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Jüdische Zeitung · 1912-04-05 · 14 (5.4.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
14 (5.4.1912)
Date
1912-04-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 14 Krankenhäusern, welchen durch staatliches Privileg die Befugnis zur Ausbildung der jungen Mediziner während des auf das Universitäts- Studium folgenden praktischen Jahres zuerkannt ist, beschäftigte wieder in einer Abendsitzung den Deutschen Reichstag. Dem Staatssekretär des Innern, Dr. Delbrück, blieb es Vorbehalten, zu versuchen, das pa ssive Verhalten der Regierung, wie es seinerzeit durch eine Entscheidung des Reichskanzlers gebilligt worden ist, mit allerlei wenig stichhaltigen Gründen zu motivieren. S‘aatssek:e!är D\ Delbrück verschanzte sich hinter einem Schwall von Worten, indem er meinte, es sei nicht möglich, daß den großen Krankenhäusern einfach die Verpflichtung auterlegt wird, Medizina!p_aktikanten, die ihr praktisches Jahr abzuleisten haben, anzucehmen. Es handelt sich, so führte er aus, abgesehen von staatlichen Anstalten,' um Krankenhäusern von Kommunen , Kommunalverbänden , Stiftungen , Konfessionsvereinen. Bei allen diesen Krankenhäusern hat das Reich nach den gesetzlichen Bestimmungen gar nicht die Möglichkeit, eine Verpflichtung zu statuieren. Es spricht aber auch eine Reihe ernster Gründe dagegen, einen Zwang auszuüben, daß jeder Praktikant aufgenommen wird, der sich meldet. Keine. Verwaltung ist so schwierig, wie die eines großen Krankenhauses, wo Verwaltung, Aerzte, Sclnveste-n, männliches Pf'egepersonal gegeneinander arbeiten. Eine Verpflichtung zur Annahme von Medizina'praktikanten können wir nicht statuieren, ebenso wie kein Rechtsanwalt verpf'ichtet werden kann, einen Referendar in Station zu nehmen, obwohl dieser vor Ablegung der zweiten Staatsprüfung bei einem Rechtsanwalt gearbeitet haben muß. Zentrumsabgeordneter Gröber sagte: „Die Erklärung des Staatssekretärs bedarf einer entschiedenen Entgegnung. (Sehr richtig! links und im Zentrum.) Der Fall in Britz liegt so, daß ein Medizina'praktikant aus konfessionel'en Gründen zurückgewiesen wurde. Das können .wir nicht billigen. Die Regierung hätte leicht die Möglichkeit, Remcdur zu schaffen. Sie brauchte nur die Bestimmung zu treffen, daß Anstalten, die aus konfessionellen Gründen einen Praktikanten zurückweisen, in Zukunft von der Liste der Anstalten gestrichen werden, die zur Aufnahme von Praktikanten berechtigt sind. Ich muß diese konfessionelle Zurückweisung auf das " Entschiedenste mißbilligen. (Zustimmung im Zentrum und links.) Was in Britz einem Juden passiert, kann morgen einem Katholiken passieren. Es treten jetzt schon Anzeichen hervor, daß man geneigt ist, auch Katholiken aus konfessionellen Gründen zurückzusetzen.“ Feuilleton. In der Kellerstube.*) Vön J. L. Perez. (Ein Bild.) Eine große Kellerstube, voll mit Schlafstätten! Freidel schläft schon lange aut ihrer Kiste, in ihrem Winkel, Zwischen Oten und Wand. Sie hat sich zeitig niedergelegt. Morgen ist Markt in einem nahen Städtchen, da muß sie früh aufstehen, um mit ihrer Wagenschmiere hiffzufahren. Vor dem Einschlafen wälzt sie sich unruhig hin und her. . . . Sie wird morgen mit dem Fuhrmann Verdruß haben! Nur ein Fäßchen mitzunehmen —hat sie sich ausbedungen. Nun fiel ihr aber ein, daß es eigentlich gescheiter wäre, das große Faß mitzuführen. „Was so’n Weib doch für schlimme Zunge hat,“ eiferte sie gegen sich selbst. Herausgeplatzt mit dem „Fäßchen“! Warum? Weshalb? Und wenn schon der Fuhrmann den Pferden etwas mehr Hafer wird geben müssen! So ihre böse Weiberzunge lästernd, schlief sie ein. Unter der Bettdecke ragt ihr rotes Kopftuch hervor, wie ein Rahmen um die spitze, bläuliche Nase. Sie atmet schwer, hält wohl die knochigen Hände auf dem al‘en Herzen. Weiß Gott, was sie träumt! Vielleicht, daß der Fuhrmann sie abweist und sie ein halbes Jahr lang nicht zu leben haben wird. Die Ecke gegenüber gehört Chaim, dem Wasserträger. Sein Weib und zwei Kinder *) Aus „Ausgewählte Erzählungen von J. L. Perez, übersetzt von Mathias Acher“, Jüd. Verlag. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“. Abg. Dr. ^truve fügte dem hinzu: „Ich bin wirklich erstaunt über die Antwort des Staatssekretärs, und wir wünschen uns einen Staatssekretär, der mehr Empfinden hat für die konfessionelle Toleranz.“ (Lebhafte Zustimmung links.) Nach der vom Reichskanzler erlassenen Prüfungsordnung sind Kandidaten nur wegen sittlicher Verfehlungen zurückzuweisen. Hierin liegt der Beweis, daß eine Zurückweisung aus konfessionellen Gründen nicht statthaft ist. Oder ist die Angehörigkeit zur jüdischen Konfession schon eine sittliche Verfehlung? (Heiterkeit.) Die Erklärung des antisemitischen .Abgeordneten Burckhardt von der Wirtschaftlichen Vereinigung enthielt ein bedingungsloses Einverständnis mit der Stellungnahme des Staatssekretärs. Natürlich bleiben die jüdischen Aerzte ausgeschlossen : j Aber Herr Prof. W o 1 k a n rät den Wiener Juden, sie mögen stramm deutschnational wählen, weil dem deutschen Volke jeder Antisemitismus fremd ist! Die deutsche Regierung, der Gemeinderat von Schladming, der Vorstand des Deutschen Schulvereines und der Wiener Volksrat setzen sich nämlich nicht aus Deutschen, sondern aus Chi.-.esen und Kongonegern zusammen. Die Situation der Wiener Juden bei den bevorstehenden Gemeinderatss * wählen. Die Jüdischnationalen Wiens befinden sich bei den bevorstehenden Gemeinderatswahlen in einer Zwangslage. Denn einerseits ist der Schlachtruf, unter, dem die Wiener „Freiheit“ diesmal in den Wahlkampf gezogen ist — Sturz der christlichsozialen Kummunalherrschaft — ein solcher, daß kein Freiheitlicher, am wenigsten ein Jude, gegen ihn Stellung nehmen darf, andererseits aber ist die Gesellschaft, die sich da unter diesem Kampfruf „gefunden“ hat, eine solch gemischte und so wenig vertrauenerweckende, daß es unmöglich erscheint, von ihr eine tatsächliche Gesundung der Wiener politischen und kommunalen Verhältnisse im demokratischen Geiste zu erwarten. Noch weniger aber darf man dieser „geeinigten Freiheit“ die Vertretung j'üdischer Interessen, die Durchführung der tatsächlichen Gleichberechtigung der Wiener Juden in der Gemeindestube anvertrauen. Dabei aber ist die politische Organisaschlafen in einem Bett, er mit dem älteren Schuljungen im zweiten. Aus den Betten lösen sich Seufzer los. Auch hier ist man in Kümmernissen eingeschlafen. Der Junge hat wegen des Lehrgeldes geweint und wegen der älteren Tochter, die jetzt stellenlos ist, hat es Zank gegeben. Sie war auf einem guten Posten gewesen, bei einem Ehepaar ohne Kinder. Da traf es sich just, daß die Frau starb. So hatte sie wieder heimkommen müssen. Sie konnte ja nicht allein bei dem Witwer bleiben. Ein paar Rubel Lohn hatte sie noch von ihm zu kriegen, — gerade soviel, damit man wenigstens das Lehrgeld für den Jungen bezahlen könnte. Aber der Witwer machte Einwendungen. Die Frau habe ihm nichts gesagt, er selbst wisse von nichts, habe sich nie in Weiberangelegenheiten gemengt. Deshalb der Streit vor dem Einschlafen. Die Mutter riet,' man solle den Witwer vor das Rabbinergericht zitieren. Die Tochter war mehr dafür, ein Gesuch an den Friedensrichter zu schreiben. Chaim wollte von beiden PJänen nichts hören. Der Witwer werde sich' rächen und ihm alle Kundschaften abspenstig machen. „Er braucht nur zu pfeifen, und ich bin fertig . . . Habt ihr denn eine Vorstellung, wieviel Wasserträger spazieren gehen, seitdem die Wasserleitung gebaut ist?