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Jüdische Zeitung · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Wahlschwindels zu tun, so würde sie ganz andere Wege einschlagen. Es wurde im österreichischen Abgeordnetenhause oft um nichtiger Dinge willen obstruiert. Warum drohten die Sozialdemokraten nicht mit der Obstruktion, wenn die Wahlprüfungen nichts als reine. Komödie sind? Warum legt Daszvnski nicht sein Mandat als Obmann des Legitimationsausschüsses nieder, wenn er ein Ehrenmann und a ufrithtiger Gegner des Wahlschwindels ist? Die Lösung dieses Rätsels ist einfach1. Man wird uns vielleicht vorwerfen, daß wir alles unter dem Gesichtswinkel unserer Partei sehen — aber es ist Tatsache, daß Daszynski nur aus Haß gegen die Zionisten so unqualifizierbar handelt. Denn die ärgsten Wahlgaunereien sind nur in jüdischen Wahlbezirken zum Schaden der zionistischen Kandidaten verübt worden. Wollte Daszynski gerecht und entschieden handeln, so hätten in Galizien hauptsächlich die Zionisten den Nutzen davon. Das aber paßt weder Herrn Daszynski, noch seinen Freunden in den Kram. Darum nehmen sie wohl den Mund voll, tun aber in Wirklichkeit nichts, um den Mandatsräubern das Handwerk zu legen. Wo waren die Hüter Israels? Die Wiener Kultusgrößen zeichnen sich nicht durch übergroßen Mut aus. Insbesondere antisemitischen Angriffen gegenüber, mögen dieselben sogar auch von jüdischer Seite ausgehen, verhalten sie sich sehr kleinlaut. Dafür gebärden sie sich [überlaut, wenn es gilt, den Zionifeten eines am Zeug zu flicken. Da sind sie gleich dabei, das „angegriffene Judentum“ zu schützen. Wir erinnern nur an die von Dr. Stern und seinen lieben Rabbinern eingeleitete Protestkomödie, weil sich Prof. S o mb a r t Jn einem von Zionisten veranstalteten Vortrage über die assimilatorischen Geldjuden abfällig äußerte. Sie schrien damals Zeter und Mordio! Dafür haben die Herren an der Bahre Luegers geweint, dem Pogrom-Taussig Ehren erwiesen etc. Und kürzlich haben sie wieder bewiesen, daß sie [den allerärgsten Gemeinheiten gegenüber blind und taub sein können, diese „Hüter Israels“! In der Leopoldstadt wagten es bekanntlich' Dr.-Ofner, der Freiheitsheld, und sein hoffnungsvoller Adjutant [Dr. Schwarz- Hill e r einen deutschnationalen Antisemiten und geständigen Anhänger des Rituabnordmärchens der jüdischen Wählerschaft als „freisinnigen“ Kandidaten vorzusetzen. Die bösen Zionisten griffen sofort ein, sie publizierten in Versammlungen und Zeitungen den unerhörten Skandal! Alle ehrlichen Juden ohne Unterschied der Parteirichtung schlossen sich den Zionisten an und der Kandidat wurde abgesetzt. Mehr als zwei Wochen dauerte der Kampf und erregte die jüdische Oeffentlichkeit aufs äußerste. Die Wiener Kultusgemeinde schwieg sich gründlich aus. Bei der Reichsratswahl verschmähte es der alte kDr. Stern nicht, auf der Gasse gegen den zionistischen Kandidaten höchst persönlich zu agitieren. Aber daß die Juden einen Vertreter des Ritualmordglaubens, der Millionen Judenleben gekostethat, wählen sollen, das suchte er nicht zu verhindern. Auch die Herren Rabbiner schwiegen, die Herren Feucht wag und Grunwald, Famose Hüter der jüdischen Ehre! Aber wenn wieder einmal ein Gelehrter so kühn sein wird, die halbgetauften Geldjuden abfällig zu kritisieren, werden sie schreien und jammern: „Das Judentum ist in Gefahr! Rettet das Judentum!