Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438380-2438394--2945-2442667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 benen Zeit werde nach dieser Rirhtung hin in den einzelnen Bezirken von der Parteileitung die entsprechende Parole ausgegeben werden. Es ist zu erhoffen, daß die Wiener Judenschaft, diese unter den obwaltenden Verhältnissen einzigmög ichen Parole der jüdischnationalen Partei würdigen und ihr folgen wird. Wollen die Juden Wiens bei kommenden Wahlen die beschämende Tatsache vermeiden, daß sie trotz ihrer Zahl, trotz ihrer starken Steuerkraft und ihrer Intelligenz keine entsprechende Vertretung in die politischen Körperschaften entsenden können, dann mögen sie aus der heutigen Situation die richtigen Lehren ziehen und einmütig unserem Rufe Folge' leisten: Herein in die jüdisch-politische Organisation! 9 Der geschilderten Taktik der Parteileitung hat sich naturgemäß auch der Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt .angeschlossen und hat gleich zu Beginn der Wahlkampagne in einer großen Versammlung der jüdischen Wählerschaft unseren Forderungen eine klare und präzise Formulierung gegeben. Leider scheinen die Herren, die sich in der Leopoldstadt als das Wahlkomitee der „geeinigten Freiheit“ aufgetan haben, kein Verständnis für die Forderungen einer wahrhaft freiheitlichen Wählerschaft zu haben. Sie haben uns eine Kandidatenliste präsentiert, die sowohl vom freiheitlichen, wie auch vom spezifisch-jüdischen Standpunkt aus die allerschärfste Abweisung erfahren muß. Insbesondere haben sich die Herren mit ihrer Liste für den zweiten Gemeinderatswahlkörper ein starkes Stückchen geleistet. Von den Kandidaten, die da mit Hilfe jüdischer Stimmen in die Gemeindestube einziehen sollen, ist der pensionierte Magistratssekretär K o d i c e k der „jüdische“, pardon „mosaische“ Kandidat. Die „freiheitliche“ Koalition hat sich seit Wochen bemüht, einen solchen Kandidaten zu finden, der einerseits ob seiner jüdischen Abstammung die jüdischen Stimmen zuzuführen hat, andererseits aber nicht zu „prononziert“ sein durfte, um nicht die neuen Mitkämpfer von der Wirtschaftspartei, die Christlichsozialen von gestern, zu verschnupfen. Da ist man schließlich auf Herrn Kodicek gekommen, den wohl hauptsächlich seine Farblosigkeit und sein keineswegs jüdisch klingender Name für die Stelle eines Kandidaten geeignet machte. Der zweite ist Herr Goltz, als politische Größe ein homo novus, ein akademischer Maler der in den letzten Wochen in den Vorstand des Jn Treines Reich ist es heller und reinlicher als bei den anderen in der Kellerstube. Zwischen den beiden Betten ein weißes Tischchen, darauf zwei kleine Messingleuchter, zwischen i.inei ein Frauen-Gebetbuch — ihr Hochzeitsgeschenk J An der Wand die Hochzeitskleider und ein Tallisbeutel mit eingenähtem Mögen Dovid. Stühle gibt es keine. Sie sitzt auf einem Bett und-bessert das Netz für die Zwiebeln aus, die neben ihr, über das Leintuch gestreut, liegen. Das ganze Bettzeug ist auf der Schla.Vät'e aufgeccliiolitet, unter ihm verbo gen die Abendsuppe. Die Tür geht leise. Treine errötet, läßt das Netz fallen und springt vom Bett auf. Doch bleibt sie stehen, — es schickt sich vor den Nachbarn nicht .Viel ei-ht wa :ht ei er von ihnen auf. Dann wird sie zum Gespött. Sie steht sich .was aus von den Leuten! Besonders von Freidel, die hauptsächlich nicht begreift, wie man dem Manne r.icht gleich am Morgen nach der Trauung flucht. „Warf nur“ — pflegt ihr die alte Hexe zu sagen — „du wirst schon sehen, was für ein Glück du bei ihm haben wirst. Zeig’ ihm nur einen Finger!