Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22, Seite 4 Erstens: Die Judenheit geht unaufhaltsam zugrunde; oder nur ein Teil von ihr, z. B. die Juden in Deutschland (s. Teilhaber). Zweitens die judenheit erwirbt sich in Palästina Bodenständigkeit und begründet aufs neue die alte Art, während ihre anderen Teile durch die stetege Angleichung an die nichtjüdische Umwelt, durch Taufe und Mischehe der völligen Assimilation, der restlosen Aufsäugung entgegengehen (s. Ruppin). , Drittens: Die judenheit verjüngt sich in Palästina; aber die Angleichung fler übrigen Teile hat ihre. Grenze, die 'dem Juden und seiner Umwelt bewußt wird, die in beiden gut begründet ist. Die Aufsaugung wird verhindert durch die Erkenntnis, vom Wert jüdischer Eigenart für die Umweh, durch den Fortgang der Europäisierung innerhalb der Nationen (s. Sombart „Zukunft der Juden“; — jedoch ohne seinen hur verwirrenden Grundsatz von einem Verzicht der Juden), und zuletzt wird die Aufsaugung geradezu unmöglich durch die Wirkung der neuen palästinensischen Juden, durch eine allgemeine Organisierung der Judenheit, zum Zweck der Durchführung des Notwendigen, gleichsam als Ersatz für jede Staatlichkeit (s. Hecht). Diese drei Möglichkeiten geben nur das Aeußere. Von Innen gesehen ist die Frage verwickelter, ist die Wissenschaft noch nicht über Anfänge hinaus. Aber es geht vorwärts; denn es besteht darüber kaum ein Zweifel, daß es hier darauf ankommt, das begonnene Europa zu vollenden und es, wie Nordau einmal sagte, bis an den Euphrat und Tigris zu verbreiten." Georg Hecht. Wie man sieht: sehr verklausuliert, sehr problematisch, alle Möglichkeiten, auch die des Untergangs offen gelassen. Aber doch ists ein Zeichen > der Zeit Schon daß die Probleme da sind, wird ja von der jüdischen Bourgeoisie geleugnet,. Wir überschätzen natürlich ditfWirkung solcher Artikel nicht. Denn wehe dem Zionismus, wenn er in Kreisen der jüdischen Snobs „modern“ werden sollte! Man denke sich diese große Idee begeistreichelt auf den Jours, beschnüffelt und: als deranier cri getragen von den gewissen Feuilletonjüngeln — nein, lieber „unmodern“ bleiben, aber nichts an Kraft und Wahrheit verlieren! ®r<je5unde-ti.krenke Kinder sowie Magenleidende. VErtuääubesEitigt Brechdurchfall. OiarrhoE.Oärmkafarrh. ffreis per Dose K180,erfiälflich in jederOrog o^poffi und Veredlung der hebräischen Sprache, ja es gab sogar Welche — die Luft der italienischen Ghetti war nie so erstickend wie die: der deutschen Judengassen — die es unterfingen, frivole Lieder zu singen, iwie der bekannte Immanuel aus Rom; ein Freund Dante Allighieris1. Im Schatten des Vatikans, soweit die Macht des Papstes reichte, ging es den Juden besser oder weniger schlecht als den Brüdern in den übrigen Ländern der Zerstreuung. Selbst in Sizilien blühten jüdische Zentren. Am Ende des 15. Jahrhunderts erhielt das jüdische Leben einen ganz besonderen Aufschwung durch' die Einwanderung der Juden von der iberischen Halbinsel. Symptomatisch ist für ihre Rührigkeit, daß das erste hebräische Buch in Reggio in Calabrien gedruckt wurde. Und damit beginnt die eigentliche Glanzperiode der italienischen Juden, die etwa zwei Jahrhunderte gedauert haben dürfte. Auf dem Gebiete des überlieferten Talpiudstudiums entstanden Leuchten Wie Azarja de Rossi, Azarja da Fano, jizdiak JLampronti, welch letzterer sich zuerst mit der Idee einer talmudisdi’en Enzyklopädie befaßtet Selbst an Ketzern fehlte es nicht; die vielujnstrittene Erscheinung Leon da Modenas wäre Jn einem deutschen Ghetto gewiß ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Alle Geistesrichtungen wären vertreten, selbst an kabbalistischen Schwärmern fehlte es nicht; ich will nur an den verfolgten Dichter Mosche Chaim Luzzatto