Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 wieder müssen es Juden sein, welche in polnischen Diensten durch Vermittlung der liberalen Blätter die Oeffentlichkeit hintergehen. Wir haben oft auf den moralischen Tiefstand der Assimilation hingewiesen; im vorliegenden Falle wird unsere Behauptung bekräftigt: der Schreibkuli der polnischen Assimilation als Fälscher der Wahrheit — denn dieses Verschweigen ist bewußte Irreführung — im israelitisch-liberalen Hauptorgan! Beide sind einander wert, die korrupte „N. Fr. Presse“ ist auf den Merwin gekommen! Löwenstein als Sprecher des Polenklubs. In der letzten vorösterlichen Sitzung des Reichsrates sprach der Abg. Löwenstein 'als Generalredner für die galizischen Kanäle. Rings um ihn saßen die Hausjuden des Polenklubs, von der Galerie lauschten Herr Feuerstein (!) aus Drohobycz und Schmelke Horowitz aus Lemberg seinen Worten. Im Brusttöne der Ueberzeugung führte Löwenstein aus, daß die Kanäle für ihn eine Gefühlssache seien und forderte vorerst für Galizien vollständige Autonomie, dann die Rückgabe der Urwälder und Salinen. Alle Zuhörer waren gerührt und als die Rede auf die Salinen und Urwälder anspielte, da drängten die Biedermänner Feuerstein und Horowitz ihre Tränen zurück. Das der Tatbestand. Und er bezeugt mehr als alles, wie tief das österreichische Parlament und seine sogenannten jüdischen Abgeordneten stehen. Der moralische Urheber der Drohobyczer Massenmorde als Sprecher, der eigentliche Henker Feuerstein als Zuhörer und kein Zwischenruf unterbrach Löwenstein; keine Hand erhob sich, um brandmarkend auf Löwenstein hinzuweisen. Die Sozialdemokraten, darunter die galizisch-jüdischen, standen stumm um Löwenstein herum und ließen ihn reden. Wenn sich im Parlamente nur ein Mann befinden würde, der Ehre im Leibe hat, so hätte er wenigstens versucht, Löwenstein am Sprechen zu verhindern, durch einen Zwischenruf an die grauenhaften Vorgänge in Drohobycz zu erinnern. Es fand sich aber keiner und Löwenstein erntete Beifall. Als Graf Dziedziuszycki nach einer galizischen Wahlschlacht, die ein Opfer forderte, ins Parlament kam, da weigerte sich sein Klubgenosse Gniewosz, ihm die Hand zu reichen, indem er erklärte, daß an Dziedziuszyckis Händen Blut klebe. An Löwensteins Händen klebt das Blut von 30 Toten und bis zum heutigen Tage fand sich niemand im Parlamente, der ihm' das zum Vorwurfe gemacht hätte. Daß die Hausjuden des Polenklubs schweigen, findet man in Anbetracht ihrer moralischen Qualitäten begreiflich. Daß aber die Sozialdemokraten stumm an dieser Schmach des österreichischen Parlamentes vorübergehen, ist unverzeihlich, denn diese völkerbefreienden Herren behaupten ja, die Moral in Generalpacht zu haben. Die Sozialdemokraten sind aber nicht nur passive Dulder der galizischen Wahlschwindeleien, sondern auch aktive Beschützer der Mandatsräuber. Abgeordneter Daszynski ist Obmann des Legitimationsai^schusses und als solcher läßt er den Polenklubjuden jede mögliche Hilfe angedeihen. Vor zwei Wochen wurde dem Hause der Bericht über den gegen Kolischers Wahl erhobenen Protest erstattet. Und obwohl es notorisch ist, daß Kolischer nur auf Grund der niedrigsten Mittel sein Mandat erschlich, meldete sich kein Sozialdemokrat zum Worte, um im Namen des gebeugten Rechtes und der geschändeten Wahlfreiheit die Annullierung der angefochtenen Wahl zu verlangen. Wie sollten aber die Sozialdemokraten gegen den Polenklub und die Assimilation zu Felde ziehen, wenn sie in ihrer Mitte Bundesgenossen der Feuerstein, Horowitz und Löwenstein haben! Abg. Diamant ist ja nicht besser als ein Polenklubjude. Das erklärt aber auch, wie Lumpen und Mörder ruhig Ehrenstellen ergattern und diese protestlos innehaben können. — Oembergep Brief. Von unserem Berichterstatter. In Westgalizien besteht in den katholischen Dörfern ein eigentümlicher Brauch. Vor Ostern wird eine Popanz in jüdischer Tracht durch das Dorf geschleift, besudelt und verhöhnt, dann zur Kirche geschleppt und unter Glockengeläute in Stücke gerissen. Die Stücke werden alsdann