Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 20 Seite 2 aufrecht: jüdischer Weltanschauung herangebildet. Mit besonderer Liebe ist das Turnen der Kinder und Zöglinge gepflegt worden Wir 'haben uns keineswegs auf ein bestimmtes System' festgelegt, und nehmen das Gute, wo wir es finden. So haben wir uns in den letzten drei Jahren ein neues Gebiet erobert, den Sport. Die Belebung unseres Turnbetriebes nach dieser Richtung hat sich als fruchtbar erwiesen; die Begründung von Sportabteilüngen und der Beitritt rein sportlicher Vereine zeigt, daß wir auf dem rechten Wege sind. Nach der dem 5. Turntag vorzulegenden Satzung soll die „Jüdische Turnerschaft“ alle Organisationen ihrer Tendenz umfassen, die Turnen oder Sport systematisch1 pflegen, also auch1 Athletik- und Fußballklubs, Ruder- und Schwimmvereine, Wandergruppen usw., alle Kreise, die gewillt sind, an der körperlichen Renaissance der Juden mitzuarbeiten. Der bevorstehende Turntag kann somit der Ausgangspunkt einer neuen großen Entwicklung des jüdischen Turngedankens werden. Die turnerischen und sportlichen Veranstaltungen des 5. Turntages sollen markant das .wiederspiegeln, worin wir weitergekommen sind und weiterstreben. Ein turnerischer Fünfkampf an Geräten (Reck, Barren, Pferd, Freisprung, Hangeln), in Pflicht- und Kürübungen wird, unsere besten Turner auf dem Plan sehen und in diesen Wochen einen hervorragenden Stimulus auf den Betrieb der einzelnen Vereine ausüben. Eine Verbands-Vorturnerstun de wird zeigen, ob die „Jüdische Turnerschaft“ einen Nachwuchs besitzt, dem sie die Führung ihrer Mannschaft ohne Sorge anvertrauen kann. Denn nicht wenig ist es, was wir: von unseren Vorturnern verlangen: den ganzen Mann. Keine bloßen Techniker der edlen Turnkunst und Bildner ihrer Jünger, sondern jeder selber ein Vorbild strengster Mannhaftigkeit und Judentreue. Eine Lektion unter hebräischem Kommando soll die Teilnehmer an der Lehrstunde mit dem Gedanken einer einheitlichen Turnsprache vertraut machen. Auch' für die Vorturnerinnen ist eine Uebungsstunde vorgesehen. Ein sportliches Meeting wird den Höhepunkt des Turntages bilden. Folgende Konkurrenzen kommen zum Austrag: 100 m-, 400 m-, 1000 m-,Laufen, Hoch!sprung, Kugelstoßen, Ringen, zwei Stafettenläufen und ein Dreikampf. Au-; ßerdem finden Wettkämpfe im Weitsprung und Sdhl'euderbalhverfen, Spiele für Turnerinnen und Jungmannschaften, sowie ein Fußballmatch Berlin-Hamburg statt. Zahlreiche Meldungen für die einzelnen Zweige liegen bereits vor, u. a. vom Vivo es Athletikäi Club in Budapest, einem der jangesehendsten .ungarischen Sportklubs. Favorit für die Hauptentscheidung, die Olympische Stafette, ist die Sportäbteilüng des „Bar Kochba“- Berlin. Eine Turnfahrt nach dem Spreewajd wird den Verbandstag schließen. " In das jüdische Leben Berlins wird der Turhtag einen Zug lebensvoller Frische bringen. Mögen die ernsten Beratungen, die frohen feste, die turnerischen Veranstaltungen, Sport und Spiel neue Lust zur -Arbeit für unser Volkstum entfachen. Mögen sie aber auch1 das eigentlich Wertvolle zeitigen: Das Wachsen und Erstarken der Persönlichkeit eines jeden, der, treu und ganz der unsere ist. Reicbsopganisation der osterreidiisdien Zionisten. Von Joachim Neiger, Tamow. (Mitglied des galiz. Parteirates.) Jede, von gesunden Ideen getragene Organisation macht erfahrungsgemäß drei Hauptphasen durch: Zuerst sammelt sich um den Schöpfer der Idee ein enger Kreis von