aus Padua erinnern, von dessen Auftreten man das neuhebräische Schrifttum zu datieren pflegt. jeder, der sich' je mit der italienischen Der Kampf der ~ Studenten. Der Vollzugsausschuß der Wiener jüdischnationalen Studentenschaft hat dem Rektor folgende Petition überreicht: Bezugnehmend auf die Rücksprachecdes Vollzugsausschusses der jüdischen Studentenschaft imit Seiner Magnifizenz yom 24. Mai 1912 unterbreitet die jüdische Studentenschaft Seiner Magnifizenz und dem hohen Akademischen Senale nachstehende Petition: J. Die‘jüdische Studentenschaft ersucht die maßgebenden akademischen Behörden, die Aufhebung des Waidhofner Beschlusses anzustreben und auf diese Weise die empörende Ehrverletzung der jüdischen Studentenschaft durch die deutsch-radikalen Studienkollegen zu beseitigen. 2. Die jüdische Studentenschaft wünscht die Neuanschaffung einer gerechten und der modernen Rechtspflege entsprechenden Disziplinarordnung, bezw. die Urgenz einer solchen beim hohen k. k. Unterrichtsministerium, auf Grund deren die jüdischen Studenten für Vorfälle außerhalb des akad. Bodens nicht zur Verantwortung gezogen werden können. 3. Die jüdische Studentenschaft fordert bis zur Kreirung einer neuen Disziplinarordnung die strengste Bestrafung jedes deutsch-radikalen Studenten, welcher auf Grund des Waidhofner Beschlusses einem Juden wegen seiner Abstammung in einer wie immer gearteten Form die Ehre abspricht. 4. Schließlich fördert die jüdische Studentenschaft, an Stelle des Kanzleidirektors Dr. Blumauer, dem die jüdische Studentenschaft im Hinblicke auf seine politische Vergangenheit sowie im Hinblicke auf seine bisherige Praxis die Objektivität und Gerechtigkeit nicht zusprechen kann, einen anderen Universitätsbeamten zur persönlichen Führung aller Angelegenheiten mit jüdisch-nationalen Studenten zu betrauen. Mit Rücksicht auf die in der jüdischen Studentenschaft herrschende Erregung bitten hvir lum eine baldige und gerechte Erfüllung unserer Wünsche. Der Vollzugsausschuß der jüdischen Studentcn- , schaft Wiens.. Bei der Deputation am 24. d. Mts. teilte der Vollzugsausschuß der jüd. Studentenschaft dem Rektor mit, daß sie mit Direktor Blumauer jede Verhandlung abbricht. Wir ersuchen daher die jüd. Studentenschaft, in Hinkunft dieses Beschluß eingedenk zu sein und sich in jeder Sprache befaßt hat, dürfte beobachtet haben, wie die italienische Sprache gepflegt, mit welcher Liebe gehändhabt, ich möchte sagen verhätschelt wird. Dies mochte die italienischen Juden veranlaßt haben, auf die Reinheit der hebräischen Sprache und auf ihre äußeren Formen einen ganz besonderen Wert zu legen! Es ist kein Zufall, daß der Begründer der modernen hebräischen Sprachwissenschaft, Samuel David Luzzato ein italienischer Jude War. Selbst Frauen befaßten sich1 mit dem Hebräischen. Schon 'das 16. Jahrhundert weist zwei hebräische Dichterinnen ,auf, ja sogar zu Beginn des 19. Jahrhunderts tritt eine hebräische Dichterin, Rachel Morpurgo, (auf, die hebräische Dichtungen schrieb. Aber auch heute, wo es um das Studium der hebräischen Sprache in. diesem schönen Lande sehr arg bestellt ist, legt man gewissen Wert auf den Wohlklang und Richtigkeit der Aussprache. Eine den Italienern abgeguckte Tendenz, die gewiß nur gelobt werden kann. Mit dem 18. Jahrhundert beginnt die Dekadenz der italienischen Juden, die nunmehr die geistige -Oberherrschaft an die deutschen Juden abtreten müssen. Diese Dekadenz ist vor allem (aut die 'zunehmende Auswanderung;in jener Zeit ’zurückzüfüh'Ten. Die blutrünstige Hand Spaniens hat die Juden, die aus seinem Lande geflohen Waren, selbst in Italien ereilt. Kaum saßen die spanischen Bourbonen auf dem Trone der beiden Sizilien; vertrieben sie alle Juden aus den süditalienischen