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Jüdische Zeitung · 1912-06-07 · 23 (7.6.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
23 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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S88E JED®** -JJDI5CHE5 0R5HN Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration 11..Stefaniestraße Nr. 23 Wien, Freitag, den 7. Juni 1912 VI. Jahrgang Friedrich Löw b"' Nach Gabel, Rappaport, Eben und so manchen anderen treuen Mitkämpfern haben wir nun auch Fritz Löw verlören! Gerade die Besten werden uns allzufrüh entrissen, das ist das Schicksal unserer Bewegung von jenem Tage an, da Herzl selbst so früh ins Grab sank. Es ist unsäglich hart, dies Schicksal tragen zu müssen. Ein Fritz Löw ist nicht zu ersetzen. Wo findet sich in unseren Reihen wieder so leicht ein Genosse, wie er, in dem ein klares Denken vereint ist mit einem ewig jungen, begeisterungsfähigen Herzen, konzilianteste Formen mit unbeugsamer Gesinnung! Wie sollen wir uns die zionistische Bewegung, ohne Fritz Löw denken, unser e.-Tagupgen ohne diese schlanke, elastische Gestalt mit dem feingeschnittenen, edlen Kopf, in dem zwei feurige Augen das Grau der Haare Lügen straften! Wer wird gleich ihm inmitten der heftigsten Debatten vom Präsidentensitz herab durch seine Ruhe, Vornehmheit, Klugheit und Güte immer Wieder die Wogen glätten? Wo wird sich wieder ein so gut „bürgerlicher“ Zionist finden, der, aus den Reihen der Studentenschaft hervorgegangen, immer aufs wärmste mit ihr fühlt, und ihr ein treuer Freund sein ganzes Leben lang bleibt? Ein Genosse, der wie er, trotz der Schärfe seines Urteils und der Klarheit seiner Anschauungen, doch als Höchstes die Unterordnung unter den Majoritätswillen empfindet, der, obzwar selbst ein erprobter und ergrauter Führer, geradezu mit Begeisterunjg Disziplin hält, da er sie als Vorbedingung für jeden Erfolg der Bewegung erkennt? Fritz Löw ist vom ersten Anbeginne an in Reih und Glied gestanden. Die mährische Organisation verdankt ihm ein Großteil ihres heutigen Bestandes. Die Bürger- und Studentenvereine hat er zum Teil selbst begründet, alle aber hat er mit Rat und Tat aufs kräftigste unterstützt. Bei keiner Tagung hat er gefehlt und war stets in allen Komitees das pflichteifrigste Mitglied. Wie in Mähren, so war auch sein Wirken in der österreichischen Gesamtorganisation intensiv und erfolgreich. Es ist nicht aufzählbar, was er alles geleistet, was er uns bedeutet hat. Es sei nur an einige Wichtige charakteristische Züge erinnert. Fritz Löw, dieser ewig Junge, war nie ein Bourgeois. Er, der uns im Alter um einige Jahre voraus war, konnte manchem von den Jüngern als ein Vorbild des unbeugsamsten Radikalismus der Gesinnung gelten. Er hatte zwar ein äusserst entgegenkommendes, liebenswürdiges Wesen, glänzende Formen, aber in der Sache gabs für ihn nicht das geringste Kompromis. Um keines Haares Breite ist er von den strengen Parteigrundsätzen abgewichenaidie er Herz! zugeschworen hatte, ganz und ungebrochen war seine zionistische Ueberzeugung. Diese unbedingte Ehrlichkeit und Geradlinigkeit seines Denkens, verbunden mit dem Charme seines ritterlichen Wesens, erwarb ihm das uneingeschränkteste Vertrauen Aller. Von ihm, der manchen Strauß ausgefochten hatte, galt das Wort: er hatte Gegner, aber keinen Feind. Und deshalb war er wie prädestiniert dazu, als Vertrauensmann Aller die Einigkeit in der Bewegung wieder herstellen zu helfen, wenn es schien, daß eine Spaltung unvermeidlich wäre. Und gerade darin hat er vielleicht seine größten und dauerndsten Erfolge erzielt. In den vielen Jahren, seit welchen ich mit Fritz LöwJ zusammen arbeitete, habe ich ihn immer und immer wieder als versöhnende Kraft ersten Ranges schätzen gelernt. So erschien er mir noch in der alten Landesorganisation, als die politische Bewegung einsetzte, die Gemüter erregte und schließlich zur Losreißung Galiziens führte. Fritz Löw war einer der ersten Zionisten der Provinz, der Ziele und Wege