Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 14 Erschreckend groß ist die Zahl der Analphabeten unter den Einwanderern. Dies läßt sich natürlich nur dadurch erklären, daß das Schreiben und Lesen von Hebräisch und Jargon nicht gilt. Denn sonst könnten die einwandernden Juden nicht 1901/4 19,7 und 1935/8 38,3 Prozent Analphabeten aufweisen und damit vor Kroaten und Rumänen rangieren. Aus der Tabelle geht nicht hervor, ob auch Kinder unter sechs Jahren mitgezählt wurden. Da die Judenwanderung eine Familien Wanderung ist, so würde dieser Umstand stark ins Gewicht fallen. An Zahl der Kranken und Hilfsbedürftigen lassen die Juden weitaus jede andere Nation zurück, ja sie kommen auf 20 und 40fache Ziffern! Unter 100 Einwanderen waren: Krank: 1901/4, Juden 2.07 (nächsthöchste Ziffer Ruthenen 0.90); 1905/8, Juden 2.12 (nächsthöchste Ziffer Polen 0.55). Hilfsbedürftig: 1901/4, Juden 3.10 (nächsthöchste Ziffer Deutsche 1.56); 1905/8, Juden 5.98 (nächsthöchste Ziffer Tschechen 1.35). Wie man aus all diesen Zahlen entnimmt, hat sich der Habitus der einwandernden Juden wesentlich verschlechtert. Dies ist ja begreiflich, da zuerst die energischeren und bemittelteren Elemente auswandern. Die Verschlechterung zeigt folgende Zusammenstellung: Jahrfünft 1901/4: Mitgebracht Dollar 20.43, Analphabeten 19.7 Prozent, krank 2.07 Prozent, hilfsbedürftig 3,10 Prozent. Jahrfünft 1905/8: Mitgebracht Dollar 16.11, Analphabeten 38.3 Prozent, krank 2.12 Prozent, hilfsbedürftig 5.98 Prozent. Eine weitere Tabelle gibt den Beruf der Eingewanderten an. Es zeigt sich die bekannte Tatsache, daß unter den Juden die Zahl gelernter gewerblicher Arbeiter überwiegt. Während der Durchschnitt sämtlicher Einwanderer dieser Klasse 1908: 16.9 und 1909 7.5 Prozent beträgt, waren von 100 Juden 1908: 35, 1909 31.4 gelernte Arbeiter. Weiters zeigt sich natürlich auch, das die jüdische Wanderung eine Familienwanderung ist, wie die keiner anderen Nation. Von 100 Juden waren nicht weniger als 45.2 (1908) und 21.7 (1909) Frauen und Kinder. Trotz aller „Zerstreuungs“-Versuche blieben in New-York von allen eingewanderten Juden 1900—1909 63.7 Prozent, über eine halbe Million (hier sind natürlich alle Juden, auch aus anderen Ländern gezählt. Die jüdische Bevölkerung New- Yorks betrug nach neuester Berechnung für 1911:906.000). Das'die Zahl der rückwandernden Juden eine geringe, ja fast die geringste von allen Nationen war, nimmt kein Wunder. Die Juden suchen bei Auswanderung keine vorübergehende Beschäftigung, sondern eine neue Heimat. Auf 100 Einwanderer gab es in den Krisenjahren 1908: 11.5 und 1909: 16.6 Juden. (Höchstziffern dagegen 1908: Slowaken 146.6, 1909: Kroaten 44.6).) All diese Daten sprechen eine beredte Sprache. Sie zeigen, wie sich die Verhältnisse der Juden im Osten der Monarchie steigernd verschlechtern. Bei der Aussichtslosigkeit einer Aenderung der Verhältnisse durch Staat und Land bleibtunseren östlichen Brüdern nur der Weg der Selbsthilfe durch Zusammenschluß übrig. Darüber können alle hhilantropischen Spielereien (für manche kann man auch sagen: Spiegelfechtereien) nicht hiinwegtäuschen. Von unleren Einanzgewzltigen. Wir haben stets die Ansicht vertreten, daß der aufrechte Jude sich noch immer eher beiden „anderen“ in Respekt setzen und, wenn er ehrgeizig ist, das Ziel seines Ehrgeizes erreichen kann, als der demütige Schmeichler und '.iebediener. Erst kürzlich würde ein Exempel