Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 wählen und die Mitglieder beider Zentralkomitees hätten im gemeinsamen Parteirate Sitz und Stimme. ' Mit der Schaffung dieses „Dualismus“ wäre der erste Schritt zur Wiedervereinigung beider untrennbar zu einander gehörender zionistischer Lager in Oesterreich getan. Zur Verwirklichung gehört ein starker ernster Wille. Ich will glauben, daß dieser gute Wille in beiden Lagern vorhanden ist. David Kitter von Guttmann. Das Vorstandsmitglied der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Präsident der Wiener Allianz und der Baron Hirsch-Stiftung, ein offizieller Jude erster Gilde, Herr David Ritter von Guttmann, ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Der Verstorbene war Mitchef des Welthauses Gebrüder Guttmann in Wien, Teilhaber des Wittkowitzer Eisenwerkes, der Witkowitzer Steinkohlengruben in Mähr. Ostrau, zahlreicher Industrieunternehmungen Oesterreichs und Großgrundbesitzer. An Großzügigkeit kam er seinem vor 7 Jahren verstorbenen Bruder Wilhelm nicht gleich; allein auch' er war hochbegabt und sein Eifer, seine Auffassungskraft und seine kaufmännische Veranlagung haben das rasche Aufblühen seiner Firma gefördert. Dem Judentume bewahrte er äußere Anhänglichkeit. Aber sein Judentum erschöpfte sich in der Beobachtung von Formalitäten, in der Förderung ritueller Einrichtungen und in Akten der Wohltätigkeit. Für die gewaltigen Bestrebungen des modernen Judentums zeigte er kein Interesse, und die jüdischen Institutionen, denen er Vorstand, haben vom modernem Geiste nichts verspürt. Dem Zionismus und den national-jüdischen Strebungen überhaupt stand er ganz kalt gegenüber. Diese Haltung ist auf den Einfluß seiner jüdischen Berater — lauter Assimilanten und starrköpfige Liberale ä la Alfred Stern — zurückzuführen. Wie sein Sohn Dr. Ludwig von Guttmann — ein Freund und Studienkollege Theodor Herzls — das Ersuchen um Förderung des Zionismus mit dem Bemerken abelhnte, er könne diese „Sache“ nicht unterstützen, so hatte auch David von Guttmann für „diese Sache" nichts übrig. Sein Judentum war somit ein Gemisch von pietätvoller Erinnerung an das Leipniker Ghetto und von der seichten Humanitätsphraseotogie des Wiener Kahals. Nur wenn es ohne Kraftanstrengung möglich war und kein Aufsehen erregte, betätigte er sein Judentum. Jene Unternehmungen, wetche unter seinem überwiegenden Einflüsse standen, hatten jüdische Beamte und Angestellte. Dort aber, wo sein Einfluß kein dominierender war, wie beispielsweise in Witkowitz, glaubte er sich1 damit bescheiden zu können, im Kreise seiner Freunde scharfe Kritik zu üben, ohne selbst seinen Einfluß im Interesse des Judentums in entscheidender Weise in die Wagschale zu legen. Diesem Umstande sind die sattsam bekannten Verhältnisse in Witkowitz zuzuschreiben. David von Guttmann wußte, daß die Beamtenschaft von- Witkowitz antisemitisch' gesinnt ist, wußte daß in Witkowitz jüdischen Beamten die Aufnahme so gut wie versagt blieb; er begnügte sich jedoch mit platonischer Empörung über diese Mißstände, trug aber zu deren Beseitigung nichts bei. Guttmann ist der rechte Typus jenes Kreises assimilatorisch gesinnter Juden, Welche den bewegenden Fragen, des Judentums aus dem Wege gehen und das große Judenproblem mit kleinen Mitteln lösen wollen. Den Irrtum dieses äußerlichen Judentums! mußte er noch bei seinen Lebzeiten einsehen. Was ihm noch teuer war, empfanden seine Nachkommen als unangenehme Last und seine Enkel, die Kinder der Frau Guttmann-Günzburg, die eine strengreligiöse Erziehung genossen hatten, sind dem Judentum ganz entfremdet und im Begriffe Abtrünnige zu werden — vielleicht sind sie es schon geworden! So bietet denn auch der Werdegang dieser Familie das betrübende Bild: der gutjüdische Großvater