmert schon längst in den Köpfen der Einsichtigeren. Aber eine neue Hoffnung beginnt sich in. den Gemütern festzusetzen und ringt nach’ politischem’ Ausdruck. Man hofft auf die bessere Einsicht der Deutschnatiönalen, man erwartet mit Ungestüm von nun ab eine Wendung der Geschicke durdi die freiheitlichen Kräfte, die im Schoße des deutschen 'Nationalismus schlummern und durch eine neue Richtung innerhalb der Gesamtpartei zu frischem, pulsierendem Leben erweckt werden sollen. Es ist unglaublich' aber wahr: Jüdische Aerzte, Advokaten, Journalisten und sogar Berufspolitiker setzen alle ihre Hoffnungen auf den kommenden Umschwung, auf den Liberalismus der Deutschnationalen. Und sie erwarten diesen Umschwung schön für die allernächste Zeit Ich habe mit . eigenen Ohren gehört, wie man feichs in den Kaffeehäusern zuflüstert: „Wir haben die Gemeinderatswahl en nur dadurch verloren, weil die Haltung der Deutschnatiönalen viel zu wünschen übrig ließ, aber sie Werden wieder umfaßen, 'die neue rein liberale Richtung wird wieder siegen und tnii Hilfe des antiklerikalen deutschen Nationalismus werden wir den Antisemitismus bald, sehr bald besiegen.“ Der „moderne“ Deutschnationale ist da- Messias, der ausgeschickt wird zur Rettung des jüdischen Liberalismus. Dieser ganze Komplex von Wünschen, Erwartungen und Hoffnungen klammert sich1 an eine kleine Aktion des Reichsratsabgeordneten Dr. Pollauf, Auf Wiener Boden ist dieser „Verjüngüngsprozeß“ des deutschen Nationalismus durch1 einige spärliche Versammlungen und dürftige Zeitungsartikel eingeleitet worden. Die ganze politische Haltung des Dr. Pollauf ist mir sympathisch’ |und ich verkenne durchaus nicht, daß .es Üun jum seine modernisierenden /Tendenzen ernst zu sein scheint Aber man hat .bei den letzten .Gemeinderatswahlen von der „parteibildenden“ Kraft seines Programm es (kaum einen Hauch1 verspürt und die paar Sympathieerklärungeu aus der Provinz dürfen jms nicht darüber täuschen, daß die große Masse der Deutsdmationalen von Pollaufs Bestrebungen nur im geringsten Maße bewegt .wird. Nichts ist charakterististher für die ganze Art da- Juden, politisch zu sehen, als diese Manie, aus Ansätzen ganze Bewegungen, aus Einzelnwünschen sofort nationale Regungen Zu konstruieren, wenn es sich1 darum handelt» den Lieblingswünschen, die in eigener Seele schlummern, entgegenzukommen. In Wirklichkeit wird der deutsche Nationalverband immer reaktionärer und immer weniger sträubt sich1 die Gesamtheit der Detitschnationalen gegen diese Politik. Im Gegenteil, die paar Liberalen im Nationalverband werden immer deutscher, immer nationaler, immer reaktionärer. Nichtd le bescheidensten politischen Wünsche des Liberalismus Werden erfüllt, sobald auch1 nur die geringste Möglichkeit besteht, es könnten 'bei dieser Realisierung auch „jüdische“ Forderungen befriedigt werden. Diese ganze politische Situation Wurde unlängst durch' die Rede eines Führers der sozialdemokratischen tschechischen Separatisten aufs grellste beleuchtet. Freilich1 der Hauptinhalt dieser Redewurde totgeschwiegen und die liberalen Juden bekommen ln ihrer Presse nur einzelne aus idem Zusammenhang gerissene Sätze vorgetischt Es ist daher *) Der Inhalt dieses Artikels, der vor der Abstimmung über den Antrag Smeral im Abgeordnetenhause geschrieben wurde, fand durch diese Abstimmung eine glänzende Bestätigung. nicht uninteressant, in