Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438380-2438400--3009-2442737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, I!.,Stefanies tsaße Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ tä 'üch von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurflckgesteKt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ® ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjahr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.06Z. Telefon 22.075. ■ Nr. 20 Wien, Freitag, den 17. Mai 1912 VI. Jahrgang Jüdische Mitbürger! Gegen die jüngsten Vorgänge auf der Wiener Universität muß die ganze jüdische Oeffentlichkeit, soferne sie sich selbst noch achtet, ihre Stimme erheben. Jüdische Studenten wurden einzig aus dem Grunde relegiert, weil sie sich gegen deutschnationale Studenten, die sie erst beleidigten und ihnen dann als „ehrlosen Juden“ die Genugtuung verweigerten,, zur Wehr setzten. Das torat, das im Vorjahre jene':H.$[d$n," die wehrlose jüdische Studentinnen verprügelten,. ungestraft ließ, hat einer Deputation gegenüber angelaÜfdigl, die Maßnahme der Rele - gierung gegen jüdische Studenten in allen künftigen, gleichartigen Fällen, Wo immer sie sich abspielen mögen, in Anwendung zu bringen. * Der jüdische Student hat also die Wahl, den (ärgsten Schimpf, den man ihm und seiner Volksehre antujfikähn, einzustecken — oder seine Existenz einzubüßen. * Bekanntlich: haben die germanischen Hurrahnationalisten von der Universität vor Jahr und Tag den sogenannten „Waidhofener Beschluß“ gefaßt und jeden JudenC. wegen seiner Geburt als ehrlos erklärt. Wenn die jüdische ^Bürgerschaft gegen diese ihrer Jugend und ihr selbst angetane J5chmach. bi_sh.er glicht aufgetr.eten ist, ikonnte.bei.g£oßerNachsicfirmie Entschuldigung gelten, daß man auf die 'bornierte Frechheit verwilderter Rohlinge nicht zu reagieren brauche. Nun ist aber die Sache in ein neues Stadium getreten.’ Aus den Kneipbrüdern von damals sind antisemitische Führer, Abgeordnete, Beamte geworden. Der Wiener Rektor steht unter ihrer Fuchtel und schließt unsere Jugend, wenn sie ihre Ehre nicht besudeln läßt, vom Studium aus. Jetzt dürft Ihr, jüdische Bürger, nicht mehr schweigen, jetzt müßt Ihr die Ehre Eurer Söhne zu Eurer eigenen machen. Erscheinet in Massen bei der Samstag den 18. Mai, präzise 1/29 Uhr abends, im Festsaale des Hotel Conimenial stattiMßn Versammlung Tagesordnung: Die Ausschließung jüdischer Studenten von der Universität. Mehrere Reichsratsabgeordnete und jüdische Bürger werden sprechen. Wegen Oes dirlstlidien Eeiertages am 16. ö. erscheint Oie OiesuSdientlidie Riisgabe der Zeitung oerspätet._ Zum 5. jüöildien Turntag. Von Erichl Burin, Verbandsturnwart der „Jüdischen TurnersChaft. Am 26. Mai wird in Berlin der Fünfte Jüdische Turntag (zusammentreten. Die jüdischen Turner und Sportsieute rüsten in ihren Werkstätten zum fröhlichen Wettkampf. Denn mit dem Delegiertentag der „Jüdischen Turnerschaft“ sind turnerische und sportliche Veranstaltungen verbunden, die das erste jüdische Olympia bilden sollen. Die Bundestage der „Jüdischen Turnerschaft“, die ihre Mitglieder in Abständen von zwei bis drei Jahren zusammenführen, sind nationale Feste. Die erste Zusammenkunft, die dem Verband der „Jüdischen Turnersch'aft“ schuf, führte unsere Turner 1903 nach' Basel, zum Schauturnen vor HerzI und den Vertretern des Volkswillens. Das erste größere