erwirbt in arbeitsreichem Leben ungeheures Vermögen; die indifferenten Kinder verharren aus Pietät und wegen des „Alten“ beim Judentume. Die Enkel aber sind bereits fahnenflüchtige degenerierte Verschwender. DOPPEL-MALZ BIER. Austria-Brauerei Wien-Neudorf. Iki Rote RonoptiOB. Seit jeher haben es die polnischen Schlachzizen verstanden, vor der gesamten Kulturwelt erbärmliche Komödie zu spielen. Geschniegelt und soigniert scherwenzelten sie im Westen umher, um für ihr schwergeprüftes Vaterland Sympathien zu erwerben. Und Europa fiel auf dieses elegante Abenteurertum hinein. Im eigenen Lande aber wirtschafteten die „geknechtete“ Creme des Polentums in asiatischer Manier. Sie versklavten das eigene Volk, bedrückten die Ruthenen und Juden und erstickten mit brutaler Hand jede freiheitliche Volksregung im Keime. Gings nicht mehr mit brutaler Gewalt, so betäubten sie den Gegner durch Liebenswürdigkeit. Intrigantentum und Komödiespielen ist nicht nur bei den Schlachzizen, sondern auch bei den polnischen Sozialdemokraten zuhause. Jüngst haben wir von Daszynski berichtet, welcher einst auszog, gegen die Schlachzizen zu kämpfen und nun im Legitimationsausschuß für die galizischen Wahlgauner die Kastanien aus dem Feuer holt. Ein würdiger Kumpan des Herrn Daszynski ist Dr. Diamand, Schwiegersohn des jüngst verstorbenen Millionärs Lazarus. Dieser sonderbare Arbeiterführer, Vertreter des judenreichsten Wahlbezirkes in Oesterreich, unterhält nicht nur zu Herrn Löwenstein, Horowitz und Dr. Kolischer die besten Beziehungen, sondern ist auch ein Verbündeter und Vertrauensmann des galizischen Statthalters. Als Liebkind der galizischen Assimilation und der jüdischen Geschäftspolitiker des Polenklubs, hütet sich Dr. Diamand, den Unwillen seiner Förderer und Bundesgenossen zu erwecken. Vorige Woche aber vergaß er an die freundschaftlichen Beziehungen zu den Schlachzizen und Schlachzizenknechten und gestattete sich, dem ärgsten Vertreter des galizischen Geschäftsmachertums, dem Herrn Kolischer, als Antwort auf dessen Hausjudenrede, in welcher er die Interessen der Schlachzizen und des Großkapitals verteidigte, das sanfte Wort „lächerlich“ zuzurufen. Dieses Wort nahm Kolischer zum Anlaß, zusammen mit seinen polnischen Klubkollegen das Beratungszimmer des Ausschusses zu verlassen. Man sollte nun denken, daß Abg. Diamand, im Bewußtsein seines Rechtes auf seinem Standpunkte und bei seiner Kritik verharren werde. Das verlangt doch der Sozialistenstolz, der sich nicht vor dem Geldsack beugt. Es kam aber anders. In der Sonntagsnummer der „Arbeiterzeitung“ An Arthur Schnitzler. Du lösest aus den Tiefen den Gedanken Und siehst und zeigst die Seele, wie sie webt Im Unergründlichen, das uns erhebt, Im Unergründlichen, an dem wir kranken... Herb äbgewandt des Alltags gellem Zanken, Ein Geist, der lächelnd ob den Wassern schwebt Und doch in jeder Lebensfaser bebt, Das ist Dem Genius, dem heiß wir danken! In Deinen Adern aber rollt das Blut, Das vor Jahrtausenden das Licht empfangen Und es bewahrt als'dreimal heilig Gut. Sie feiern Dich' mit wesensfremdem Prangen; Wir aber sprechen schlicht mit heißen Wangen: Er ist ein EdelmensCh, er ist ein Jud! Beda. Kleines Feuilleton, Die Juden in Fez. Die traurigen Ereignisse in Marokko lenken wieder aller-Blicke nach den so 'hart heimgesuch- '' ten Judenvierteln Marokkos. Die Ende des 16. Jahrhunderts aus Spanien flüchtenden Juden siedelten sich an der Nordküste Afrikas an, fanden hier aber schon jüdische Kolonien vor, die bereits vor der islamischen Invasion bestanden hatten. Heute kann man die beiden Typen nicht mehr auseinander halten. Die gemeinsame Not kittete die Juden zusammen. Sie flohen von der Küste und von dem flachen Lande in die Städte, »wo!sie in'ienge (Viertel (Zusammengedrängt