Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1912-05-23 · 21 (23.5.1912) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
21 (23.5.1912)
Date
1912-05-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438380-2438401--3023-2442752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 Der Rabbiner von Leipnik. Vor einigen Tagen noch mußte er sich über Auftrag seinen Kopf darüber zerbrechen, wie dem deutschen Volke durch planmäßige Erziehung der Juden geholfen werden könne. Wie man die Jugend erziehen müsse, um deutsches Nationalbewußtsein, deutsches Empfinden in ihr wach zu erhalten, um in weiterer Konsequenz Mähren vor den Tschechen zu schützen usw- Es wurde ein diesbezüglicher Ausschuß gebildet, in welchem neben dem deutschradikalsten Antisemiten, neben fanatischen Judenfressern, die Leipniker Oberjuden und ihr Rabbiner Platz gefunden haben, damit man es den germanischen Wickelkindern doch irgendwie ermöglicht, stramme, deutsche Antisemiten zu werden. Kurz darauf stirbt der ausgezeichnete Jude, der treue, der fromme Sohn seiner Gemeinde, der jüdische Wohltäter, der für das Judentum immerhin etwas war und etwas geleistet hat. Natürlich kommen sie alle, die '„deutschen Juden von Leipnüc“ zur Beerdigung und ihr Rabbiner, der sich so vorzüglich zur „deutschen Amme“ eignet, trieft über von Judentum, von der Reinheit und dem Idealismus unseres Volkes und seiner treuen Söhne. .... Ja „meine Herrschaften, ein Rabbiner muß so und auch so können, soll er Leipnik würdig repräsentieren . . . S. Eta taterutew mit Professor Werner Sombarf. Professor Werner Sombart -ist wegen seiner Ansichten über die Zukunft der Juden Gegenstand heftiger Angriffe seitens der Assimilanten gewesen. Man verschrie ihn als Antisemiten und warf den Zionisten vor, daß sie diesen ausgesprochenen Judengegner als Sturmbock im Kampfe gegen ihre eigenen „Glaubensgenossen“ gebrauchen. Namentlich in Wien feierte diese Sombarthetze wahre Orgien. Gelehrte Rabbiner und hochmögende Kultusgewaltige zogen gegen Sombart und die Zionisten zu Felde. In Deutschland war es hauptsächlich der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, welcher die Sombarthetze inszenierte und Um die Beweiskraft der Sombartsdhen Ansichten zu erschüttern, das Gerücht ausstreute, Sombart sei den Zionisten wegen der Honorare für seine Vorträge dienstbar. Auch seine Reise nach Galizien, behaupteten die ehrenwerten Herren, hätte Sombart nur um materieller Vorteile willen unternommen. Ein Mitarbeiter des „Frankfurter Israelitischen Familienblattes" sah sich wegen dieser böswilligen Ausstreuungen veranlaßt, Professor Sombart zu interviewen. Nachstehend sei ein Auszug aus dem interessanten Interview wiedergegeben : Interviewer: Welchen Eindruck hat Galizien auf Sie gemacht? Sombart: Ich hätte es mir schlimmer vorgestellt. Besonders die große Zahl der intelligenten Juden — ungefähr Vi aller — hat mich gewundert. Die starke jüdisch-nationale Bewegung — viel stärker, als ich es mir vorgestellt hatte — hat mir sehr imponiert. So viel Begeisterung, so viel Idealismus! Diese Bewegung tritt nach außen durch das Hebräischlernen in die Erscheinung. Die Jugend lernt mit großer Begeisterung hebräisch; junge Leute und junge Mädchen sprechen auf der Straße hebräisch mit einander. Es ist eine Jugend, die jedem aufrichtigen Menschen Achtung und Bewunderung abringen muß. Interv.: Hat Ihre persönliche Bekanntschaft mit den galizischen Juden etwas in Ihren Ansichten betreffs der jüdischen Frage und deren Lösung geändert? Somb.: Im Gegenteil, der Eindruck, den ich von den Juden Galiziens mitgenommen habe, ist ein sehr guter. Ich fühle große Achtung für sie und halte sie für wertvoller und interessanter als [unsere deutschen Juden. Alles,;was_ ich früher nur theoretesch gedacht habe, hat mir jetzt die Praxis bestätigt. Interv.: Was sagen Sie zu den Angriffen auf Sie? Somb.: Ich bedaure sie, aber ich begreife sie. Es ist doch selbstverständlich, daß ich den assimilierten Juden sehr unbequem bin. Alle ihre Luftschiffe und phantastischen Gedanken zerstöre ich. Ich habe von vornherein ihre Bekämpfung erwartet; aber ich rechnete auf einen ehrlichen, würdigen Kampf. Aber ihre Kampfesmethoden sind ganz andere, als wenn ich gar nicht existierte. Meine Vorträge befiehlt man zu boykottieren. So die Rabbiner von der