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Jüdische Zeitung · 1912-05-23 · 21 (23.5.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
21 (23.5.1912)
Date
1912-05-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr, 21 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 ken, iweldhte in Galizien |und in der Bukowina Filialen Hinterhalten. Zu Zeiten des Geldüberflusses überschwemmten sie diese Provinzen mit Geldagenten und drängten Kredite auf. Jetzt ziehen sie ihre Guthaben rücksichtslos ein und gehen in ihrer Rücksichtslosigkeit go weit, daß sie nicht einmal die aus diesen Provinzen stammenden Einlagen im Lande belassen. In Angelegenheit der schweren Geldkrise in der Bukowina sprach1 Abg. Dr. Straucher in der Debatte über das Budgetprovisorium. In derselben Angelegenheit, jedoch mit besonderer Berücksichtigung. Galiziens, interpellierte der Abg. Reizes den Finanzminister. ' . * Im Kampfe der Ruthenen ium die ruthenische Universität stehen wir nationalen Juden ganz aut Seite der Ruthenen. Abg. Dr. S t r a u - eher gab dieser Meinung in entschiedenerWeise Ausdruck. Die galizischen Abgeordneten Breiter und Reizes stehen gleichfalls auf demselben Standpunkte und gaben dementsprechende Erklärungen ab. Empörend und die jüdischen Interessen schädigend ist die Haltung der Polenklubsjuden, welche entweder stillschweigend die ruthenenfeindliche Haltung der polnischen Politiker billigen oder — wie die zwei unmännlichsten, und ehrvergessensten Hausisraeiiten Löwenstjein und Gail — polnische Deputationen empfangen und Fürsprecher des polnischen Chauvinismus sind.' Allerdings Wissen die Ruthenen, daß das jüdische (Volk nicht hinter den jüdischen Mandatsräubern des Polenklubs steht und die Verantwortung für diese Lakaienseelen entschieden ablehnt. Tätlicher Antisemitismus. Die antisemitische „Deutsche Kultur“ (Berlin) schreibt in einer Artikelserie über die erfolgreiche Bekämpfung der Juden unter obiger Spitzmarke: „Die Diener gedeihen in Deutschland am besten, sagte Heine damals. Heute würde er vielleicht das von seinen Landsleuten, den Juden, sagen. Vielleicht liegt das Gedeihen der Juden in denselben deutschen Charakterzügen begründet, die das Gedeihen der Diener in/Deutschland fördern. Doch' das will ich' heute nicht untersuchten. Zweifellos gedeihen von allen Rassen und Völkern, die die Hohenzollern unter ihr Szepter gebracht haben, die Juden am besten. Wir beneiden sie nicht darum, denn wir sind nicht neidisch' veranlagt. Suum cuique. [Man hat den Juden wahrhaftig nichts geschenkt, weder in Deutschland, noch andersw o. Sie haben sich ihre beherrschende Stellung erkämpfen müssen unter den erschwerenden Umständen natürlicher Antipathien. Wir wissen üb¬ Kleines Feuilleton. Die beimflRhten und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. Unter diesem Titel ist, verfaßt von Dr. Jakob Segall, Heft 9 der Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden soeben erschienen. Die deutschen Juden, welche nur ein Prozent der Reichsbevölkerung ausmachen und deren Gesamtzahl nur 600.000 beträgt, sind trotz ihrer geringen Zahl ein (wichtiger Faktor im Wirtschaftlichen Leben Deutschlands, und‘ebenso, im Gesamtleben des jüdischen Volkes. Die Studie Segalls kommt daher einem dringenden Bedürfnis entgegen. Bemerkenswert ist schön die