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Jüdische Zeitung · 1912-05-23 · 21 (23.5.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
21 (23.5.1912)
Date
1912-05-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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SSH Jf™*;JfJRf5CHE5 asm 555g | Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,StefaniestraBe Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und,4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgesteilt. — Abonnementspreise: Für Oester- _! ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 3.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjahr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. Telefon 22.075. ■ Nr. 21 Wien, Freitag, den 23. Mai 1912 VI. Jahrgang Pdfifie Konferenz Oer Ssterreittiftten Zionisten. In Ausführung!des Beschlusses des letzten Brünner zionistisdien Parteitages beruft der „Jüdische Nationalverein für Oesterreich“ die .'politische Konferenz der österreichischen Zionisten für Sonntag, den. 30: Juni 1912 nach Wien ein. Die Tagesordnung wurde folgendermaßen festgesetzt: . 1. PolStisfclhie und wirtschaftliche Lage der Juden und ihr Verhältnis zu den anderen Nationalitäten. Referenten: Dr. Hermann Kadisch, Ober-Ing. Robert Stricker. 2., Ausbau der Organisation. Referent: . Dr. Jakob Ehr ii clhi. Korreferenten: zwei Qg. aus. Böhmen und Mähren (Namen werden später bekanntgegeben). 3. Agitation |und Presse. Referent; Dr. Fritz Löhner. 4. Agitatioitsfbrids. Referent: Ing. Oskar .. Kramer. 5. Kulturarbeit. Die der Konferenz von den Referenten vorzulegenden Thesen werden in der nächsten Nummer dieses Blattes veröffentlicht werden. Der Vorstand des „Jiüd. Nationalvereines für Oesterreich“ Büro: II. Stefaniestraße 12. Eine j&öiftte Kraftprobe. In der vergangenen Woche sah' die Wiener Bevölkerung eine Demonstration jüdischer Würde und jüdischen Kraftgefühls, deren Eindruck überwältigend war. Die empörenden Vorgänge an den Wiener Hochschulen, die Verfolgung und Relegierung jüdischer HoChschüler, die es gewagt hatten, ihre Ehre zu verteidigen, idie unverhohlene Stellungnahme der akademischen Lehrer zugunsten roher, antisemitischer Buben, hatten tausende Bürger und Studenten in Erregung gebracht'und in den überfüllten Sälen des Hotel Continental versammelt. Die großartige Protestkundgebung bedeutet einen Sieg der jüdisChhationalen Idee, und liefert den Beweis, iwie fruchtbar die Tätigkeit des vor kurzem noch so kleinen Häufleins der Wiener "Zionisten gewirkt hat. Sie liefert den Beweis dafür, daß die iendgiftige Vereinigung der jüdischen Bevölkerung Wiens im zionistischen Lager nur mehr die Frage kurzer Zeit ist. Die Demonstration hat aber andererseits wieder den Beweis erbracht, daß diejenigen, die sich heute noch die Führung anmäßen, auch im größten Augenblick, jämmerlich1 klein bleiben. In einem’ Momente, da es um keine Parteiangelegenheit ging, sondern da es galt, eine KuftursOhande zu brandmarken, die Ehre hunderttausender österreichischer Staatsbürger zu schützen, traten liberale, freisinnige, jüdische Drahtzieher zusammen und beschlossen und verpflichteten sich die Aktion durch Boykott zu verhindern. Kein Wiener freisinniges Blatt Wollte auch nur die kleinste Voranzeige bringenl Das Resultat dieser edlen Bestrebungen war allerdings das Zustandekommen einer jüdischnational'en Versammlung, die mehr Köpfe zählte, als durch hundert liberale Leitartikel je zusammengebracht wurden. Unmittelbar nach der Blamage bei den Gemeinderatswahlen glaubten die Herren neuerlich' demonstrieren zu müssen, daß die Allmacht des freisinnig bedruckten Papiers dem «Ende entgegengeht. Auch die berufene Vertreterin der Wiener Juden, die Kultusgemeinde, schwieg und war nicht zu sehen. Da es sich wederum den Geburtstag noch1 uimi das iBegaeäfonis eines!Geldprotzen •mit getauften Kindern handelte, sondern lediglich! eine Bagatelle in Frage kam, die Ehre des jüdischen Volkes, war der Wiener Kultusvorstand unsichtbar und urihörbar. Die Feststellung genügt, eine Kritik ist überflüssig. Die vom zionistisdhen „Verbände ehemaliger Hochschüler“ einberufene Versammlung wurde vom Obmanne Oberingenieur Emil Fried mit einer längeren Ansprache eröffnet. Er schilderte die Vorfälle an der Universität und geißelte mit scharfen Worten die Uebergriffe der verrohten deutschnationalen Studentenschaft. In trefflicher Weise kritisierte er das Verhalten der offiziellen „israelitischen“ Kreise, welche immer ihr möglichstes geleistet haben, wenn es galt, ein den Juden angetanes Unrecht zu vertuschen und den Uebermut der Antisemiten durdh charakterloses Entgegenkommen zu stärken. Das Referat erstattete Oberingenieur Robert Stricker. Unter stürmischen Kundgebungen der Versammlung besprach er vorerst die Verwilderung des Lebens an den Hochschulen, welche ehedem Bollwerke aller edlen und freiheitlichen Bestrebungen waren. Er sagte u .a.: Wir können nicht mehr vom erfrischenden Hauch der Freiheit sprechen, welcher in