Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sp’tp 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 13 dem Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums und des Neuen jüdischen Gemeindevereins in Berlin vor. Diese Petitionen wünschen sämtlich, die. Vorlage der Regierung möge an eine Kommission zur Durchberatung verwiesen werden, da die in den Petitionen entwickelten Gesichtspunkte dringend der Berücksichtigung bedürften. Es wird besonders darin ausgeführt: Die .Bestimmungen, wonach Vorstandsmitglieder besoldet werden können, seien abzulehnen. Das sei den Traditionen der jüdischen Gemeinde vollständig zuwider. Es würden sich immer ausreichend Gemeindemitglieder finden, die bereit sind, ohne Besoldung Vorsteherposten zu übernehmen. -Eine Vergrößerung der Zahl der Vorstandsmitglieder würde die Übelstände, welche jetzt durch die Majoritätslistenwahl für die Minorität der Orthodoxen entstehen, nur verstärken.. Es sollen vielmehr Wahlkreise gebildet werden, in denen'die Gemeindevertreter gewählt werden, und zwar soviel Wahlkreise wie zu wählende Mitglieder. Der Referent wünscht die Zuweisung der Petitionen an die königliche Staatsregierung, damit die Materie aufs neue geprüft werde. Es ist möglich, daß beachtenswerte Vorschläge zu einem neuen Gesetzentwurf vorliegen. Er glaubt, daß die Materie kurzer Hand nicht wird erledigt werden können und bittet daher um unverderte Annahme mit dem Zusatzantrag Bender und um Überweisung der Petitionen an die Staatsregierung als Material. Dagegen wendete sich der Konservative von Sydow: Die Petitionen sind erst im letzten Moment eingetroffen. Ihr Inhalt ist zum Teil sehr' schwerwjegend. Es scheint so, als ob die schweren Mißstände in der Berliner Synagogengemeinde durch den Entwurf nicht behoben, sondern vergrößert werden. Es handelt sich doch hier um eine große Minorität. Wir halten eine Kommissionsberatung für notwendig, umsomehr als wir wissen, daß die Arbeit sehr groß ist Ich beantrage Überweisung an die Kommunalkommission* Graf von Oppersdorf: Ich kann mich den Ausführungen des Vorredners nur anschließen. Zu dem Gesetzentwurf, der das hohe Haus beschäftigt, will ich kurz bemerken, daß die Minorität der konservativen Israeliten inj der Gemeinde so groß ist, daß sie sich unter den jetzigen Verhältnissen in einer Gewissensnot befindet, wie aus Schriftstücken und aus der Presse hervorgeht. Wenn diese Gewissensnot beseitigt werden soll, muß man zugeben, sie kann nicht beseitigt werden dadurch, daß man' den großen grünen Tisch um ein paar Platten verlängert Ich. beantrage .ebenfalls die Überweisung an die Kommunalkommission. Mit allen gegen 5 Stimmen, wurde der Entwurf an die Kommunalkommission überwiesen. Zw? polififdien Konferenz. Drei Monate sind seit dem Brünner Parteitage, auf dem die Einberufung dieser Konferenz beschloßen wurde, verstrichen. Es ist aber noch recht wenig geschehen, trotzdem die Lage des jüdischen Volkes die Ausnützung jeden Tages dringend notwendig erscheinen läßt. Auch die völlige Klärung der politischen Frage innerhalb des Zionismus kann nicht länger hinausgeschoben werden. Die Stellungnahme der bevorstehenden Konferenz ist nach den Beschlüssen von Brünn wohl vorauszusehen. Wenn sie uns also prinzipiell nichts neues ,bringen kann, so wird sie doch große Aufgaben zu lösen haben. Größte Wichtigkeit messe ich z. B.. der politischen Erziehung nicht nur des jüdischen Volkes, sondern insbesondere. — der Zionisten bei. Denn trotzdem jeder auf -das Baseler Programm schwört, und insbesondere die Gegner der innerpolitischen Betätigung den „reinen Zionismus“ (das Baseler Programm ist doch wohl dessen bester Interpret?) stets im Munde führen, scheint insbesondere der Absatz drei „die Stärkung und Förderung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins“ entweder in Vergessenheit geraten zu sein oder falsch ausgelegt zu werden. Bedeutet es eine Stärkung des Selbstgefühls, wenn man die Juden wie bisher sich selbst oder vielmehr assimilar torischen Führern überläßt, die unsere Volksgenossen für ihre, nicht immer reinen Zwecke, bald der, bald jener Partei zuführen? Die Kenntnis, oder besser, die Erkenntnis dessen, was- Selbstgefühl und Volksbewußtsein heißt, ist innerhalb