bloße Bevölkerungsbewegung. Die Zunahme betrug 1900—1905 nur 3.88 Prozent gegen 7.58 der Gesamtbevölkerung trotz der fortwährenden Auswanderungen. Hier kommt einerseits die abnehmende Kinderzahl, anderseits die erschreckend anwachsende Taufbewegung zum Ausdruck, bi der Binnenwanderung zeigt sich der bekannte Zug in (die Großstädte. Von (100 Juden Sn Preußen wohnten in größeren Städten 1885 46.17%, 1910 71.62%! Die Zahl der Mischehen in Preußen war 1875 277, 1909 740! Bezüglich1 der Berufstätigkeit ist die Zahl der Erwerbstätigen stark gestiegen. Bei den Männern von 56.6 auf 65.2% bei den Frauen von 9.0 auf 18.4%! Die Verteilung auf die Hauptberufsgruppen war: (die Ziffem der Gesamtbevölkerung in Klammer) Landwirtschaft 1% (28.7) Industrie und Gewerbe 22.6 (42.7) Handel und Verkehr 55.2 (13.4) Häusl, Dienste, Lohnarbeit 0.3 (1.3). öffentliche Dienste und freie Berufe 6.6 (5.5), Beruflose, Selbstständige 14.2 (8.4). Im Handel ist die perzenhielte Zahl der Juden stark zurückgegangen. Segall führt das hauptsächlich auf die Konzentration im Waren- (Warenhaus) und Geldhandel (Großbanken) zurück. Dagegen ist die Zahl der erwerbstätigen Juden in der Industrie sehr stark gestiegen. Eine beträchtliche Zahl von jüdischen rigens auch1, warum die Juden gedeihen. Sie sind anpassungsfähiger, nüchterner, disziplinierter, auch1 gewissenloser in Bezug auf die, die nicht ihresgleichen sind, im allgemeinen ehrgeiziger als wir, alles Tugenden, die das Leben braudht und zu würdigen weiß, namentlich im Handel, in den Berufen, die abseits liegen von den Futterkrippen des Staates. Dem Durchschnittsjuden wird man eher Kredit geben können, als dem Durchschnittsgermanen, denn die jüdischen Tugenden garantieren den geschäftlichen Erfolg besser. Und für den Kredit ist der Erfolg wichtiger als die persönliche Biederkeit. Der Durchschnittsgermane unterliegt bei gleichen Bedingungen dem Wettbewerb mit dem Durchschnittsjuden. Woran das liegt? Zum Teil gewiß daran, daß der Jude, wie gesagt, weniger unmäßig ist im Genuß «alkoholischer Getränke. Der Deutsche verwässert sein Blut in den täglichen Biergelagen. Sein Gehirn wird von verwässertem Blute durchströmt. Er leidet an allgemeiner Herzschwäche. Der mit dem Bier aufgenommene Wasserbaiast seines Blutes ertötet seine Energie, seinen Uebermut. Im Biergelage wägt er und die Ernüchterung nimmt ihm den Mut zum Wagnis. Erst trinke — dann wage, so heißt es allgemein. Es ist darum kein Zufall, wenn die nüchternen Juden die Herrschaft in Deutschland an sich gerissen haben. Wohl ihnen, es ist ihr Verdienst! Wir beneiden sie nicht darum, aber wir haben erkannt, Welche Bedingungen zu erfüllen sind, um uns von dieser Herrschaft zu befreien. Wir wollen mns die (Tugenden der Juden hneignen und unsere Laster ablegen. Wie wir die Sümpfe entwässern, damit sie Frucht tragen — so wollen wir auch unser Blut durch Nüchternheit vom Wasserballast des Bieres befreien, um so wieder die Kraft zum genauen Wägen und den Mut zum Wagen zu gewinnen. Weg mit dem Bier, dem Alkohol. Das ist die erste Bedingung für unseren Sieg im freien Wettbewerbe mit den Juden.