Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 16 Lesesaal des „Jüdischen Volksheimes", Wien, II., Stefaniestraße 12. ' u;.v -1h- Jüdisches Volksheim. In der üeopolöstadt, II., Stefaniestrafte 12, im Zentrum der Wiener Judenschaft, wurde ein Voliisheim geschaffen, in welchem neben anderen gemeinnützigen Institutionen, eine Volkslesehalle, Volksbibliothek und ein Rechtsschutzbüro ihren Sitz haben. Die Erhaltung dieses Volksheimes, in welchem unsere jüdischen Mitbürger Schutz ihrer wirtschaftlichen und politischen Rechte finden, in welchem auch dem Schwächsten und Ärmsten Bildungsgelegenheiten jeder Art geboten werden, in welchem öeP verfolgte und ver» achtete Jude als gerngefehener Gast und Ereund Stärkung feines SeMeuufttfelns erfährt, ist eine gute Sache und gemh der UnlmtStzuag aller Juden wert. Das Volksheim erfreut sich des stärksten Zuspruches und in seinen Räumen entwickelt sich reges, jüdisches Leben. Das Volksheim repräsentiert heute eine unentbehrliche Institution. Leiderbringen noch nicht alle jüdischen Kreise dieser Schöpfung das gebührende Interesse entgegen. Und es sind lediglich Wenige, weiche die Opfer für die Erhaltung und den Ausbau des Volksheimes tragen müssen. Wir richten an alle Juden die Bitte, den Fond des „Jüdischen Volksheimes“ .zu bedenken. Sie erfüllen damit eine Ehrenpflicht! Spenden werden gegen Bestätigung im „Jüdischen Volksheim„ entgegengenommen und können auch durch die Post an die „Jüdische Zeitung“ II, Stefaniestraße 12, überwiesen werden. Das Kuratorium* „Ein herrliches Stück“, ruft Herr Toderos und singt mit. Doch1 plötzlich fängt Jankel fürchterlich zu husten an. Er kann kaum atmen und drückt die Hand auf die Brust. Seine Stirne ist schweißbedeckt ... Besorgt sehen ihn die Arbeiter an und brummen ihr „Pom, pom...“ Die Gäste wenden sich mit Widerwillen von ihm. „Ist das ein Jammer“, ruft Herr Toderos Verdrossen. „Mit dem Gesang ists für heute schon vorbei... Es jst ein wunderbares Lied, säg’ ich1 Euch..." Jankel 'kann vor Husten keinen Ton hervbrbringen. Er erhebt sich und die Kollegen folgert seinem Beispiele. ■ „Ein schöner Mensch bist du“, murmelt der Prinzipal. „Man bittet dich, daß du singen sollst und du hustest uns etwas vor.;.“ - —Die-Hausfraubemerkt -jetzt, daß Awrejmel einen neuen Kaftan trägt | „Du hast, ja! einen neuen Rock“, sagte sie süß. „Trag ihn gesund. Was hat er gekostet?“ ' „Acht Rubel“, antwortet Awrejmel und wird rot. Idr habe Ihn bei Ascher gekauft — in monatlichen Raten abzuzahlen.“ Ein schöner Rock, sieh nur Toderos“, wendet sie sich zu ihrem Mann. „Fast schöner als der Deinige_“ . „Nun ja, antwortet Herr Toderos mit süßem Lächeln und renommiert vor den Gästen, daß er es gerne sehe, (wenn seine Angestellten reichlich verdienen. Die Arbeiter wünschen allen fröhliche Feiertage und entfernen sich. „Seht nur, seht den Riß,“ ruft der Kleine, Leiser nachlaufend und dessen Rockschöße in die Höhe hebend1. „Hört“, schreit Herr Toderos den Arbeitern nach, „trachtet, um Gottes Willen, morgen so früh als möglich zur Arbeit zu kommen.