Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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B88E .NRTJDNRL -JU050JE5 ORGfW Jgg JÜDISCHE ZeTUHE | ^scheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ ä 'ich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurQckgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ® reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjiihr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr. 14 Wien, Freitag, den 5. April 1912 VI. Jahrgang Jüdischer Volks vereip für die Leopoldstadt. Dienstag, den 9, April 1912, 8 Uhr abends im HOTEL A R C O, II., Rothe Sterngasse 7, allgemein zugängliche große Versammlung Tagesordnung: Die Gemeinderatswahlen. Referenten: Ob.-Ing. Robert Stricker; Hofu. Gerichtsadvokat Dr. Jakob Ehrlich. Der Jude boykottiert den Juden. In der letzten Generalversammlung des Ersten Wiener Konsumvereines richtete der Vizeobmann des Verbandes jüdischer Handelsangestellter an den Verwaltungsrat die Frage, warum der Konsumverein keine Juden anstelle. Bemerkt sei, daß im Verwaltungsrat Juden sitzen, daß der Verein tausende von jüdischen Mitgliedern zählt und in der Generalversammlung die Juden die Majorität bilden. In den Verkaufsfilialen, man zählt ihrer über vierzig, ist tatsächlich auch nicht ein einziger jüdischer Angestellter anzutreffen, ebensowenig in den Lagerräumen und Büros. Die berechtigte Anfrage erfuhr eine kurze Erledigung. Der Vorsitzende erklärte, daß er die Beantwortung dieser Frage verweigere. Man könnte sich versucht fühlen, diese Antwort als eine freche Provozierung der jüdischen. Vereinsmitglieder und der jüdischen Oeffentlichkeit hinzustellen, aber die Wirkung, welche sie hervorgerufen hat, beweist, daß der Vorsitzende seine Juden kennt und absolut nicht zu weit gegangen ist. Die Versammlung schwieg und auch die liberale Presse erwähnte den Zwischenfall in ihren ausführlichen Berichten mit keinem Worte. Man findet es eben selbstverständlich, daß ein Unternehmen, welches jüdischem Gelde sein Bestehen dankt, in dessen Leitung Juden sitzen, jüdische Stellenwerber ausnahmslos abweist. Der antisemitische Boykott hat unsägliche Leiden über uns Juden gebracht, er ist entsetzlich, unmoralisch, verwerflich, aber was bedeutet er gegen die typisch gewordene Erscheinung, daß der Jude dem Arbeitsuchenden die Türe weist, weil er Jude ist, daß der Jude den Volksgenossen boykottiert? Die Sprache reicht nicht aus, um das zu charakterisieren. Und doch ist dieses Entsetzliche Alltagsereignis. Es gibt heute tausende jüdicher Firmen, die keinen Juden anstellen, tausende Unternehmen, die unter völligem oder überwiegendem Einflüße von Juden stehen, und keinem jüdischen Arbeiter Einlaß gewähren. Der antisemitische Generaldirektor der Rotschilds und Guttmanns hat Schule gemacht und tausende jüdischer Chefs lassen in ihren Betrieben 1 antisemitische' Antreiber schalten und walten und Juden fernhalten. Was ist demgegenüber zu tun? Es gibt kein Mittel, das zu scharf wäre. Die jüdische Gesellschaft darf den Kampf gegen diese Schädlinge nicht den Betroffenen, den Abgewiesenen überlassen. Alles, was noch jüdisch fühlt, muß denjenigen boykottieren, welcher über Juden den Boykott verhängt. Nicht nur materiell, sondern auch moralisch, gesellschaftlich. »Ueber die jüdischen Judenaussperrer muß Buch geführt werden. Die jüdischen Organisationen müssen es sich angelegen sein lassen, alle in Frage kommenden Namen der Oeffentlichkeit zu übergeben, um ihre Brandmarkung zu ermöglichen. Die Träger dieser Namen sollen den ganzen Zorn und die ganze Verachtung der jüdischen Gesellschaft zu verspüren bekommen, denn ihr Treiben ist das abscheulichste und verwerflichste. i Der Rntifemitismus - dem Oeutfdien Volke fremd. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Mittwoch, den 27. März 1912 fand im Saale zum „Auge Gottes“ eine von dem „Wahlkomitee der geeinigten freiheitlichen Parteien im IX. Bezirke“ einberufene Wählerversammlung statt, in der sich die sogenannten „freiheitlichen“ Kandidaten für den IX. Bezirk den Wählern vorstellten. Einen genauen Versammlungsbericht dem Leser zu geben, halte ich nicht für meine Pflicht, aber etwas, was festgehalten zu werden verdient, will ich mitteilen. ln dieser Versammlung trat auch Herr Professeor Dr. Rudolf W o 1 k a n, Kandidat für den IV. Wahlkörper, auf. Er kam unter anderem auch auf die Christlichsozialen und Deutschen zu sprechen und gebrauchte im Verlauf seiner Rede t olgende Sätze: „Die Christlichsozialen arbeiten mit dem Antisemitismus. Dem deutschen Volke ist der Antisemitismus völlig fremd!