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Jüdische Zeitung · 1912-05-17 · 20 (17.5.1912) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
20 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 es im Jahre 1910, als die Auflösung seines Landtages schon beschlossene Sache war, dort noch die Komödie der juden-Emanzipation aufgeführt hat, um die öffentliche Meinung Europas für sich zu gewinnen, versucht es jetzt offenbar mit der entgegengesetzten Methode. Oder soll damit gar dem russischen Herrn imponiert werden? Es ist wohl das traurigste in der Welt, wenn ein Volk in Häßlichkeit stirbt. Dishussion zur politisrfien Konferenz. Zur Frage der innerpolitischen Betätigung im Zionismus. Dr. Leopold Les ebner (Troppau). Eine eigenartige Frage hält den Zionismus in Oesterreich schon lange in Atem . Es ist die Frage der innerpolitischen Betätigung der Zionisten. Es sei nun gestattet, mit Rücksicht auf die bevorstehende innerpolitische Konferenz, einige Worte zu sagen, die, wie ich glaube, bewirken können, daß die innerpolitische Konferenz zu einem gedeihlichen Resultate führen wird. , Ich bin der Anschauung, daß die unrichtige Fragestellung allein die Schuld daran trägt, wenn man heute in Westösterreich von „Wienern“ und „Troppäuern“ als Vertretern verschiedener Anschauung spricht. Die Frage lautete stets: „Soll sich der Zionist innerpolitisch betätigen? Darauf anrworteten die „Wiener“ positiv, die „Troppauer“ negativ und ich glaube, daß es keiner ganz so wollte. Es muß doch Wunder nehmen, daß bei diesen anscheinend entgegengesetzten Anschauungen, sooft noch die "Frage gemeinsam besprochen wurde, eine friedliche Einigung erzielt worden ist, die mit dem Siege der Wiener Richtung endete! Daraus sollte füglich folgen, daß die „Troppauer“ sich bekehrt, ihre Ansicht geändert haben? Ich weiß, daß dies nicht der Fall ist und doch kann bei gemeinschaftlicher Besprechung der falsch gestellten Frage 'immer wieder nur eine Einigung erzielt werden. Wir Jüdischnationale sehen um uns herum PolitiiK treiben und können uns schwer ihrem Einflüsse entziehen; wir sind gezwungen, Anteil an ihr zu nehmen. Wird das zugegeben, dann folgt ohne Weiteres, daß wir in der von uns betätigten Politik gewisse Konsequenzen aus unserer Anschauung fiehen müssen. Politisch betätigt man sich vor allem schon durch das offene Bekenntnis zur jüdischen Nationalität; dies ganz besonders in Oesterreich, wo ausschließlich nationale Politik getrie-, ben wird. Der Deatschnationale wie jeder Andersnationale weiß sehr wohl, daß er mit dem Jüdischnafionaien als Parteigenossen nicht rechnen kann, und der Jüdischnationale wird hoffentlich diese Voraussetzung nicht widerlegen. Schon das ist eine politische Konsequenz, die jeder ehrlich denkende und fühlende Zionist aus seinen Prinzipien zu ziehen gezwungen ist. Der ganze offen eKampfgegendi'e Assimilation ist politisch, die Erziehung zum Nationalismus, die Agitation für ihn, das Stärken und Erwecken des nationalen Bewußtseins, das alles steht mit innerer Politik im engsten Zusammenhänge. Kultusgemeindepolitik und Wahlpolitik sind ebenfalls Gebiete, auf denen der Jüdischnationale nur im Einklang mit seiner Ueberzeugung tätig werden wird. Kurz: jeder ehrliche Zionist wird wohl oder übel auch in der Politik, von der er nicht abseits stehen kann, ehrlich zionistisch sein müssen. Die Frage, ob sich der Zionist als solcher innerpolitisch betätigen soll, kann also nur positiv beantwortet werden. Es kann sich meiner Ansicht nach nur um das „wie?