Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Kohn tagte die ohne jede Beschränkung einberufene jüdische Vertrauensmännerversammlung. Nach dem sachlichen Referat unseres Gesinnungsgenossen Hermann Müller sprachen sich unter anderen die Gesinnungsgenossen Lucian Brunner, Dr. Rosenzweig und Rechnitzer für die prinzipielle Ablehnung jeder Taufkandidatur aus, während andere Redner überdies die persönliche Eignung des Herrn W. A. Neumann für eine Kandidatur bestritten. So wurde denn auch diese Kandidatur einstimmig abgelehnt und die Vertretung der jüdischen Wählerschaft im Bezirkswahlkomitee beauftragt, von dem Letzteren die Aufstellung einer anderen Kandidatur zu verlangen. Nach kurzem Zögern unterwarf sich Herr Neumann diesem Votum der jüdischen Wählerschaft und zog seine Kandidatur -zurück. Nicht minder bedeutungsvoll als dieser positive Erfolg ist auch die Tatsache, daß die Vertretungsbefugnis der jüdischen Wählerschaft in Döbling sowohl im- Bezirkskomitee als auch in allen politischen Vereinigungen des Bezirkes voll anerkannt wird. So fand vor einigen Tagen die Versammlung der deutsch-freiheitlichen Partei in Döbling unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Duschnitz statt, um zur Kandidatenfrage Stellung zu nehmen. Nachdem sich hiezu Gesinnungsgenosse Lucian Brunner überaus sachlich geäußert hatte, forderte der Vorsitzende den als Gast eingeladenen Gesinnungsgenossen Dr. Jakob Kohn aufj sich 'alis l/ertreter 'der jüdischen Wählerschaft zu den vom vereinigten freiheitlichen Bezirkswahlkomitee aufgestellten Kandidaturen zu äußern. — Was wohf die Herren Abgeordneten K u r a n d a und Kon-* Sorten dazu sagen werden? Aus all dem ersehen wir: Der Anfang ist gemacht, um der jüdischen Wählerschaft zu Sitz und Stimme zu verhelfen. Was das kleine Häuflein unserer Döblinger Gesinnungsgenossen begonnen hat, das müssen andere vollenden. Vivant sequentes. Der Kampf der Czernowitzer jüdischen Studentenschaft ''iim die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Seit zehn Jahren führen die Czernowitzer Studenten diesen Kampf um Anerkennung der jüdischen Nationalität. Der akademische Senat der Czernowitzer Universität speiste die Studentenschaft mit Versprechungen ab, welche niemals .eingehalten wurden. Diese Haltung des Senates, in welchem auch Prof. Leon Kellner Sitz und Stimme hat, ist auf die importierten Prager Professoren Adler und Petschek zurückzuführen. Als die Studentenschaft sich überzeugt hatte, daß die friedlichen Verhandlungen zu 'keinem Resultate führen werden, traten sie energischer auf und beteiligten sich nicht an der Inaugurationsfeier. Das bildete den Anfang eines erneuerten Kampfes, in dessen Verlaufe zwei jüdische Verbindungen mit Farbenverbot bestraft wurden. Vorige Woche relegierte der Senat einen jüdischen Studenten und erteilte zwei anderen das consilium abeundi, weil diese Studenten im Namen der Studentenschaft gesprochen haben. Die Erregung über das Vorgehen des Senates ist allgemein. Ein jüdisches Bürgerkomitee hat sich gebildet, um in den nächsten Tagen Protestversammlungen, gegen die strenge Maßregelung der jüdischen Studenten abzuhalten. Die jüdische Studentenschaft, sowie alle bewußten Juden Oesterreichs. begleiten den Kampf der Czernowitzer mit lebhaftem Interesse und herzlicher Sympathie. * ♦ Zur Haltung Prof. Kellners, der sich immer auf den begeisterten Zionisten und jüdischnationalen Politiker herausspielt, schreibt die Czernowitzer „Volkswehr“: Bezeichnend für die Gesinnung Professor Kellners ist seine Haltung in dieser ganzen Bewegung. Zunächst tut er so als ob ihn die ganze Sache gar nicht anginge, und er, der Professor, der ja auch sozusagen an der hiesigen Universität wirkt, will von der ganzen Angelegenheit nichts wissen. Als die Studenten nun diese Haltung ihres Professors merkten, gingen sie zu ihm hin und baten ihn er möge sich ihrer annehmen. Da kamen sie aber schön an. Er wies sie einfach ab, indem er erklärte, er könne sich in diese Angelegenheit JHDISCHE ZEITUN G nicht einmengen, da er sonst fürchte, er könnte noch pensioniert werden. Das war die Antwort, die Prof. Kellner den Studenten, die bei ihm in dieser Sache vorsprachen, erteilte. Man kann darüber nicht genug scharfe Worte finden. Prof. Kellner, der angebliche Führer der Jugend, die für ihn in den Wahlzeiten kämpften, fürchtet eine Pensionierung und läßt die Studenten in ihrem Kampfe allein.