Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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i i i < t f \? %$■ y t. Sl <v.£. -T •: ■ y ■, ■ ■T;- ' i| " 4- ■;!•' :t :X. J: ';X fv' f; V Seite 2 __JÜDISCHE ZEITUNG _ f Nr. 22 Der Brunner Zionistentag hat nun dem prinzipiellen Streit darüber, o b vom zionistisdh-progra)m!matischen Standpunkt die Führung einer Inneren Politik wünschenswert ist, einstimmig bejaht. In logischer, Konsequenz hat sich nun die politische Konferenz darüber auszusprechen, wie diese zionistische Politik im Hinblick auf die Lage der Juden in Oesterreich! zu führen ist. Diesbezüglich liegt zwar, ein festes, vom Krakauer gesamtösterreidiisch'en Parteitag in Krakau 1906 geschaffenes ProgramSm vor, daß sich auch in der Praxis bewährt hat, aber angesichts der früheren Differenzen, welche' die Wiener Zionisten vielfach .mit Jenen der Sudetenländer in Bezug auf die .einzuhaltende Taktik auszutragen hatten, ist es Wünschenswert, daß' auf der Konferenz, die von ganz Westösterreich1 beschickt werden wird, in gemeinfeamleri Beratung nochmals ‘die Grundlinien der jüdischnationaien Politik, in Oesterreich in ihren Hauptzügen festgelegt werden. Diese Beratung soll den ersten Punkt der Tagesordnung bilden. Referent ist Dr. Kadisch1, dessen AnsChäu-, ungen. allgemein bekannt sind. Seine TheSen werden sieb! zweifellos genau mit den Forderungen des Krakauer Programme :dedten. ■ Näher auf die Frage des Programms einzugehen, ist nicht Sache dieser Konferenz. Denn die Probleme, deren Lösung noch nicht endgiltig gefunden werden konnte, wie z. B. die nach der Art und dem Inhalt der angestrebten jüdischen Autonomie, werden erstens auf absehbare Zeit hinaus nicht aktuell werden, zweitens aber könnten diese Fragen erst nach vorher erfolgter gründlicher theoretischer Behandlung in der Parteipresse auf einem Partei tag zur Sprache kommen. Die Konferenz kann nur als eine Vorbereitung zu einem soldfen-"Parteitag angesehen werden, denn sie wird erst die Grundlagen der Organisation festlegen. Und. hierin wird ihre wichtigste Aufgabe bestehen. Durch die Losreißung Galiziens von der österreichischen Organisation ist auch die am Krakauer Parteitag geschaffene Parteileitung zerrissen worden. In Galizien würde das zionistische Zentralkomitee im Verein mit dem Parteirat von den Parteitagungen auch zur Leitung Jder politischen Aktionen berufen. In Westösterreich herrscht strengste organisatorische Trennung von zionistischer und politischer Aktion. Während aber die zionistische Arbeit organisiert ist, im Verband der Vereine, mit Zentralkomitee und Distriktskomitees an der Spitze, ist die politische Arbeit noch gar nicht organisiert. Der Jüdische Nationalverein, von Zionisten geleitet, besorgt die Leitung derselben. Aber bis zum heutigen Tage ist er trotz fünfjährigen Bestandes ein Wiener Verein geblieben und sein Zusammenhang mit der zionistischen Leitung besteht nur darin, daß ins zionistische Zentralkomitee zwei seiner Vorstandsmitglieder gewählt wurden. Es ist aber unbedingt notwendig, einerseits (eine politische .Leitung! für 'ganz Westösterreich zu schaffen, andererseits den Zusammenhang zwischen politischer : und zionistischer Organisation zu einer "bindenden Formel zu gestalten. Am leichtesten ginge dies durch Schaffung eines politischen Parteirats, der nach Art des zionistischen Zentralkomitees aus Gesinnungsgenossen aller westösterreichischer Kronländer bestünde und in dem statutengemäß die jeweiligen