Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NATIONAL - ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration: und Inseratenaufnahme: Wien, II.,StefaniestraBe Nr. 1?. — Sprechstunde»■ n 'ä'üch von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags, — Manuskripte werden nicht zurück gestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ H reichrUngam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3,—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbiühr. Mk. 5»—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. FOr das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. Telefon 22.073. ■ Nr. 22_Wien, Freitag, den 31. Mai 1912 VI. Jahrgang Zup politildien Konferenz. Von Df. Paul Weisengrün. Nur sehr allmählich hat sich in der gesamtzionistischen Bewegung der Gedanke von der absoluten Notwendigkeit rein politischer Betätigung durchgesetzt. Bei diesem langsamen Tempo der Entwicklung darf es uns nicht Wunder, nehmen, wenn wir auch heute noch über bedeutsame Anfänge, über verheißungsvolle Ansätze, über politische Teilgebäude und Teilzusammenhänge nicht hinausgelangt sind. Dies zu verkennen wäre abgeschmackt und einer Partei nicht würdig,, die ja ihr ganzes Sein auf die Erkenntnis , soziologischer Tendenzen und Prozesse sowie auf die Erforschung wirtschaftlicher Zusammenhänge begründen will! Wer das. Wesen unserer politischen .Gegenwartsarbeit gleichsam mit einem f‘.lick umfassen will,, muß sich vor. allem den ' na t i o n a 1 - s o z i aj e n Charakter , derselben voll und ganz "ins Bewußtsein rufen. Nur ein jüdischer Nationalismus feinerer und subtilerer Art, der jenseits vom Chauvinismus und Kehille-Judentum sich jbewegt, kann isiegen. Nur ,ein Nationalismus, der durchtränkt ist von sozialen Momenten und der bei aller Erhaltung des spezifischen Charakters, der ganzen Eigenart und bunten Mannigfaltigkeit unseres Stammes doch überall an bleibende europäische Gesamtwerte und Kulturgüter anknüpft, kann wirklich erziehend und parteibildend wirken. Ich war der erste, der dies eingesehen hat Und man lese im Programme der damaligen jüdischen Volkspartei nach, wie ich schon vor 10 Jahren die Verknüpfung des Nationalen mit dem Sozialen, die Verbindung des Judentums mit dem „guten Europäertum“ gefordert habe. Eine so aufgefaßte, durch großzügige Tendenzen bewegte jüdische Politik bedarf aber ganz besonderer Vorbereitung. Da es aber lange währte, bis die Tragweite des politischen Gedankens vom Gesamtzionismus erkannt wurde, war man früher zur Gänze und ist man auch heute noch teilweise ungerüstet für diesen gewaltigen Kampf. Als das Kurienparlament im Sterben lag, rief der damalige Präsident des Landeskomitees eine politische Konferenz ein, bei welcher ich den Satz formulierte: „Wir sind gänzlich unvorbereitet zu einer Aktion großen Stils.“ Mah hat mir späterhin im engen Kreise diese Haltung als unkonseqüent vorgewbrfen. Ich sehe aber nicht ein, warum sich einer der Hauptbegründer und Initiatoren der jüdischen Politik in Oesterreich nicht darüber klar sein kann, daß -der bloße „Wi.lle zur Politik“ .noch nicht das ganze Rüstzeug und Arsenal hiezu schaffen könne. Die Entwicklung der Dinge hat mir leider, recht gegeben! Schuld aber an dem unfertigen Charakter unserer Bewegung sind nicht in erster Linie einzelne Persönlichkeiten, sondern die Verkennung des o rga nischen Charakters der Politik, überhaupt und die Jagd nach Augenblickserfolgen um jeden Preis. Wir müssen ilmlernen und haben in Westösterreich bereits zum Teile eine Umformung unserer Politik vorgenommen. Bei den Juden ist die Anschauung überaus stark verbreitet, daß die Taktik losgelöst von der Weltanschauung der Partei, vollständig getrennt von ihrem Programme und von ihren Prinzipien als Ding für sich zu betrachten sei. Diese Ansicht wird von vielen „Intellektuellen“ unserer Bewegung geteilt. Dennoch ist sie falsch. Die Taktik ist nicht dazu da, Unmögliches möglich zu > machen, Neubildungen zu schaffen, Umgestaltungen herbeizuführen. Der Taktiker ist kein Zauberer, der mit einem Griffe