unserer Organisation leider noch nicht allzu tief gedrungen, sonst wäre es zum Beispiel nicht möglich, daß einzelne Organisationen, namentlich die mit jüngeren Mitgliedern, von abgewirtschafteten Parteigängern gegen die selbstgewählten Körperschaften aufgestachelt werden; auch gäbe es in unseren Reihen nicht so viel Indolenz, Energie- und Kritiklosigkeit. Immer von neuem ertönt der Ruf nach Vertiefung des zionistischen Gedankens. Mehr noch! Es wird zionistische Agitation unter den Zionisten propagiert! Siehe die immer wieder unternommenen, aber zu. keinem Resultate führenden Versuche der zionistischen Distriktsseminare. Es ist eben nicht. Aufgabe des Zionismus, seine Anhänger im nationalen A-B-C zu unterrichten. Das sollte die jüdische Volksschule besorgen. Da wir aber eine solche nicht haben, fällt die Aufgabe jenen Organisationen zu, die den Zionismus vorzubereiten haben. Das Programm der politischen Organisation enthält die prinzipiellen Grundlagen des Zionismus, daher auch die Aufgabe, die Juden für diesen zu erziehen. Es ist lächerlich, daß wir heute noch „Zionisten“ haben, die das Baseler Programm „anerkennen“ und nichts von einer jüdischen Nation und von ihren Rechten und Pflichten wissen wollen. Ich bin der Ansicht jener, die im Zionismus lediglich die Erstrebung des Endzieles sehen wollen, aber dann muß jeder Zionist erst die Vorschule des Nationalismus durchlaufen haben, auch die jungen un(j jüngsten. Man komme mir nur mit dem Einwande, ich wolle Politik in die Reihen der „unreifen Studenten“ tragen! Gerade das will ich. Aber auch die „Alten“ und namentlich jene, die sich so gern „die alten Zionisten“ nennen, haben eine derartige. Erziehung dringend nötig. Die politische Organisation mußUd'iese Erziehung besorgen. Dann erst wird sich die zionistische der Vertiefung des „reinen“ Ideals ungestört und wirksamer widmen können. Wie dem Zionismus nichts Jüdisches fremd sein darf, so muß auch der entfernteste Winkel, in dem Juden wohnen, in den Wirkungskreis der politischen Organisation einbezogen werden. Denn überall gibt es Juden, die von ihren politischen Führern schlecht beraten werden. Uebrigens wird auch erst dann, der bis zum Ueberdruß gegen eine einheitliche jüdische Reichspolitik erhobene Einwand von den „speziellen Verhältnissen“ aufhören, wenn eine territorial umfassende Konferenz eine machtbefugte Organisation geschaffen haben wird. Wir müssen der Einsicht zum Durchbruche verhelfen, daß das Jüdische Volk im Golus eine Einheit ist, deren wirtschaftliche und politische Kräfte überall die gleichen Gegenkräfte auslösen. In diesem Sinne wird die politische Konferenz segensreich wirken. Der Segen aber möge rasch kommen. Es ist hoch an der Zeit, daß den Zionisten und den Juden die Augen geöffnet werden, damit sie erkennen, daß nur eine kräftige Organisation helfen kann. Die politische Konferenz wird aber auch beweisen, daß die politische und zionistische Organisation organisch zu einander gehören, daß sie einander gegenseitig unterstützen und ergänzen, daher branchen. Die politische Organisation des Zionismus als gedeihliche Fortsetzung, als Krönung ihres Wirkens, der Zionismus die politische Organisation als Bahnbrecherin auf dem Wege zum Endziele, zur Regenierung des jüdischen Volkes. Der Zionismus braucht die national-politische Organisation, diese aber kann nur mit lind für den Zionismus bestehen. Allen an der vorstehenden Konferenz interessierten Körperschaften, den zionistischen sowohl wie den „politischen“, obliegt die gründliche Vorbereitung. Alle zur Beratung kommenden Fragen müssen der breitesten, jüdischen Oeffentlichkeit vorgelegt werden. Den Delegierten muß das Material vor der Tagung zugänglich sein. Ich möchte es auch gerne sehen, daß nicht nur nahestehende Kreise, sondern auch außerhalb der Partei stehende jüdische Politiker befragt würden, sei es nur um sie zu einer Stellungnahme zu zwingen. Nur solche nicht, die Zionisten waren und es nicht mehr sind, oder sich noch Zionisten nennen und durch ihre Taten das Gegenteil beweisen, denn bei diesen wird alles eher zu finden sein, als der Wille zu ehrlicher Stellungnahme. Vor allem wird die Konferenz die materielle Existenz der politischen Organisation sichern müssen. Für