Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438380-2438395--2955-2442678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG Nr., 15 I fzwölfter Stunde versuchen wollen, die Herren vom' Wahlkomitee zur Vernunft zu /bringen und sie von der unsinnigen Taktik,- den Kampf gegen die Christlichsozialen durch Aufstellung antisemitischer Kandidaten zu führen, abzubringen. Das Referat erstattete ög. Ob.-Ing. Stricker,- der von den Juniwahlen;ides vorigen Jahres ausging, und den Beweis erbrachte, wie sehr die freiheitliche Wählerschaft damals an den Erfolg des Junisieges durch diel Wahl reaktionärer und unfähiger Elemente betrogen worden sei. Und nun sei es zu befürchten, daß sich der Vorgang wiederholen werde. Referent wandte sich dann unter stürmischer Zustimmung der Versammlung insbesondere gegen die- Kandidatur der Herren Schäfer und Petrich, deren antisemitische Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist. Bezüglich des letzteren sei hervorgehoben, daß dessen eigene Berufsgenbssen das liberale Wahlkomitee gewarnt haben, -einen Mann aufzustellen, der sich noch im den letzten Tagen nicht gescheut hat, das Judentum und dessen religiösen Satzungen mit der Blutlüge zu belasten. Der liberale Bezirksrat Kleb in der.machte den vergeblichen Verbuch, die verlorene Sache seines Wahlkomitees zii retten. In vortrefflichen und tempäraimentvollen Ausführungen .traten ihm unsere Gg. Lucian Brunner, Dr. W eisengrün und Plaschkes entgegen. - Wir sind gespannt, welche Konsequenzen das freiheitliche Wahlkomitee aus dieser imposanten Willenskundgebung der. jüdischen ' Wählerschaft des Bezirkes ziehen wird. Generaluepfommlung des „Jüdildien Nationalvereines. ■it. Am 27. v. M. fand im Jüdischen Volksheim die Generalversammlung des „Jüdischen Nationalvereins für Oesterreich“ statt. Den vom Vor - stand erstatteten Rechenschaftsbericht lassen wir auszugsweise folgen: j . Petspoalia.; In der lV. Generalversammlung wurden in; den Vorstand gewählt : Dr. Jakob Ehrlich (Präsident), Adolf Stand (I. Vizepräsident), Oberingenieur Robert Stricker (II. Vizepräsident), Leopold Sitzmann (I. Schriftführer), Alexander Geller (II. Schriftführer), Ingenieur Oskar. Kramer (Kassier), Moses Hammer (Kassarevisor), ferner die Herren Dr. J. H. Körner, Dr. Alfred Lanzen j!! | Anläßlich der Reichsratswahl kooptierte der Vorstand die Gg. Dr. Abeies,. Baumeister Kaufmann, Dr. Hugo Löwy, ‘Dr. Oskar Horner, Emil' Reich und Dr. Fritz Löhner. Anläßlich der Gründung des jüdischen Volksvereines für die Leopoldstadt schied infolge der Bestimmungen des Vereinsgesetzes Oberingenieur Robert Stricker, der-die Obmannstelle«im genannten "-. Verein annattm, aus dem Vorstand des Nationalvereines. Reichsratswah len 1911. Die am 4. April: 1911 erfolgte Auflösung des österreichischen Reichsrates stellte den Vorstand des jüdischen 'Nationalvereines -vor die .ebenso schwierige als wichtige Aufgabe, in. geeigneter Weise rindie Kampagneeinzutreten. Die Aufgabe gestaltete sich1..umso schwieriger, als.-der Wahlkampf nicht allein in Wien,- sondern auch in der Provinz zu führen war. Der Nationalverein nominierte zunächst für den 5. Wiener Wahlkreis Leopoldstadt und für den 7.- mährischen Wahlkreis der deutschen Städtekurie Gö- . ding eigene Kandidaten und unterstützte auch' die Kandidatur des Gg. Lucian Brunner, in der Bukowinaer Städtekurie. Wien (5. Wahlkreis). Hier wurde das Vorstandsmitglied Oberingenieur Robert Stricker als Kandidat des- Jüdischen Nationalvereines nomminiert. -In 36 Versammlungen entwickelte der Kandidat unser Programm, welches1 bei-dieser Gelegenheit . in 'Kreise .drang, die.bisher mit.uns.nicht in. Berührung gekommen waren. Alle Versammlungen waren sehr gut besucht und die Ausführungen, unseres Kandidaten fanden ernste Beachtung.