“ — Dieser Artikel Wird wohl manchem teutonischen Judenfresser nicht behagen. Znm Tode Oauid von Guttmanns. Der Herr Generaldirektor. Als Baron Albert Rothschild auf der Bahre lag, sollte im Witkowiczer Werkshotel, dem Besitze der Gewerkschaft ein Werkmeisterball stattfinden. Der Werksekretär erklärte der fragenden Deputation, daß zwischen Tod und Beerdigung des Firma-Mitchefs selbstverständlich kein Ball von Angestellten abgehalten werden könne. Die Werkmeister klopften nun wegen des Balles beim Generaldirektor Schuster an. Dieser dachte nicht daran, der gemütsrohen Horde die Tür zu weisen, sondern bewilligte die Abhaltung des Balles. Derselbe fand auch am Vorabende des Begräbnistages Baron Alberts statt, im Werkhotel, welches Roth - schild-Gutmann’sches Besitztum ist, Ebenso wenig machte dieser sattsam bekannte Generaldirektor jetzt wieder Anstrengung, um gelegent- Erwerbstätigen (ca. 40.000) zählten zum Handwerk. Was die freien Berufe betrifft, so gibt es in Deutschland keinen einzigen jüdischen Offizier. Dagegen war ihre Zahl unter den höheren Staatsbeamten 1.93, also doppelt so groß als Ihre perzentuelte Zahl gegenüber der Gesamtbevölkerung. Unter den 739 „höheren Hofbeamten“ findet sich natürlich kein Jude. Ueber die Zurücksetzung!der Juden im Justizdienste zitiert Segall nach Breslauer: In Preußen werden zu den Dirigentenstellen im Justizdienste Juden jucht zugelassen, trotzdem ihre Befähigung daraus hervorgeht, daß die getauften Juden durchschnittlich bessere Carriere machen, als die Christen. Es gibt keinen jüdischen Staatsanwalt, beim Reichsgericht keinen jüdischen Rat, auch in Bayern ist kein Jude Direktor oder Präsident, von Sachsen ist natürlich keine Rede. Ebenso in den kleineren Staaten. Bei der Rechtsanwaltschaft machen die Juden 15% 1 aus. Die Zahl der jüdischen Lehrer nimmt ständig ab. In jüdisdhen Schuten gab es 1906 noch 6065 Schüler (gegen 8123 1896) Die Zahl der jüdischen Lehrer an den Mittelschulen Preußens ist: Ein einziger, dazu kommen noch 15 an höheren Mädchenschulen und 18 weibliche Kräfte, zusammen 36! In Preußen gibt es keinen einzigen jüdischen Schuldirektor. Dagegen sind in Bayern erheblich mehr Juden Mittelschullehrer. Was die Hochschullehrer betrifft, so gibt es im ganzen Ordinarien: 4 J/uristen, 6 jMediziner und 15 Philosophen, zusammen 25! (und 44 getaufte Juden), Honorarprofessoren 14 (get. 8), Extra-Ordinarien 53 (41), Privatdozenten 118 (get. 74). Was die soziale Schichtung betrifft, so sinkt auch' bei den Juden, wie bei der Gesamtbevölkerung die Zahl der Selbständigen, hingegen steigt die Zahl der Angestellten, mithelfenden Familienmitglieder und Lohnarbeiter, sowie die Zahl der beruftätigen Frauen. Bezüglich der Einkommenverhältnisse polemisiert Segall mit Sombart, dem lieh des Hinscheidens David v. Gutmann’s seinen Judenhaß zu verbergen: Er kam einfach nicht zum Leichenbegängnis seines Chefs! Er weilt in Karlsbad zur Kur, welche man doch nicht wegen der Beerdigung eines reichen Juden unterbrechen wird, selbst wenn es zufällig der Chef ist. Allerdings ist Schuster Selbstherrscher und tut was er will. Aber die wiederholten Beweise von Nichtachtung gegen die Werkbesitzer, die Verhöhnung auf der Bahre liegender Brotgeber, das ist so stark, daß zur richtigen Beleuchtung derartigen Vorgehens der landläufige Antisemitismus nicht mehr hinreicht! Dazu gehört schon ein glühender Rassenhaß, der vor keinen Konsequenzen zurückschreckt und keine Beleidigung der gehaßten Rasse für ausreichend befindet. Man