Gleichgesinnten, der sich allmählich erweitert, bis sich das Bedürfnis fühlbar macht, die zur Bewegung gereifte Idee in organisatorische Formen zu kleiden. Ist diese erste Entwicklungsphase überschritten, dann beginnt in der Bewegung die Periode innerer Konsolidierung. Der Gedanke, das Schlagwort kristallisiert sich und da kommen bereits die verschiedenen, anfangs unsichtbaren Nuancierungen immer schärfer zum Vorschein. Die Differenzen beginnen greifbarere Formen anzunehmen und schließlich stellt sich' die Notwendigkeit ein, durch Einführung von Klassen-, Ideen- oder nationalen Föderationen der Bewegung zu ihrer Entwicklung neue Impulse einzugehen. Hiedurch’ wird die Organisation (einerseits gestärkt, indem ihr dank einer ausgedehnten Verzweigung’-der Wurzeln, immer neue Säfte zugeführt werden. Anderseits aber ist ein zu radikal durchgeführter Föderalismus geeignet, den eigentlichen Kern der Bewegung zu verwischen, bis er aus dem Auge verloren wird und der Organisation droht dann die Gefahr einer Zersplitterung in nur lose miteinander zusammenhängende Kleinorganisationen, die im Laufe der Zeit ganz außer Kontakt kommen müssen. Die dritte Phase,'oder eigentlich der Gipfelpunkt Jeder organisatorischen Vereinigung ist eben die Rallierung der zerstreuten Kräfte im Momente, da die Bewegung als einheitliche, durch fortwährende' Atomisierung in ihrer Existenz bedroht ist. 7 1 - Es würde zu weitführen;1 alle rjpolitischenl und nationalen Parteien Revue passieren zu las-1 sen, um an Hand historischer Fakten die Richtigkeit des eben analysierten Entwicklungsgesetzes zu beweisen. Es möge mir daher, der Kürze halber, erlaubt sein bald zum Zwecke meiner Ausführungen übergehen und die Geschichte der zionistischen Bewegung zu besprechen. Die zionistische Idee, durch den Geistesriesen Herzl in die Welt geschleudert, gewann rasch die Herzen vieler Juden in aller Herren Ländern und so bildete sich bald ein Kreis ernster Vorkämpfer (für den zionistischen Gedanken, dem der unvergeßliche Meister den Charakter verlieh. Der Zionismus in seiner ersten Phase war noch imstande, alle seine Anhänger unter eine Haube zu bringen. Erst mit der Verdichtung und rapiden Vervielfachung seiner Reihen, als bei verschiedenen Gruppen Krön Zionisten besondere Wünsche und Entwicklungsformen zu prägnantem Ausdruck kamen, mußte zu einer Gliederung der Bewegung in Unterorganisationen geschritten werden, die entweder als Landsmannschaften oder im Zeichen von gesonderten Klassen - resp. Kultur-Bestrebungen („Poale Zion“, „Misrachi“) 'ins Leben gerufen wurden. Die notwendige Folge' dieser zweiten Entwicklungsphase war, daß sich die zionistische Organisation — je mehr sich die Zahl ihrer Mitglieder vergrößerte — immer stärker in extremförderalistischer Richtung bewegte und ein ganzes System übereinander geschichteter oder ineinander gefügter Organisationen zeitigte, die — jede für sich —.'unablässig die Erweiterung ihrer autonomen Rechte sowie ihrer Unabhängigkeit nach oben anstreben. Wenn also einerseits die föderalistische Organisationsform für die Bewegung von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist, — indem in erster Reihe der Verwaltungsapparat leichter und sicherer funktioniert, ferner die Propaganda- Tätigkeit — weil aut kleinere Kreise beschränkt — wirksamer betrieben werden kann, so darf doch nicht vergessen werden, daß die fortschreitende Atomisierung unserer Bewegung zu einer bedrohlichen