für diese unsere Ansicht beigebracht. Kais. Rat Leopold Sachs, der sich als Einziger im Israelitischen Kultusvorstand Wien gegen jenes schmachvolle Kondolenzschreiben anläßlich Luegers Tod aufgejehnt und voll Entrüstung sein Mandat hingeworfen hatte, wurde in den Adelstand erhoben, auf den die Sterns und Kohns schon so lange vergeblich Warten. Herr David Ritter von Gutiqann hinwieder wartete ebenso länge auf die Berufung in das U’errenhaus. Er machte bekanntlich die krampfhaftesten ‘Anstrengungen, durch antisemitische Betätigung im Königreich Witkowitz — so durch Dezimierung der jüdischen Beamtenschaft — sich herrenhausfähig zu machen. Als er nun erfuhr, daß er beim neuen Pairsschub (im Februar 1912) wieder übergangen werde, ergrimmte er und gab .aus Trotz 3 Millionen für ein jüdisches Kinderspital. Wer erinnert sich da nicht, daß auch Freiherr Nathaniel von Rothschild seinerzeit seine reiche Besitzung in Reichenau für lungenkranke Offiziere aus ähnlichen Motiven nämlich wegen der antisemitischen Aeußerung eines hochgestellten Villennachbars, gestiftet hat. Armes Israel, das solchen Motiven die Stiftungen seiner Reichen verdankt! Meinl Maltin - Kakao Ersetzt die Fleischnahrung Kräftigt den Organismus Ist außerordentlich billig Der Experte Merwin. Unter den Experten der Emigrationsenquete befand sich auch der sattsam bekannte Bertold Menkes alias Merwin. Die Juden können es leider nicht verhindern, daß die Wahrer ihrer Interessen aus den Kreisen genommen werden, welche alles andere, nur nicht-die Wahrheit anzugeben pflegen. Da aber der Wert der Enquete ein geringfügiger ist, so kann es schließlich einerlei sein, was, Berthold Merwin gesagt oder verschwiegen hat. Niedriger gehängt zu werden verdient aber, daß die „Neue Freie Presse“ sich ausgerechnet den Herrn Merwin verschrieben hat, um ihre Leser auf die Gefahren, welche die Emigranten in Ame-ika laufen, au'merksam und an die weit schlimmeren Zustände in Galizien vergessen zu machen. Berthold Menkes spricht in seinem Artikel von al'en mög’ichen Dingen und Sprachen, nur an die Juden vergißt er. Er folgt dabei dem . Beispiele seines Kollegen Dr. Benies aus Krakau, welcher angeblich als jüdischer Experte berufen, sich nur mit der polnisch-ruthenischen Emigration beschäftigte. Dabei ist zu bemerken, daß die jüdische Emigration absolut zahlreicher -ist als die ruthenische und relativ stärker als die aller anderen Völker in Oesterreich. An anderer Stelle unserer heutigen Nummer veröf'entlichen wir statistische Da en, welche eine laute- Anklage gegen die Verhältnisse in Galizien erheben. Anstatt über diäse zum Himmel schneienden Zustände zu berichten und Oesterreich mit den wahren Ursachen der Emigration aus Galizien bekannt zu machen, befolgt die Wiener liberale, namentlich die „N. Fr. Presse“ ein Vertuschungssystem niedrigster Art. Und sie sieht, in wunderfarbiger Beleuchtung. En kann den Blick nicht von ihr lassen. Sie ist so müde — denkt er und hat Mitleid mit ihr. Er sieht, wie sie sich höher auf das Bett hinaufrückt und den Kopf an die Wand lehnt. Sie wird so einsclilafen — denkt er. Warum nimmt sie denn keine Kissen? Das ärgert ihn, aber er darf sich ja nicht unterbrechen. So brummt er bloß: „M . . . m . . .!“ Sie hört nicht. Er betet mit Hast, endlich ist er fertig, erhebt sich und steht da, weiß nicht recht, was er tun soll. Er ruft sie beim Namen: „Treine!