die . Vorlage diesbezüglicher durchführbarer Vorschläge ist unbedingt zu sorgen. Endlich wird dafür Sorge zu tragen sein, daß die Konferenz, wenn sie Ersprießliches leistet, nicht im Sande verläuft. Zwischen ihr und einer planmäßigen Aktion zur Durchdringung des Volkes mit den dort neugefundenen oder richtig erkannten alten Thesen darf kein Tag verstreichen. Denn das Jüdische Volk ist auf dem Wege, zu einer besseren Zukunft. Weh dem, .der es aüfhält! Unsere Pflicht ist es, den Weg abzukürzen und den Marsch zu beschleunigen. D r. Emil Stein. ParfeisNachrichten. Zionistischer Zentralfonds. (Eingänge vom 21. bis 27. März.) Innerösterreich (Wien): Dr. Horowitz, Dr. Rosenzweig ä K 10.—; B. Kahane, N. N. ä K 20.—; Gustav Jakob, Weil ä K 5.—. Mähren-Schlesien (Brünn): Sammlung cand. ehern. J. Spitzer K 5.80; (Dombrau): Brenner K 3.—. Zusammen K 78.80 Gesamteingang a. Westösterr. (1912) K 3.239.15 Aufzubring. Betrage (Brünner Res.) K 18.000.— Mitteilungen des i.-ö. D.-K. Vereins-Voranzeigen und -Berichte. Die letzte DK.-Sitzung. hat im Einvernehmen mit der Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ beschlossen, ab 1. April 1. J. die „V e r e i n snachrichten“ in diesem Blatte für alle Distriktsvereine durch das DK. führen zu lassen. Weiters wurde beschlossen, für alle Veranstaltungen jeglicher Art, bei denen Entree eingehoben wird, einen Betrag zu Gunsten des DK. einzuheben, welcher von diesem im Einvernehmen mit der „Jüdischen Zeitung“ jewei- •lig festgesetzt wird. Diese Beschlüsse wurden gefaßt, um den häufig vorkommenden Kolisionen der Veranstaltungen in Wien vorzubeugen und dem DK. die Möglichkeit zu bieten, vor jeder Veranstaltung mit dem betreffenden Vereinsfunk'ionär Verhandlungen im Interesse der Veranstaltung selbst zu pflegen. . Die Leistung des Betrages im obigen Sinne wurde mit Rücksicht auf den Entfall der vom DT. 1909 beschlossenen Saalmiete festgesetzt, - welche, Besteuerung nunmehr außer Kraft. tritt. Dies wird hiemit den verehrlichen Vereinsleitungen mit dem Bemerken mitgeteilt, daß die Manuskripte der Berichte und Voranzeigen bis spätestens Dienstag Mittag im ■ DK.-Büro, IX., Türkenstraße 9, vorgelegt werden müssen, Wofern sie noch in der nächsten Nummer Raum finden sollen. Parteisteuer 1912. Die Distriktsvereine, welche ihren Verpflichtungen zur Entrichtung der fälligen Parteisteuerbeträge bisher nicht nachgekommen sind, werden hiemit dringendst aufgefordert, die Steuer bis spätestens 1. April 1. J. an der DK.-Kassa, IX., Türkenstraße 9, zu erlegen, da sonst die den Vereinen auf schriftlichem Wege bekanntgegebenen, in der letzten DK.-Sitzung beschlossenen' Maßregeln ihre Anwendung finden müßten. Gleichzeitig mit der Parteisteuer ist der Schekelbetrag für alle Vereinsmitglieder zu entrichten. Jüdischer Nationalfond. (Distrikt Innerösterreich.) Die NF.-Kommissäre der Distriktsvereine werden ersucht, den DK. Namen- und Adressenlisten jener Gesinnungsgenossen bekanntzugeben, welche zur Uebernahme von Sammelbüchsen des Jüdischen Nationalfonds sich bereit erklären. Es ist Pflicht aller Kommissäre, namentlich zur Zeit der Pessachfeiertage, für die Verbreitung der Sammelbüchsen eine rege Werbetätigkeit zu entfalten. Zionistischer Zentralverein. Die in der letzten Zeit veranstalteten Vortragsabende haben in den. jüdischen Kreisen Wiens ein großes Interesse für den Zentralverein .wachgerufen,v welches angesichts der zahlreichen Beitrittserklärungen ein dauerndes zu werden verspricht. Beitrittserklärungen werden im Vereinslokale, IX.,' Türkenstraße 9 (Telephon ' Nr. 14.199), täglich von 9—12 und 2—6 Uhr entgegengenommen und Auskünfte von den Vereänsfunktionären bereitwilligst erteilt. Es ist Pflicht eines jeden Zionisten, wofern er nicht in anderen Distriktsvereinen Innerösterreichs organisiert ist, dem Zionistischen Zentralverein für Wien als Mitglied beizutreten. Palästinafahrten. II. Gesellschaftsreise nach Palästina des Wr. Palästina-Infonnationsbureaus. Wie sehr das Interesse für das jungjüdische Palästina -seit dem letzten Zionistenkongresse unter den Juden der ganzen Welt gestiegen ist, beweisen die ganz auffallend häufigen zionistischen Palästinareisen der letzten Zeit. Denn ab- : gesehen von der nun periodischen Erscheinung