“ Ein Beitrag zur Charakteristik der Taufjuden. „Der Taufjude ist ein Schuft — ich stelle diese Behauptung unter Beweis“! Dieser Leitsatz des Wittelsschen Buches „Der Taufjude“ fällt einem immer ein, wenn man von den Heldentaten der verschiedenen Täuflinge erfährt. Jüngst war wieder zu lesen, daß Dr. Oskar Scheuer als Plagiator entlarvt wurde. Besagter Doktor hat nämlich ein „Vademekum für Aerzte“ herausgegeben und sich die Sache sehr leicht gemacht, indem er einfach das Werk eines Berliner Gelehrten wörtlich abschrieb. Dr. Scheuer ist Sohn eines mährischen Kehillejuden, gehörte der treudeutschen „Fidelitas“ an, ließ sich natürlich taufen, nachdem er ein paar Jahre in deutscher Freiheit gemacht und heiratete eine getaufte Jüdin. Vor einigen Jahren gab er auch einen ,Almanach der f r e i h e i 11 i c ch en Stutenschaft“ heraus, war somit eine Leuchte seines assimilatorischen Kreises. Nun ist er als literarischer Langfinger entlarvt. „Der Taufjude ist und so weiter“, quod demonstrandum erat. Dr. Blochsche Sozialpolitik und die Tatsachen. In der Generalversammlung der österreichisch - israelitischen „Union“ hielt Doktor J. S. BloCh, der Herausgeber der „Wochenschrift“ einen Vortrag über seine Amerikareise. Bei dieser Gelegenheit kam er auch auf die jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten zu sprechen und flickte dabei S o m b a r t eines am Zeug. Es ist nicht wahr, sagte Dr. Bloch, daß man die Einwanderung erschweren wird, wie Sombart meint. In absehbarer Zeit werden die Juden in den Vereinigten Staaten Aufnahme finden. Implizite wollte Dr. Bloch sagen: „Laßt Kleines Eeuilleton. Die persischen Juden. In der „W e 11“ schreibt A. Z. I d e 1 s o h n (Jerusalem): Die Zerstörung des zweiten Tempels versprengte neue jüdische Emigranten nach Persien, und es hat dort die jüdische Ansiedlung ununterbrochen bis auf den heutigen Tag fortgedauert. Zur Zeit der altpersischen Weitherschaft sowohl als auch später, während der parthischen Herrschaft, erfreuten sich die Juden Persiens allgemeiner Freiheit. Mit dem Auftauchen des kjtnittelpersischen Reiches“ a. 226 n. Ch. wurden sie, während des vierhundertjährigen Bestehens dieses Reiches, mehrfach verfolgt, was aber mit der Eroberung Persiens durch die arabischen Kalifen aufhörte. Seit der Gründung des neupersischen Reiches a. 1502 begann für die dortigen Juden eine verhängnisvolle Zeit, welche durch den finsteren Fanatismus der Schiiten und durch die Verwilderung der persischen Bevölkerung, wie auch durch die stete Zerüttung der Regierungsverhältnisse charakterisiert ist. Der sog. Benjamin der Zweite, welcher Persien vor etwa 60 Jahren bereist hat, schilderte die traurige Lage der dortigen Juden. Seine Ausführungen sind keinesfalls übertrieben; es ist Tatsache, daß die von ihm angeführten grausamen Gesetze gegen die Juden bis heute in voller Kraft «bestehen. So ist noch jetzt der Jude, nach der Auffassung der Schiiten, unrein und darf weder euch nicht durch das Geschrei der Zionisten beirren. Es ist nicht so [arg. Das Judenproblem ist, solange die Union die armen Juden mit offenen Armen empfängt, nicht brennend.“ Die Tatsachen strafen aber den Dr. Bloch- Lügen. Vor einiger Zeit haben der Senator Dillingham und das Kongreßmitglied Burnett eine Bill beantragt, welche die Einwanderung erschweren soll und sich hauptsächlich gegen die Juden richtet. In dieser Bill befindet sich nämlich ein Passus, der das Verbot der Einwanderung von politischen Verschwörern, also der Russen (ließ: Juden) verlangt. Allerdings fanden am 5. Mai in New York, Boston, Philadelphia und Pittsburg große Protest-Versammlungen gegen diese Einwanderungsbill statt. Es muß aber bemerkt werden, daß die Versammlungen hauptsächlich von Juden besucht waren. Also, gar so Unrecht hat Sombart doch nicht! das Ha[us eines Persers betreten, noch einen Gegenstand berühren. Im Regen darf der Jude sich nicht ins mohammedanische Viertel hineinwagen, da die feuchte Erde durch die Tritte des Juden unrein wird und die Unreinheiten auf den Muselman überträgt. Der Jude darf den Laden eines Persers nicht betreten, sondern muß beim Kaufe draußen stehen. Die Behauptung eines