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Jüdische Zeitung · 1912-04-19 · 16 (19.4.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NRTIDNRL -JUDI5CHE5 DRBFIN B Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Ste!aniestraße Nr. 12. — Sprechstunden B tätlich von-11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgesteüt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ •" reichtlUngam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. ■ H;1Mk., 3.—. Für.das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. Telefon 22.075. ■ ■ - . Nr,. 16 Wien, Freitag, den 19. April 1912 VI. Jahrgang : ZU In*; einigen Tagen werden in Wien die Genieinderatswählen stattfinden. Für unsere Gesinnungsgenossen bedarf es hiezu keiner ausführlich* zu begründender Parole; sie sind geschult genug, tun von ihrem Stimmrecht rich-;tigen 'Gebrauch zu machen. '; i E s ist selbstverstän d'Iich', daß sie in äiüen^B^rken ihr^; Stimmzettel - mmlf! Oie Oeufstfinafionalen und gegcndicCfirisIlidisoziaitn ^gebgnj; werldien.; r .Wb; sidh lediglich Deutschnationale •und; ChristiidiSoziale gegenüberstehen, ist .Wabl^nt'haitnng zu üben.?:>/ Für. den vi e r t eh Wahlkörper gilt ^folgende, besondere- Parole: ^Im eräenBezirk ist Alois Mbissl, peris. Magistratsbeamter zu wählen. _.. in—ailen—anderen- Bezirken sind dierspninpettel mit den Namen der. sozialp|emij,hr a.t i s ch e n Kandidaten ausizu- Der .Vorstand des Jüdischen Nationalvereines. Die Gemeinöepatswahlen in der — Leopoldstadt. Die junge politische Organisation der Juden in Ider Leopoldstadt (hat \vohl keine Mandate zu vergeben, steht aber stets durch ihre zielbewußte Haltung auf der WaCht.' Als 'das freiheitliche Wahlkomitee des1 II. Bezirkes den jüdischen Wählern die Kandidatur des deutschradikalen Antisemiten Petr i c h aufoktroierte, da leitete der Volksverein eine energische Aktion gegen diesen Uebergriff des liberalen Komitees ein. In zwei Wählerver- : Sammlungen wurden die Prinzipien des Volksvereines kundgegeben und gegen die Kandidatur Petrichs energisch pro- 'testie'rt’ Der Jüdische Nationalverein richtete überdies an das liberale Komitee ' folgendes Schreiben, n achdem einige Vertreter unserer Organisation über Einladung (des freiheitlichen Komitees unsere ■'Beschwerden' 'mündlich vorgebracht hatten: utid das freiheitliche Komitee denn- '[UÖdh'die Kandidatur Petrichs nicht fallen "ließ: Das Schreiben läutete: 16. April 1912. ' An das geehrte T‘i. . ‘ . ''Bezirks wafrlk o m i t ee' der geeinigten freiheitlichen Vereine der Leopold-; . stadt - - 1 Wien. ,i: ' '.itUn.ter. Bezugnahme auf Ihre gesch. Zuschrift i.voiri ‘ 11.. ds. M: bceehre ich mich Ihnen mii- ' zuteileri:: Unsere Organisationen haben den Beschluß gefaßt, der Kandidatur des Herrn Oberinspektors Petrith entgegenzutreten. Maßgebend für unsere Entschließung sind folgende Beweggründe: Wir müssen vor allem verlangen, daß ein Kandidat, . der sich im größten Wiener Judenzentrum um ein öffentliches Mandat bewirbt, allen j ud e n f e i n d li ch en Bestrebungen gegenüber jederzeit eine imzweideutige Haltung gewahrt haben muß. Die Kandidatur des Herrn Oberinspektor Petrich hat in weiten Kreisen der Bevölkerung, insbesonders aber in den Kreisen der Eisenbähnbeamten, über deren (Stimmung wir genau informiert sind, Widerspruch und Entrüstung hervorgerufen. Die deutschnational-antisemitischen Eisenbahnbeamten machen Herrn Petrich den Vorwurf, daß er unvermittelt von der deutschradikalen Gruppe abgeschwenkt ist. Die jüdischen tmd deutschen freiheitlichen Beamten erheben wiederum Protest gegen die Aufstellung Petrichs als eines ihnen als Antisemiten bekannten Kollegen. Und dieser Standpunkt erweist sich auch als vollständig berechtigt. Herr Oberinspektor Petrich war jahrelang Mitglied von Organisationen, welche schon nach ihren Statuten den rassenantisemitischen Standpunkt vertreten. Daß er ein bekannter antisemitischer Parteigänger war, beweist auch der Umstand, daß ihm gelegentlich der letzten Reichsratswahlen von der radikal-antisemitischen Arbeiterpartei ein Mandat angeboten wurde. Dies hat Herr Petrich mit dem Bemerken zugegeben, daß er den Vertretern dieser Partei. erklärt" frabe, er sei bereit das Mandat anzunehmen, falls ihm dreitausend Stimmen garantiert würden. Die Ablehnung erfolgte also nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern wegen der Unsicherheit des Erfolges. Es kann uns also nicht wundern, wenn auch der Bezirksratskatididat des geehrten Komitees Herr Oberrevident Rischka unseren Gesinnungsgenossen gegenüber erklärt hat, die