Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 2 Nichtstuntollge wordenen Weiber a la Madame Tnrfh; Wertheim herausnehmen! Sie drängen sich in;Jede Gesellschaft, fcriechen vor Pfaffen und Hofschranzen und ihre schwachen Männer und Väter lassen sie gewähren. Da muß doch Wandel geschaffen werden und wir können nur allen Unglücklichen Vätern solcher Töchter und beöauenswerten Männern solcher Frauen den Rat Verteilen: Habt auf Eure Töchter und Frauen acht! Denn einem Kultusrat und einem anständigen jüdischen Advokaten kann es doch nicht einerlei sein, ob die Tochter und Frau an Veranstaltungen feilnimmt, welche von Antisemiten 'arrangiert werden. Die Beteiligung einer Jüdin, .solange sie Jüdin und Tochter eines Kultusrates ist, an einer derartigen Demonstration ist keine Privatsache,. sondern zieht alle Juden in Mitleidenschaft. jpas mögen sich die beteiligten Herren gesagt sein lassen. Wir können nicht .umhin, bei dieser Gelegenheit unseren Seelsorgern in erster Linie dem Oberhirten Güdemann, die sonst bei allen unpassenden Gelegenheiten in Wut geraten, eindringlich zu empfehlen, sie mögen einmal diesen parfümierten „vornehmen Damen“ ordentlich den Text lesen und sie über die primitivsten Pflichten eines jüdischen Weibes belehren. Freund erlwirtschaft. Diese kommt nicht nur bei den Christlichsozialen vor, sondern auch in den Kreisen des offiziellen Gesdhäftsjudentums. So erschienen neulich in der Bloch'schen „Wochenschrift“ und in der „Neuen Nationalzeitung“ Kritiken der letzten Künstlerausstellung, in welchen die Bilder Isidor Kaufmanns über den grünen Klee gelobt, hingegen die Werke aller anderen jüdischen Künstler in gehässiger Weise heruntergerissen wurden. Daß man Isidor Kaufmann lobte, das war (schließlich kein Fehler, aber warum der gehässige Ton den anderen Malern gegenüber? Das Rätsel ist leicht zu lösen. Der Verfasser beider Kritiken ist der Sohn des Malers Isidor Kaufmann, Herr Eduard Kaufmann, der seinem Vater diesen zweifelhaften Dienst erwies. Dem Sohne kann man' dieses Vorgehen verzeihen; kindliche liebe ließen ihn diese Dummheit und Ungerechtigkeit begehen. Aber die Zeitungen, welche diesen giftgeschwollenen Elaboraten willig ihre Spalten öffneten, verdienen den schärfsten Tadel. Denn es gehört doch mehr als Borniertheit dazu, in demselben Artikel, in welchem das mäßige Bild „Sabbath“ von Isidor. Kaufmann in den Himmel erhoben wird, die Maler Horowitz, Eichhorn, Krestin etc. beflegelh zu lassen. Feuilleton. Gut jom tow wünschen.1) Von David P i n s k i. Autorisierte Uebersetzung von Hermann BlumenthaL I. Beim Prinzipal. Als Leiser, der Schlanke, Awrejmel, der Gelbe und Jankel, der Hagere ihrem Prinzipal Toderos, dem Möbelhändler gut Jom tow wünschen kamen, war die Stube voll von Gästen. Die Arbeiter wurden verlegen, als sie sich' von so vielen Menschen umgeben sahen, aber Leiser, der Schlanke, ermannte sich’ und schrie mit breiter, doch nicht allzu lauter Stimme: „Gut Jom tow!" „Willkommen“,, antwortete die Prinzipalin. „Gut Jom töw! Gut Jom tow!“ rief Herr Toderos. , .Endlich seid Ihr gekommen. Schöne Leute seid Ihr!“ „Willkommen“, schrie das Söhndien des Hauses mit einem dünnen Sümmchen und schlug Leiser, dem Schlanken, auf den Rücken. Leiser lächelte. Man wies den Arbeitern Stühle beim Tischende an. Vorrichtig hoben sie die Rockschöße in die Höhe und setzten sich. Sie wußten nicht, was sie mit sich .anfangen sollten, betrachteten die Bilder an den Wänden und streichelten verlegen die Stühlsitze. „Warum ritzt Ihr so?