Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 18 (4.5.1912)
- Date
- 1912-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2438141-2438380-2438398--2990-2442716- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG r Nr 18 Brief aus flähren. Der Reichsrats-Ab geordnete des neunten Atährischen Wahlkreises und Bürgermeister der Stadt Neutitsdrein Ing. Jakob .Ulrich ist gestorben. Seine Verdienste um die Stadt und sein Wirken im Interesse seines Wahlbezirkes zu würdigen, muß seinen engeren Parteifreunden Vorbehalten bleiben. Uns, die wir schon anläßlich der Reicfasratswahlen im Juni des Vorjahres an die .Judenschaft des Kreises einen warnenden Appell gerichtet hatten, sich Von den Sirenenklängen des maskierten Judenhasses ja nicht verlocken zu lassen, blieb die bittere Pille der Genugtuung, unsere Prophezeiung durch die Ereignisse bestätigt zu finden. Der Verstorbene hatte noch genügend Kraft, in wenigen Monaten nach seiner Wahl den weiten Weg vom', gemäßigten Chauvinismus der Deutschen Volkspartei, dem seine vereinzelten jüdischen Wahlmacher mit selbstberuhigtem Gewissen Gefolgschaft leisten zu können glaubten, über die Gesinnungshindernisse der -Judenfrage zum deutschen Radikal 1 i s m u s zurückzulegen, besser gesagt zurückzufinden, nachdem für uns und seine Parteifreunde niemals darüber Zweifel bestand, daß er einer der ihrigen sei. Diese einzelnen Herren von Leipnik und Mähr. Weißkirchen, die ihre 'deutschbürgerliche Gesinnung den Traum der deutschen Treue höher bewerten ließ als das Interesse des Judentums, haben unserer Devise, den sozialdemokratischen Wahlwerber N1 e s s* ner, als das kleinere Uebel, geschlossen zu wählen, entgegengearbeitet und haben selbst mit den wenigen Stimmen, die sie zu sammeln ver- mochten, der Ehre ihres Judentums ebensovifcle Faustschläge versetzt. Ihnen blieb der Lohn nicht aus. Nur zu bald hörten sie erstaunt von den Lippen ihres Kandidaten die Worte, „daß •:oer.:3.-fir die1 Juden Verschnupft und mifclvt za haben sei." Oie kurze Spanne Zeit, die seit der letzten Wahl verflößen ist, wird dem Gedächtnisse der Wählerschaft zu Hilfe kommen, Wenn sie sich über die Taktik der Kandidaten des>Deurschen Nation.alverbandes vor und nach , der Wah l ein abschließendes Urteil bilden werden. Ueber Anregung der Landeskommission für Jugendfürsorge in Mähren , wurden in allen Gesichtssprengeln unter. der Par tronanz der Obervormundschaftsbehörde lokale . Jugend- und Waisenfürsorge vereine und zwar sowohl unter der deutschen als auch der tschechischen Bevölkerung ins Leben gerufen. In einem , Leitartikel und einem weitschweifigen Berichte hat die „Ostraüer Zeitung“ die Gründung der Leipniker deutschen Ortsgruppe unter einem Ger sichtswinkel gefeiert, der geeignet ist, das humanitäre Eintreten der Judensdiaft im Sinne des geplanten diaritativen Zweckes zu einer politischen Manifestation zu stempeln. jWit kühnem Ge- ‘arfit lassen; "Ignaz” Schipper füllt diese Lücke durch sein neuestes Buch in polnischer Sprache aus,*) in welchem er das Wirtschaftsleben der Juden P o 1 e n s bis zum Ausgange des Mittelalters einer genauen Behandlung unterzieht. (Studien zu den Wirtsdiaftsverhältnfrsen der Juden in Polen während des Mittelalters, Lemberg 1911.) Die Resultate der Forschungen in dieser Arbeit sind auch teilweise pn seiner historischen Studie im Sammelwerke „Heimkehr“ jiiederjelegt. Im. .VIII.