“ II. Beim Angestellten. Bei Schulim, dem Kommis Mojsze Karlins, haben sich schon viele Gäste eingefunden, aber es ist ihnen noch nicht feiertäglich zu Mute, wenn auch1 Hirschei, der Trommelschläger, der ein großer Spaßvogel ist, ab und zu seine Mätzchen zum besten giebt. Er kräht wie ein Hahn, wiehert wie ein Pferd oder verzieht den Mund, daß man lachen muß. Doch bald darauf wird es in der Stube wieder still und ernst, und Alles blickt erwartungsvoll auf die Zimmertür. Szulem und sein Weib Dwosze sind auch nicht gut gelaunt. Ab und zu werfen sie eine Bemerkung hin und sehen ungeduldig zur Tür. Dwosze beeilt sich auch nicht die Gäste zu bewirten. Man wartet auf Szulims Prinzipal, Reb Mojsze Karlin. „Vor ihm darr man keinen Aufwand machen,“ erklärt Szulim seinen Gästen, „sonst sagt er noch, daß man sein Fleisch ißt und sein Blut trinkt“, „Geht er denn „Gut Jom tow wünschen“, ruft Dwosze erregt den Frauen zu , die auf der anderen Seite der Stube sitzen. „Er geht doch nur revidieren, ob man ihn nicht bestohlen hat.“ Sie stößt einen Fluch hervor. Nationale Autonomie Oep Mm in Oesteweiifr. Unter diesem Titel erschien soeben ein außerordentlich lesenswerter Aufsatz von Dr. Max Rosenfeld, Drohobycz, in dem Sammelbuch „Heimkehr“ (herausgegeben yonder „Emunah“, Czernowitz). Wenn man bedenkt, welches ungeheuer schwierige Problem die nationale Autonomie der Juden in Oesterreich darstellt, deren Erringung seit Bestehen der nationaljüdischen Partei ihr oberstes Postulat bildet, so muß der- Mangel jeglicher theoretischer Untersuchung dieser Frage ungemein schmerzlich berühren. Erst auf Grund einer solchen könnte die nationaljüdische Politik in Oesterreich eine sichere Basis gewinnen und werbend auftreten. Solange das Hauptziel der positiven Politik so ungreifbar und verschwommen vor uns schwebt, wird die nationaljüdische Politik immer nur einen mehr defensiven, als aufbauenden Charakter tragen. Bei diesem so schmerzlich fühlbaren Mangel an jüdisch-politischer Literatur ist ein Essay, wie jener von Dr. Rosenfeld, eine wülkommene Gabe. Freilich, er gibt kein Ganzes und ist keine Untersuchung der praktischen Durchführbarkeit und Gestaltung der -jüdischen Autonomie. Er ist quasi nur ein Präludium zu einer solchen. Immerhin zeigt er, daß wir in Dr. Rosenfeld einen politischen Schriftsteller besitzen, von dem wir noch mehr erwarten können. Sein Artikel geht von einer knappen Skizzierung der nationalistischen Kämpfe in Oesterreich aus. Gleich Renner sieht er darin, daß die Nationen rechtlich nicht I Maltin- I I Kakao I I Ersetzt die Pleischnahmng I I Kräftigt den Organismus ■ ■ Ist außerordentlich billig' I Auf dem gedeckten Tisch sieht man nur eine Flasche Branntwein, einige Plätzchen, Häringe und Gurken. Den Frauen hat man überhaupt nichts vorgesetzt. Sie sitzen auf den Betten und Dwosze trägt ihnen Branntwein und Plätzchen zu. „Habt nur Geduld,“ trösten Szulim und Dwosze ihre Gäste... Ein so gutes Jahr auf uns Alle, was für gute Sachen in der Ofenröhre stehen — wenn pur erst unser Bal-Habonie4) fort ist Dwosze verrät den Frauen die Schätze, die die Ofenröhre birgt: Ein Eierkuchen, eine gefüllte Gans, Würste und eine Apfeltorte. „Gott sei Dank, Alles wie es sich für eine Hausfrau gehört“, schließt sie ihre Beschreibung „und ich muß alles vor diesem Haman verstecken...“ Endlich öffnet sich die Tür und Reb Mojsze Karlin, ein kleiner, dicker Jude in mittleren Jahren, tritt ein. Die Gäste erheben sich. Szulim eilt ihm entgegen und hilft ihm den Mantel ablegen. Dwosze schneidet eine Grimasse. „Schlechte Luft“, sagt der Prinzipat und rümpft die Nase. „Warum öffnet man nicht ein Fenster? Pfui...“ Szulim läßt ein Fenster öffnen. Der Prinzipal blickt sich in;der Stube um und nimmt den Ehrenplatz ein. Die Frauen begeben sich in die Küche. „Du wohnst hier ganz hübsch,“ sagt Reb Mojsze zu seinem Kommis, der neben ihm stand 4) bedeutet Prinzipal im verächtlichen Sinne.