Kanzel herab. Gegen solche Kampfesmethoden kann sich kein anständiger Mensch verteidigen. Interv.: Sie sollten das Judentum zu einseitig als Lehre des Kapitalismus, als ständige Zweckbedingtheit hingestellt haben. Somb.: Man vergißt, daß ich nicht ein Buch über das Judentum im allgemeinen, sondern über den Einfluß auf das Wirtschaftsleben geschrieben habe. Ich habe dabei speziell die juridisch-ökonomischen Anschauungen vom Judentum behandelt; ich weiß sehr wohl, daß . im Judentum noch N ESTLE Kindermehl. Altbewährte Nahrung für gesunde u.kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet u.beseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe. Darmkalarrü Preis per Dose K!80,erhältlich in jeder Drog.u.ApoIfi viele andere Anschauungen und Ideen vorhanden sind. Auch der Chassidismus ■ ist nicht materialistisch: Aber das hat doch keine Beziehungen, zur Wirtschaftslehre. Interv.: Auch die jüdischen Zitate Ihres Buches sollen nicht richtig, sein! Haben Sie die Kritiken gelesen? Somb.: Einige habe ich bekommen. Diese Vorwürfe kommen von deutschen Rabbinern. Aber die deutschen Rabbiner halte ich zum großen Teil nicht für kompetent, über das Judentum zu urteilen, besonders aber die Reformrabbiner, die aus dem Judentum ein gutes Christentum machen wollen. Was haben diese Herren auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums geleistet? Es ist möglich, daß in meinem Buche das eine oder andere Zitat falschist; damit ist jedoch' nicht gesagt, daß nun alles falsch ist. Aber die ganze Niedertracht dieser Art Kritik liegt darin, daß man nur jenen Teil, wo ich über das Judentum schreibe, kritisiert; wer das Buch gelesen hat, weiß aber, daß man diesen Teil, der ein Teil für sich ist, ruhig beiseite legen kann und doch die ganze Theorie von dem Einfluß der Juden auf das Wirtschaftsleben dieselbe bleibt. Diese Art Kritik ist nicht zufällige, sondern gut berechnete Niedertracht. Interv.: In der hebräischen Presse ist Ihr Buch ganz anders beurteilt worden. Nur einige Artikel von Dr, Bernfeld machten eine Ausnahme. Somb.: Ja, Dr. Bernfeld? Ich kenne ihn!. Während ich das Buch schrieb, habe ich ihn einige Mal gesprochen; ich habe sogar manches Material von ihm erhalten. Ich hatte ihm s. Zt. alle Hauptgedanken meines Buches mitgeteilt, und er hat ihnen zugestimmt. Daß er mich jetzt hinterrücks überfällt, muß mich im besten Falle wundernehtnen. ParteisHachrichten. Zentralfond. tingänge für den Zentralfond vom 13. bis 20. M ai 1912. Böhme n; (Aussig) „Theodor Herzl“ K 40.—, Jos. Fischl K 10.—, (Prag) Beamtenverein K 63.99, Rob. Guttmann K 3.30. — Summe K 117.29. ln'ne rösterreich (Wien) Dr. Fritz Ekstein, Richard Bauer ä K 10.—. Mähren und Schlesien: (Freudenthal ) Max Goldberger K 20.—, Berthold Berl. Fritz Marburg ä K 10.—, Max Konstanolt K 5.—, Ungenannt -K 4.— und K 1.—, Malwine Marburg K 1.—, diverse kleine Spenden K .15.—. (Proßnitz) Richard Kunz K 7.—,. Jös. Grabscheid K 5.—, Leo Bergl, Wilh. Klein, Sal. Kleiner, Dr.Weißmaim ä K 2.—. Summe K 86.—. Gesamteingang aus Westösterre/ch K 4867.34 (Böhmen K 1992.94, Innerösterreich K 2077.70, Mähren und Schlesien K 196.70). Illuminations-Karten am Jahrestage des Todes Dr. IHerzIs. Einer Anregung unserer Gesinnungsgenossen vom Vereine .Theodor iHerzl“ in Drohobycz folgend, beabsichtigen wir anläßlich des bevorration bezahlt werden sollten. Gelang ihnen dagegen die Operation nicht, dann erhielten sie nicht nur keine Vergütung, sondern sie sollten sogar noch bestraft werden. Wenn der Patient an der Operation starb, dann mußte nach der Regierungsverfügung der arme Operateur mit dem Verlust beider Hände bestraft werden, damit er nicht aufs neue in die Versuchung komme, andere Menschen durch seine schlechte Behandlung zum Tode Zu befördern. Es sind auf den Steinen noch eine Menge anderer Bestimmungen gefunden worden, die besagen,_ welche Medikamente die Aerzte benutzen dürfen, da anscheinend damals Apotheken noch nicht vorhanden gewesen sind. Die Inquisition in Sizilien. Aus bisher unveröffentlichten Aktenstü ken der Archive in Palermo, die V. La Mantia in einer soeben erscheinenden Publikation zugänglich macht, ersehen wir folgende Daten. Das Sanctum Officum des Ketzergerichtes wurde in Sizilien von Ferdinand dem Katholischen eingerichtet und bestand von 1487 bis 1732 ohne Unterbrechung fort. Der Eifer der Inquisition richtete sich anfänglich fast ausschließlich gegen die neu-, aber nicht genügend getauften Juden, — judaisierende Neophyten heißen sie in den Akten —, wie den die Autodafes in Palermo 1487 mit einer Judenverbrennung einsetzen. 