Obmänner der Distriktkomitees, sowie das Präsidium un jcSdie Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses des Zentralkomitees Sitz und Stimme garantiert hätten. Auf solche oder ähnliche Weise ließen sich die beiden oberwähnten Fragen lösen. .Der Unterbau der politischen Organisation, könnte durch eine Art Vertrauens’männerver einigüng geschaffen werden, wobei jeder zionistische Verein Westösterreichs jedes Jahr nach seiner Stärke L—3, Vertrauensmänner, zu wählen hätte. Das “Referat, über ' Organisation, das der Obmann des Jüdischen Nationalverein Dr. Ehrlich erstatten wird, dürfte zu ähnlichen Schlüssen gelangen. Ein drittes Referat wird Gg. Dr. Löhner über Agitation und Presse, ein viertes Gg. Ing. Kramer über die Finanzen halten. Die Erfordernisse in bezug auf diese Punkte sind völlig klar. Die Partei braucht einen ständigen Sekretär, der auch nötigenfalls die Provinzen bereisen soll und der sowohl rednerisch als auch organisatorisch seinen Mann stellen kann. Die Presse, dieses Um und Auf jeder politischen Partei, muß ausgebaut werden. Es ist namentlich nötig, die „J ü di s ch e Z e i tu n g“ auszugestalten und Vorarbeiten zur Gründung eines jüdischen Tagblattes in Wien zu leisten. Dazu sind , große Mittel nötig und diese können nur zum Teile durch Organisationsbeiträge aufgebracht werden. Zum Teile werden verschiedene Parteigründungen, welche auf kommerzieller Basis arbeiten, die Fonds liefern müssen. In der Sozialdemokratie gibt es unzählige solcher Unternehmungen, Parteibuchhandlungen, Büchdruckereien. u. dgl. selbst die Presse trägt ihr beträchtliche Summen. Aehnlich wird bei uns vorgegangen werden müssen, soll die Finanzmisere nichts chronisch werden. Der letzte Punkt der Tagesordnung (auf Wunsch des Brünner Ziönistentages) auf dieselbe-gestellt), betrifft die Kulturarbeit, Diese ist ein Grenzgebiet zwischen politischer und zionistischer Arbeit. Söll der politische Nationalismus der österreichischen Juden Inhalt und Rückhalt. bekommen, so muß . die Kulturarbeit einsetzen pnd die Jjanz iund halb assimilierten Juden mit den Schöpfungen jüdischer Kultur von den ältesten Zeiten bis auf heute bekannt machen, sie in stetem geistigen. Zusammenhänge mit dem jüdischen Leben allerorts, namentlich Palästinas und Osteuropas bringen, wozu vor allem die Verbreitung der neu? hebräischen Sprache nötig ist. Mit Arbeitsfreude und Energie bereitet die Leitung.: des Jüdischen-Nationalvereines die politische Konferenz vor. Soll diese ihren Aufgaben gerecht werden,. so muß auch die Provinz regen Anteil an ihr nehmen und sie zahlreich beschicken. . Die politische Aktion ist nichts anderes als einer der Wege zur vollständigen Judäisierung der österreichischen Stammesgenossen. Daher muß jeder Zionist mit ihr sympathisieren und sie unterstützen. Es liegt nur mehr an den zionistischen Vertretern der Provinz, die Konferenz zu einer Tagung von nachhaltiger Bedeutung zu gestalten. Rundschau. Abgeordneter .Pemerstorfer über den Zionismus. Am 22. Mai hielt der Vizepräsident des österreichischen Abgeordnetenhauses, Pernerstorfer, im sozialwissenschaftlichen Verein, in Brünn einen Vortrag über Nationalismus>tind Sozialismus. Im Verlaufe des Vortrages kam er natürlich auch auf die Judenfrage zusprechen, die er einesj der größten Probleme der Gegenwart nennt. Pemerstorfer sagte:; Die Juden sind eine eigene Rasse, manche sagen, eihe eigene Nation. Ich vertrage mich mit jedem Juden, wenn er auch sagt: „Ich bin ein Jude, ich will nichts sein als ein Jude.