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Jüdische Zeitung · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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■ >v; ~i *c,' ' 1 Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 gien nicht für die Erhöhung der eigenen Kraft, nicht für die Bekämpfung des „zweiten" Volkes eingesetzt, sondern im Kampf für und gegen Mitbürger verwendet, die von allen — oder fast allen —!als eigenes Volk .empfunden find betrachtet werden und die sich zum allergrößten Teile — wenn auch nicht immer programmatisch — bewußt — als eigener nationaler Körper fühlen oder gar bekennen. Gerade die Böhmen, die den Erneuerungs - prozeß ihres alten Volkstums in leidenvollem Kampfe sich erfüllen sahen, betrachten mit großem Interesse die Strömungen, die innerhalb der Gesamtheit am Werke sind. Ohne Einschränkung kann gesagt werden, daß alles, was im böhmischen Volke imparteiisch und fortschrittlich denkt, jeder nationalen Renaissance gegenüber reine Sympathiegefühle hegt. Die Böhmen haben am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, (unterjocht, vergewaltigt, (mißachtet, verspottet und verdächtigt zu werden. Und weil sie heute, nach der Erneuerung des letzten Jahrhunderts, genau Wissen, daß kein noch so starker Widerstand, die im Grunde eines Volkes schlummernden Energien zermürben kann, fällt es ihnen nicht ein, die geradezu heroischen Anstrengungen mißachten zu wolen, die. e.in .Teil der Juden, der sich um das zionistische Lager schart, im Interesse des Erneuerung des Judentums unternimmt:'Diese jüdisch-nationalen Wiedergeburtskämpfe sind genügend interessant und wichtig, um einer eingehenden Betrachtung gewürdigt zu werden; aber diesmal wollen wir die Judenfrage, wie sie sich uns darstellt, einmal im Lichte der böhmischen Auffassung betrachten. Unsere Politiker und ein großer Teil der Publizistik ist heute noch gewöhnt, die Juden kurzerhand als Deutsche aufzufassen. Diese Betrachtungsweise ist von dem allerdings auch von den bedeutenden Schriftstellern zu - rüdegewiesenen Bestreben geleitet, die Tatsache vergessen zu machen, daß die Juden nationale Wesenheit tragen und daher auch im Westen — trotz des Fehlens einer eigenen Sprache — eine eigene Nation bilden; infolge dieser mit allen Mitteln propagierten Assimitations - Anschauung mußten die Juden natürlich aufgeteilt werden, der größte Teil der Juden wurde, mit Rücksicht auf die historische Entwicklung, den Deutschen ■ zugesprochen, ein verhältnismäßig kleiner Teil fiel den Böhmen anheim. Die Juden fühlten sich die längste Zeit zu schwach, um dieser Aufteilung zu widersprechen; ja sie suchten sie zu rechtfertigen, indem sie als charak teiisttsche Deutscheden Kampf gegen die Nichtdeutschen schürten und vergifteten; aber auch die Juden, die im böhmischen Lager stehen, haben sich die größte Mühe gegeben, als vollwertige gleichartige Volksgenossen zu erscheinen. Erst mit dem Wachsen des jüdischnationalen Gedankens scheint auch unter den Juden selbst der Wille durchgedrungen zu sein, sich1 demnächst einmal als Juden zu bekennen, und als jüdische Nation zusammengeschlossen im Staate und Lande aufzutreten. Es ist hier nicht der Ort, zu betrachten, welche Rolle eine solche Politik für die Juden selbst spielen könnte, die mit ihrer Assimilationspolitik, bei den Deutschen z. B. und bei den Magyaren, ganz üble Erfahrungen gemacht haben. Aber auch die böhmische Politik kann an der immer stärker werdenden zionistischen Gedankenrichtung nicht achtlos vorübergehen. Die Deutschen, die den Juden gegenüber nicht nur eine undankbare, sondern — was viel mehr ist — auch eine dumme Politik führen, haben sich den Zionisten gegenüber bisher nicht besser benommen, als gegen alle Nichtdeutschen. Allerdings trägt den Hauptteil der Schuld und des Unverstandes, , den die Deutschen in dieser Beziehung auf sich geladen haben, die Information von Seite getaufter Juden oder solcher, die ihr Süppchen gern an fremden Kesseln kochen. Ist es doch charakteristisch, daß die böhmischen Hochschulen die jüdische Nationalität anerkaint haben, während die Prager Universität unter dem Einflüsse des sattsam bekannten Professors Rauchberg, der zur Zeit sogar ihr Rektor ist, bei jeder Gelegenheit eine den Zionisten