den Mauern unserer Hochschulen weht, denn was uns in diesen Saal getrieben hat, ist gerade der Pesthauch der Roheit, Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit, welcher heute von der Wiener Universität ausgeht. Wie arm an Inhalt und wie seicht das akademische Leben geworden Jst, können ßie (am besten 'an den Kundgebungen dieses Lebens nach außen hin ermessen, an den sogenannten Studentendemonstrationen. Studentendemonstrationen waren früher gleichbedeutend mit Kämpfen gegen die Reaktion, gegen di? Unterdrückung. Die große Revolution des Jahres 18 War zum guten Teile eine solche Studentendemonstration. Wenn es galt, die Rechte des Volkes zu schützen, wurde demonstriert. Wofür aber wird heute demonstriert? Da war die große, blutige Kundgebung vor wenigen Jahren in Innsbruck. Deutschnationale Studenten haben die italienische Fakultät demoliert, dem Erdboden gleich 'gemacht, haben einem Volke die wertvollste iBildungsmöglidhkeit geraubt. Es war eine barba'rische Schandtat sondergleichen. Ci; deutschen Studenten von annodazumal haben ihr Blut vergossen, damit Schulen gebaut Werden, die deutschen Studenten von heute kämpfen, damit Schulen vernichtet werden. Wenn irgend ein österreichisches Minoritätenvolk Hochschulen verlangte, flugs wird an den Universitäten in Wien, Prag, Lemberg, und Krakau ein Lärm erhöben, als gelte es ein grenzenloses Unglück abzuwehren. Die schmutzige Arbeit, welche früher die Despoten von verhetzten Bauern und einer verrohten Soldateska verrichten ließen, besorgen heute die freien akademischen Bürger der herrschenden Nationen in Oesterreich unter der Patronanz ihrer Lehrer. Es kann daher nicht wundern, wenn der Bürger die Universität mit anderen Augen ansieht wie früher, daß an Stelle der Hochachtung vor den Vertretern der Wissenschaft und ihren Jüngern und liebevollen Teilnahme am akademischen Leben die Interesselosigkeit, vielfach sogar ’d ie Geringschätzung getreten ist. Unter solchen Umständen hätten wir uns natürlich nicht an die Bürgerschaft gewendet, wenn es sich um Vorfälle rein studentischer Natur gehandelt hätte. Die Vorfälle, welche sich in den letzten Tagen in der Universität zugetragen haben, reichen weit über den Rahmen der Universität und greifen tief in das bürgerliche Leben eines ganzen Volkes ein. Den Anstoß zu diesen Affairen gab der sogenannte Waidhofner Beschluß. Vor zirka 16 Jahren tagte im Städtchen Waidhofen in Niederösterreicb ein Kongreß der deutsch-österreichischen Studentenorganisationen und dieser ' Kongreß gab folgendes Dekret heraus: „Jeder Sohn einer jüdischen Mutter, jeder Mensch, in dessen Adern jüdisches Blut rollt, ist von Geburt aus ehrlos, jeder feineren Regung bar. Er kann nicht unterscheiden zwischen Schmutzigem und Reinem. Er ist ein ethisch tief stehendes Subjekt. Der Verkehr mit einem Juden ist d aher entehrend, man muß jede Gemein-- schaft mit Juden meiden. Einen Juden kann man nicht beleidigen, ein Jude kann daher auch keine Genugtuung für erlittene Beleidigungen verlangen Dieser Beschluß wurde öffentlich gefaßt, öffentlich kund getan im Rechtsstaate Oesterreichs, dessen Gesetz all seinen Bürgern gleiche Behandlung und Schutz der Ehre garantiert. Die Behörden schwiegen. Die akademischen Senate, denen das Aufsichtsrecht über die studentischen Korporationen zusteht, schwiegen. Die Professoren, welche so gerne das väterliche Verhältnis zu den Studenten hervorkehren, sie ließen es ruhig geschehen, daß ihre arischen Schüler sich in Kundgebungen der niedrigsten Gesinnung ergingen und daß ihre jüdischen Schüler in der ärgsten Weise beschimpft wurden. Die diristliche Bürgerschaft nahm die Sache beifällig auf und auchdie jüdische Bürgerschaft tat nichts, um die Ehre ihrer Söhne und die Ehre ihres Volkes zu schützen. So blieben die jüdischen Studenten sich selbst überlassen. Da ihnen Weder die zivilen noch die akademischen Behörden Schutz boten, schufen sie sich1 einen Selbstschutz. Das ungeschriebene, aber von jedem jüdischfühlenden und aufrechten Studenten fortan befolgte Gesetz lautete: „Wer mich beleidigt und zur Beleidigung noch die Beschimpfung hinzufügt; daß ich als Jude ehrlos bin, den muß ich züchtigen!“ Sie werden sagen: Das bedeutet nacktes Faust recht. Ja, wenn man jemanden aller gesetzlichen Schutzmittel beraubt, so bleibt ihm doch nur die Faust, um sich zu wehren! Nach Publizierung des Waidhofner Beschlusses kannte der Uebermut der deutschnationaten Studenten keine Grenzen mehr. Selbst vor Mädthen (machte er Inieht Halt. Jüdischest udentinnen wurden in und auße rh a I b d er Universität geprügelt Das angewendete Mittei war zweckentsprechend. Angesichts der entschlossenen Haltung der Juden haben sich die Herren Antisemiten eine wohltuende Reserve auferlegt. Als sie erkannten, daß mit der Beleidigung eines Juden trofz des Waidhofener Beschlusses ein gewisses Risiko verbunden war, trat eine wesentliche Milderung der akademischen „Sitten“ ein! -

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