einigen Worten hervorzuheben, was der Abgeordnete Schmeral wirklich gesagt hat Dieser Separatist ergriff zum' § 1 da Dienstpragmatik das Wort und forderte» daß bei allen Anstellungen keinalei Rücksicht auf Nation und Konfession zu (nehmen sei. Er sagte es ganz offen heraus, daß er diesen Antrag hauptsächlich wegen der Juden stellen müsse. Denn er habe die Erfahrung gemacht, daß es in Oesterreich einen Antisemitismus gäbe, der viel (ärger sei, als der rohe, brutale der Christlichsozialen. In erster Linie (müsse man den Antisemitismus der Bürokratie bekämpfen. Schmeral frug nun die Liberalen, Warum sie zu dieser Praxis der Bürokratie schweigen? Haben denn die Liberalen gar keine Rücksicht auf ihre (zahlreichen jüdischen Wähler zu nehmen?. Wenn ich nun hinzufüge, daß dieser Führer da tschechischen Separatisten nur von seinen Volksgenossen gewählt wurde von der jüdischen Wählaschaft ganz unabhängig ist, so habe ich bei aller Kürze diese Rede genügend charakterisiert. Ist es nicht traurig, daß bei diesem wichtigem Punkte der Dienstpragmatik jüdische und christliche Liberale gleichmäßig schweigen und ein tschechischer Separatist das Wort agreifen muß? Warum schweigen denn wirklich die Liberalen!? Weü sie im deutschen Nationalverband sitzen und nicht muksen dürfen. Warum schweigen die jüdischen Abgeordneten die außerhalb des Nationalverbandes stehen? Weü sie mit Recht glauben, daß man da jüdischen Wählerschaft alles bieten kann. Es ist unsäglich traurig, daß ein tschechischer Separatist den liberalen Abgeordneten und den jüdischen Wählermassen in dieser Weise die Wahrheit sagen muß. Wie lächerlich und traurig, dieses Warten der Juden auf die politische Erlösung durch' den Verjüngungsprozeß des deutschen Nationalismus auch sein mag; man kann doch da ganzen Situation eine erfreuliche Seite abgewinnen. Da das ganze Gebaren der Deutschnatiönalen immer antisemitischer undreaktionärer werden wird, mub sich das Trügerische dieser Hoffnungen bald auch' dem kurzsichtigsten Auge offenbaren. An die Renaissance des Libaälismus glaubt die Majorität der Juden nicht mehr. Es wird nicht sehr lange dauan und da Messiasgedanken eines „verjüngten Deutschtums“ wird in die politische Rumpelkammer wandern. ,. Wie heißt es doch im Liede „auch diese einzige Säule, schon geborsten, kann stürzen über Nacht“ . . . Der Glaube an den neuen liberalen Kurs der Deutschnationalen ist die letzte Hoffnung des jüdischen Liberalismus. ( DOPPEL-MALZ BIER. Austria-Brauerei Wien-Neudorf. Meinl Maltin Kakao Eine sensationelle Abstimmung im österreimisdieD Bbgeorbnetenhause. Anläßlich der Beratung der Dienstpragmatik im Staatsangestellten - Ausschüsse stellte der czechisch-autonomistische Sozialdemokrat, Abg. Sm eral. folgenden Antrag: „Politische, konfessionelle oder nationale Gründe dürfen bei der Anstellung eines Beamten keinen Einfluß üben“. Der im Ausschuß anwesende Regierungsvertreter Sektionschef Baron Fries trat diesem Anträge entgegen und motivierte seine ablehnende Stellung damit, daß schon im' § 3 des Staatsgrund-;,, gesetzes das Prinzip ausgesprochen sei, daß alle1 Staatsbürger zu den Aemtern freien Zutritt haben; ferner erklärte Baron Fries, daß sich die Regierung bei der Würdigung der Bewerber um ein Staatsamt diese im Anträge Smeral gelegene Beschränkung nicht auferlegen lassen könne. Da der Antrag des Abg. ämeräl vom Ausschüsse