Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 21 (23.5.1912)
- Date
- 1912-05-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 Nun scheint aber den Herren Deutschnationalen die Schmälerung ihres Rechtes auf straflose Beleidigung jüdischer Studenten (unerträglich' geworden zu sein. Sie arbeiten daran, dieses Recht wieder in vollem Umfange aufzurichten und der akademische Senat (der Wiener Universität leistet hiebei hilfreiche Dienste. Vor einigen Tagen wurden jüdische Studenten in den Räumen der Universität beleidigt. Sie haben die Beleidiger gestellt und den Bescheid erhalten, daß ein echter deutscher Mann einem ehrlosen Juden nicht Rede und Antwort stehe. Sie haben darauf die Beleidiger gezüchtigt, wurden angezeigt und relegiert Dem akademischen Senat steht das Recht zu, über Ruhe und Ordnung in der Universität zu wachen und die Störer unnachsichtlich zu bestrafen. Die jüdischen Studenten haben sich gegen die Ordnung vergangen, wir verlangen für unsere Jugend nicht das Recht, die Universität durch Prügeleien entweihen zu dürfen, aber wir fragen: Warum wurde gegen ihre Angreifer nicht in gleicher Weise vorgegangen? Ist das akademische Gerechtigkeit, die nur den Beleidigten und mutwillig Gereizten trifft und dem Provdkateur gegenüber Milde walten läßt? Wenn man in der Universität gchlägt, ist es ein Verbrechen, ist es aber nicht ein zumindest ebenso großes Verbrechen, wenn man in den Räumen der Universität frank und frei verkündigt, daß ein ganzer österreichischerVolksstamm von Geburt aus ehrlos und -vogelfrel ist? Das ist keine akademische Gerechtigkeit, das ist eine (Farce. Das ist eine aus dem Russischen ins Deutschnationale übersetzte grausame Komödie! Zudem hat der Senat noch verkündet, daß in Zukunft auch jene jüdischen Studenten relegiert werden, die sich außerhalb der Universität wehren! Sechzehn Jahre wird der Waidhofener Beschluß getreulich befolgt und sechzehn Jahre hat die jüdische Bürgerschaft geschwiegen. Sie hat es den Studenten und kleinen national fühlenden Kreisen ruhig (überlassen, gegen ein schmachvolles Unrecht anzukämpfen, das der ganzen Gemeinschaft zugefügt wird. Wenn man es gewagt hat, die prahnende Stimme zu erheben, ist man auf (eisige Gleichgiltigkeit gestoßen, wenn es ging, erhielt man die Antwort: „Wo ist das große Unglück? Weil die paar antisemitischen Lausbuben uns für ehrlos erklären! Werden sich halt die jüdischen Studenten nicht mehr duellieren!“ Es ist hoch an der Zeit, allen Juden, die so sprechen, die gebührende Aufklärung zuteil werden zu lassen. Besehen wir uns doch die paar „antisemitischen. Lausbuben". Suchen wir doch die Leute, welche in Waidhofen die angebome Verderbtheit und Ehrlosigkeit aller Juden dekretiert haben! Sind sie gestorben und verdorben, im Zuchthaus oder auf der Gasse verkommen? Wo finden wir sie? Im Gerichtssaal, ja, aber sie sitzen nicht auf der Anklagebank, sondern im Richterstuhl und auf der Geschworenenbank. Bei der Polizei finden wir sie, aber nicht im Arrestlokal, (sondern als hohe behördliche Funktionäre, als Hüter des Rechtes und der Ordnung. Im Abgeordnetenhaus', auf dem Ministerfauteuil. Dort sitzen die von Karpeles und Schlesinger so verachteten Lausbuben! Sie beherrschen unser öffentliches Leben. Aus den Kreisen der deutschnationalen Studentenschaft rekrutiert sich der hohe Beamtenstand, sie liefert Richter, Politiker. Und wenn wir bedenken, daß all diese Leute im Geiste des Waidhofener Beschlusses erzogen sind, muß uns vor diesem Geiste nicht angst und bange werden? Glauben Sie denn wirklich, daß einer bloß Richter zu werden braucht und sofort seine ganze Erziehung vergißt. Glauben Sie wirklich, daß einer, der 30 Jahre lang im Juden etwas Aergeres gesehen hat, als ein Vieh, als Richter im angeklagten oder klageführenden Juden sofort den ehrliebenden Menschen erblicken wird? Glauben Sie nicht, daß es höchste Zeit ist, dagegen zu protestieren, daß unter dem Schütz der akademischen und öffentlichen (Behörden in und außerhalb der Universität das Waidhofener Evangelium gepredigt werden darf, daß sich mit behördlicher Bewilligung Korporationen bilden, die dem Grundsätze huldigen, daß