hat schon geringerer Anlässe wegen eine Karlsbader Kur kurz unterbrochen. Aber eines toten Juden wegen.? §chuster hat Recht und kennt seine Leute. Er weiß, daß der jüdische Chef vor dem christlichen Angestellten katzebuckelt. Die Beschwichtigungsprozente. Die „Reichspost“, das Hauptorgan der christlichsozialen Partei berichtet über den Tod des „Kohlen-Gutmann“ und erzählt seinen frommen Lesern mit gefletschten Zähnen und rollenden Augen, von den Reichtümem die dieser Jude durch „raffinierte Ausnützung der Konjunktur“ angesammelt hat Er hat, sagt sie weiter, von diesen kollosalen Reichtümem, die er den Konsumenten aus der Tasche zog, einige Beschwichtigungsprozente in Form von Wohltätigkeitsakten der Allgemeinheit zurückerstättet. Merkt es euch, ihr reichen Juden, die ihr immer so besorgt seid, eure Feinde zu beschwichtigen! Beschwichtigungsprozente müßt ihr zahlen, wenn man euch etwas milder — verhöhnen soll. Aber eine kleine Frage: Wo sind die Beschwichtigungsprozente der Fürsten Liechtenstein, Schwarzenberg, Thun und all der anderen Fürsten, Grafen, Barone und sonstigen Hochadeligen reinsten katholischen Wassers, die aus immensen Indusstrie-Unternehmungen Nutzen ziehen, elende Gehälter und Löhne zahlen, keine Wohlfahrtseinrichtungen errichten und bestenfalls für das Seelenheil besorgt sind? Wo sind die katholische^ Wohltäter und ihre Beschwichtigungsprozente? DOPPEL-MALZ- Austria-Brauerei Wien-Neudorf. er zahlreiche Fehlerquellen nachweist. Segall ist der Meinung, daß die deutschen Juden den Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen Entwicklung bereits überschritten haben. Zum Schluß untersucht er in einem _ interessanten Kapitel den Frauenerwerb. Die Schrift Segalls ist .überaus instruktiv, weil er mit scharfer Logik alle willkürlichen Folgerungen aus statistischen Zahlen bekämpft und überall (so besonders bei der Frage der Bevölkerungsbewegung, der Fruchtbarkeit, des Einkommens) nachweist, daß die besondere berufliche (und soziale pliederung (des Juden ihr Altersaufbau etc. es unmöglich macht, ohne jede Einschränkung die (Ziffern der (jüd. Statistik mit jenen der allgemeinen in direkten Vergleich zu ziehen. Chirurgen im alten Babylon. Französische Forscher haben kürzlich bei den Ausgrabungen im alten Babylon eine sehr interessante Entdeckung gemacht Die Arbeiter haben nämlich Steine ans Licht gefördert deren Inschriften ungefähr 3000 Jahre alt sind und bemerkenswerte Aufschlüsse über die Vergütungen geben, welche zu jener Zeit die Aerzte, insbesondere die Chirurgen, erhielten. Die Preise, die anscheinend von der Regierung festgesetzt worden waren, müssen recht mäßig genannt werden. So wurde z .B. eine Operation „mit dem Messer“ mit 12 Schekel Silber bewertet Diese Münze ist aus der Bibel bekannt und 12 Schekel betragen 12 Mark. Seihst wenn man den Wert des Geldes von damals in Betracht zieht, ist das keine hohe Bezahlung. Das Einrichten eines gebrochenen Beines kostete 6.S0 Mark. Für das Ziehen eines Zahnes wurden 4 Silberschekel festgesetzt. Auf denselben Steinen ist zugleich eine Verfügung zu lesen, die uns heute sehr humoristisch berührt. Der König hat nämlich im Anschluß an die Preisliste die Bestimmung getroffen, daß die Chirurgen nur für das Gelingen einer Ope-

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