feindliche Haltung einnimmt. Die Zionisten haben daher nur einer Notwendigkeit nachzugeben, wenn sie ihre ganze Kraft darauf konzentrieren, ihre Anhänger und die breiten Massen der Judenschaft — auch der deutschsprechenden — politisch selbständig zu machen. Wenn diese Anstrengungen, wie es scheint, immer mehr gelingen, wird die deutsche Politik allerdings über kurz oder lang einlenken müssen: denn I schließlich haben die Juden in Böhmen und I Mähren eine beträchtliche Bedeutung und Prag, Pilsen und Budweis kann eventuell auf die Juden schwerer verzichten als auf die Antisemiten Wolf und Rauchberg. Dem böhmischen Politiker kann es nur recht sein, wenn die jüdischnationale Politik die Juden der deutschen Diktatur entreißt. Haben aber die Juden, die im böhmischen Volke leben, nicht Grund, von den Böhmen zu verlangen, daß diese die Vorteile der Entgermanisierung und Nationalisierung der deutschen Juden ablehnen, weil durch die Anerkennung der zionistischen Forderungen der Anschluß auch der böhmischen Juden aus dem böhmischen Volksleben erfolgen müßte? Diese Besorgnisse sind schon des öfteren geäußert worden, aber sie bestehen nicht zu recht. Zunächst schaffen die Zionisten ja nicht ein neues Volk mitten unter uns; sie nehmen nichts weg, was ghnz uns gehörte, sondern sie sagen nur, was ist, sie erkennen die Existenz der jüdischen Nationalität an., und fordern ihre Anerkennung auch von den anderen Völkern. Auf Grundlage dieses Bekenntnisses kann aber das Zusammenleben zwischen Böhmen und Juden nur im günstigen Sinne beeinflußt werden: Ehrlichkeit und Offenheit ist im nationalen und sozialen Leben immer von Nutzen und befördert, die auf Erreichung gemeinsamer wirtschaftlicher und kultureller Ziele gerichtete Arbeit. Was d ie Antisemiten, die das böhmische Volk leider auch ertragen muß, dazu sauen, wird aut die Dauer doch nicht in die Wagschale fallen. Vom fortschrittlichen Standpunkte aber erscheint es als unsinnig, Juden, die sich offen zu ihrer angestammten Nationalität bekennen, das Recht zu freundschaftlichem Zusammenleben mit der Mehrheit der Bevölkerung abzustreiten. Unser Volk will es doch auch nicht für gerechtfertigt anerkennen, daß die Deutschen den böhmischen Mitbürgern in Wien um ihrer Nationalität willen Gewalt antun; die böhmischen Einwanderer in Amerika nehmen doch, ihrem neuen Vaterlande gegenüber, das Recht in Anspruch, ihrer böhmischen Heimat und ihrer böhmischen Nation tätige Treue zu bewahren. Allerdings wird die Entwicklung noch manche Vorurteile hinwegräumen müssen; aber wie heute das Bekenntnis zu einer fremden Religion nicht bestraft wird, während frühere Zeiten die Bekenner fremder Religionen ausgetrieben, verbrannt oder zum Uebertritt gezwungen haben, so dürfte eine gleiche Freiheit auch den Bekennern einer nationalen Minorität nicht vorenthalten werden. . . Wenn die Zionisten in ihren Bestrebungen unterstützt werden, dürften sie in kurzer Zeit eine Kraft darstellen, mit der jene rechnen dürfen, die den Ruf der Zeit vernommen haben. Warum soll nicht das böhmische Volk die Sympathie, die es den vergewaltigten Minoritäten aller Nationen entgegenbringt, auch zum eigenen Vorteile ausnützen dürfen? M. N— y. Rundschau. Universitätsprofessoren als Rechtsbeuger. In der jüngsten Zeit hat das Professorenkollegium der Wiener Universität mehrere jüdische Studenten relegiert. Das „Verbrechen", um dessentwillen junge Leute existenzlos gemacht wurden, besteht lediglich darin, daß sie gemeine Angriffe deutsch nationaler akademischer Trunkenbolde und Feiglinge nicht ruhig über sich ergehen ließen. Nach dem bekannten Waydhofner Beschluß betrachtet der „teutsche" Student jeden Juden als ehrlos. Er verweigert ihm jede Genugtuung für angetane Beleidigungen, er erklärt jeden Juden für vogelfrei, ln Konsequenz dieses bequemen, von einer Horde von Feiglingen gefaßten Beschlusses, wuchs die deutschäntisemitische Bewegung Von'Tag “zu Tag. Juden Wurden auf Schritt und Tritt angerempelt und beschimpft. Wenn sie Genugtuung verlangten, wurde sie ihnen von den deutschnationalen Helden mit dem Bemerken verweigert, daß ein Jude keine Ehre habe. Die jüdischen Studenten wandten sich1 £n fdieser Not an ihre Lehrer, an die Universitätssenate, mit der Bitte um Intervention. Sie