“ Welch naiver Ausruf! Weiß Herr Dr. Wolkan nicht, wer für die berüchtigte Resolution Schmidt stimmte? Kennt Herr Professor Wolkan den Antisemitismus der Deutschen wirklich nicht oder hat er ihn zufällig in dieser Versammlung, deren Besucher sich aus zirka 80 Prozent „Israeliten“, 10 Prozent getauften Juden und 10 Prozent Paradegojim rekrutierten, vergessen? Herr Professor Dr. Rudolf Wolkan! Sollte es Ihnen glücken, in den Gemeinderat einzuziehen, dann vergessen Sie nicht, was Sie in der Versammlung am 27. März gesagt haben. Vergessen Sie aber auch nicht, wer ihre Zuhörer am 27. März waren und wer für Sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit agitiert hat. Wenn Sie es vielleicht noch nicht wissen sollten, so sei es Ihnen jetzt gesagt: einzig und allein die Juden! S. Advokat. * * * Wir können den Ausführungen des Herrn Prof. Wolkan das Attribut „naiv“ nicht zubil- ligen. Sie überschreiten selbst das in Kandidatenreden usuelle Maß an frecher Verdrehung und Entstellung. S peziell seitens des Prof. Wolkan, der noch vor kurzem enragierter Deufschradikaler war und sich nunmehr zwecks Mandatsgewinnung von den verachteten „Judenüberalen“ ins Schlepptau nehmen läßt, sollten sich vernünftige jü ’ische Wähler so che Späßchei nicht gefal’en lassen. Daß der roheste und gemei;ste Antisemitismus in Kreisen seiner deutschnationalen Gesinnungsgenossen am sorgsamsten gepflegt wird, ist nur zu bekannt. Jeder Tag liefert den österreichischen Juden neue schmerzliche Beweise. Nächste end einige let/.twöchent- Ulustrationen dafür, daß dem deutschen Volke der Antisemitismus „völlig fremd“ ist. Boykott jüdischer Advokaten und Aerzte. Der Deutsche Volksrat für Wien versendet einen Aufruf, der den Passus enthält: „Wir Deutschen müssen al'es beiseite schieben, was nicht deutsch ist. Der Deutsche muß endlich den Weg zum Deutschen finden. Nachfolgend übergeben wir ein Verzeichnis deutscharischer Rechtsanwälte (Advokaten)) Wiens und Niederösterreichs der Oeffentlichkeit und bitten unsere Volksgenossen dasselbe im Bedarfsfälle immer wieder zu Rate zu ziehen. Die Rechtsanwälte sind für uns Vert'auenspersor.en, denen wir gar oft unsere wichtigsten Angelegenheiten zur Durchführung übergeben. Wie könnte da ein Deutscher vertrauensvoll zu einem nichtdeutschen Rechtsanwälte gehen? Das wäre ja an und für sich schon Verat an der eigenen Volkssache! Es hat Mühe gekostet, dieses Verzeichnis zusammenzustellen. Hoffentlich gelingt es uns, bald ein gleiches Verzeichnis deutscher Notare, Aerzte und Apotheken zu versenden!“ Hierauf folgt ein Verzeichnis, das die Namen zirka SO nichtjüJischer Advoka'en e ithält. Alle christlichsozialen und deutschradika’en Antisemiten, Kornke, Mataja, Grube-, Kienböck etc. sind vollzählig enthalten. Pikanterweise prunkt aut demselben Aufrufe der Deutsche Schulverein, dem die Juden Millionen gespendet haben und der sich heute an antisemitischen Hetzereien beteiligt. ' Was sagen die jüdischen Herren Advokaten und Aerzte, die immer wieder Antisemiten in ihre Kammern wählen, zu diesem „standesgemäßen“ Vorgehen ihrer deutsch-arischen Kollegen? Wir sind neugierig, ob sie sich endlich zu mannhafter Abwehr aufraffen werden! Beschluß einer deutschen Gemeinde. Die Gemeinde Schladming (S e erma :k) versendet Prospekte für Sommerfrischler, aut welchen nachfolgender Aufdruck prangt: „Laut Beschluß vom 13. März 1908 wird an Juden keine Auskunft erteilt.“ — Aber dem deutschen Volke ist der Antisemitismus völlig fremd! Reichsdeutscher Regterungs: nt scm t'smus. In Deutschland weigern sich besannt ich die meisten Spitalsverwa.tungen, jüdische Aerzte zur obligatorischen Pra.'.is zuzu assen. Man will also den jüdischen AerzteTand aussterbe.i lassen. Wie sehr die Regierung dieses löbliche Tun fordert, geht aus der Debatte hervor, welche im Reichstag über diesen Gegenstand in der vorigen Woche abgeführt wurde. Wir entnehmen den reichsdeutschen Blättern den Bericht. „D ie Frage der Zulassung jüdischer Medizinalpraktikanten zu allen ■V;- jäte.!i’. ■! : '•fl