—X. Jahrhundert durchreisen westeuropäische, jüdische Großhändler, Radanniten genannt, die ganze damals bekannte Welt. Der arabische Oberpostmeister Ibn Kontadbeh schildert in seinen Reiseberichten aus der zweiten Hälfte des IX. Jahrhunderts vier. Routen zwi- -ien Europa und Asien, welche die jüdischen <aufleute zu benützen pflegten. Seht widhtig war. crie Handelsstraße, welche aus Westeuropa durch . die mitteleuropäischen Länder nach der Hauptstadt der Chasaren Itil; (Astrachan) führte. Von hier gingen die Radanniten über aas Kaspische . Meer nach Zentralasien und China. Ein anderer Weg führte über Frankreich, Spanien und Nordafrika nach Bagdad, SQdpersien |und Indien. Aber schon nach den ersten Kreuzzügen entwickelte sich in Mitteleuropa ein christlicher Kaufmannstand. Dieser beginnt den internationalen Handel selbst zu führen und zwingt *) Studya nad stosunkami gospodarczymi Zydow w Polsee podczas sredniowiecza. dankensdiwung hat das Blatt aus einer Abwehr der Säuglingssterblichkeit eine“, Aktion zur Stärkung des Deutschtums gebildet und den jüdischen Wohltätern, idie .natürlicher-! weise in den vordersten Reihen der Mitglied«! des Vereines stehen, taxfrei den Orden der „Ret-; ter des Deutschtums“ verliehen. [ Der Zufall hat es gefügt, daß die beiden Vertreter der Obervormündsdiaftsbehörde jede Tendenz nach' politischer Richtung Von vorne-j herein unmöglich machen: Dr. Sylvester ist zwar Mitglied des „Nordmährerbundes“, dafür aber gehört der Leiter des Bezirksgerichtes Doktor Chrömec zu den Führern der Leipniker Tsche-; dien. Die Juden aber werden sich für eine derar-j tige Auslegung ihres Wohltätigkeitssinnes künftighin bedanken. V j :• •■■ ■' ' ' j Das offizielle Organ der Wiener 1 Kultusgemeinde. Wir haben schon öfter Gelegenheit .genommen, . dasGebahren der „Öesterr. Wochenschrift“ zu beleuchten, und jedesmal ließ uns ihr . Herausgeber, Herr Dr. Bloch, .eineAntwort zuteij werden, die jedem Jesuiten zur Ehre gereichen könnte, ln der letzten Nummer seines Blattes paradiert neuerdings ein solches 'Meisterstück der Entstellungskunst. Herr ' Dr. 'Bloüh’1 beklagt sich-bitterlich darüber, daß er ln der „Jüdischen Zeitung“ angegriffen1 worden sei, weil er‘ ’ den berühmten - Maler Isidor Kauf m ail n' gelobj habe. In Wirklichkeit aber hat' die '„Jüdische Zeitung“ unter der Spitzmärke „Freund e rl; Wirtschaft“ folgendes berichtet:; ' ' i Im Künsrtlerhäuse fand eine Ausstellung statt, die von vielen jüdischen Meistern beschickt wurde. In der Wochenschrift“ erschien nun eine anonyme Kritik, in welcher Kaufmann, dessen Verdienste1 nie von uns bestritten wurden, sehr gelobt, hingegen alle anderen Meister hernnterr gerissen wurden. Wir wurden'von Künstlern darauf aufmerksam gemacht, daß diese einseitige Kritik vom Sohne Isidor Kaufmanns verfaßt worden sei und Herr Dr: Bloch auf die Forderung nach Richtigstellung dieser empören- .'den parteiischen'.Kritik