Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1912-05-04 · 18 (4.5.1912) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
18 (4.5.1912)
Date
1912-05-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2438141-2438380-2438398--2991-2442717
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

, Nr, 18 ständliCh' .nahm der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, das Polenklubmitglied Dr. G erm ah n Anlaß, die galizischen Beamten,von den „ungerechtfertig-, ten“ BeScftulft jguri^eri des J’AbgV Breiter in Schutz zu' nehmen..All£rdirigs rückte Abg. B reit er die heuchlerischen Ausführungen Dr.-Germanns durch-ein paar eriergische’ Zwischenrufe1 insrechte Licht: Wir können auf Grund der vielfachen, an uns gelangten Klagen sowiepersönlicher Erfahrungen die Ausführungen' des; Abg. BrCiter vollauf bestätigen. Nächste? ' Herid seien einige, markante Stellen aus der ü interessanten Rede .wiedergegeben; „Ich bitte,-; meine Herren, sich einmal inj - eine'1 galizische’Kleinstadt zu begeben und wollen! Sie -nur einmal' Zusehen, wie zum Beispiel der galizische Steuerzahler, -der galizische B auero der Jude oder ü b. e r haupt der; 'kl eFn e M ahn d or r t’ i n de r Bezirkshauptman'nSchaft, itn Ste'uramte, ja;au'cni beim' Gericht'!behan'delt wird] '■Män"'läßt einen solchen; Menschen stundenlang (Hört! - Hört!) auf dem Korridor oder vor dem Lokal warten, und das aüch bei dem schlechte-, sten Wetter. Obwohl der -Betreffende die Einladung für eine bestimmte Stunde erhalten hat, muß. der arme Mann manchmal von 8 Uhr früh' bis spät'in die Nacht vor dem Amtslokal warten: und-alle Strapazen mitmachen.! . . In Galizien ist in den {meistert Fä'lei, nament? lieh wenn ein Bauer oder ein Jude als Partei auftritt, eine andere Ansprache als „Du“ nicht ge? bräuchlich (Hört! Hört!), und diesem „Du“ gegesellt si'h gewöhnlich auch . eine ganze Reihe von verschiedenen wenig riechenden epitheta or- ' näntia hinzu, zum Beispiel: Du stinkender ' Parch!, Du ekelhafter Bauer! Vieh, hinaus mit deinem stinkenden Pelz! usw. (Zustimmung.) ■Diese Sachen stehen sozusagen an der Tagesordnung, sie kommen tagtäglich vor. Solche Beleidigungen ordinärster Form werden dem armen Steuerzahler ins, Gesicht geschleudert. Und wenn zu allen diesen individuellen Abneigungen nodj der nationale und politische Antagonismus h in zu grech n e t wird, der doch in gewisser Beziehung die. Sympathien oder Antipathien.dTesj^eämiten’in höHgn;;Grade beeinflußt, dann wird man begreifen, daß der Steuerzahlerden Weg zu einem’ Amte, zu einer Behörde als eine Qual empfindet und daß er zu, frieden ist, wenn er überhaupt mit der Behörde nichts zu tun hat. - Hiezu kommt aber, auch nochv'der Mangel >an< Objektivität. Dieser Mangel an Objektivität ist der natürliche-Ausfluß der Politik, die in unseren1 Aemtern getrieben''wird. (Hört! Hört!) ■ "Nicht ä nach‘ der gegebenen Sachlage-wird eine '-Angelegenheit beurteilt und erledigt, sondern nur nach der Zuständigkeit'zu der i 'o-d er j e n fe r Nat ion ä 1 i t a t ö der p oliti- ■; scheu' P ar tei: Das ist, möch te ich sa- Hen," der schrecklichste der Schreke n in 'G a 1 i z i e n. (Sehr richtig!) Es! gibt manche ■ Galizien. (Sehr richtig!) Es gibt manche n Ämter in Galizien, die;'eigentlich nichts anderes sind als- Exposituren der politischen? Parteien. (Hört! Hört!) Es