“ Etwas weiter schnarcht Berl Träger. Er liegt ganz allein in einem Bett, — wie ein „Graf“’. Seine beiden Kinder liegen in einem zweiten. Sein Weib ist Köchin und hat heute eine Hochzeit . . . Auch hier schläft man nicht ruhig. Berl schmerzen schon seit einiger Zeit die Beine. Und der ältere Sohn stöhnt im Schlafe. Er arbÄtet beim Kalklöschen und hat sich einen Fuß verbrüht. Wieder etwas weiter schläft, auch wie eine „Gräfin“ allein in einem Bett, Zirl, die Hökerin, tion der Juden in Wien leider noch nicht so weit fortgeschritten und gefestigt, daß man erhoffen könnte, daß die Juden in diesem Wahlkampfe einen ihrer Zahl, ihrer intellektuellen und materiellen Stellung entsprechenden Einfluß ausüben werden. Man wird es daher begreiflich finden, wenn die Jüdischnationalen keine besondere Aktivität entwickeln können und sich im wesentlichen darauf beschränken müssen, wenigstens die krassesten Auswüchse, die dieses eigentümliche freiheitliche Mischmasch zeitigt, soweit diese die Interessen der jüdischen Wählerschaft tangieren, möglichst auszumerzen, im übrigen aber die bewegten Wahlzeiten neuerdings zur Erziehungs¬ und Aufklärungsarbeit unter der jüdischen Bevölkerung Wiens zu benützen. Nach dieser Richtung hin hat ja der „Jüdische Natio.nalverein für Oesterreich“, als die politische Organisation und Leitung auch der Wiener Juden seine Stellung in einer Reihe von Beschlüssen präzisiert: Es seien die Wiener Juden überall darauf aufmerksam zu machen, daß sie nicht früher eine entsprechende Vertretung in der Wiener Gemeindestube und eine wahrhaft ehrliche und aufrichtige Sachwalterin ihrer Interessen besitzen werden, ehe sie sich1 nicht in einer festgefügtenOrganisation unter dem Banner der nationalen Selbsthilfe vereinigt haben und endgiltig die unsinnige und unwürdige Anbiederung an die teis reaktionären, teils unverläßlichen, weil unter der Führung jüdischer Ueberläufer stehenden Wiener Parteien, aufgeben werden. In diesem Wahlkampf könne man keine aktive Wahlpolitik treiben, sich auch für keine der politischen Parteien prinzipiell entscheiden, sondern müsse sich die Entscheidung von Fall zu Fall Vorbehalten. Es dürfen unter keinen Umständen christlichsozialen oder deutschnationalantisemitischen Kandidaten jüdische Stimmen zufalle n. Im Uebrigen aber müssen wir uns die einzelnen Kandidaten genau besehen, insbesondere in Bezug auf ihre persönliche Integrität, ihre polnischen Fähigkeiten, ihr demokratisches Programm und ihr Verhältnis zu unseren Forderungen, vor allem der Forderung auf vollständige Gleichberechtigung der Juden in der Wiener Kommunalverwaltung. Zur gegeihre drei Kinder in einem Bette daneben. Jhr Mann ist Nachtwächter. Frühmorgens, wenn er heimkommt, wird sie mit Broten und frischen Beugeln fprtgehen. Nun sind wir schon beim dritten Winkel angelangt. Auch hier ist eine Schlafstätte, ein schmales eisernes Bettchen. Ein krankhaft zerrüttetes Frauengesicht hebt sich von einem Lumpenbündel ab, das dem Kopt als Kissen dient. Die früh trockengebrannten Lippen öffnen sich oft, um schwere Seufzer durchzülassen. Ihr Mann hat ein „hartes Gewerbe“ und „kein Glück“. Da hat er in der verflossenen Woche mit Lebensgefahr einen Kupferkessel erwischt und außerhalb der Stadt vergraben, wo man ihn aber fand. Wer weiß, was er heute bringen wird? Vielleicht sitzt er gar schon hinter Schloß und Riegel ... Was dann? Seit drei Wochen nichts Warmes gegessen . . . Und aus der Wohnung werden sie vertrieben . . . „Ein hartes Gewerbe . . . Ohne Glück!“ seurzten die trockenen Lippen. „Dabei noch vor den Nachbarn auf der Hut sein. Alle fragten sie: Was treibt dein Mann? Warum kommt er so spät nach Hause? . . .“ Aus der Mitte der Stube flimmert ein düsterer Schein über eine spanische Wand herüber, hinter der ein junges Ehepaar sein Nest hat. Treine, die junge Frau, schläft noch nicht. Erst zwei Monate nach der Hochzeit — wartet sie auf ihren Mann, der bald aus dem Bethaus kommen muß. Die Lampe zeichnet einen großen weißen Fleck auf die schwarze Zimmerdecke und sendet durch die Löcher der spanischen Wand die paar armseligen Strahlen, die über die ärmlichen Betten und die abgearbeiteten, müden Gesichter dahin tanzen.

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