seines Stabes die Kräfte der Partei verzehnfachen kann. Wer derart einer falschen ' Anschauung' "über die Takfifc huldigt, der wird stets dort am ungeschicktesten sein, wö er am schlauesten zu sein wähnt. Der wird vor lauter Kunststückchen und elegantem Herummanövrieren den offen daliegenden, meist sehr geradlinigen Weg nicht gehen wollen, nicht betreten können. Der gute Taktiker soll kein politischer Taschenspieler und Zauberlehrling sein* sondern der Mann mit gesundem Instinkte, der den Parteiwillen mit geschicktem Griffe in die Praxis umsetzt. Nur wer Prinzipien in Kleingeld umzumünzen weiß, nicht wer Prinzipien ausweicht, ist der gute Taktiker. Die Taktik besteht nicht darin, Kraft vorzutäuschen, sondern bestehende Kräfteverhältnisse zu kodifizieren. Ich hege die feste Ueberzeugung, daß es sich bei derWiener Tagung zeigen wird, daß dieser Geist prinzipieller Taktik schon die meisten westösterreichischen Gesinnungsgenossen ergriffen hat. Ich habe vorhin mit Bedacht von „westösterreichischen“ Gesinnungsgenossen gesprochen. Denn die meisten galizischen Parteigenossen — unter dem einseitigen Drucke des Lemberger Zentralkomitees stehend — sind noch sehr entfernt von dieser „prinzipiellen Taktik“. Trotz aller Belehrungen durch die Tatsachen hält man in Galizien noch immer das Schwanken und Schlaureden für wirksame Politik. Ich muß es daher ablehnen, dem Rate eines galizischen Gesinnungsgenossen folgend, jetzt für die Einheit unserer politischen Organisationsformen zu plaidieren. Wie die Dinge jetzt stehen, würden die westösterreichischen Genossen nur die Verantwortung mittragen, ohne irgendwie einen nennenswerten Einfluß ausüben zu können. An dieser Tatsache kann alle Sympathie einzelner hervorragender Gesinnungsgenossen aus der galizischen Provinz für Wien nichts ändern. Die Einheit aller politischen Organisationsformen in Oesterreich wird uns in dem Augenblicke wie eine reife Frucht in den Schoß fallen, wenn die meisten galizischen Gesinnungsgeno ssen einse hen werden, daßRethorik und Kompromißsucht nicht die einzigen lebendigen politi-, sehen Kräfte sind. Ebenso wie es abgeschmackt wäre, das Unfertige unserer Bewegung zu verkennen, so würde es unangebracht, ja lächerlich sein, in einen Pessimismus zu verfallen. Dazu ist gar kein Anlaß vorhanden! Daß trotz allem politisch die Zukunft uns gehört, dafür mehren sich die Anzeichen und Symptome. Man denke daran, wie trotz verfehlter Taktik in Galizien auf den Gemeinderatserfplg in Ztoczow der in Tantopol gefolgt - »st.- Wirin- Westen stehen im Zeichen güifstiger Konjunktur. Dies zeigte sich schon bei den letzten Leopoldstädter Reichsratswahlen und die Bilanz der letzten Gemeinderatswahlen wird auch dem politisch kurzsichtigsten Juden die Erkenntnis schon beibringen, daß es mit der Renaissance des Wiener „JudenKberalismus“ endgiltig aus ist. Die bange Frage entsteht nun: Wird . man diese Konjunktur ausnützen? Werden wir endlich lernen, die prinzipielle Taktik auch in Einzelfragen richtig zu handhaben? Werden wir die Politik des unästhetischen, unwirksamen, darum „deplacierten“ Opportunismus aufgeben? Wie dem auch sein mag, sicher ist eins: ein fruchtbarer, allumfassender, synthetischer Zionismus bedarf der politischen Gegenwartsarbeit als des wichtigsten Instrumentes. Darum erneuern sich sogar im finsteren autokratischen Rußland die Versuche nach einer jüdischnationalen Betätigung in diesem Sinne. Ohne großzügige nationalsoziale, vom Geiste einer prinzipiellen Taktik durchtränkten Politik ist eine Renaissance des Judentums ein Ding der Unmöglichkeit. Die politifdie Roofetenz 9er ösfeivci» dUTdieiK Zionisten. Der endgiFtigen organisatorischen" Einigung der westösterreichüscben Zionisten, die zur Weihnachtszeit in Brünn erfolgte, folgt nodwendigerweise eine politische Konferenz der westösterreichjisdben Zionisten. Notwendigerweise — war doch seit Jahren die Frage nach dem! Ob und Wie der zu führenden jüdischnationalen Politik das Streitobjekt, um das die inneren Kämpfe der westösterretdhrSchfen Zionisten geführt wurden.