entweder verbrannt oder ins Wasser geworfen. Das geschieht zur Strafe für den von den Juden begangenen Christusmord. Daß der Haß sich nicht lediglich gegen die Juden in effigie richtet, daß die Beschimpfungen der jüdischen Popanz sich nicht gegen die längst zu Staub gewordenen Christusmörder, sondern gegen die lebenc’en armen Juden ri:htet, ist se bstverständlich. Es beginnt mit der Popanz und schließt mit Judenpogromen. Einigemal schon war Westgalizien der Schauplatz von Ausschreitungen gegen Juden. Trotzdem wird von den galizischen Behörden die Abhaltung dieses barbarischen Brauches geduldet. Viele Juden haben sich in den vergangenen Jahren an die Bezirkshauptmannschaften und Gemeindeämter gewendet, um ein Verbot dieser Popanzschändung und Introduktion zu Judenexzessen zu erwirken. Vergeblich! Den galizischen Behörden gilt das Sicherheitsgefühl der jüdischen Bevölkerung sehr wenig und sie lassen die dummen, aufgehetzten, von den antisemitischen Pfaffen angeführten Bauern gewähren. * . * Die Zeitungen wissen von Schülerstreiks in Galizien zu melden. Junge ruthenische Gymnasiasten greifen zum Mittel der Selbsthilfe. Die polnischen Gymnasiasten berufen Gegenversammlungen ein, in welchen sie die Bestrafung der ruthenischen Uebeltäter und die Aufrechthaltung der Ordnung verlangen. Das Mittel der ruthenischen Schüler, der Schulstreik, ist gewiß keine erfreuliche Erscheinung, die Gegenversammlungen der polnischen Schüler sind direkt widerlich. Man bedenke: Jungen, die es noch naß hinter den Ohren haben, rufen als staatserhaltende Elemente nach Ordnung. Wieviel Strebertum, wieviel Heuchelei, wieviel Herrenmoral muß in diesen jungen polnischen Schülern stecken? Diese ruthenischen Schülerstreiks enthüllen wieder einmal, was für trostlose Verhältnisse an den galizischen Mittelschulen herrschen. Einerseits brutaler polnischer Chauvinismus, von den Schulbehörden geduldete großpolnische Politik unter der Mittelschuljugend, Großziehen der radikalsten allpolnischen Phrase — andererseits strengste Ahndung jeder anders-nationalen Kundgebung. Während die polnischen Schüler mit ihren nationalen Emblemen geschmückt in die Schule kommen, Zirkel haben, sich an nationalen Festzügen beteiligen und solche Demonstrationen selbständig veranstalten, wird jeder jüdischer Schüler, der ein blau-weißes Uhrkettchen trägt, erbarmungslos zu einer Karzerstrafe verdonnert, jeder, der einem jüdischen Zirkel angehört, unnachsichtig ausgeschlossen. Hekatomben hat der polnische Chauvinismus gefordert! Hunderte jüdischer Schüler sind durch die Strenge der galizischen Schu!paschas aus dem Geleise des Studiums geschleudert worden. Ebenso, wenn auch milder, werden die ruthenischen Studenten behandelt. Es ist also kein Wunder, wenn Kinder als Zeugen und Opfer solch furchtbaren Unrechtes zu argen Mitteln wie Streiks und Verschwörungen greifen. Kein Einsichtiger verlangt, daß der Politik in den Mittelschulen Tür und Tor geöffnet werden; aber gleichmäßige Behandlung aller Nationen, das darf man schon im pädagogischen Interesse fordern. Solange aber diese Forderung nicht erfüllt ist, soll niemand staunen, wenn es noch zu viel Schlimmerem als zu Schülerstreiks kommen wird. * * * Während der Halbfeiertage wird in Lemberg für palästinensische Zwecke gesammelt werden. Jüdische Hochschüler werden die Agitation für die palästinensischen Institutionen von Haus zu Haus besorgen. — Am 27. März fand eine Zentralkomiteesitzung statt, welche vornehmlich der Vorbereitung der am 17. April stattfindenden Sitzung des Parteirates gewidmet war. Die Konferenz des Parteirates wird den Bericht der Aktionskomiteemitglieder zur Kenntnis nehmen und über die Aktion der Zionisten in Angelegenheit der Landtagswahlreform beschließen. Ebenso dürfte die Frage der zionistischen Haltung in der Rzeszower Reichsratsersatzwahl festgelegt werden. Bus dem judifdien Beden. Die Opfer der Schneelawine. Unter den Opfern der Schneelawine am Schneeberg befanden sich auch einige Juden. Besonders tragisch ist der Tod unseres Gg. Fritz Diamant, welcher ein