“ handeln. Daraus erklärt sich, daß eine Einigung bei der genannten falschen Fragestellung immer erzielt werden mußte und nach dem Gesagten bin ich der Anschauung, daß bisher ein ganz müßiger Kampf geführt wurde, der mit einem keinen der beiden Teile ehrlich befriedigenden Resultate geendigt hat — oder immer wieder weiter geführt wird. So scheinen wirklich die Fragen, die keine sind, das meiste Kopfzerbrechen zu machen. Wenn der Zionist in der Provinz die Juden deutschliberale oder deutschnationale Politik machen sieht, so kann er doch unmöglich damit einverstanden sein; das muß seinen Ansichten zuwiderlaufen, sonst ist er eben kein Zionist, wenn er nicht mehr dagegen tun kann, so wird er wenigstens durch seine Abstinenz seine Gesinnung dokumentieren. Die Frage lautet also: wie soll sich der Zionist innerpolitisch betätigen? ln Oesterreich ist sie nicht ohne Weiteres zu beantworten, in einem Staate, in dem so verschiedene nationale Gliederungen existieren; es kann keine Schablone geben, kein Kommandowort, das überall befolgt werden kann. Eine Gesamtantwort kann nur allgemein lauten, ohne bestimmte Direktive. Ich würde sagen: der Zionist soll sich, soweit als es nur geht, politisch betätigen, d. h. ohne Gefährdung seiner vitalsten Interessen. Dort, wo es möglich ist, auf der politischen Schaubühne seine Ueberzeugung voll und ganz oder besser gesagt in allem zu betätigen, dort ist es die heiligste Pflicht, es zu tun. Das gilt zum größten Teile für Wien und jene Gegenden, in denen die Juden in kompakten Massen wohnen. Nun komme ich zum Kernpunkt der Frage: was soll sonst geschehen? Nun, darüber muß man sich vor allem aussprechen, denn das ist bisher verabsäumt worden; d a s ist unter anderem die Aufgabe der innerpolitischen Konferenz. Die unrichtige Behandlung der Frage hat dahin geführt, daß dieses meiner Meinung nach schwierigste Problem bisher fast nicht zur Diskussion gelangte und kein Mensch weiß, was denn eUenfich der Na*ionn!vere;n von ihm verlangt. Ich glaube, es würde auch der begeistertste „Wiener“ in Verlegenheit kommen, wenn er sich in dieser Frage mit einem Provinzler auseinandersetzt. Spott und Witz sind rasch bei der Hand, wenn man sich in einer theoretischen Diskussion auseinanderse'tzcn will. Anders aber steht es, wenn einen ehrliche Gesinnungsgenossen in ganz bescheidener Weise „in ihrem Falle“ um Rat fragen. Da nützt kein Humor, da heißt es, einsichtsvoll Rede und Antwort stehen und einen mit dem Gewissen Vereinbarkeiten Rat erteilen. So fragte mich einst ein Gesinnungsgenosse mit der „Jüdischen Zeitung“ in der Hand, ob er der Parole gemäß aus dem Deutschen Schulverein austreten müsse. Er liefere an drei große Institute jährlich um viele Tausende Ware und lebe ausschheß’ich von diesem Erwerbe. Er habe jetzt die Bezahlung des Mitgliedsbeitrages verweigert und e halte nunmehr von den drei Instituten aut Umwegen die Verständigung, daß er entweder den Mitgliedsbeitrag für den Deutschen Schulverein entrichten oder die Lieferungen einstellen möge. Ich möchte hervorheben, daß es sich um einen guten Jüdischnationa;en handelt, der sich mit Gefährdung seiner Existenz exponiert und dessen Gesinnung jedermann kennt. Und nun erklärt man ihm, wenn er weiter Mitglied des Schulvereines bleibt, dann ist er nicht jüdischnational und wehe dem Verein, der ihn zum .