“ fragte plötzlich der a) Jom tow Feiertag. Mf. 16 Selbstverständlich1 waren die jüdischen Maler über diese Kritiken empört und als maii sich' an Dr. Bloch wandte, er möge in seinem Blatte bekanntgeben, daß die famose Kriük von Eduard Kaufmann stamme, weigerte er sich, da Isidor Kaufmann sein. Logenbruder sei. Da also liegt der Hund Begraben. Nicht Können und Verdienst entscheiden, sondern die Beziehungen und die Freundschaften. Und nichtsdestoweniger nennt sich Rabbi Blochs Zeitung, die vor den Ostern frommchristliche Osterbilder mit.Hasen anpries, Zentralorgan für die Interessen des Judentums, obwohl sie nur die Interessen des Geschäfts- und offiziellen Kultusjudentums vertritt. Den; Brüderschaften, Logen etc. würde es auch nicht schaden, wenn sie den „brüderlichen“ Geschäftchen mancher ihrer Mitglieder einige. . Aufmerksamkeit widmen würden. Hiezu erhalten wir folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! In der „Oesterr. Wochenschrift“ und in der „Neuen Nationalzeitung“ erschienen von einem anonymen mit „Edeka“ und „K. K.“ gefertigten Verfasser Besprechungen der auf der letzten Künstlerhausausstellung ausgestellten .Werke der jüdischen Künstler. In diesen Elaboraten werden verschiedene bedeutende Maler in gehässiger Weise angegriffen. Diese Kritiken rühren von dem Herrn Eduard Kaufmann, Sohn des rühmlichst bekannten Malers Isidor Kaufmann her. Eduard Kaufmann wollte wahrscheinlich durch diese Kritiken seinem Vater — gegen dessen Willen — nützen und erkühnte sich als Unberufener und in höchstem Grade Befangener, bedeutende jüdische Künstler herunterzureißen und die Öffentlichkeit irrezuführen. Ich wäre Ihnen für die Aufnahme vorstehender Zeilen sehr verbunden und zeichne mit vorzüglicher Hochachtung Maler. (Der Name des Einsenders ist der Redaktion bekannt) Parlamentsbegirm. Am 8. d. M. trat das österreichische Parlament zu seiner |nachösterlichen Session zusammen. Die Verhältnisse im. Parlamente sind verworrener denn je. Nicht österreichische Interessen bestimmen den Gang der Veihandlungen, sondern die Sünden, der ungarischen Gewaltherrschaft und der Kampf der ungarischen Reaktion mit den Anhängern einer Wahlreform1. Kein Wunder, wenn die Bevölkerung zur sogenannten ,,Volksvertretung“ jedes Vertrauen verloren hat Mehr als alle anderen österreichischen Völker haben die Juden Anlaß zum Mißtrauen, denn ihre sogenannten Vertreter tragen einen Großteil der Schuld an der Versumpfung des Parlajmentarismus. — Geschäftspolitiker ä la Hausherr, sein Gespräch mit einem Gast unterbrechend. „Schenkt die Gläser ein und trinkt.“ Leiser sprang auf und langte über den Tisch nach der Branntweinflasche. „O, "bei ihm sind zerrissen die...“ schrie der kleine Toderos und klatschte in die Hände. „Hinten sind sie zerrissen...“ Leiser Wurde rot. Awrejmel und Jankel wurden ebenfalls verlegen. Der Knabe beugte sich vor, um den «Gästen den Riß zu zeigen. Die Mutter sah ihn aber strenge an und er entfernte sich lachend. Leiser schenkte für sich und seine Kollegen die Gläser voll. „Lechajim“,2) ruft er zum Prinzipal. „Lechäjim!“ i „Lechajim“, rufen auch Awrejmel und Jankel. Leiser lächelte — er empfindet, daß er jetzt etwas sagen muß. „Lechajim, Lechajim“, antwortet Herr Toderos, der sich' gerade mit einem Gast, der einen Zylinder aut hat, unterhält Leiser bewegt die Lippen. Awrejmel. und Jankel sehen ihn hn. „Lechajim“, ruft endlich Leiser der Prinzipalin zu. „Lechäjim! Alles Gute...! Trinkt gesund!