Persers, ein Jude habe seine Ware berührt, genügt, um letzteren zum Abkauf der dadurch unrein gewordenen Ware zu zwingen. Ein Jude ist als Zeuge auch gegen einen andern Juden ungültig und nur persische Zeugen sind für Prozesse zweier Juden maßgebend. Die Perser betrachten Hab und Gut [der Juden als ihr Eigentum, das [sie den Juden 'nur jaus Barmherzigkeit zeitweilig überlassen, und jede Gelegenheit ist ihnen recht, um sie ihres Besitzes zu berauben. Daher die unaufhörlichen grausamen Pogrome in Persien. - Als Ursache zu einem solchen Pogrom genügt der Verdacht seitens eines Muselmans, daß ein 'Jude den Namen des Propheten gelästert hätte, oder daß er für die von ihm berührte persische Ware keinen Schadenersatz leisten wolle, oder die Ablehnung der Werbung eines Persers um ein jüdisches Mädchen, das sich weigert, zum Islam überzutreten. Aus solchen Anlässen hat sich mehrfach die [mohammedanische Bevölkerung auf die Juden gestürzt, um sie auszuplündern und zu morden. Die Schuten treiben eine viel energischere Altbewährte Nahrung für gesunde u. kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet ^beseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe. Oarmkatarrh. Preis per Dose K 1.80,erhältlich in jeder DropJ\potti Brief aus Bulgarien.*) Sofia, im Mai. Unter der Judenheit Bulgariens ging es in den letzten Tagen stürmisch zu, und wir Zionisten hatten große Mühe, die Stimmung ruhiger zu gestalten. Ein fürchterlicher Kampf entbrannte, ein Kampf des ganzen jüdischen Volkes in Bulgarien gegen den. in der hebräischen Literatur wohlbekannten Dr. E h re n p r e i s, Großrabbiner von Bulgarien. Vor ungefähr dreizehn Jahren kam er über Verwendung der hierländischen Zionisten, bei *) (Anm. d. Redaktion.) Wiederholt ist in zionistischen Blättern die Haltung des Großrabbiners von Bulgarien, Dr. Ehrenpreis, einer heftigen Kritik unterzogen worden, ohne daß dieser darauf reagierte. Wir erhalten nun aus unbedingt verläßlicher Quelle den nachstehenden Bericht über die ganze Angelegenheit, welche Kürzlich auch ein Massenmeeting in Sofia verursacht hat. Wir glauben, daß Herr Dr. Ehrenpreis sich über die gegen ihn gerichteten schwerwiegenden Angriffe äußern müßte und stellen ihm hiezu gerne die Spalten unseres Blattes zur Verfügung. Mission unterd ’en Juden als die Christen. Es genügt nach 'dem! Gesetze der schiitischen Kirche, wenn ein Muselman Zeugnis ablegt, daß ein Jude ihm versprochen habe, zum Islam überzutreten, um ihn gewaltsam zur Taufe zu schleppen. Wenn er sich aber hartnäckig weigert, so werden seine jüdischen Verwandten bei Todesstrafe gezwungen, ihn zur Taufe zu überreden. Viele Juden begehren aus Not eine Scheintaufe und die Zahl dieser modernen „Marannen“ ist in Persien ziemlich groß. Es existiert sogar in der heiligen Stadt Mesched eine ganze Marannengemeinde, die vor ca. 60 Jahren mit Gewalt getauft wurde. Nach dem Gesetze gehört einem getauften Juden das Eigentum seiner Verwandten und diese müssen vor der Behörde ihn als ihren alleinigen Erben erklären — ein Privilegium, das so mancher Täufling ausbeutet. — Aus diesen kurzen Angaben wird man begreifen, daß es den persischen Juden in ihrer Heimat unerträglich geworden ist. Viele von ihnen wandern nach Mesopotamien oder nach Indien aus, die Frömmsten aber pilgern nach Jerusalem. Ihre Armut ist unbeschreiblich; ihre Ansiedlung in der „Blechkompagnie“ (so genannt, weil die Häuser aus Blech* zusammengeschlagene Hütten und Baracken sind) bildet einen Schauplatz jammervollsten Elends und eine Stätte aller Krankheiten und Gebrechen. Die Zahl der persischen Juden in Jerusalem ist auf ca. zweitausend Seelen zu schätzen. Ein großer Teil von ihnen fristet sein Dasein durch Bettelei, die

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