1492 vertrieb die spanische Regierung die gesamte, sehr zahlreiche und begüterte Judenschaft. Erst nn Jahre 1529 tauchen in den Akten die ersten Opfer des Protestantismus auf. Einem Deutschen, David Chenich (König?) wird im Jahre 1617 vorgeworfen, er sei gleichzeitig Calvinist, Jude, Anhänger neuer Sekte und Lutheraner. Allmählich treten immer häufiger neue Formen der Häresie auf, wie die Molinisten und Quietisten, weiter Anhängerdes Islam und -Freimaurer, während die Akten merkwürdigerweise keinen einzigen Vertreter des Jansenismus aufzählen. Je mehr die Gerichtsbarkeit der Inquisition Vergehen wie Hexerei und Zauberei oder gar den Ehebruch zu bestrafen unternimmt, umso rascher verfällt sie der allgemeinen Verachtung, die den Anfang ihres Endes bezeichnet. Als indessen 1732 der Vizekönig, ein Marchese Caraccioli, der als Gesandter in England und Frankreich gelebt und die Ideen der Aufklärung in sich aufgenommen hatte, das Inquisitionstribunal trotz des Einspruches der Geistlichkeit und des Adels feierlich aufhob, verhielt sich das Volk völlig gleichgültig. Erst eine spätere Legende wollte wissen, daß an dem Freudentage der Aufhebung des 'Ketzergerichtes das .Volk in 'einer -Aufwallung humanen Gefühls die Prozeßakten und Marterwerkzeuge zu einem Haufen geschichtet und und verbrannt hätte, was mehrere Tage hindurch gewährt habe. Aus einer Bittschrift, die der Senat von Palermo an Ferdinand IV. gelangen ließ, geht nämlich so ziemlich das Gegenteil einer humanen Gesinnung hervor. Der Senat versagte es sich hier nicht, das Verlangen der Richter nach Beibehaltung des heiligen Offiziums nachdrücklichst mit idiem Hinweise darauf zu unterstützen, daß durch die Aufhebung der Inquisition einer Reihe der angesehendsten Männer ihr ehrliches Brot und ihr Unterhalt entzogen werde. (!! JOie Bittschrift hatte keinen Erfolg. Die Gefängnisse öffneten sich und das Tribunal, das mit Bildern aus dem Leben' des heiligen Peter von Arbues, der rechten Hand des Großinjquisitors Torquemada, und Darstellungen des Autodafes geziert war, wurde geschlossen, worüber der Vizekönig seinem Freunde d'Alembert in einem Schreiben Mitteilung machte. Den Galawagen des Inquisitors schenfte der Marchese dem Palermitanisdhen Senat. Die Juden in Italien. Die Zahl der Juden in Italien ist in auffallendem Rückgänge begriffen. Im Jahre 1870 hatte Italien hoch' eine jüdische Bevölkerung von 300.000 Seelen. Diese Zahl hätte bis heute schon auf Grund der natürlichen -Vermehrung um' die Hälfte höher sein müssen. Ja der Tat gibt es aber heute in Italien nicht mehr als 150.000 bis 170.000 Juden. Was ist mit dem Rest geschehen-? Sie sind teils durch- Mischehen, teils durch Tauten Im Christentume aufgegangen. Noch' auffallender ist der Rüdkgang jn einzelnen Städten. So war Pisa, modh vor nicht allzulanger Zeit das Zentrum jüdischer Wissenschaft. Es hatte eine angesehene jüdische Bevölkerung mit berühmten Schulen und einer weltberühmten Gemeindedruckerei. In dieser Druckerei, die Eigentum der jüdischen Gemeinde ist, wurden die verläßlichsten Talmudausgaben und andere Werke jüdischer Wissenschaft hergestellt. In den letzten Jahren mußte jedoch die jDruckereileitung die Erfahrung machen, daß die Nachfrage nach hebräischen Arbeiten und Druckschriften immer geringer wird und die Rentabilität der Druckerei immer mehr sinkt, weshalb jsie begann, immer mehr italienische Druckschriften herzustellen. Diese einst weltberühmte jüdische Druckerei hatte nun in jüngster ‘Zeit so viele Schwierigkeiten durdhzumachen, daß die Regierung sich veranlaßt sah, einzugreifen und die Druckerei zu übernehmen, wodurch sie den hebräischen Charakter vollständig einbüßte. So ist es in Italien, das einst die ganze Welt mit hebräischen Schriften versah^ heute dahin gekommen, daß die italienischen Juden im ganzen Lande eine Subskription einleiten müssen, um ein Gebetbuch herausgeben zu können, und wahrscheinlich überhaupt gezwungen sein werden, den hebräischen Druck in Deutschland oder 'Rußland besorgen zu lassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.