“ Freidel läßt ihr nicht einen Augenblick Ruhe. „Einen Mann“, sagt sie, muß man an der Nase herumführen, sonst ist er ärger als ein Wolf, saugt einem das Mark aus den Knochen und das. Blut aus den Adern. Zehn Jahre“, erzählt Freidel, „ist sie schon ohne Mann und kann sich noch immer nicht erholen!“ Und Freidel ist eine kluge, gelehrte Frau! „Was ihm gebührt“ — sagt sie — „wirf ihm hin, wie einem Hund einen Knochen. Und dann — marsch!“ Treine hat Zeit, daß ihr das alles durch den Kopf geht, denn es dauert eine Weile, bi. Jossei auf den Fußspitzen zwischen den Nachbarn durchschleicht. Jeder seiner Tritte wieder- Donauklubs gewählt und heute offenbar als Glanznummer auf der Liste figuriert. Seine bisherigen Kandidatenreden haben wohl noch niemanden von seinen po'iischen Fähigkeiten überzeugen können. Der -Kandidat der Wirtscha'tspartei, der Praterwi t Schäfer war bis nun als strammer Christlichsozialer . be’ annt, ist eine der ergötzlichsten „freiheitlichen“ Entdeckungen. Wenn er infolge seiner antisemitischen Vergangenheit nicht gerade die Eignung für einen freiheitlichen Kandidaten hat, so macht er diesen seinen Mangel durch eine vollständige politische Impotenz wieder gut. Haben also die bisher aufgestellten Kandidaten nicht gerade die Sympathien der jüdischen, freiheitlichen Wählerschaft finden können, so hat die neueste Kandidatur der „geeinigten Freiheit“ die hellste Empörung unserer Wähler hervorgerufen. Auf der Suche nach einem, — natürlich christlichen — Beamten hat das Wahlkomitee einen sicheren Herrn Petr ich erwählt, einen Beamten der Nordbahn. Dieser Herr war seinerzeit Mitglied einer deutsch-antisemitischen Gemeindevertretung in Mähren, wollte bei den letzten Reichsratswahlen in Mährisch-Ostrau als deutschantisemitischer Gegenkandidat gegen Dr. Licht auftreten und gehörte bis in die letzten Tage zur deutschradikalen Gruppe im Bezirke. Und dieser Mann wird plötzlich eines Tages von den „Israeliten“ des Freiheitlichsozialen Vereines mit offenen Armen in ihrer Mitte aufgenommen und soll heute als ihr Kandidat der jüdischen Wählerschaft aufgedrängt werden. Noch hat sich dieser Herr in keiner Versammlung der Wählerschaft vorgestellt, aber schon die bloße Nachricht von seiner Kandidatur hat auch die bisher indifferente Wählerschaft aufgerüttet. Zahlreiche uns fernstehende Wähler des Bezirkes sind an unsere Organisation mit der Bitte herangetreten, die Leitung der Protestaktion gegen die Kandidatur dieses Deutschradikalen zu übernehmen, i n einer Versammlung, die wir für die nächsten Tage einberufen haben, werden die Herren „freiheitlichen“ Führer Rede und Antwort stehen müssen. ’^’^^/ibewihrte Nahrung uliliilaJÜlLiiu! fiir gesunde u. kranke Kinder mk Magenleidende. Verhütet u.beseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe. Oarmkatarrü. Preis per Dose K 1.80,erhältlich in jeder Drog.u.Apolli t,iYMYYYYYYYYY'ffiBSj Kindermehl. l&MMMMMMMA hallt in ihrem Herzen, doch entgegengehen. — nein, um keinen Preis! . . . Nun fällt erschien nun ist er schon an der spanischen Wand, — sie atmet auf. „Guten Abend,“ lispelt er gesenkten Blicks. „Gut Jahr!“ antwortet sie noch leiser. „Willst du schon essen?“ fragt sie. „Und du?“ Ein Achselzucken ist die Antwort. Er geht hinaus und kommt bald wieder mit nassen Händen. Sie reicht ihm das Handtuch. Auf dem Tische liegt schon ein Stück Brot, Salz dazu und die hervorgeholte Suppe. Er sitzt aut seinem Bette, -auf dem Wulst von Bettzeug. Sie auf ihrem, auf dem die Zwiebeln liegen. Sie es'en recht langsam und reden dabei, — mit den Augen wie Leute, die sich erst vor kurzem geheiratet haben, mit den Lippen von ihren Sorgen. „Nun, wie weit bist du?“ „Drei Schüler hab‘ ich schon!“ erwidert er seufzend. „Es bleibt also beim Melamdes?