\l:tgliede hat. Nun möge man aber nicht m i r antworten, sondern dem bescheidenen Manne, der nicht zu rechten wagt, der alles tun will, was man verlangt. Ich kenne die Antworten, die man mir gibt, aber ich bin einsichtsvoll genug, sie nicht anderen zu erteilen und wage es nunmehr zu sagen: der Mann möge ruhig seinen Obolus für den Deutschen Schulverein bezahlen. Wir müssen als Staatsbürger und als Mitglieder der Gesellschaft so manches Opfer auf uns nehmen, das wir auch als Opfer empfinden. Wir zahlen nicht aus Bedürfnis und nicht als überzeugte Anhänger des Staatswesens oder eines bestimmten Staates Steuern, sondern weil uns die Gesetze dazu zwingen. Der Sozialdemokrat, der wütende Gegner des Militarismus, muß auch die Blutsteuer leisten und wird dadurch seinen Prinzipien nicht untreu. Es gibt auch Gesetze, die nicht geschrieben sind und darunter als bedeutendstes das der Lebensnotwendigkeit, dessen Befolgung uns gerade deswegen am meisten wehe t ut, weil wir auf keine geschriebenen Gesetze hinweisen können und weil die Unabhängigen es so’ leicht haben, ungeschriebene Gesetze nicht anzuerkennen. Das angeführte Beispiel ist keine Ausnahme, sondern ein etwas krasser, aber typischer Fall für die Provinzverhältnisse. Damit muß nicht der Jüdischnationale rechnen; dem Tschechen, der unter Deutschen wohnt, geht es genau so und umgekehrt! Und wenn den Fall jemand als Ausnahme bezeichnet, so wäre ich auch dafür, diese unbedingt gelten zu lassen. Ein tüchtiger, gesinnungstreuer Mitarbeiter, der so oft und wo er es kann, seine Ueberzeugung zur Geltung bringt, darf nicht vor die Alternative gestellt werden: entweder Du gehst zugrunde oder wir wollen Dich nicht. Ich bewahre der Bewegung viel lieber einen solchen Mann als hundert Mitgeschleppte. Wer noch nicht in der Provinz gelebt hat, wer nicht weiß, daß ein solcher Mitgliedsbeitrag weiter gar keinen Einfluß auf die Gesinnung haben kann, dem spreche ich das Recht ab, von der hohen Warte der Ungebundenheit herab zu diktieren und ohne Verständnis Tausende, die nach der Bewegung die Hände ausstrecken, wegzustoßen. Man muß für gewisse Fälle, die mit den Anschauungen in keiner Weise kollidieren, Ausnahmen gelten lassen. Wir brauchen national fühlende und arbeitende Leute; von blinden, tatenlosen Eiferern haben wir nichts, von Leuten, die uns den Befehl geben, auf unserem geraden Wege über jeden Stein zu stolpern, anstatt ihn wegzuräumen und im Uebrigen den geraden Weg weiterzuwandeln. Dadurch „gehört niemand einem fremdnationalen Vereine an“, daß er dem einkassierenden Vereinsdiener, den Mitgliedsbeitrag als Tribut entrichtet. Wer hiezu nicht gezwungen ist, der darf es nicht tun; aber wenn es einer tun muß, dann dürfen wir ihn nicht abstoßen; die Ueberwachung ist Sache der betreffenden loka'en Organisation. Auch der Nationalverein hat den Verhältnissen in kluger Weise Rechnung getragen; indem er bei den Wiener Gemeinderatswahlen die Parole ausgab: gegen die Christlichsozialen und Deutschnationalen, also für die Bürgerlichfreiheitlichen und Sozialdemokraten. Alles andere wäre ein Unding, ein politischer Selbstmord; man muß sich bisweilen bequemen, eine bittere Pille zu nehmen, wenn man nur die Wahl zwischen zwei Uebeln hat. So «geschehen zu „Wien“! Der jüd. Nationalverein hat also die Pflicht, in einzelnen Fällen Direktiven zu geben und nach Rücksprache mit den entsprechenden Faktoren und im Einvernehmen mit ihnen immer das Geeignete zu veranlassen. Allgemeines ist für Oesterreichs politische Zustände zu wenig. Wir alle wünschen