leidenschaftlicher Tourist war. Fritz Diamant, Sohn eines angesehenen Wiener Advokaten, war seinerzeit Mitglied einer zionistischen Korporation in Olmütz und ein braver Gesinnungsgenosse. Der Tod des kräftigen jungen Mannes rief bei allen Bekannten und Gesinnungsfreunden lebhaftes Bedauern hervor. Der so tragisch ums Leben Gekommene erfreute sich vielseitiger Sympathien. Ehre seinem Andenken! Ritualmordmärchen. Leipnik. Dieser Tage fand das gerichtliche Nachspiel jenes verhetzenden Treibens statt, dem die hierortige jüdische Bevölkerung eine Zeit lang ausgesetzt war und von welchem Ihr Blatt — als einem neuen Ritualmordmärchen — vor kurzem berichtete. — Verurteilt wurde das Dienstmädchen des Professor Dr. N. zu 8 Tagen mit einem Fasttage verschärften Arrest, der Regisseur der Unternehmung Dr. N. zu 50 K Geldstrafe. Ob es nicht angezeigt wäre, demverschiedenen Bildungsgrade der Verurteilten Rechnung tragend, die Strafen zu vertauschen, wird noch die 2. Instanz zu entscheiden haben. Verurteilt wurde aber auch die k. k. Bezirkshauptmannschaft in Mähr.-Weißkirchen, indem die k. k. Staatsanwaltschaft in Neutitschein die Konfiskation jener Hetzartikel der antisemitischen Wegelagerer anordnete, in denen die genannte Bezirkshauptmannschaft keine Verletzung der Staatsgrundgesetze erblicken konnte. In der Ruhe nach dem Sturme wird es sich zeigen, ob der Schauplatz der Ereignisse genügend aufgeklärt und fortschrittlich ist, um den Miasmen der Fäulnis keinen Nährboden zu gewähren. Massenausweisung von Juden in Russisch-Polne. In Dombrowo, Kreis Bendin, dem Zentrum der polnischen Bergwerke, werden die Juden von einer schweren Katastrophe betroffen. Siebenhundert jüdische Familien sind plötzlich der Ausweisung verfallen, weil Dombrowo eine Dorfgemeinde ist. Unter denen, die ausgewiesen worden sind, befinden sich viele, die schon 20—30 Jahre in Dombrowo wohnen. Eine jüdische Deputation begab sich zum Gouverneur nach Petrikau, um die Erlaubnis zum weiteren Aufenthalt zu erwirken, allein dieser Schritt blieb ohne jeden Erfolg. Die Ausweisungen kamen den Betroffenen ganz imvermutet, da gegen die Juden in Russisch-Polen bis vor kurzem die Beschränkungen, wie sie in den (die Juden aus den Dörfern ausschließenden Maigesetzen enthalten sind, nicht angewandt wurden. Das Leichenbegängnis Professor Mandelstamms. Kiew: Zu einer in unserer Stadt noch nie gesehenen, überwältigenden Trauerkundgebung gestaltete sich das Leichenbegängnis des in allen Kreisen der russischen Judenheit hochverehrten Vorkämpfers der nationaljüdischen Bewegung, Professor Max Mandelstamm. Man schätzt die Zahl der Personen, die dem Sarg folgten, auf 30.000. Männer und Frauen, Vertreter der höchsten Gesellschaftskreise und jüdische Arbeiter, Soldaten, Studenten und Studentinnen in großer Zahl, die Zöglinge der Waisenhäuser und die Schüler der Chadarim gaben Prof. Mandelstamm das letzte Geleit. Jüdischen Studenten gelang es in musterhafter Weise, den unübersehbaren Zug zu ordnen und die Ruhe aufrecht zu erhalten. Aut den Straßen, durch die sich der Zug bewegte, stockte jeder Verkehr. Die Straßenbahnwagen hielten, Droschken und Autos mußten stehen bleiben. Die jüdischen Läden waren geschlossen, überall brannten die elektrischen Lampen. Es herrschte eine tiefergriffene Stimmung, der sich auch die nichtjüdische Bevölkerung nicht entziehen konnte. Die Organisation jüdischer Aerzte in Kiew beschloß auf Antrag ihres Vorsitzenden Dr. Bendersky, das Andenken Prof. Mandelstamms durch Gründung einer Hochschule in Palästina auf seinen Namen zu verewigen. Das neue jüdische Villenviertel in Jaffa. Jaffa: In dem Hiiesigen jüdischen Villenviertel „Tel-Awiw“, das eine wahre Zierde unserer neuen städtischen Kolonisation in Palästina bildet, befinden sich 94 Ein- und Zwei-Familienhäuser mit 502 Wohnzimmern, 135 Kuchen und 106 modern ausgestatteten Badezimmern. Die Bewohnerzahl von Tel-Awiw beträgt 790 Seelen (363 männliche und 427 weibliche Personen). Voriges Jahr kamen 29 neue Häuser mit 240 Bewohnern hinzu. Die Umgangssprache von 341