“ fragte sie traurig. Eine Gebärde der Ergebung ist die Antwort. „Gelobt sei Gott dafür,“ — tröstet sie sich und ihn. „Gelobt sei Gott,“ — sagt er ihr nach, — „doch das macht erst 120 Rubel,“ und seufzt wieder. „Nun, warum seufzest du?“ „So rechne doch nach,“ antwortet er, „ein Rubel Miete in der Woche, macht 26 Rubel im halben Jahr . . . Schuldig bin ich noch . . . . Hochzeitsspesen . . .“ „Wieso?“ fragt sie verwundert. Er lächelt. „Glaubst du wirklich, Närrchen, daß der Vater mehr imstande war, als zuzusagen?“ Die piidie Auswanderung aus Oeiterpeidi-Ungarn nadi Rmeriha 1900-1909. Gerade zur rechten Zeit, während der Tagung der Wiener Auswanderungsenque/e erschien die ziifernmäi.ige Zusammenstellung der jüdischen Emigration aus Oesterreich im letzten Jahrzehnt, die Dr. Max Rosenfeld in der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Ju~en“ (3. Heft 1912) veröffentlichte. In den 9 Jahren, 1900/1—1908/9, betrug die Gesamtauswanderung von Juden aus Oesterreich-Ungarn nach Amerika 139.669, also durchschnittlich 15.500 pro Jahr. Diese Ziffer wäre wohl noch viel höher, wenn nicht infolge der amerikanischen Industriekrise 1907 die Einwanderungsziffer aller Nationen, auch der Juden plötzlich einen starken Rückgang erlitten hätte. Die jüdische Einwanderung, die 1907 3 noch 15293 betrug, fiel auf 8431, also fast auf die Hälfte. Von größtem Interesse ist die Verhältniszahl, nach der die verschiedenen Nationen Oesterreich-Ungarns emig. ieren. Fast in allen Jahren weisen die Juden den höchsten Prozentsatz auf. So z. B. 1904, wo von 1000 Juden 10,1 nach Amerika auswanderten (!), während die nächst hohe Ziffer, die der Slaven nur 5,3 war. Das Bild würde sich aber noch gewaltig zu Ungunsten der Juden verschieben, wenn Oes/erreich all.in betrachtet werden würde. Denn bekanntlich wandern aus Ungarn enorme Massen von Slowaken und Kroaten aus (in den angegebenen 9 Jahren über 1/2 Million) dagegen wenige Juden. Jedenfalls ist die Auswanderung der Juden aus den östlichen Teilen der Monarchie erschreckend groß und vermindert ständig ihre absolute Zahl. Nach der Ziffer des mitgebrachten Vermögens rangieren die Juden 1901/4 an vierter, 1905/8 aber erst an sechster Stelle hinter Slowaken und Italienern! DOPPEL-MALZ BIER. Ausfrta-Brauerei Wien-Neudorf. mm „Nun, weiter?“ fällt sie ihm in die Rede. „Das wären“ — setzt er seine Rechnung fort — „12 Rubel, zusammen sch.m 33. Was bleibt da fürs Essen?“ Sie rechnet. „82 doch!“ „Für 26 Wochen.“ „Nun, was weiter“ — wendet sie ein, — „mehr als drei Rubel die Woche.“ „Und wo bleiben Holz, Licht, Sabbate und Feiertage?“ fragt er traurig. „Gott verläßt nicht“ — tröstet sie, „ich kann ja auch etwas tui. Siehst du, da hab’ ich Zwiebel eingekauft. Eier werd' ich auch kaufen, sie sind billig. Jn einigen Wochen wird das Schock schon etwas teurer sein ... U d dann rechne doch nach! Was kostet denn Holz und Licht? Rein nichts! Vielleicht einen Rubel die Woche . . . Bleiben noch immer . . .“ „Und Sabbate! Und Feiertage? Was sprichst du, Kind?“ Das „Kind“, das klang so weich, so herzlich, so einschmeichelnd. „Nu, bensch’ doch, bensch’! Laß das Rechnen für morgen ... Es ist Zeit, schlafen zu geh’n.“ Sie schämt sich, senkt die Blicke und glaubt etwas gutmachen zu müssen . „Du kommst so spät“ . . . sagt sie mit zur Hälfte erkünsteltem Gähnen. „Närrchen,“ flüstert er, „ich komm’ doch geflißent’.ich spät. Damit wir zusammen essen können. Verstehst doch? Sonst paßt es ja nicht ... Du weißt doch . . . ein Meiamed!“ „Nu, bentsch’ doch, bentsch’!“ rät sie wieder und schließt die Augen noch fester. Auch er macht die seinigen zu . Er will andächtig beten. Doch sie öffnen sich immer wieder ... Er preßt die Lider fester zu. Aber