Entfremdung mancher Gruppen führen kann und es ist die höchste Zeit zur Umkehr. Wir müssen jetzt bestrebt sein, den Gipfel unserer Entwicklungsmöglichkeit zu erklimmen und mit vereinten Kräften izur Ralliirung der zerstreuten Gruppen — unter Beibehaltung der gegenwärtigen Organisationsform — zu schreiten. i ( . ( Das Beispiel der „Poale Zion“ und „Misrachi“, die nur noch einen Schritt von dem vollständigen Austritt aus der zionistischen Weltorganisation entfernt sind, darf in den Landsmannschafts - Förderationen keine Nachahmung finden. Unsere Parteimaschine darf nicht — wie bis jetzt — bloß (zentrifugale Kräfte entwickeln; es muß vielmehr rechtzeitig, solange noch — dank der vorhandenen Kontakte — eine Sammlungsmöglichkeit gegeben ist, mit Vollkraft gearbeitet werden, um die drohende Zersplitterungsgefahr abzuwehren. Ganz besonders aktuell aber und der Beherzigung empfohlen ist dieser Mahnruf in unserem engeren Kreise österreichischer Zionisten. Der einst — bis in die Zeiten Herzls — zwischen „Ost“ und „West“ erschreckend gähnende Abgrund ist einmal glücklich überbrückt worden. Diese Brücke, deren Erbauer kein geringerer als Herzl war, darf in ihren Grundfesten nicht mutwillig untergraben werden, die Teile sind mit dem Blute unseres Führers gekittet, sie dürfen nicht gewaltsam auseinandergerissen werden. Ein kleinliches Rechthabertum scheint sich in unsere Reihen eingeschlichen zu haben und statt einer — wie zu erwarten war — immer intimeren, immer vertraulicheren Annäherung der östlichen Gesinnungsgenossen an ihre Brüder im Westen,. werden sie langsam aber stetig von einander entfernt, was docÜ ^'äei1 Zionistischen Sache und überhaupt deren Entwicklung in Oesterreidi keineswegs zu Vorteil gereichen kann. Die einstigen Bande zwischen der galizischen und westösterreichischen Organisation ' müssen wieder angeknüpft werden und der lose Zusammenhang, der gegenwärtig nur noch im Nationalfond besteht — die „Separatisten“ wollen auch diesen letzten Rest der Gemeinsamkeit verschwinden lassen — muß festere Formen annehmen. Ein guter Anfang ist auf der letzten westösterreichischen Landes-Konferenz in Brünn bereits gemacht worden. Dort wurde der Wunsch' nach einem engeren Anschlüsse an die galizischen Zionisten ausgesprochen und anknüpfend an die Brünner Resolution regte Schreiber dieser Zeilen bei der ersten Sitzung des auf der Stanislauer Konferenz gewählten Parteirates, die Wiedervereinigungmit Westösterreich an. Schon auf der nächsten Parteirat-Sitzung wird die Frage konkreter behandelt werden und da wäre es von großem Nutzen wenn sich inzwischen die Partei-Presse hüben und drüben mit der Sache eingehend befassen würde, um den späteren Beratungen teilweise vorzuarbeiten. Mir schwebt der Gedanke vor, die beiden Zentralkomitees (in Wien und Lemberg) weiter bestehen zu lassen; dagegen möge die Institution des Parteirates auf Gesamt- Österreich'. ausgedehnt werden. Die Mitglieder desselben wären alljährlich von. den Landeskonferenzen beider Organisationen zu NIEDERLÄNDISCHE LEBENS ASpERNPLATZ j Im eigenen Palais. — Versilbertes Kapital zirka 380 Millionen. — Pramienreseroe zirka 113 Millionen.— Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit tflditige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezöge. AnshDnfteerteilt die Generalagentsihaft Wien, I., Aspernplatz 1 (heiter: Daoid Hebenzahl). EOr Ostgaiizien u. Bukowina: Snbdirehtion höbt Taubes, Lemberg.