abgelehnt wurde, meldete er ihn als Minoritätsvotum ian. Zur Begründung seines Antrages führte Abg. Smeral im Plenum folgendes aus: „.Ich erlaube mir zu behaupten, daß bei der Besetzung der Stellen im Staatsdienste nicht nur eine bewußte Protektionstendenz zugunsten des adeligen Standes herrsche, sondern daß auch dn'^roßem (Maße (konfessionelle, klerikale Einflüsse sich geltend machen. Es sind ganze Gebiete in der Staatsverwaltung, wo man bei der Besetzung der Beamtenstellen zum Beispiel ganz deutlich eine antisemitische Tendenz merken kann. Es ist selbstverständlich nicht ein so primitiver, plumper Antisemitismus, wie ihn zur Schande der Wiener Kultur hier die Christlichsozialen züchten. Aber de facto ein, wenn auch latenter Antisemitismus, ^entscheidet bei der Besetzung bestimmter Beamtenstellen und ich kenne Fälle, wo ein Mensch mit der besten Qualifikation den Posten nur aus dem Grunde, weil er Sigmund Pollak heißt, nicht bekommen hat. Es ist bezeichnend, daß diese Praxis gerade dort zu merken ist, wo. die höchsten entscheidenden Stellen durch die Aristokraten besetzt werden. Der hohe Geburtsadel betrachtet die klerikal-konfessionelle (Voreingenommenheit für einen Teil und eine Vorbedingung ihrer „Noblesse“, selbstverständlich aber nur insofern es sich um Nichtkatholiken aus den niederen und mittleren Schichten handelt. Wo ein Millionär beginnt, dort hört auch bei den höchsten(Herren der Antisemitismus auf. Sie wissen alle bestimmt, meine Herren, welche hohe Visite 'Rothschild auf seiner Sommerfrische Izu empfangen Gelegenheit hatte, als in Witkowitz vor der Bewilligung (der Delegationen die Panzer für die Dreadnoughts gebaut werden sollten, und es ist Ihnen ebenfalls bestimmt bekannt, meine Herren, wie man,immer häufiger heu te in denadeligen Kreisen zu dem Mittel einer reichen Judenheirat greift. Ich spreche üba diese antisemitische Tendenz bei der Aufnahme in. den Staatsdienst schon deswegen, um besonders die Haren von den deutschlibaalen Bänken auf die Wichtigkeit meines Minoritätsantrages aufmerksam zu machen. Für uns ist die prinzipielle Seite dieser Angelegenheit entscheidend. Denn, wird eine bewußte Tendenz den Juden, den Protestanten, überhaupt den Nichtkatholiken gegenüber praktiziert, um so schlimmer sind noch die nichtkonfessionellen Personen daran. Für (diese ist der Eintritt in den Staatsdienst bei der heutigen Praxis fast überhaupt unmöglich“. Die Rede des Abg. Smeral belehrt, daß er, der wahrscheinlich keinen einzigen jüdischen Wähler hat, sich aus Gerechtigkeitsliebe veranlaßt fühlte, für die zurückgesetzten und ungaecht behandelten Juden einzutreten. Diese Haltung ehrt den Abg. Smeral und wir wissen ihm dafür aufrichtigen Dank. Wie aber verhielten sich die deutschliberalen Abgeordneten, welche Abg. Smeral in Iseina Rede apostrophierte, zu seinem Anträge? Bei der namentlichen Abstimmung stimmten sie alle dagegen, so- NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLCHSAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Uersldierfes Kapital zirka 380 Billionen. — Ptömienreseroe zirka 113 Billionen.—Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit ((tätige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezöge. AnshBnfte erteilt die 6eneralagentsdiaft tdien, 1., Bspernplatz 1 (Beiter: Daoid Hebenzahl). EOr Ostgalizien u. Bukowina: Subdirektion Gdbl Taubes, Gemberg.