-Beweis dessen, daß auch die übrigen jüdischen Kandidaten des Wahlkreises sich veranlaßt fanden, bei jeder Gelegenheit ihre > Zugehörigkeit zum Judentum zu betonen. Die Versammlungen verliefen ruhig, wie überhaupt der -Wahlkampf von unserer Seite, im Gegensatz zu den persönlichen Beschimpfungen, der liberalen Parteien untereinander, .nur sachlich geführt wurde. Bei der Wahl (vereinigte iunser iKandidat Oberingenieur Stricker 1010 Stimmen auf sich. Die Stimmenzahl war seit der Wahl im Jahre 1907 aut das Doppelte gewachsen. Der deutsch-liberale Kandidat Dr. Mittler erhielt bloß 519 Stimmen. Reichsiatswahleh in -Mähren. Kurze Zeit nach' Auflösung des Reichsrates wurde für den 7. mährischen Wahlkreis der deutschen Städtekurie - Gg. Lucian Brunner als. unser Kandidat aufgestellt.. .In dieser . Wahlkampagne galt der Kampf ausschließlich dem Renegaten Redlich, dem eine rückständige-und anrüchige Kahaldique Wahlhilfe leistete.: Es fanden in fast allen Orten des Wahlkreises Versammlungen .statt, im ganzen .18;. der Wahlbezirk war durch unsere intensive Propaganda in großer Erregung, die sich bei den Versammhingen,in Göding ,.und.Lundenburgybesonders explosiv äußerte. Der Erfolg der ganzen Kampagne ist vor allem darin zu erblicken,- -. daß ■ wir fast. in allen Orten mit den maßgebenden Persönlichkeiten in Berührung kamen und uns überall Freunde erwarben, auf die wir bei dem Ausbau unserer Organisation hoffen zu dürfen glauben: Gegendie Nominierung des getauften. Juden Dr. Licht im Ostrauer Wahlkreis haben wir entsdiieden Stellung genommen und gaben die Parole für den sozialdemokratischen Kandidaten aus. Wir forderten übrigens alle unsere Anhänger zum Kampfe gegen alle Kandidaten des deutschnationalen Verbandes auf und die;Entwicklung des Verbandes hat unserer-Parole Recht. gegeben. Seite 2 schulen geführt wurde, bedeutete man den jüdischen Studierenden, daß diese Frage demnächst für ganz Oesterreich' eine befriedigende Lösung finden wird. Jahre sind ins Land gezogen und bis zum heutigen Tage hat das Unterrichtsministerium1 Sein Versprechen nicht eingelöst. <Es ist hoch an der Zeit, die Regierung an ihr Versprechen zu erinnern und ^wiederum mit einer {gemeinsamen Aktion an allen Hochschulen einzusetzen, ln Wien, Lembeqg, Krakau, Czernowitz, Prag, Graz und Brünn — überall, wo jüdische HochsChüler studieren, sollten Versammlungen einberufen, Resolutionen gefaßt und die Zustimmung zur Ueberreichung eines Memorandums aller jüdischnationalen Hochschüler Oesterreichs an das Unterrichtsministerium eingeholt werden. Gleichzeitig sollen auch im Parlamente diesbezügliche Schritte unternommen werden. Wie wir erfahren, ist ein Komitee im Entstehen .begriffen, welches die Aktion durchführen will. Die Geduld der jüdisch-nationalen Hochschüler ist in dieser Hinsicht zu Ende. Jahrelang speiste man sie mit Versprechungen ab. Sie sind nun entschlossen, die Erfüllung dieser Versprechungen mit allen gesetzlichen Mitteln zu erzwingen. Jüdische Wählerversammlung. Für Dienstag, den 9. April d. J. hatte der „Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt“ eine Versammlung der jüdischen Wählerschaft einberufen, um zu der vom sogenannten freiheitlichen Wahlkomitee aufgestellten Kandidatenliste Stellung zu nehmen. Den Anlaß zu dieser Versammlung — seine prinzipielle Stellungnahme hat der Verein bereits vor mehreren Wochen festgelegt — bot die empörende Tatsache, daß das sogenannte Wahlkomitee den jüdischen Wählern unbedingt Kandidaten laufdrängen will, die noch bis vor ganz kurzer Zeit als waschechte Antisemiten bekannt waren und jetzt urplötzlich, als die Wahlen vor der Tür standen und Mandate zu erhoffen waren, in heißer Liebe zur Freiheit und zum Fortschritt entbrannt sind. Wir haben schon mitgeteilt, mit welch gemischten Empfindungen z. B. die Kandidatur des bisher christlichsozialen Praterwirtes Schäfer aufgenommen wurde und welch tiefe Erregung insbesondere die Nominierung des radikal-antisemitischen Eisenbahners Petrich unter der Wählerschaft hervorgerufen hat. Die Empörung über diesen famosen Streich der „geeinigten Freiheit“ kam in einem massenhaften Besuche unserer Versammlung zum Ausdruck. Der geräumige Saal des Hotel Arco war von Fremden und Gegnern bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Gg. Dr. Plaschkes