alle Juden schmutzige Bestien sind und daß sich diese Verbände der Protektion eines hohen Professorenkollegiums erfreuen? Und noch eines den Herren, die die ganze Sache so hinstellen wollen, als handelte es sich da um rein studentische Säbelgeschichten. Ihnen sei gesagt, daß heute die Mehrzahl der jüdischen Studentenschaft absolut nicht dem Duellprinzip huldigt und nur deshalb (die Waffe führt, weil sie das Märchen von der angeborenen jüdischen Feigheit zerstreuen will. Ob sie praktisch1 handelt, sei dahingestellt, aber keinesfalls verdient sie es, daß man sie um dieser Absicht willen im Stiche läßt. Und dann darf man ja eines nicht vergessen: die (Satisfaktionsverweigerung ist doch nur eine einzelne Konsequenz des Waidhofener Beschlusses. Sie erschöpft aber nicht seinen Inhalt. Das (Wesentliche ist die Konstatierung, d aß der Jude ehrlos auf die Welt kommt. Und diese schimpfliche Konstatierung trifft doch alle Juden, nicht nur diejenigen, (die Anhänger des Duellprinzips sind! Sie trifft jeden jüdischen Sohn, jede jüdische Mutter, jeden jüdischen Vater. Ehre ist doch picht etwas, was nur der Offizier Und .Student braucht. Auch der Kaufmann und Arbeiter Wird zum niedrigen Subjekt, wenn er aut Wahrung seiner persönlichen Ehre verzichtet. Zur Wahrung des Ehrbegriffes ist aber vor allem das jüdische Volk verpflichtet, mehr vielleicht als jedes andere! Es ist direkt Lebensbedingung für uns, daß wir eine Jugend heranziehen, die den nationalen (Ehrbegriff hoch hält; die keinen Angriff unerwidert und alles außer Acht läßt, (wenn es gilt, dem jüdischen Namen Achtung zu verschaffen! Wepn wir nicht alles aufwenden, um unsere Jugend in diesen Grundsätzen zu erziehen und ihnen ihre Befolgung ermöglichen, dann wird das jüdische Volk der Zukunft ein sittlich verwahrlostes und verkommenes Geschlecht von Ueberläufern und Sklaven sein, ein Geschlecht, das Wert ist, daß es zugrunde geht!“ Der nächste Redner, stud. techn. Freundlich hob hervor, daß ,das jüdische Bürgertum seine Studentenschaft nicht genügend unterstütze. In den meisten von Juden h’errührenden Stiftungen, Wie im „Rudolfinum“, das dem Juden Pollak von. Rudin sein Entstehen verdankt, machen sich deutschnationale Studenten breit und treiben ihre Frechheiten so weit, daß sie an die Türen ihrer Zimmer Aufschriften „Juden und Hunden ist (der Eintritt verboten“ anbringen. Herr stud. jur. M. W a 1 d m a n n verweist darauf, daß in letzter Zeit an allen österreichischen Universitäten 'gegen die jüdische Studentenschaft scharf vorgegangen werde. Der Schluß, daß die rigorose Behandlung der jüdischen Hochschüler auf höheren Befehl 'zurückzuführen sei, ist daher vollkommen berechtigt. Als letzter Redner sprach der Reichsra'.sabgeordnete Dr. Strauche r. Er erinnerte daran, daß das offizielle Judentum im Kampfe der jüdischen Studentenschaft um ihre primitivsten Rechte beiseite stehe. Er schilderte in lebhafter Weise den Kampf der jüdischen Studentenschaft um die Anerkennung der jüdischen Nationalität und brachte die in Czernowitz aus nichtigen Gründen vorgekommene ungerechte Re- Iegierung jüdischer Studenten in Erinnerung. Die Ursache dieser Kämpfe um (selbstverständliche Rechte liege in der .Tatsache, daß die Juden unter dem Deckmantel einer Lüge emanzipiert wurden. Würden die Juden im Staate die Gleichberechtigung als Nation genießen, so wäre die Stellung der Juden und der jüdischen Studenten eine ganz andere. Mit einem warmen Appelf, die Studentenschaft in ihren Bestrebungen zu unterstützen und sich auf jüdischnationaler Basis zu organisieren, schloß Dr. Straucher seine ausgezeichneten Ausführungen. Zum Schlüsse verlas Gg. Herr Arnold IReich folgende Resolution, welche einstimmig angenommen wurde: Die am 18. Mai im Hotel Continental tagende jüdische Massenversammlung nimmt mit Entrüstung zur Kenntnis, daß seitens des akademischen Senates Wiens jüdische Hochschüler relegiert, ihrer Existenz beraubt (werden, weil sie sich’ gegen niedrige Beschimpfungen 'seitens deutschnationaler Antisemiten zur Wehre setzen, während ihre Beleidiger straffrei ausgehen. Sie erblickt darin eine krasse Verletzung der akademischen Gesetze, deren