Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.i'17 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 nervus. darf es niemanden widern, wenn, diese „Union* den jüdismen'f'or^e^i^n^e^O^genwart so wenig Vierstän.ctaiSiieij^gegenbringtv n-ji, ’IO J wyyU ifUlCil'i Bus dem Parlamente. - iunA^pr-ißriei t e r <und \ Genossen haben in . dieser Woche''mehrere/i Interpellationen,/welche jüdilithe ‘ 'Angelegenheiten1-'•betreffen; eingebracht. Eine Interpellation betrifft Konfiskation des',,Lemberger Tagblattes“'* wegen?*'• eiries Artikels, über cfe'ti^iinser!Lemb'erg^r (Korrespori<lerit in der heutige^ r/jf$jram er be^}(^t.et.‘; ln 1 der Angelegenheit selbst!Wird Abg. Breiter in den, nächsten Tagen eine Interpellation überreichen. Ueberdies r e i t e r den LandesyerteiidigHngsniinister, in;, folgender AngelegenKeit»:;-V . .;ivi!rjgr T'eutjiänt der ‘ 10. Kompagnie des in Tl^nopöjf ‘s^hö^ierten. -15:' Infanterieregiments, Sft&myk? besnj'dhfe seinen;im .Hause eines Herrn Simö'n^Teib'er; in1' Tartiopof,l| Siyietöjänskägasse \\rbhtthäften -Kbllegeh,^ den!-er nicht; zuhause traf. Er härtete1 uhd!’um''Sich' die1 Langeweile zu vertreiben,. riß -derf Leutnant die'Pergämentrölldhen (hfeuses^d^TO.- Gebote, die an den Türpfosten einesjeden - rScKlgläübigen: -Juden befestigt sind, herunter, zerbrach die Hülle und trat die zerrissenen Pergamen.tstücke mif Füßen. Diese Verunglimpfung yerübte er in ' Gegenwart zweier Zetigen.^ ünd "zwar! der Herren' Adolf ‘ Meersand inid^SimöhiTeibefi'Tdie jedodh nicht wagten, dem Leutnant 'ihre" Meinung' an :Ort und Stelle zu sägen," weil* sie mit Recht einen rohen Ausbruch des Offiziers ‘ Befürchteten. 11 : ' .Es ist voUständig überflüßig, über diese brutala V&mu%lH^lungi?iner religiösen ^Einrichtung einer vom/)Staatq r anerkannten Religionsgemeinschaft 'Viel?*'“Worte ‘ zu’ 'verlieren. Aber diese Beispiele.: witken;. ansteckend auch' auf Änderebundnf&tistj:Pflicht der Militärverwaltung rechtzeitig df r .Ausbreitungsolcher Exzesse vorzüfeeugen. Die Gefertigten gestatten sich' daher die^ JAnfräge:‘ Ist' Seine 'Excellenz geneigt, den gesChtlderteh -FalL zürn Gegenstände' einer strengen Untersuchung zu machen, und den Leutnant Stefanyk zur Verantwortung , zu . ziehen? Was gedenkt Seine Excellenz zu unternehfH'ftipcfömifirt' Zukimft~s'öltheTVerletzungen von religiösen Cgefültlen durch' Angehörige der Armee siCh nicht"wiederholen? , T&InnerstägJ ' den 26 d. brachten t Abg. Reizes und Genossen folgende Interpellation e*rUr/;j ■- .: Interpellation des Abg. Reizes und Genossen?,n Ihre Exzellenzen den! Herrn Ministerpräsidenten und, den tiferrn Minister des Innern in 'Angelegenheit der Berücksichtigung der jüdischen Bevölkerung Galiziens iip Wahlreformprojekt, für 0d en galizischen Landtag. , . ^Iseir-einiger' Zeit werden unter-Mitwirkung der Zentralregierung zwischen! der Landesregierung Galiziens und den politischen Parteien des galizischen Landtages Verhandlungen über eine Lram'cftägswähTreformiiin (Jailizien geführte Im/Laufe/der‘Verhandlungen wurde auf die Forderungen und Wünsche aller im Lande Parteien und Bevölkerungsklassen Rücksicht genommen; von, einer Berücksichtigung der J uden, welche in Galizien elf Prozent der