Gauen. Blühende Gemeinden gingen auf diese Weise über Nacht zugrunde und die Juden sind bis auf den heutigen Tag in diese Städte nicht mehr zurückgekehrt. Angelegenheit direkt an Seine Magnifizenz zu wenden, bis vom akad. Senat ein neuer Beamter zu persönlichen Durchführung von Angelegenheiten mit jüdischen Studenten betraut wird. Event. Auskünfte bei allen Obmännern jüd. Korporationen. Die Satisfabtionsverweigerung vor (Diener Gerirtifen. Von unserem Gesinnungsgenossen, Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Jakob K o h n erhalten wir unter Bezugnahme auf" die Demonstrationsversammlung betreffend die jüngsten Relegierungen folgende Zuschrift: ln zwei Fällen'habe ich bisher vor Wiener Gerichten interveniert, um jüdisch - nationale Studenten zu vertreten, welche sich für. die Verweigerung der Santisfaktion durch körperliche Züchtigung des Verweigerers Genugtuung verschafft hatten. In dem einem Falle, welcher sich vor etwa 9 Jahren abgespielt hatte, gieng das Erstgericht (Bezirksgericht Josefstadt) so weit, daß es den Verweigerer zu einer gleichen Strafe^ verurteilte wie den jüdischen Studenten, wobei zu bemerken ist, daß die Verweigerung in' der milr desten Form erfolgt war und zwar •lediglich' mit. den Worten: „Es tut mir leid, aber Sie kennen doch den Waidhofner Beschluß“ — allerdings wurde die Verurteilung des Deutsch - nationalen von der Berufungsinstanzaufgehoben, jedoch blieb es auch trotz der tätlichen Beleidigung bei einer überaus milden Bestrafung .'des jüdischen Studenten. Auch im zweiten Falle, welcher sich' vor etwa vier Jahren [abspielte, legte der Richter desselben Bezirksgerichtes .Josefstadt den größten Widerwillen über die Haltung des deuts'chnationalen Studenten an den; Tag. Letzterer wurde' förmlich gezwungen, .seine Klage zurück-- züziehen, trotzdem die Zeugenaussagen -die 'Ver-- ■ urteilung des jüdisch-nationalen Studenten als sicher erscheinen ließen! Obgleich ich natürlich j nicht weiß, welcher politischen Partei die bezüglichen Richter angehört haben, muß ich es vermerken, daß nach meinen Erfahrungen die Anschauung der Wiener Richter, mit denen ich in den erwähnten Fällen zu tun hatte, die Haftung der Deutschnationalen in der Satisfaktionsfräge so sehr mißbilligte, daß dies in jeder nur mog- ‘ liehen Weise zum Ausdruck kam. Der neueste Schritt der Deutschnationalen ist auch wohl nur ■ Ganz Sizilien beherbergt heute insgesamt 23 jüdische Seelen in Bari'- und Otranto, wie überhaupt in ganz Apulien-und Calabrien gar keine Juden Wohnen. Das Frühlingsjahr 1848 sprengte auch in Italien die Mauern der Ghetti, die Juden verließen ihre LeidensStätten und vermengten sich unter die übrige Bevölkerung, was umso fataler war, da sie numerisch überaus schwach waren. Jedes Volk, besonders das unsrige, das eines. Mutterlandes entbehrt, vermag seine Kräfte nur dann zu entfalten; Wenn es in Massen beisammen lebt, da es sonst vollkommen unter den Einfluß fremder Völker gerät, seine Eigenart verliert und entartet. Es begann der Assimilationsprozeß, der umso rascher vor sich ginjg, als die italienischen Juden schön seit Jahrhunderten der italienischen Kultur teilhaftig und mit ihr innig verwachsen sind. Bereits im 15. und 16. Jahrhunderten gab es Juden, die an den Universitäten zu Pisa und Padua den Doktorhuterlangten. Ihre Umgangssprache war stets das Italienische gewesen. Die Zahl der italienischen Juden läßt sich nicht genau feststellen, da bei der Volkszählung die Religion nicht erhoben wird. Die größten jüdischen Gemeinden sind Rom mit 7000, Turin mit 5000, Mailand mit 4000, Venedig und Florenz mit je 2000 Seelen. Die Gesamtzahl wird auf 40.000 geschätzt, sie bilden daher ungefähr ein Promille-der Gesamtbevölkerung des Königreiches. (Fortsetzung folgt.)