der Nationalpolitik richtig einzuschätzen wußte. In den Stürmen, welche deren Inaugurierung in den ersten Jahren verursachte, war Fritz Löw immer derjenige, der in der Provinz ausgleichend wirkte, obwohl er aus seiner eigenen radikalen politischen Anschauung kein Hehl machte. Als es nach der Abtrennung Galiziens nur schwer zu einer Einigung Westösterreichs kommen konnte, War er es,welcher am kräftigsten von allen für diese Einigung sich einsetzte, der aber sofort auch seine Stimme erhob für die Einleitung zu Verhandlungen mit Galizien, die zu einer Wiederherstellung der gesamtösterreichii'chön Landesorganisation fuhren sollten. Mit Feuereifer beteiligte er, welcher diese speziellen Vollmachten erhielt, sich an diesen Verhandlungen und trotzdem sie scheiterten, hat er nicht aufgehört, bis zum letzten Atemzug sein ceterum censeo zu rufen: „Uebrigens bin ich der Ansicht, daß die gesamtösterreichische Organisation wieder hergestellt werden müsse!“ So war Fritz Löw unter uns stets einer der kräftigsten Verteidiger der Erkenntnis, daß unserer Bewegung nichts so nottut wie imbedingte Einheit und Einheitlichkeit, auch darin ein treuer Verwalter des großen Herzl’schen Erbes! Auch in den allerletzten Stürmen, welche unsere westösterreichische Organisation erschüttert hatten, war es Fritz Löw, welchem der Hauptanteil an der erzielten .Einigung! iufiel. Es ist picht ^allgemein bekannt, daß in der Vertrauensmännerkonferenz, die vom Zäonistentag zu Brünn 1911 zur Vorbereitung des Friedensvertrages — des neuen Organisationsstatuts — eingesetzt .wurde, Fritz Löw es war, dessen Vorschläge in allen Punkten den Weg zur Einigung bahnten. Auf diesem Parteitag war er noch im Vollbesitz) seiner Gesundheit; niemand konnte ahnen, daß er so bald erkranken würde. Kurz darauf verlor er seinen Bruder, den Hofschauspieler Konrad Löwe, der uns nahestand und unsere Beileidskundgebungen sollten die letzte Korrespondenz werden, die wir mit ihm führten. Nim müssen wir von ihm selbst Abschied nehmen — ein trauriger, im tiefsten schmerzlicher Abschied! Unersetzlich ist sein Verlust für uns, seine Genossen, für die zionistische Bewegung, für das Judentum! Sein Andenken wird nicht erlöschen, so lange das jüdische Volk der Männer gedenken wird, die seiner endgültigen Befreiung die Wege gebahnt.! Adolf Böhm. Das Zionistische Zentralkomitee für Westösterreich erläßt folgende Kundmachung: Gesinnungsgenossen! Wir geben mit tiefstem Schmerze Nachricht, daß unser früheres langjähriges Mitglied, Gesinnungsgenosse Fritz Löw, Proßnitz, am 2. Juni verschieden ist und am 4, Juni bestattet wurde. Wir haben durch unseren Sekretär Gg, Dr. R, Glücklich! au der Begräbnisfeier teilgenommen. Mit Fritz Löw ist einer unserer Besten von uns gegangen. Er war einer der wenigen jüdischen Bürger, die dem Rufe Theodor Herzls gefolgt sind und hat ^unerschütterlich bis zum letzten Atemzug an der idealen Auffassung des Zionismus festgehalten. Mit seiner ganzen Tatkraft diente er der Bewegung, in der er vom Anfang an eine führende Rolle gespielt hat. Zn dieser befähigten ihn nicht nur Ueberzeugungstreue, Herzenswärme und Intelligenz, sondern in gleichem Maße sein bei allem Radikalismus der Gesinnung konziliantes Wesen. Immer bat Fritz Löw die kämpfenden Gruppen zur Einigkeit aufgerufen, und zuletzt war es am Brünner Zionistentag 1911, wo ein gut Teil des Verdienstes an der zustande gekommenen Einigung seinem Eingreifen zu danken war. So hat auch sein letztes stärkeres Hervortreten in der Bewegung dieser großen Nutzen gebracht. Wir fühlen uns mit allen Gesinnungsgenossen einig in dem tiefen Schmerze, den wir um den Dahingeschiedenen empfinden. Im Einvernehmen mit dem Verein „Zion“, Proßnitz, werden wir in unserer nächsten Sitzung am 9. Juni a. c. darüber beschließen, in welcher besonderen Weise die Zionisten W estösterrekhs das Andenken des Verblichenen ehren werden. Mit Zionsgruß Zionistisches Zentralkomitee für Westösterreich.

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