Bevölkerungausmachen und hinsichtlich ihrer Handels¬ und Gewerbetätigkeit und ihrer Steuerleistung die erste Stelle einnehmen, war jedoch keine Rede. Ja, noch mehr! Der Statthalter Galiziens, Se. Exzellenz Dr. Michael Bobrzynski, erklärte im Wahlreformausschusse des galizischen Landtages, daß die Regierung darauf achten werde,; flaß keine Wahlkreise mit jüdischer Majorität; geschaffen werden. Dadurch würden, aber die Juden jeder Vertretung im Landtage beraubt sein. Die Gefertigten fragen hiemit Ihre Exzellenzen an; ob die vom galizischen Statthalter abgegebene Erklärung im Einvernehmen m i t der Zentratregierung abgegeben wurde, da sie mit Recht zweifeln müssen, ob die Zentralregierung diesen Standpunkt vertritt. Anläßlich der. Wahlreform für den Reichsrat, der Einführung des Landtages in Bosnien und der Herzegowina und der Landtagswahlreform in der Bukowina hat die Zentralregierung geradezu entschiedenen Wert darauf gelegt, daß die Juden durch Schaffung von Wahlkreisen mit jüdischer Majorität eine gesicherte Vertretung im Abgeordnetenhause des österreichischen. ReiChsrates, beziehungsweise im bosnischen und Bukowinaer Landtage erlangen. Es würde daher der konsequenten Praxis der Zentralregierung widersprechen, wenn sie sich, nunmehr zu einer entgegengesetzten Ansicht bekennen und die Juden Galiziens einer gesicherten Vertretung im. galizischen Landtage berauben wollte. , Die Gefertigten machen ihre Exzellenzen darauf aufmerksam, daß es der Gipfel der Ungerechtigkeit wäre und allen Prinzipien politischer Weisheit widersprechen würde, wenn man die Landtagswahlreform in Galizien gegen und ohne die Juden beschließen und durchführen wollte. Die Gefertigten fordern die Zentralregierung auf, ihren Einfluß geltend zu machen, damit anläßlich der Erweiterung des Wahlrechtes für den galizischen Landtag die Juden Galiziens nicht beraubt und geschädigt werden. Die Gefertigten fragen demgemäß an: 1. Was gedenken Ihre Exzellenzen zu tun, um die berechtigten Interessen der jüdischen Bevölkerung bezüglich der Landtagswahlreform in Galizien zu wahren? 2. Sind Ihre Exzellenzen geneigt, eine Erklärung abzugeben, die geeignet wäre, die wegen der Haltung der Landesregierung in der Wahlreform des galizischen Landtages unter den Juden Galiziens entstandene begreifliche Erregung zu dämpfen? Meint Maltin - Kakao Ersetzt dicFIeischnafrrung Kräftigt den Organismus Ist außerordentlich billig ~ Ppotcslucpsammlung flep jüdischen tianöelsangestellien. Zu einer imposanten Kundgebung gegen den Boykott der von vielen — darunter leider auch jüdischen —- Firmen gegen jüdische Angestellte verhängt wird, gestaltete sich die vom j ü d idisehen H.andlungsgehilfenverband in Wien (H. Taborstraße 20) am 20. d. M. veranstaltete Versammlung. Die Versammlung hatte in erster Linie den Zweck, den vom Ersten Wiener Consumverein praktizierten Boykott der Juden als. Angestellte (der Konsumverein hat 25.000 jüdische Mitglieder) zu brandmarken. Der erste Referent war der Obmannstellvertreter des Verbandes, Herr Carl Blume. Nach Schilderung der beim I. W. C. V. herrschenden Zustände, übte der Redner vernichtende Kritik an dem antisemitischen Direktor M a r e s c h und seinem, teilweise aus