sehnlichst, unsere innere Politik nach unserer Ueberzeugung einzurichten und wir beugen uns nur geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen. Wir müssen aber so arbeiten, daß jeder Gesinnungsgenosse, wo und wann es angeht, seine Ueberzeugung in der Politik zur Anwendung bringt; das ist Sache der Erziehung. Also Erziehen und Raten sei die Aufgabe des Nationalvereines, und ich verspreche ihm dann eine große Zukunft. Paptei:Nachp!chten. Mitteilungen des innerösterr. DK. Distriktsseminar. Am 9. ds .M. fand der erste Seminarabend nach den Semestralferien statt. ZK-Mitglied Gg. Dr. Emil Stein, sprach über „Die Siedlungsprobleme in Pal äst in a“. Der Referent, der sich im heurigen Frühjahr fünf Wochen in Palästina aufgehalten hat, besprach einleitend die geographischen, geologischen und klimatischen Verhältnisse des Landes und verwies die Seminarteilnehmer auf die Fachschriften und Publikationen, die eine Spezialisierung im Studium der natürlichen Bedingungen für die Besiedlung Palästinas ermöglichen. Im zweiten Teile seines Referates erläuterte Dr. Stein die jüdischen Kolonisationsbcstrebungen im Lande, deren bisherige Erfolge und die Entwickiungsmöglichkeiten dank einer stetigen Fortführung der Arbeit seitens der einzelnen zionistischen Institutionen. Die zahlreich anwesenden Teilnehmer des Distriktsseminars spendeten dem Referenten lebhaften Beifall. Der durch den Palästinavortrag unterbrochene Zyklus der Vorträge über die „Entwicklungsgeschichte des Zionismus“, wird am nächsten Seminarabend (23. Mai präzise 7 Uhr abds.) mit dem Referate Gg. Gersuny über die einzelnen Phasen des „Z io n i s m u s vor H e r z 1“ wieder aufgenommen. Die Präsidien der studentischen Organisationen werden ersucht, die angemeldeten Mitglieder zum regen Besuch des Seminars auch während der Sommermonate anzuhalten. Schekelagitation 5672. Die Uebernehmer von. Schekelblocks werden ersucht, die Verrechnung bis längstens 1. Juni d. J. vorzunehmen. Es wird hiebei bemerkt, daß die nicht völlig verbrauchten Blocks zum Zwecke der weiteren Agitation nach erfolgter Verrechnung wieder verwendet werden können. Neue Schekelblocks werden täglich zur Zeit der Bürostunden ausgegeben. Die Verrechnung kann bei gleichzeitiger Ueberweisung des Geldbetrages auch mittels Post erfolgen. Parteisteuer 1912. Die Distriktsvereine, die ihrer Verpflichtung zur Entrichtung der Parteisteuer noch nicht, oder nur teilweise nachgekommen sind, werden dringendst aufgefordert, den auf sie entfallenden Parteisteuerbetrag sofort an die DK-Kassa, IX., Türkenstraß'q 9 abzuführen. Wir bringen die diesbezüglichen Beschlüsse des letzten DT, deren strikteste Beachtung allen Vereinsobmännern zur unbedingten- Pflicht gemacht wurde, in Erinnerung. Eingänge vom 6. bis 13. Mai 1912: Innerösterreich (Vordernberg): Moses Marmorek K 10.—. Mähren und Schlesien (Olmütz):Josef Grünberger K 20.—; A. Baumgartner, Dr. Fritz Broch, Jul. Diamant, Artur Fischer, Ing. Reinisch, Dr. Artur Taussig, Felix Zweig ä K 10.—; Ing. Paul Brammer, Dr. Oppenheimer ä K 5.—; Dr. Haas K 2.—; (Hruschau) Leseverein Zion K 10.—; Summe K 112.—. Gesamteingang aus Westösterreich K 4644.05 Böhmen K 1875.65, innerösterreich K 2057.70, Mähren und Schlesien K 710.70). Scbekefeingänge: Böhmen: Mies K 20.40, Kuttenberg K 30.—, Pisek K 19.20, Prag (Barissia und Jordania) K 13.20, (Zion) K 228—, (Theodor Herz!) K 26.40, Saaz K 156.—, Summe K 493.20.

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