“ Er gehört einem alten Kulturvolke .an, dessen er sich nicht zu schämen braucht. Wie.' unglücklich .ist doch der Mensch, der nicht seines Volkes Kind ist, der nicht in der Gemeinschaft steht, nicht in ihr wjrk-t. Nur mit; einer Art der Juden vertrage ich tnich nicht. Das sind diejenigen, die auftreten ünd da, Sagen, e s g ä b e k e i n.e N a t i o n, die die Nation dekomponieren wollen. Jene Leute, deren Merkwürdigkeit darin besteht, daß sie einem Volke angehören, das dur.ch. 2000 Jahre durch Blut und Tränen gegangen ist und trotzdem besteht und eine Eigenart bewahrt und . so viel für die Kultur geleistet hat, sollten doch nicht so verächtlich von der „Rasse“ reden. Was soll also mit den Juden werden? Der Antisemitismus der Achtzigerjahre hat eine natürliche Reaktion gebracht. Diese Juden haben sich gesagt: Ihr wollt uns nicht? Gut! Wir ziehen uns dann auf uns selbst zurück. So ist jene zionistische Bewegung entstanden, die eine sehr merkwürdige Erscheinung unserer Zeit ist. Konsequente, Zionisten wollen die Wiederenvekkung der Nation, der Sprache usw. Die Spräche soll, wie ich höre; sehr bildungsfähig sein und auch bereits von vielen gesprochen werden. Wir können heute nicht darüber reden , ob die zionistische Bewegung Erfolg haben .wird oder nicht. Es ist aber gewiß töricht, diese Bewegung im Vorhinein verurteilen zu wollen und darüber zu streiten, ob der'schon begonnene- Weg weiter beschritten -werden11 soll oder nicht. Ich höre sehr viel Positives aus Palästina, das unser Urteil, hierüber beeinflussen muß. Ueber die Assimilation sagt Pemerstorfer, daß sie nur dann 1 möglich sei, wenn die Liebe zu einander, auf beiden in Betracht kommenden Seiten vorhanden ist. Nach diesem Vorträge sollte eine Diskussion stattfinden. Von den zahlreich anwesenden sozialdemokratischen Assimilanten versuchte natürlich keiner dem Redn'er entgegenzutreten. Wie werden Austerlitz,-.'Pr. Diamand die Ausführungen ihres Kollegen äüfnehmen? Die ruthenische Universität. Bekanntlich’ hat Abg. Dr. S t r a u c h e r in der Debatte über das Budgetprovisorium die Erklärung abgegehen, daß die Juden, der Forderung der Ruthenen nach einer ruthenischcn Universität sympathisch igegen,überstehen Jund dieselbe unterstützen werden. Abg. S t r a u ch e r ist dieser Haltung wegen in vielen sogenannten jüdischen Zeitungen Gegenstand heftiger Angriffe gewesen. Entrüstet fragten diese Blätter, wer denn dem Abg. S trau eher die Legitimation erteilt hätte, im Namen der österreichischen Juden zu sprechen. Darauf sei den Fragern erwidert, daß Dr. Strauch er als1 der einzige in der jüdisch-nationalen Organisation stehende jüdische Abgeordnete zweifellos das ReCht hatte, im Namen aller jüdisch-national fühlenden Juden diese Erklärung abzugeben. Wir Juden treten als unterdrückte Nation immer für die gerechten Forderungen aller anderen bedrückten Nationen ein und müssen uns daher auch, namentlich angesichts der empörenden Haltung der Polenklubjuden, ausdrücklich für die NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLCHSAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. im eigenen Falafs.—Versldierfes Kapital zirfca 380 Millionen. — Prämienreseroe zlrlta 113 Millionen.—Billigste Prämien und Kulanteste Beflintungen. Engagiert jederzeit tüditige, leistungsfähige Hgenlen gegen bobe Bezüge. Bien, l., Rspernplatz 1 (Beiter: Daoiö Hebenzahl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subbirehtion Böbl Taubes, Bemberg.