ist zum Beispiel ein öffentliches Geheimnis, daß die allpolnische Partei /überallin den "Bezirkshauptmannschaften und Gerichten ihre Exposituren hat; . - . Dieser Mangel an Objektivität offenbart sieb •nicht nur bei den politischen Behörden, er öffen- ‘ bärt sich nicht nur zum Beispiel im Mittelschuh : wesen, sondern, was das Aergste ist, bei den Ge- ■ richten. Außerdem ist man in unserer Beamtenschaft immer gerne geneigt, den Steuerzahler zu drangsalieren, zu necken und zu verhöhnen usw. Ich 'könnte Ihnen Hunderte von Briefen von armen galizischen Bauern .und Juden .Jaus .Amerika ,.yöfUseni': —- irf iahen" idieseii . Briefen.“ finden.:- Sie immer wieder nur den einen Passus, daß sie dem lieben Herrgott danken,'daß er sie aus diesem uSchlachzi2;en-' und; Beatatendorado, .das „Gali- . :zien“; heißt, herausgeführt: hat.. (Hört! Hört!) .Dieses unobjektive, brutale Vorgehen der galtzischen Beamtenschaft ist mit einer der Gründe, / Welche die galizische Bevölkerung zur Emigra;- < tion treiben. Vor einigen -Tagen würde hier in Wien die •; /'Auswanderungsenque te tabgehalten — \varüm; sich / hieinänä; 'dort ‘ geftiriden'hat, der wenigstens ein '/'päar'Wörte’diesem Thema gewidmet hätte, weiß " ' lCn nicht. Es scheint, daß die Herren, die an die- ' ser Enqüete teilgenommen haben, der Anschauung''waren, daß dadurch das Prestige Galiziens / leiden wurde, aber diese Befürchtungen bräuch- 1 ten sie nicht zu hegen, iip Gegenteil, sie h ätten /{älles/klärlegen 'sollen, was bei uns vorkommt und was izü yen.!Krebsschäden des Landes gehört.;!ji i: Aber-/n6ch schlimmere'Erscheinungen'' sind wahrzunehmen. Es herrscht auch ‘eine üngewöhn- * 'Jlfche.-Bestech!ichkeitt;selbst in Dingen, zu, deren '‘^Erledigung der Beamte '•von- 'Amtsv^egen . ver- ’r-Pflkbtebäist."- Es-ist eineiTafsach'ei;mei'ne-Herren, daß 'in7 Galizien in 'manchen1' Bezirkshäuptinann- " '‘schaffeh 'Beamte sifzäi, vomf-KänzIeigehilfeh an- ...gefangen-bis zunr'Belzffkshauptmann-hinauf,5'die JÜDISCHE ZEITUNG für ihre Tätigkeit sich Von den Parteien bezahlen lassen. (Lebhafte Rufe: Hört! Hört!) Es werden sich vielleicht manche Herren finden, die gegen diese, meine Behauptung protestieren werden und ich muß daher auch mit einigen Beispielen kommen. Nehmen wir also das verflossene Jahr 1911, in welchem in Galizien die' Schankkonzessionen vergeben wurden. Die Jahre 1910 und 1911 gehören zu den goldenen Zeiten der galizischen Beamtenschaft. Das1 waren paradiesische Zeiten, wo manche Beamte in Hülle und Fülle Geld in ihren Taschen hatten. Brauchte der Beamte für die Feiertage oder sonst zu irgendeinem Zwecke Geld, so muß ihm die Bevölkerung das Geld geben. Es ist modus in rebus. Man veranstaltet das auf folgende Weise, wie es zum Beispiel , der Bezirkshauptmannschaftskonzipist in Zaleszczyki gemacht hat. Woher nehmen und hiebt stehlen? Der Konzipist hat knapp vor den Feiertagen 30 jüdischen Kaufleuten von Zaleszczyki Einladungen geschickt, sie sollen in der Bezirkshauptmannschaft erscheinen. Als die Leute kamen, hat er ihnen er? klärt, daß er sie wegen Uebertretung der Bestimmungen der Sonntagsruhe strafen werde. Die Kaufleute waren erstaunt, wie man sie so schuldlos bestrafen ■ könne - und , wollten opponieren. Aber! es .half ihnen nichts. Der Konzipist verurteilte' jeden von ihnien mSt 5 Ibis 10 K Strafe. Die