“ Doch so leise, daß sie davon nicht wach werden kann. Er tritt ans Bett und beugt sich über sie. Ein süßes Lächeln ist auf ihrem Gesicht . . . Sie träumt wohl . . . Und wie schön sie lächelt.. Eine Sünde, sie zu wecket! Aber das Köpfchen wird ihr weh tun . . . Was hat sie für Haare gehabt! Bei der Verlobung hatte er siz gesehen — schwarze, lange Haare . . . Jetzt kahl . . . Eine gestickte, dünne, durchbrochene Haube darüber_ eine schöne Haube... Auch er lächelt. Nein, er muß sie doch wecken. Er beugt sich noch tiefer über sie, fühlt ihren Atem und saugt ihn gierig ein . . . Wie ein Magnet zieht sie ihn an. Unwillkürlich berührt er ihre Lippen mit den seinen. „Jch schlaf’ ja gar nicht,“ sagt sie plötzlich, die schelmisch lächelnden Augen öffnend, schlingt ihren Arm um seinen Nacken und zieht ihn an sich. - „Sorg’ nicht!“ — flüstert sie ihm so süß und gut ins Ohr, — „sorg’ nicht, der gute Gott wird schon helfen ... Er hat uns doch auch zusammengebracht ... Er wird uns nicht verlassen! Es wird Holz da sein . . . und Licht . . wir werden unser Auskommen haben . . Alles wird gut werden . . . ganz gut . . . Nicht wahr, Jossele? Nicht wahr!“ Er antwortet nicht, er zittert am ganzen Leibe. Sie rückt ihn ein wenig fort von sich. „Sieh’ mich doch an, Jossel,“ — verlangt sie plötzlich. Jossel will gehorchen, kann aber nicht. „Batlen“ sagt sie mit weicher Stimme, „noch immer nicht gewöhnt, wie?“ Er will seinen Kopf an ihrer Brust liegen lassen. Sie wehrt ihn ab. „Warum schämst du dich, Batlen? Küssen darfst du und schauen nicht?“ Er will sie heftiger küssen, sie läßt ihn nicht. „Schau’ mich an, ich bitt’ dich!“ Jossel zwingt sich, die Augen zu öffnen, sie fallen bald wieder zu. „Ich bitt’ dich“ — wiederholt sie noch weicher, noch sanfter... Er schaut. Jetzt schlägt sie den Blick zu Boden. „Sag’ doch, sag’ mir, bitte, die Wahrheit . . bin ich ein schönes Frauchen?“ „Ja“ — raunt er ihr zu und sie fühlt seinen Atem noch heißer. „Wer hat dir’s gesagt?!“ „Jch seh’s doch selbst! Eine Königin bist du, eine Königin!“ „Und sag’ doch, jossel,“ fragt sie weiter, wirst du immer so sein?“ „Wie meinst du, Treine?“ „Jch meine“ — ihre Stimme zittert — so gut gegen mich?“ „Wie denn?“ „So lieb?“ „Jmmer?“ „Jmmer!“ versichert er. „Wirst du immer mit mir zusammen essen?“ „Gewiß!“ antwortet er. „Und wirst mich niemals anschreien?“ „Niemals!“ „Mich nie kränken?“ „Jch dich kränken? Jch dich? . . . Wieso? Warum?“ „Weiß ich? Freidel sagt so —“ „Was — die Hexe!“ Er rückt näher. Sie rückt ihn noch immer zurück. „Jossele?“ „Was?“ „Sag’ — wie heiß’ ich?“ „Treine!“ „Pfui!“ sagt sie mit schmollend verzogenen Lippen. „Treinischi“ — verbessert er sich. Auch so gefällt’s ihr noch nicht. „Treininju!“ „Nein!“ „Nun, Treine-Leben, Treine-Kron’, Treine- Herz . . . Jst’s so schon recht?“ „Ja!“ sagt sie glückselig. „Aber . . .“ „Was aber, .mein Leben, mein Glück?“ - „Wenn?“ „Aber wenn . . . Jossel, hör’ . . . wenn . .“ Sie stammelt. „Aber wenn vielleicht, Gott behüte, einmal nicht genug da sein wird . . . wenn ich wenig verdienen werde . . . wirst du vielleicht dann schreien? . . . .“ Jhre Augen haben sich mit Tränen gefüllt. „Gott behüte! Gott behüte! Niemals!“ Er zieht ihr die Hände vom Gesicht fort und schließt ihr die noch offenen Lippen mit Küssen. „Hol euch der Teufel, verdammtes Volk!“ tönt es von jenseits der spanischen Wand herüber — „Wie sich das küßt! Kein Auge kann man schließen . . .“ Es ist Freidels heisere, spitze, giftige Stimme.