erhielten die kühle Antwort, daß sich der Senat mit privaten Angelegenheiten, die außerhalb der Universität zum Austrag kommen, nicht befassen könne. Sie gingen weiter und klagten jene, die ihnen als Juden die Ehre Absprachen, bei Gericht. Aber die Mehrzahl der Richter, selbst ehemalige deutschhationale Studenten, verweigerten ihnen den Schutz ihrer Ehre und sprachen die Beleidiger frei. Da griffen die bedrängten jüdischnationalen Studenten zur Selbstwehr. Jede Erklärung, daß der Jude ehrlos sei, wurde mit einer Ohrfeige beantwortet. Unsere Studenten waren sich der Tragweite ihrer Handlungsweise bewußt und wollten für dieselbe vor Gericht die Verantwortung tragen. Aber es kam anders. Die feige Horde der Wayhofner scheute den Gerichtssaal und lief zum Universitätssenate und verlangte, daß ihm (dieser ermögliche, idie Juden auch weiterhin ungestraft beleidigen zu können. Und die p. t. Professoren erwiesen sich als willige Helfer. Sie dekretierten, daß jeder jüdische Student, der seine Ehre handgreiflich schützt — auch wenn er dies außerhalb des akademischen Bodens tut — Vom Universitäts-Studium ausgeschlossen wird. Dieselben Herren, die die Ehrlosigkeitserklärung Tausender ihrer Schüler für eine „private Angelegenheit“ erachteten, maßen sich auf einmal eine Gerichtsbarkeit auch außerhalb des akademischen Bodens an, der nur den ordentlichen Gerichten zükommt. Um eine Rotte feiger Buben zu schützen, bringen sie unschuldig Gekränkte um ihre Existenz. Diese gelehrten Herren Universitätslehrer treten das Recht mit Füßen. Sie, die Muster von Unparteilichkeit sein müßten, stellen sich' skrupellos in den Dienst der antisemitischen Agitation. — Die jüdische Gesellschaft steht bei ihren Studenten tief in Schuld. Unsere akademische Bewegung hat sich um die Wiederbelebung des jüdischen Volksgedankens die größten Verdienste erworben. In der Zeit der ärgsten Erniedrigung, da sich' die Alten vom Judentum als einer verlorenen Sache abgewendet hätten, nahmen sie den Kampf für seine Wiederaufrichtung auf. Sie waren die Ersten und lange Zeit die Einzigen. Dieses Verdienst -erkennen heute auch die Gegner unserer Bewegung an. Es ist eine Ehrenpflicht aller jüdischen Kreise, sich dieser jungen Leute anzunehmen und ihnen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Durch akademische Gesetze gebunden und täglich der Relegierung gewärtig, sind sie in ihrem Kampfe gehindert. Sie. könnten ihn viel enfc sclilossener und wirksamer führen, wenn sie seitens der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit unterstützt würden und es wäre gewissenlos, ihnen diesen Beistand zu versagen. Wahlschwindler. Dienstag, den 7. Mai befaßte sich1 das Abgeordnetenhaus mit den Berichten über die protestierten Wahlen. Unter anderen wurden auch die Wahlproteste der (galizischen Wahlkreise Stanislau und Kolomea verhandelt. Trotzdem es allgemein bekannt ist, daß in Galizien der Wahlschwindel in schamlosester Weise praktiziert wird, ging der Legitimationsausschuß auf den Inhalt der teingebrachten Beschwerden gar nicht ein. In einigen allgemeinen Phrasen werden die Anklagen der protestierenden Wähler abgetan und dem Hause die Anerkennung der Wahlen empfohlen. Beide Berichte sind vom Berichterstatter German und dem pbmann des Ausschusses, dem Sozialdemokraten Daszynski, unterschrieben. Damit ist deutlich erwiesen, daß D aszynski mit den Wahlschwind 1 ern in Galizien unter einer Decke steckt. Mögen die Sozialdemokraten Seitz, Widholz, und alle anderen noen so viel gegen Wahlschwindel wettern, durch die Haltung ihres Genossen Daszynski sind sie gerichtet. Wäre es der Sozialdemokratie tatsächlich um die Behebung des MIÜHÜDI AXTTMCr»Ultr LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLCHSAFT jN I jLYj t KLAlNLlloVrljU WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais. —Persifliertes Räpitojyzirha 380 Millionen. — Prämienreseroe zirha 113 Millionen.—Billigste Prämien unö kulanteste Bedingungen. Engagiert jederzeit füAfige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezüge. Auskünfte erteilt Oie Generalagentsdiaft Wien, I., Ospernplatz 1 (heiter: David Hebenzahl). Eür Ostgalizien u. Buhomina: Subflirehtionhöbl Taubes, Qemberq. it ■

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