“ antwortet sie und führt ihr Gespräch mit der Nachbarin fort „Auf Euerer Tochter Hochzeit sollen wir wieder fröhlich beisammen sein“, fährt Leiser mit 2) Zur Gesundheit Löwenstein, Stockassimilaoiten ä la Ofner können und werden die Interessen der jüdischen Massen nicht wahren, obwohl gerade die; Juden, gezwungen sind, den einzigen Rückhalt ,.im Parlament zu suchen, da sie ja '-v Bukowina ausgenommen — in den autonomen Körperschaften keine entsprechende Vertretung haben. Der Parlamentsbeginn bedeutet für uns Juden nichts. Uns ist's vorderhand so Ziemlich einerlei, Job die Volks- Vertretung oder die Behörden auf uns keine Rücksicht nehmen. Schlecht ergjeht ds unseren Massen auf jeden Fall. ) Auch in Serbien V . . . Auch in Serbien geht nunmehr die Juderihetze los, jetzt, wo man unter dem Eindrücke der Skupschtina-Wahlen steht'und däs Volk um so erregbarer ist, benützten einige Belgrader Tagesblätter, namentlich „Strascha“ und „Wetsdiemi Novosti“, die Gelegenheit, künstlich eine feindselige Stimm ung. geg en? di e*fj pden hervorzurufen. So wollen diese.Zeitungen dem' im -allgemeinen wenig gebildeten- Publikiim einreden, daß an der Benützung nichtserbischer Sprachen in dren Belgrader Bankgeschäften, an der Irreligiosität der Jugend, ja sogar an der für Serbien ungünstigen A n n e x i o n Bosniens durch Oesterreich - Ungarn fast ausschließlich Juden schuljÜ^ce^;-». seien. Die Blätter fordern die Serben auf,“ ... hierfür an den'Juden Rache.zu nehmen. Diese Hetzereien sind umso grundloser, aber auch-bedauerlicher, als es ja bekannt ist, daß in Serbien die Juden nicht einmal ein halbes Prozent der Gesamtbevölkerung bilden und sich infolge ihres jederzeit korrekten Verhaltens bei der übrigen Bevölkerung wahrer .Beliebtheit erfreuen.. Die Führer der serbischen Juden sind auch wegen dieser in Serbien ganz unbekannten antisemitischen Hetzereien bei der Regierung vorstellig gewesen und erhielten dort-die beruhigende Antwort, daß die serbische Regierung niemals Ausschreitungen gegen eine Nationalität oder Konfession zulassen werde.' Mit solchen Versicherungen sind aber bekanntlich alle Regierungen schnell bei der Hand. . ..;v. für gesunde u.kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet ((.beseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe.Oarmkafarrti Preis per Dose K1.80,erhältlichin jeder Drog.u.Apolli Kindermehl. einem unterwürfigen Lächeln fort und auch' seine Kameraden lächeln. Die Hausfrau neigt verbindlich den Kopf. Sie trinken und nehmen Backwerk. Herr Toderos spricht von seinen Geschäften und sie hören zu. „Ich kann nicht [klagen“, sagt der Möbelhändler gut gelaunt. „Gelobt sei Gott, das Geschäft floriert... Menschen leben von mir...“ Er zeigt mit der Hand auf die Arbeiter. Lustig schlägt er auf den Tisch. „Wir wollen trinken Lechajim!“ « Er gießt die Gläschen; voll. - „Hör nur Jankel“,: ruft er plötzlich'.’ „Sing einmal Dein „Mechalkal Chaim“3) das Stückchen singt er nämlich ausgezeichnet“, wendet er sich an die Gäste. Alle sehen Jankel erwartungsvoll an. Aut Jankeis Gesicht erscheinen rote Flecke. „Nun los“, kommandiert Herr Toderos. „Heute kann ich1 picht singen“, antwortet Jankel. „Der Husten plagt; mich und ich habe H erzs chm erzen “i „Ach was, wann hustest du denn nicht?“ ruft Herr Toderos. „Laß dich nicht bitten. Nimm ein wenig Branntwein und sing!... Schenk ihm ein Leiser...!“ Jankel trinkt und spricht kein. Wort. Er sieht nur seine Kameraden an. „Ihr werdet mich doch begleiten,“ sagt er. leise. Er fängt zu singen an und;die Arbeiter stimmen ein: „Pom. pom, pom...“ 3) Ein .Abschnitt aus dem' Morgengebet.