eröffnete die Versammlung mit dem Bemerken, daß wir noch in Feuilleton. Ein wichtiger Fund zur Aufhellung der jüdischen Geschichte. Vor einigen Jahren sind auf einer Insel des Nils bei Nachgrabungen, die in dem Städtchen Elephäntine (nahe von Assuan) vorgenommen wurden, Interessante Papyrusfunde gemacht worden, welche höchst bedeutsame Aufschlüsse über den für die Gegenwart wichtigsten Abschnitt der jüdischen Geschichte geben, jenen der Gesetzgebung Es ras und Nehemias, deren Wirkung ja die Erhaltung des Judentums bis auf den heutigen Tag zu verdanken sind. _Die Papjri sind von dem berühmten Berliner Orientalisten Sachau im vorigen Jahre veröffentlicht worden. 'Vor kurzem erschien eine populäre Darstellung ihres Inhaltes und ihrer Bedeutung aus der Federe Prof. Ed. Meyers, gleichfalls eines der bedeutendsten Orientforscher. Das Büchlein*) soll jedem, der Interesse für die jüdische Geschichte hat, wärmstens empfohlen werden. Man kann dem Werkchen die wissenschaftlichen Ergebnisse entnehmen, ohne sich um den etwas kühlen, wenig wohlwollenden Ton, den Meyer, wie alle christlichen Forscher der Bibelkritik den Juden *) „Der Papyrusfund von Elephäntine“, von Ed. Meyer (J. C. Heinrichs Buchhandl., Leipzig), K 2.40, zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“. gegenüber führt, zu kümmern. So heißt es gleich im Anfang: „Das Judentum ist eine ,Sch'öpfung* des Perserreiches“! Es ist unbegreiflich, wie ein Forscher vom Reuige Meyers sich so ausdrücken kann. Darius und Artaxerxes, die den Juden die Rüdekehr nach Palästina gestatteten, haben "damit die Erhaltüng des Judentums e rmöglicht, aber sie haben es doch nicht „geschaffen“. 3 Sehen wir von solchen und-anderen Entgleisungen ab und betrachten wir die Ergebnisse, welche die Papyrusfunde zeitigten. Meyer gibt gleich; ' in der Einleitung das wichtigste Resultat an: Die moderne bibelkritische Forschung hatte die Bücher Esra und Nehemia als Fälschungen bestritten und Meyer, der an ihrer Echtheit festhielt, heftig bekämpft. Die gefundenen Papyri, die teilweise aus der Zeit Esras stammen, bestätigen nun unwiderleglich1 die Echtheit jener Bücher der Bibel! Es ist dies, angesichts der" Bedeutung, welche die Esra-Nehemia-Gesetzgebung bis auf die Gegenwart hat, gewiß ein Ergebnis von unschätzbarem historischen und theologischen Wert. Dies umsomehr, als damit gleichzeitig der Glaube an die Unfehlbarkeit der 'wissenschaftlichen Bibelkritik, die bekanntlich' schon so weit gegangen war, der Bibel jede Originalität abzusprech'en und sie durchaus von babylonischen Einflüssen bestimmt und abhängig zu bezeichnen, ernstlich" erschüttert wird. Ueber den Inhalt der Papyri sei dem Buche Folgendes entnommen: In der ägyptischen Stadt Elephäntine befand sich im fünften -Vorchristlichen Jahrhundert eine jüdische Militärkolonie, welche das Recht der freien Ausübung ihres religiösen Kultus hätte, dem entsprechend sie auch einen Tempel besaß. Dieser stammte noch'-aus der Zeit, in der die Juden „auf jeder Höhe und unter jedem grünen Baum“ einen Tempel oder Opferaltar errichteten, während durch das Deuteronomium (621) bekanntlich' alle Kultstätten zugunsten des einen Tempels in Jerusalem aufgehoben wurden. Jener Tempel in Elephäntine wurde zur Zeit, als Egypten unter persischer Herrschaft stand, von einem persischen Feldherrn Hydarnes zerstört. ,Die Ursache dürfte in Streitigkeiten zwischen Egyptern und Juden' gelegen sein,-welch erstere die Juden als Anhänger Persiens, daher als Feinde der egyptischen Unabhängigkeit angesehen - haben mochten. Egyptische Priester hetzten den Hydarnes gegen die Juden auf, der sich1 so unbewußt als. Werkzeug gegen die Interessen seines eigenen. Vaterlandes, Persiens, mißbrauchen ließ. Die Juden beschwerten sich über die Zerstörung des Tempels in Eingaben, die in den Papyri vollinhaltlich aufgefunden Avurden, bei den. persischen Statthaltern Syriens und erhielten tatsächlich die. Erlaubnis Wiederaufbau des Tempels. Hydarnes wurde hingerichtet. Noch1 interessanter als die Papyri, welche