wurden. Bei Todesstrafe war es ihnen, unter früheren Sultanen verboten, das Ghetto, „Mellah“ im Marokkanischen, nach Sonnenuntergang zu verlassen. Keine Demütigung blieb ihnen erspart. Herrschte Pest, so waren die Juden verantwortlich: eine Metzelei folgte. Wenn der Regen ausblieb, die Ernte verdarb, eine räuberische Beduinenschar die Stadt stürmte, stets wälzte man die Schuld auf die Juden — und das Volk wusch seine Hände in Blut. Man stürzt sie von den Felsen oder ertränkte sie in den reißenden Gebirgsbächen. Man zwängte ihnen lächerliche und hinderliche Kleidung auf, ließ sie barfuß gehen, daß sie sich die Sohlen in den glühenden Sand der Straßen verbrannten. Trotz alledem blieben sie in Marokko und liebten das Land sogar. Das Mellah von Fez liegt in einem Winkel dieser sonderbarsten aller Städte Afrikas eingekeilt. Wenn man von Süden kommt, muß man ein paar Lehmmauern, die voller Risse sind, übersteigen und gelangt auf einen wunderschönen alten Friedhof. Wie alt er ist, weiß niemand mit Sicherheit anzugeben. Dreihundert Jahre sagt man. Viele Grabsteine sind in das hohe Gras gesunken, von Efeu überrankt. Zyressen und Oelbäume stehen wie schweigende childwachen, und zwischen den braunen Haifagräsern blühen Mohnblumen Und verwilderte Rosen. Grüne schmale Eidechsen huschen erschreck in iden Schatten, $venn (der fuß durch das Gras raschelt, und unter den Steinen lauert tückisch der Skorpion, diese Geißel Nordafrikas. Die Straßen des Judenviertels sind eng, aber sie sind kühl. Die Häuser zeigen eine glatte, nahezu fensterlose Front. Ein vergitterter Holzbalkon ist schon Luxus, den sich nur reiche Leute gestatten. Nach dem Hof hinaus, auf dem gewöhnlich ein paar Bäume schaukeln, sind sie um so prächtiger. Denn es ist orientalische Sitte, seinen Reichtum zu verbergen, und mancher Besitzer von „vielen Beuteln“ ist nicht von den Bttlern zu unterscheiden, die im Dunkel der Straßen lauern und auf den erschreckten Vorübergehenden einspringen. Nur eine Verzierung zeigt wohl jedes Haus, (mögen seine Lehmmauem noch so gebröckelt sein. Ueber der Tür befindet sich eine geschlossene Hand, primitiv mit blauer Farbe angemalt, über der meistens das Davidzeichen thront. Die jüdischen Frauen und Mädchen gehen ebenso verschleiert wie die Mohammedanerinnen; nur innerhalb des Ghettos schlagen sie den Schleier meist zurück. Die Frauen der wohlhabenden Stände tragen die marokkanische Tracht: weite Pluderhosen, weiße bestickte Obergewänder, weiße Strümpfe und Schuhe aus Saffianleder. Dazu sind sie mit Ringen, Ketten, Arm- und Knöchelreifen geschmückt. Die Mädchen der Armen — und fast alle sind sie arm — tragen ein lose fallendes Gewand, über das eine Flut entfesselter Haarsträhnen rieselt. Den Beschäftigungen der Männer sind Grenzen gezogen. Es ist stets ein Vabanquespiel, im Orient Kaufmann zu 'Sein. Denn (der Kadi gibt einem Juden, dessen Ansprüche kein Konsul unterstützt, nur selten recht. Die großen Handelsleute des Orients sind selten Juden, fast immer Armenier, die man in Europa zu den Christen rechnet. Die Juden in Irland und die Homerule. Das Gesetz über die Selbstverwaltung Irlands, welches gegenwärtig die parlamentarischen Kreise Englands so sehr beschäftigt, und von den Konservativen so stark bekämpft wird, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Juden in Irland und ihre Stellung zur Gesetzesvorlage. Tatsache ist, daß die Konservativen jedesmal so oft die Homerlefrage aktuell geworden ist, bei den irländischen Juden den Glauben zu erwecken versuchten, daß eine größere Autonomie Irlands den Katholiken eine größere Macht und daher den Juden große Nachteile bringen müßte. Eine Zeitung gab sogar der Befürchtung Ausdruck, daß, wenn Irland seine Homeroie erhält, Pogrome dort eine tägliche Erscheinung sein