Kaufleufe ünußten Wiese Strafe annehmen. Denn fand sich jemand, der einen Rekurs anmelden wollte, dann erklärte der Konzipist klipp und klar: Gut, ich werde deir Rekurs annehmen, aber ich werde' dir zugleich eine höhere Strafe diktieren, nämlich 69 K. Was ist dir Heber: 60 K. und dann zu/rekurrieren; oder gleich jetzt 5 oder 10 K. zu zahlen? Der arme Kaufmann mußte natürlich diese 5 oder 10t K. zahlen. Denn er ist überzeugt und weiß sehr gut, daß, wenn er dann an die Statthalterei rekurriert, sich niemand um diesen Rekurs kümmert; er wird direkt m den Korb geworfen. Ich habe das in meinem Blatte veröffentlicht und der Konzipist hat es.gelesen. Und da er sah, es könne ihm vielleicht schlecht gehen, er könne dafür vielleicht bestraft' werden, hat er gleich nach den Feiertagen frische Einladungen, wieder an 30 Kaufleute in Zalezsczyki geschickt und sie in »3 ie Bezirkshauptmannschaft zitiert. Die Leute kommen natürüdh wieder in. die Bezirkshauptmannschaft, aber es waren 30 andere Kaufleute, nicht die, welche vor den Feiertagen in der Bezirkshauptmannschaft waren. Jeder dieser Kaufleute bekam wieder eine Strafe von 5 bis 10 Kronen für die Uebertretung der Sonntagsruhe. Die Leute haben natürlich Rekurse angemeldet. Aber zugleich hat der Konzipist die Protokolle geführt und jetzt ist alles-in Ordnung! Es sind doch in der Bezirkshauptmannschaft die Protokolle von 30 Kaufleuten, natürlich nicht von denen der ersten Gruppe, sondern von der zweiten Gruppe der Kaufleute. Dies ist bei uns möglich: auf diese Weise helfen sich manche Herren, um Geld zu bekommen. (Hört! Hört!) Die Zustände sind derartig, daß man bei uns öffentlich verlangt hat, man solle wenigstens dem guten Beispiel Rußlands folgen und eine Untersuchungskommission mit einem Neidhardt an der Spitzenach Galizien schicken und dort alle Behörden und Aemter einer Kontrolle und Säuberung unterwerfen. JQdisch-rtkad. Verbindung „Ivria“ Wien, IX. Glasergasse 4a. M’ttwoch, <den 15. Mai a. c. 8 Uhr abends Endet im Festsaat des Hotels „Zum goldenen Engel“, XXI., Am Spitz Nr. 2 ein Palästina GidifbiWepuoptpag statt, mit einem einleitenden Vortrag des Herrn Dr. Hermann Löw über „Wanderbewegung unter den Juden“. Karten zu 1 K sind bei aHen Verbindungsmitgjieidern,: im Coufeurcafö Maria Theresia I., Maria Theresienstr.i 10 und im Caf£ Klein „Zum goldenen Engel“ Floridsdorf, XXL, Am Spitz Nr. 2 erhältlich. Eine wichtige Mitteilung. Schon am 15. Mai d. J. finden wieder zwei wichtige Ziehungen der serbischen Tabaklose; und der Joszivlose statt, bei Welrfiert'viele Haupt- und Nebentreffer ausgelöst werden. Wir machen deshalb unsere Leser wieder auf den unlängst unserem Blatte beigelegten Prospekt der „Glücksrad-Gesellschaft“ aufmerksam, welche jedermann beim Einkäufe von Losen, kulantest bedient. Auch sind die verläßlichsten Ziehungslisten dort erhältlich. Alle Bestellungen, Anfragen usw. sende man an die Adresse „Glücksrad“! Brünn,' Rudolfegasse 12. Jüdischer Handlungsgehilfen-tVerband Wien, II., Taborstraße Nr. 20. Kollegen und Kolleginnen! Immer offener und schärfer, immer gefährlicher und verderblicher wird das Wüten des Antisemitismus, Es gibt keinen unter Euch, der das nicht: täglich -sieht; kernen, der es nicht irgendwie zu Seite 5 fühlen bekommt. Die jüdischen Angestellten sind es, die physisch und seelisch dem