Juden bestehenden Verwaltungsrat. Herr Blume, welcher bereits in der von zirka 4000 Mitgliedern besuchten Generalversammlung des Konsumvereines den Direktor wegen der prinzipiellen Nichtanstellung jüdischer Angestellter heftig angegriffen hatte, berichtete ferner, daß er auch in einer von der Reichsorganisation der Hausfrauen veranstalteten .Versammlung, welche die diversen Mißstände beim I. W. C. V. zum Gegenstände hatte, das Wort ergreifen wollte. Da rief ihm aber der Präsident der Versammlung, die eifrige „freiheitliche“ Agitarin Frau Beer-Angerer, die Frau einess Juden, zu: „Ich bitt' Sie, fangen S’ nit wieder mit die Juden an“ (Kommentar überflüssig). Die Ausführungen des Redners lösten stürmische Empörung bei allen Versammlungsteilnehmern aus, die sich noch verstärkte, als der nächste Redner, M. K1 i ng e n be rg e r, den Boykott im allgemeinen beleuchtete und durch Nennung einer Anzahl von Firmen nachwies, welch' erschreckenden Umfang die Boykottierung der jüdischen Angestellten bereits angenommen hat. Den Ausführungen dieses Redners war zu entnehmen, daß bisher keine Organisation der kaufmännischen Angestellten gegen den Boykott etwas unternommen hat. Aufgabe des jüdischen Handlungsgehilfenverbandes wird es daher sein, wie bisher auch weiterhin den Kampf gegen diese alle Angestellten schädigende 'Erscheinung zu führen, ln der Debatte versuchten einige jüdische Sozialdemokraten, zu stören. Sie wurden jedoch rasch zum Schweigen gebracht. Das Organ des Jüdischen Handlungsgehilfenverbandes veröffentlichte in seiner letzten Nummer unter dem Titel „Ein Dokument der Schande“ folgende Notiz: rnsW'i"; Leo Pinsker.; (1821 i-1892.) (F.nlni ’19.' Jahrhundert/hatte; das russische Judentum /große Kämpfe ' zu "bestehen. Nach außen — sich1 wehren, im ■ Innern 'dagegen die fortw.ährenden 1 Streitigkeiten / unter-1 den? verschiedenen Partelenr/Diei von Deutschland- und ‘ Galizien nach Rdßland/'eittdnngende H a sk a l a gewann zwar einen »jgroßfcn Teil der'Jugend1 für ihre Lehren, mußte; aber, um sich Existenzbedingungen zu schaffen,/'‘ noch immer mit der konservativen Orthodoxie/riesige Kämpfe austragen. Speziell aber wurde' dieser Zwiespalt vergrößert, als die jüngere Häskala'-Generation, mit dem 'talentvollen, radikalen-iLi l ieii'b 1 um!ander/Spitze, in den Sechzigerjahren das- . Erbe des//romantisch veranlagten' ' Mapu"-und > Kalman1 Schulman übernommen hatte. •'nftWahrend der dem- Judentume treu gebliebene Tal untereinander umuReformen kleinlicher Natur streitet, -fällt die'Oberschicht ider schon aufgeklärten jüdischen Intelligenz vom Judentume, heibdem; sie von 'nun.'an nur in konfessioneller Hinsichtkverbleibtjab./Die/jüdische'Universitätsjugen'd strebt neuen. Idealen1zu, die-1 ste in ihrer vollständigen Assimiliening zu Russen verwirklicht zu sehen glaubt.' Mit der Zeit dringen auch diesem Ideen in > die Schären der der Haskala ergebenen ‘Jugend ein/Denn/im ganzen jüdischen Geistesleben Rußlands herrschte. damals eine ziemlich-; bemerkbare Stagnation,., und n statt vorwärts /ztiugehen, blieb es in seiner Entwicklung ste'cken. -Die Maskilim, * deren geistiges Leben sich mitden' ererbten Anschauungen : und Strömungen nicht begnügen