geantwortet hat, - daß er nichts timJ könne, weil I s i d o r K:a u f man ti sein Logenbruder is t,. rr Wir .haben mif keinem Worte die Künstlerschaft Kaufmanns bejrührt, sondern lediglich 'die in Blochs Blatt gefübte „Freunderlkritik“ als ein unsauberes Manöver hingestellt. Die. „Blochsche . Wochenschrift“; aber verkriecht sich hinter die Meisterschaft Kaufmanns und entstellt, wjr hätten den Künstler Kaufmann angegriffen .juncL . ver schweigt den sachlichen Inhalt unserer, Ausfuhr rungen. , .;.... . Soweit ist sich' die „Wochenschrift“ treu geblieben. Und auch darin, daß sie .Im, Zusamjmenhang mit dieser Entstellung die an der, „Jüdischen Zeitung“ mitarbeitenden Gesinnungsgenossen besudelte Nur„ hatte diesmal die Wut den sonst, söhschJAuerefM&steE Blöd) unbesonnen , gemacht - und : di,e „Wochenschrift“ bringt die Beleidigungen inf einer -Fojm, [dieces.?ups igndlich möglich gemacht hat, ihr Gelegenheit zu: geben. vor Gericht die; vorgebrächten^ Behauptungen zu beweisen.1 Wir.: wollen ^mrt^Rücksiehtrdaraü/ die hähefe' Besprfeciiut^ .‘dieser. Jäüfig aufscbieben.; :; -i?’:'.; Gleichzeitig . mit der ^WochenschrifF.L. wird sich11 aber ihr Auffraggeber,1: die Wiener Kültusgemeinde vor der haben, diese;-Behörde;" ihe es. nicht yerschpjäht, •: sich icines solchen Blattes - offiziell 'zu becTmenund dasselbe aus1 - Gemeindegeldern1 ‘zu"1 subvehtionierehi Die'.,zfdnistjs(h'ä'',’Rl»ri^.%irä '.die, Herren von der Kultusgemeinde .gründlich belehrenj' daß es nicht statthaft, rist,1 die. systematische: i.Verleumdung von makellosen, freilich- -.oppositionell gesinnten. Gemeinj{ejnitgliedern , mitj; öffentlichen Geldern zu,ihonorieren: .und . den; Ruft(ds§^W-ie.her Judentums dadurch [zu schädigen, daß die „Wochenschrift als, off izielle$,;Orgaji - ,4er j^idqer Gemeinde paradieren: darf. Rus dgni: Sumpfe M galizisdien - Verwaltung^! . Oft und'eindringlich wjirde in diesen Blattern der; äölireckiiÖhüten Plage Galiziens, der Beajhtenschaft in, ihrem Ver- Mltnis “zum1 jüdischen und" bäuerlichen Publikum gedacht. Es wurde auch darauf hingewiesen, daß selbst die: Rechtssprechung in Galizien parteiisch ist. Gerade ,;die letzten Wochen brachten schreckliche Beweise für die; Wahrheit dieser Behauptung. »Viele: oppositionelle i jüdisöhC Agitatoren und: Parteigänger wurden we- •gen.Jilhr.er Haltung;.-beii/den Reich'sr.atswählen aus nichtigen Grjinden , schwerer Verbrühen hezi'chrigt” und1; 'darin,, ertjarmüngslös; zu; Kerkeret räfen1’ ^verurteilt. Ein Jüngling aus- Drohobycz w,urde auf Grund vbn Aussagen"vdllkmrimpii', pdi^eiisbher1 Elemente’“zu einem Möh'ate/ bin Tarnopoler .Gesinnungsgenosse; Vater : von 7, Rindern und ein .StryjpT; 0Ziqnist würden vyeg.en angeblicher , Erpressung, begängen durch^, gefährliche Drohung, zu f Kerkerstrafen .yer-urteilt. )Nidht j(dnmalj in Wien Winkt diesen Verurteilten Milderungder -Strafe! Der polnische* Seriat des Wiener Kässätionshofes glaubt den 1 polnischen’- Gerichten1 Und die1 -Verteidiger mögen -riöcfuso'igute Gründe ins Treffen führen- ^1 der 1J ü d: k• wird1'1 yerbränntl Vergangene -Woche besprach Abg. Breiter;^mösterreichischen1 Abgeordnetenhaus die1 Verhältnisse in Galizien und gab den .Klagen, (über die galizi§clienr Beamten beredten J-Äusdrüek. ,'Seibstverseit * dem" XI.