Verbandsschauturnen fand 1907 in Wien statt. Ein Jahr darauf wurde in Köln eine Vortumerstunde abgehalten, und auch1 der vierte Turntag (Berlin 1909) sah1 die Vereine in ernster turnerischer Arbeit Schulter an Schul ier. Im selben Jahre turnten die nationaljüdischen Turner, von Nordau durch eine unvergeßliche Ansprache belohnt, vor dem Zionistenkongreß in Hamburg. So wurde der Turngedanke fruchtbar propagiert und wirkt heute durch unzählige Fäden persönlicher Verbindung allüberall, wo jüdische Arbeit geleistet wird. Vielfach sind auch, unabhängig von der zentralen Turnbewegung und fern dem Kulturkreis, in dem sie erwachsen ist, auf Grund einer bestimmten historischen 'Notwendigkeit jüdische Turn- und Sportvereine entstanden, afe natürliche Reaktion eines im Kern gesunden Stammes auf tlie durch äußere Umstände bedingte physische Entartung. Mit ihnen hat die „Jüdische Turnerschaft“ Verbindung aufgenommen und sie, wo die Verhältnisse es zuließen, Ihrer Organisation angegliedert, so daß jetzt etwa 50 Vereine unter der blauweiß en Turner f ahne stehen. Dazu kommen die zahlreichen Vereine, die ohne formell1 ihren Beitritt vollzogen zu haben, bewußt oder unbewußt, ideell von der „Jüdischen Turnerschaft“ abhängig sind. Das Schwergewicht der jüdischen Turnbewegung ist allmählich nach dem1 Orient gerückt worden. Der „Makkabi“ in Konstantinopel, das nationaljüdische Zentrum der Türkei, hat unsere Parole vom Muskeljudentum in großzügiger und sinnfälliger Weise in die orientalischen Massen gertragen. Sein Interessenkreis reicht von Bulgarien bis nach ^Palästina'. Die bulgarischen Turner bilden innerhalb der „Jüdischen Turnerschaft“ einen besonderen Landesverband mit zionfeiischer Tendenz. Ueber die Turnvereine in Palästina ist in diesem Blatte des öfteren berichtet worden. Viel erhoffen wir dort von Zvvy Orloff, dem Turnlehrer am Hebräischen Gymnasium in J af f a, (der, ebenso Iwie Idie Lehrer des , Makkabi“, seine Ausbildung von der „Jüdischen Turnerschaft“ erhalten hat; er ist zuerst damit beschäftigt, einen hebräischen Leitfaden für den Turnunterricht herauszugeben und Ferienkurse für die Lehrer in den jüdischen Kolonien einzurich1ten. Afte und bewährte Glieder der „Jüdischen Turnersch'aft“ sind die Vereine in den österreichischen Ländern. Dort tritt der jüdische Turnverein als nationale Truppe in Aktion. Die Studentenschaft liefert in weit höherem Mäße als in Deutschland die leitenden Kräfte. In Deutschland sind wir in den letzten Jahren sichtlich vorangekommen. Unter dem Eindruck des Hamburger Kongreßschauturnens entstand eine Reihe neuer Vereine, namentlich im Westen des Reiches. Sie alle leiden zwar unter den Schwierigkeiten, die ihnen von jüdischer Seite bereitet werden, jedoch sind die Aussichten für die Zukunft recht günstig, namentlich, wenn die vorgesehene Kreiseinteilung die straffere Organisation bringen wird. Neue Vereine sind auch in der Schweiz und — mit Genehmigung der Regierung — in Rußland entstanden. Werfen wir nun einen Blick in die praktische Tätigkeit der Turnvereine! Still, schlicht und ohne Tamtam leisten die Tumwarte und Vorturner jahraus, jahrein ihre Arbeit. Der Weg d'er Jugenderziehung, der gerade in neuester Zeit von den weitesten Kreisen eingeschlagen wird, hier ist er seit langem beschriften worden. Tausende sind durch die Schule der Vereine gegangen, haben sich körperlich gekräftigt und zu Männern von