Tendenz Unmöglich die sein kann, die Beleidigten und systematisch’ in ihrer Ehre Gekränkten hart zu bestrafen, weil sie sich von begreiflicher Erregung haben fortreissen lassen, den Provokateuren aber Straffreiheit zuzusidiern. Die Versammlung erblickt in der Propagierung des berüchtigten Waidhofener Beschlusses, demzufolge der Deutsche Iden Juden als bin von Geburt (an ehrloses und niedriges Subjekt zu betrachten und zu behandeln hat, eine unerhört freche Beleidigung eines österreichischen Volksstammes. Auf dem Boden der Universität frank und frei betrieben, ist sie geeignet, die Hochschulen zu Brutstätten der Rohheit und Unmenschlichkeit zu lerniedrigen. Die Versammlung fordert die Behörden und die akademischen Senate auf, aus der bisher beobachteten und unverantwortlichen Reserve herauszutreten und unnachsichlich alle jene Personen und Korporationen zu verfolgen, die diese; unmoralische und den Staatsgrundgesetzen fliohnspreöhende Tendenz zu vertreten fwagen. Rundschau. Es ist eine schändliche Tatsache ... Der. sozialdemokratische Abgeordnete des deutschen Reichstages Ledebour besprach1 anläßlich der Debatte über die äußere Politik das iVerhältnis Deutschlands zu Rußland. Bei dieser Gelegenheit sagte er: „Ich (wende (mich besonders an die deutschen Juden. Es ist eine schändliche Tatsache, daß .die Helfershelfer des Zaren, die die russischen Juden ausrotten, mit Idem1 öelde (deutscher, jüdischer Kapitalisten bezahlt werden.“ Diese schonungslose, aber gerechte Kritik der jüdischen Finanzgrößen ist unsererseits oft geübt worden. Wir erinnern nur an 'den verstorbenen Ritter von TausSig, weither um' einiger Prozente (willen einen. Teil der großen russischen Anleihe in Wien placierte. Unvergessen wird auch die damalige Stellung der Wiener Kultusgemeinde zu Taussig, bleiben. Anstatt iihn mit Schimpf ,und Schande aus dem' Vorstand zu jagen und froh! zu sein, daß er, dem' Ansturm' der öffentlichen Meinung nachgebend, sein Vorstandsmandat niederlegte, drückte ihm die Kultusgemeindevertretung ihr Vertrauen .aus'. Leider ist der Fall1 Taussig »— wie Ledebours Aeußerung beweist — nicht vereinzelt geblieben. In der ganzen Welt sind die meisten jüdischen Millionäre so sdhamlos, Rußlands Regierung durch Kreditgewährung zu fördern. Diese Finanzgewalten sitzen oft in offiziellen' jüdischen Vertretungskörpern, sind Ehrenmitglieder jüdischer Organisationen und genießen in der jüdischen Gesellschaft Ansehen und Wertschätzung. Ihre Millionen aber gereichen (ihren Hausgenossen zum Fluche. Die Kreditgewährung an den Zaren ist nur eine Form’ der Schamlosigkeit der jüdisch'en Finanzbarone. Mit jüdischem Gelde wird der Euch'aristische Kongreß bezahlt; jüdisches Geld wird zur Erhaltung katholisch-antisemitischer Institutionen beigesteuert. Juden sind die ^eifrigsten Förderer des deutschen Schulvereines, Juden sind die Erbauer der verschiedenen „Deutschen Häuser“ und der Studentenheime, in welche Juden keinen (Einlaß finden. Juden sind Stifter von Stipendien, 'die antisemitischen Buben verliehen Werden. „Es ist eine schändliche Tatsache, daß die Feinde und Hasser des jüdisch'en Volkes mit jüdischem Gel'de bezahlt werden..,“ Aus dem Parlamente. Die schwere Geldkrise, welche auf dem wirtschaftlichen Leben in Oesterreich lastet, bedroht besonders die Existenz der jüdischen Handels- und Gewerbetreibenden in (den östlichen Provinzen des Reiches. Trotzdem es sich um Tausende Firmen handelt und die Krise geradezu katastrophalen Ausgang zu nehtnen droht, wendet die Regierung dieser Angelegenheit keine Aufmerksamkeit zu. Geradezu unverantwortlich ist die Haltung der Wiener Ban- NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLCHSAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais. — Versilbertes Kapital zirka 380 tliilionen. — Prämienreserue zirka 113 Millionen. — Billigste Prämien unö kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit lüditige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezüge. Auskünfte erteilt die Generalagentsdiaft Wien, I., Hspernplatz 1 (Beiter: Daoid Hebenzahl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subdirektion B5bl Taubes, fiemberg.