‘ ‘ Jäftrh-uncIert''äie"osteüföpäIsc3ien Juden sich auf das Kreditgeschäft zu konzentrieren. / Im XII. Jahrhundert waren Prag und Kiew die wichtigstenZentren des jüdischen jOrienthandelS. Ob’ dieser auch im Xllf. ‘und XIV. Jahrhundert aridauert, ist; ungewiß, weil die historischen Quellen aus dieser Zeit spärlich fließen. , - Am Ausgangje,. des 1XIV, und im XV. Jahrhundert blühte, der.'jüdische Handel, in Polen aut. Dieser Umstand ist auf die besondere Gunst der polnischen Könige., zurückzuführen, weil die Juden die „Stützen der . königlichen Kammer“ waren. Je mehr der., Jude verdiente, desto größere Einkünfte konnte, die Schatzkammer erlangen. Doch auch der polnische Adel zog die Juden den christlichen Städtern, den eingewanderten Deutschen, mit denen er im ewigen Kampfe lebte, vor. Es ist auch noch dieses Moment zu berücksichtigen, daß die jüdischen Gemeinden den Handel pflegten und unterstützten, während der diristliche Kaufmannstand in Polen bis zum Ausgange des Mittelalters gar nicht organisiert war. Schließlich trug die günstige. geographische Lage Polens dazu bei, daß die -Juden in diesem. 'Lande, den O r ie n t h ab d e 1, än sich rissen!,,Sie ‘.brachten orientalische Wären über Lemberg, Krakau nach Königsberg, Danzig, Breslau, Nürnberg, Brügge lind so weiter. Nach der Entdeckung Amerikas erfolgte ein Umschwung im europäischen . Großhandel.;'„Die alten Wege nach dem Orient über Aleäändrieh, Konstäntinopel,iiind;die‘ 'Krim ”verlieren1 immer mehr an Bedeutung: und mit ihnen sinkt auch der Glanz des Orienthandels: über 43? JVlittelmeer, .sowie nordöstlich' über Po’.en. In Schwung kömmt der Handel über den Atlantischen. Ozean nach Ostindien .. Das europäische wirtschäftszentrum verschiebt sich von Süden’Sriäch glem Nordwesten aus dem Baiuilcfei^^eci^ftaltSier is Gebiet "der PortügTes?nMso und Spanier in das Gebiet der Portugiesen^ dann der Hol ändey.'^^läaderffund Nordeu'seben. Diese VerscßiSprni^^esähäh^ aber nicht^jnit einem Male. Es“ dauerte'nöch*"z\vei Jahrhunderte, bis,. eji.ne.j,1\'0.11st^dige Verlegung der Han’delsze'i^freijyeirfoigü^Nur so ist die Tatsache zffl|erklären, daß der Orienthandel in Polen noctnjim XVI. Jahrhundert lebhaft war. Es istfflies in; großem- Mäße1daraufzurückzuführen, Maß sich zirka 100.000 Juden;'die aus Spanien Vertrieben wurden, in PÖlen_und in der Türkef^-“ so hie mfesiedelt hatten, u,Die Franken“ — so hießen iel^änischen'.%näMRÖr^ieSiscfien§I®®^ in Polen rr staitden;. in.; Handelsbe^eliung.en mit den entlegenstenGegenden des“; Orients,; Der Umfang ihrer Geschäfte war im '''allgemeinen ein sehr - ‘großen1 Es - gelang’ ilinen ‘sög'är.’^die Konkurrenz der i Armeniec^ihi rOrienthaiidehlfast vollständig,;,zu ..bredien.,, ,Am,., Anbtnge'idesr XVII. Jahrhunderts aber verschwenden die, Fränkeri ,aus Polen, Ünd''mit1 ihnen!‘die’;; Blütezeit "des eüro- 1 päische’n 'Großhandels• mit'i!’dem ’Öfientr-!l,v :;Das ist in- Kürzeii der.; Inhalt,-!dieser;:inter- , essantpnhistorischen Studien.]) Czernöwitz, t, Theodor V^eisselberger.