Judenhasse am meisten preisgegeben sind. Nicht ihre Jüdische, ihre Menschenehre, ihr Stück Brot müssen sie dem Antisemitismus gegenüber verteidigen. Die jüdischen Angestellten stößt der jüdische und nicht jüdische Unternehmer nur allzu oft zurück, den jüdischen Angestellten verweigert man den Posten. Nicht das Fach, nicht die Arbeit, der Jude wird boykottiert. Nun denn, ihr jüdischen Angestellten, wenn ihr als Juden zurückgesetzt, wenn ihr als Juden getroffen werdet, so verteidigt Euch auch als Juden! Nichts ist logischer, nichts ehrenvoller, nichts klüger. Heraus aus Eurer Lethargie, heraus aus Vereinen, die Euch fremd sind, die von der speziellen Notlage der jüdischen Angestellten nichts wissen wollen! Als jüdische Angestellte schließet Euch zusammen izur Abwehr der Wirtschaft - liehen und antisemitischen Gefahr! Es nützt nichts, über die traurigen Zeiten zu klagen und müßig dreinzuschauen. Ebensowenig nützt es Euch, fremdnationalen Vereinen nachzulaufen und sie um ihre Hilfe anzuwinseln. Wer sich uns nicht anschließt, begeht ein Unrecht an sich selbst, eine Sünde an seinen Berufsgenossen, ein Verbrechen an seinem Volke. Da wir in allen wirtschaftlichen Fragen gemeinsam mit den anderen gewerkschaftlichen Organisationen vorgehen wollen, so kann von einer Schädigung der Angestellten-Interessen durch un - sere Vereinigung keine Rede sein. Nur aus Dummheit oder Böswilligkeit kann eine solche Behauptung aufgestellt werden! Die Verhältnisse unter den Angestellten sind eben derart, daß sich jeder nach seiner Art organisieren muß. Die Anstrengungen, die gewisse Vereine gemacht haben, um eine „internationale“ Handlungsgehilfenorganisation zu schaffen, waren nicht von Erfolg gekrönt, denn 99 Prozent der Mitglieder dieser „internationalen“ Vereine sind Juden, an vielen Orten sogar 100 Prozent; Unserer Organisation kann jeder jüdische Angestellte männlichen oder weiblichen Geschlechtes beitreten. Der Verband erstreckt seine Tätigkeit auf ganz Oesterreich und wird die geistigen und materiellen Interessen der Mitglieder jederzeit mit Entschiedenheit wahren. Insbesondere will er dem' Boykott, der vielfach durch prinzipiellen Auseh.’uß von Juden bei vielen Unternehmungen besteht, entgegenwirken, sowie eine gut funktionierende Stellenvermittlung und Stellenlosenunterstützung seinen Mitgliedern bieten. Diejenigen jüdischen Angestellten, welche die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Oesterreich mit klarem Auge betrachten, die sich ihr Selbstbewußtsein, ihre Ehre erhalten möchten und im schweren Kampfe als wirtschaftlich Schwächere und als Juden zugleich brüderliche Unterstützung und Kräftigung suchen, müssen und werden sidb unserer Organisation anschließen. Zuschriften und Beitrittserklärungen sind zu richten an das Büro des Jüdischen Handlungsgehilfen-Verbandes Wien» II., Taborstraße Nr. 20. Ros dem iüäildieii leies. Unentgeltliche Arbeitsvermittlung an jüdische Hocbschüler in Wien. Am 24. April vorigen Monates fand die Generalversammlung des „Vereines für unentgeltliche Arbeitsvermittlung; an jüdische Hochschüler“ statt. Dem vorgelegten Berichte ist zu entnehmen, dab von den angemeldeten Arbeitsuchenden über 47o/o mit guten Stellen versorgt wurden. Insgesamt wurden von 206, 102 Hochscliülern Stellen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.