konnte, einerseits, anderseits aberdie sogenannte Oberschicht der jüdischen Intelligenz, welche von sich „das Joch des Judentums“ abschütteln wollte — dies alles stellte ein Bild einer vollkommenen Zerrissenheit dar, die fast im ganzen damaligen Leben zutage getreten1 ist und die Fortentwicklung des Geisteslebens auf Schritt und Tritt hemmte. Die ersten strebten nach einem neuen mehr pulsierenden Milieu, die anderen dagegen glaubten sich schon gänzlich russifiziert zu haben. Diese A ssimifationsbevvegung trug auch tatsächlich Früchte: junge jüdische Studen'en verließen das Judentum, wandten ihrer Nationalsprache und -Kultur den Rücken und gingen in ihrem Eifer selbst soweit, daß sie nur russische Kleider trugen. Doch sollte dieser Zustand nicht länger dauern, äußere Umstände sollten diese abnormale Entwicklungsform vernichten und die jüdische Intelligenz in Rußland auf richtige Bahnen führen. Das Jahr 1380 ist gekommen und mit ihm der Beginn der schrecklichen Pogroms. Unbarmherzig wurden damals Taufende von Juden Hunden gleich hmgemordet, niemand aber blieb-verschort. Die jüdische Assimilationsjugend erkannte, daß auch sie, die schon „echte Russen“ zu sein glaubten, bei den Metzeleien nicht verschontblieben, und dies aus einem einzigen Grunde, weit sie von den Russen auch weiterhin als --Juden betrachtet wurden. Es blieb also kein anderer Ausweg, als eine Rückkehr zum jüdischen Volke und eine Aufgabe zu erfüllen, die, die Ehre des Volkes wiederherzustellen. Man mußte sich nämlich nach innen stärken-, an jeden Parteihader vergessen, um mutig jedwedem Angriffe von außen her entgegenzutreten. Langsam kehrten die Intelligenzler zum Judentume zurück, da sie sich überzeugt hatten, daß sie von den Russen wahrlich nicht als Gleiche beachtet werden. Dazu gesellte sich auch eine andere Frage, was ja eigentlicn mit der jedweder ökonomisch-sicheren Stellung baren Volksmasse geschehen werde. Mit einem Worte, dies was wir heute kurzweg „Judenfrage“ nennen,, tauchte damals auf und begann die Ernsteren unseres Volkes zu beschäftigen. Doch bedurfte die damalige so. hilflose Judenheit eines Mannes, der sich an ihre Spitze stellen und einen neuen Weg der Zukunft zeigen sollte. In Leo P i n s k e r entstand eben dieser Mann. Schon als junger Student schloß sich Pinsker der Assimilationsbewegung an. Als Publizist suchte er diese Bewegung zu verbreiten, an allen Arbeiten nahm er einen sehr regen Anteil und gehörte zu ihren tüchtigsten und eifrigsten Anhängern. Doch mit dem Ausbruch des Pogroms mußte er schließlich einsehen, daß die Assimilation absolut nicht realisierbar und nicht der richtige Weg zur Lösung der JuJenfrage sei. Zwar ist er früher für die Emanzipation der Juden, die ihre Gleichberechtigung als russische Bürger erstrebten, energisch eingetreten, aber jetzt sah er ein, daß nur in der. Selbst« emanzipation die Rettung seines Volkes liege. Die Ereignisse der letzten Tage hatten ihn tief erschüttert und er faßte den Plan, Mittel zur Lösung der Judenfrage ausfindig zu machen. Vor allem aber wollte er versuchen, das Wesen des Antisemitismus, welches der eigentliche Urheber, aller dieser Ausschreitungen. gegen die Juden gewesen ist, zu erklären. Seine Gedanken