Kandidatur Petrichs in der Leopoldstadt sei zufolge seiner bekannten antisemitischen Gesinnung ein schwerer Mißgriff. Hiezu kommt aber noch, daß unsere Gewährsmänner ihre Darstellungüber die von Herrn Petrich betreffs der Blutlüge gemachten Aeußerung vollständig aufrechterhalten- Uebrigens hat Herr Petrich selbst gelegentlich der Besprechung, welche die Herren Dr. Weisengrün und Plaschkes mit Ihrem geehrten Komitee hatten, zugegeben, daß er die schmachvolle Hülsneraffaire als eine res judikata betrachte, die ihn weiter nicht interessiere, ein Standpunkt, der mit Rücksicht auf die Infamie dieses Prozesses gerade bei einem Vertreter des zweiten Bezirkes gewiß nicht gebilligt werden kann. Angesichts dieser Tatsachen glauben wir annehmen zu müssen, daß das geehrte Wahlkomitee die Kandidatur des Herrn Petrich im Interesse des gegen die Christlich-sozialen einheitlich zu führenden Kampfes zurückziehen wird. Wir bitten, uns Ihre geschätzte Antwort bis zum 17. d. M., 4 Uhr nachmittags, zukommen zu lassen, da unsere Maßnahmen in dieser Angelegenheit eine Weitere Verzögerung nicht gestatten. Ich zeichne mit dem Ausdruck besonderer Wertschätzung Ihr ergebener Dr. Ehrlich m. p. Ais Antwort auf dieses Schreiben wurde Vertretern unserer Partei vom freiheitlichen Komitee' mitgeteilt, daß die Kandidatur des Herrn Petrich fallen gelassen wird. Die offizielle Verständigung darüber steht vorläufig noch aus. Wir behalten uns daher unsere Entscheidung vor. Es ist jedoch anzunehmen, daß Petrich endgiltig vor die Tür gesetzt ist. So hätten denn unsere jüdisch-nationalen Organisationen durch die Entschiedenheit ihres Eingreifens und durch die Wucht ihrer Angriffe die jüdische Wählerschaft der Leopoldstadt vor der Schmach1 der Petrichschen- Kandidatur bewahrt. Rundschau. Wieder ein Blumen tag! Am 20. d. findet in Wien wieder ein Blumentag statt. Schon einigemale wurde die Bevölkerung zugunsten klerikaler Institute geschröpft und, wie das schon so ist, besonders die jüdische Bevölkerung. Als die Juden auf Grund der gemachten Erfahrungen gewarnt wurden, an Blumentagen zu spenden, verfielen die Veranstalter dieser GeneraJschnorrereien auf folgenden Trick, um das Gewissen der Juden einzuschläfern. Sie veröffentlichten eine Liste der zu beteilenden Vereine und machten darin auch einige jüdische Wohltätigkeitsvereine namhaft. Ueberdies ließen sie den Aufruf für den Blumenfag von den Herren Dr. Alfred Stern und Doktor Gustav Kohn unterschreiben. Auf den ersten Blick scheint auch alles in Ordnung zu sein,. Wer . aber; genauer zusieh^ findet,d»ß die jüdischen Vereine zusammen mit anderen Vereinen an dem Gesamterträge mit einem Zwölftel partizip i e r e n, während die katholischen Vereine je mit einem vollen Zwölftel bedacht sind. Aut ahe jüdischen Vereine zusammen wird also bestenfalls kaum ein Tausendstel des Ertrages entiallen. Wir machen die jüdische Bevölkerung auf diesen Umstand aufmerksam und warnen sie davor, sich von den Zusicherungen der Arrangeure oder durch die Unterschriften des Kultuspräsidenten irreführen zu lassen. Anstatt für die klerikalen Wohlfahrtsinstitute zu blechen, fordern wir die Juden auf, während des Blumentages den jüdischen NationaKond mit Spenden zu bedenken. Jüdinnen unter dem Kreuz. Der Eucharis tische Kongreß, der am 12. September dieses Jahres in Wien stattfinden wird, wirft seine Schatten voraus. So veranstalten die Arrangeure des Kongresses geistliche Festspiele, .deren erstes letzten Montag im Sophiensaale stattfand. Wir Zionisten würden uns nicht anmaßen, irgendwie gegen katholische Kongresse und Festspiele Stellung zu nehmen, wenn nicht ehrvergessene Juden und Jüdinnen diese katholischen Veranstaltungen zum Anlasse nehmen würden, auf ihr Volk Schmach und Schande zu häufen. Vorerst erfuhr man, daß Juden für die' Kosten des Eucharistischen Kongresses aufkommen. An Knopflochschmerzen und Titelsucht leidende Israeliten spendeten mit freigebiger Hand für den katholischen Klerus. Das war Schmach genug. Den Gipfel der Selbsterniedrigung zu ersteigen, War aber einer Jüdin, der Tochter des Kultusrates S ch r am ek und Frau des Advokaten Dr. Drucker Vorbehalten. Sie trat nämlich als aktive Gehilfin bei dem letzten geistlichen Festspiel auf, jwo sie während der Vorführung der klassischen Bilder „Madonna S i x t i n a“ und „M ariä Himmelfahrt" das Marienlied sang und ihren Mann und ihren Vater vor der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit bloßstellte. Es ist erstaunlich, was sich die vor

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