“ fcmterger Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Vor zwei Wochen absolvierte Werner Sombart in Galizien eine Vortragstournee. Sowohl in Stanislau, wie auch in Lemberg und Drohobycz war der Vortrag glänzend besucht. Nicht nur Zionisten, sondern auch viele Assimilanten und Nichtjuden kamen, um Sombarts Ausführungen zu hören. Selbstverständlich sind auch in Lemberg die Unkenrufe der Assimilanten laut geworden. Die von den westlichen Assimilanten ausgeheckte Lüge von Sombarts Antisemitismus fand auch in den antizionistischen Kreisen Galiziens rasche Verbreitung. Ein Mitarbeiter des „Lemberger Tagblattes“ interviewte Prof. Sombart und machte ihm bei dieser Gelegenheit von der „Sombarthetze“ Mitteilung. Prof. Sombart, dem man keinen Mangel an Freimut vorwerfen kann, erklärte in entschiedener Weise, daß er sich von antisemitischen Regungen frei wisse und daß er nach seiner Ankunft in Berlin in einem offenen Briefe gegen diese- Verleumdungen Stellung nehmen werde. Uebrigens tat die Sombarthetze in Galizien dem Erfolge der Tournee keinen Abbruch. Die klare Art, mit der Sombart das Judenproblem behandelt, hatte auch in indifferenten Kreisen tiefe Wirkung. Die Zionisten bereiteten Sombart einen freundlichen Empfang, wie es Gästen gegenüber geziemend ist. Er war darum auch über den Erfolg seiner Reise zufrieden, umso mehr, als er Gelegenheit fand, die Verhältnisse der galizischen Juden an Ort und Stelle zu studieren. ' ' •' .. i ■ ' ' . Es geschehen Zeichen und Wunder. Die Wunderrabbiner aus Galizien und der Bukowina hielten dieser Tage über Anregung des Czortkower Wunderrabbiners, des Herrn Israel Friedmann in Czernowitz eine vertrauliche Konferenz ab, in der sie über die Verbesserung der materiellen Lage der galizischen und Bukowinaer Juden berieten. Rabbiner Friedmann legte ein umfassendes Projekt vor, das auf einer später einzuberufenden Konferenz, an der sich' auch Nichtrabbiner beteiligen werden, beraten werden den soll. Die Aktion der Rabbiner kam überraschend, denn daß diese reaktionärsten Juden sich zu einer Tat aufraffen könnten, hatte niemand für möglich gehalten. Auch jetzt regen sich, namentlich in chassidischen Kreisen, lebhafte Zweitei am Erfolge der Aktion. Der Wunderrabbi von Beiz, das berüchtigte Faktotum der Regierung, verhält sich ablehnend und nahm auch an der Besprechung in Czernowitz keinen Anteil. Daß der Rabbiner aus Czortkow der Anreger der Konferenz war, überrascht nicht, wenn man bedenkt, daß er der fortgeschrittenste unter allen Rabbinern und ein genauer Kenner der zionistischen Bestrebungen ist. Wenn die Zionisten auch die Gemeinschaft mit den Wunderrabbiner ablehnen, so erfüllt es doch mit Genugtuung, daß der Gedanke der Selbsthilfe sogar in den fanatischsten Kreisen der galizischen Finsterlinge Eingang gefunden ' hat. Sollte die Aktion der Rabbiner Früchte tragen, so wäre das sehr erfreulich, denn dadurch würden die Wunderrabbiner vielleicht zum Teile die Wunden heilen helfen, die sie der armen galizischen Bevölkerung geschlagen haben. Daß die Aktion nicht auf eine Klerikalisierung und Verdummung der jüdischen Massen hinausläuft, dafür werden die Zionisten schon zu sorgen wissen. Während der katholischen Feiertage, am 24. und 25. d. hielten drei polnische Parteien, die demokratische, nationaldemokratische, und fortschrittliche, in Lemberg Parteitage ab. Alle Parteien nahmen Anlaß, ihre Stellung zu den Seite 3 anderen Parteien des Landes, darunter auch zur zionistischen, zu präzisieren. In mehr oder minder ausführlicher Weise kam der Haß gegen die Zionisten zum Ausdruck. Kein Wunder, denn in allen drei Parteien waren jüdische Assimilanten als Delegierte erschienen. Und wie im allgemeinen in Galizien Benennungen mit dem Wesen der Partei nichts gemein haben, so gilt das im besonderen für die Assimilanten. Mögen sich die Assimilanten konservativ, demokratisch, fortschrittlich nennen, — sie gleichen einander. Der Demokrat Kolischer, der Konservative Steinhaus, der Fortschrittler Aszkenaze, der Ällpole Gail und der Sozialdemokrat Diamand sind Fleisch vom Fleische der rückgratlosen Assimilation. Die Beschlüsse der Lemberger Parteitage sind eine natürliche Konsequenz der Teilnahme von Assimilanten an dieser Tagungen. Die Polen wären in ihrem Verhalten den Zionisten gegenüber nicht so agressiv, wären nicht ihre Moschkos so gott- und ehrverlassen. Bekanntlich ist auf der letzten in Stanislau stattgefundenen Landeskonferenz ein Parteirat gebildet worden. Am 14. April wird der Parteirat in Lemberg eine Sitzung mit folgender Tagesordnung abhalten: Bericht über die Sitzung des großen Aktionskomitees in Berlin; die Laridtagswahlreform und die Stellung der Zionisten zu den anderen Nationalitäten im Lande. In der am 5. März abgehaltenen Sitzung des Zentralkomitees erstatteten Dr. Ringel im Namen des Organisationsausschusses, Dr. Schreiber im Namen der Palästinakommissiop und Dr. Reich im Namen der Kommission für Politik ausführliche Referate. Opganifationsänterung der Berliner jüdiftben Gemeinte. Der Vorstand der Berliner Synagogengemeinde ist noch auf Grundlage eines aus dem Jahre 1847 stammenden Gesetzes organisiert Wegen der immer krasser werdenden Ünzulänglichkeiten dieser alten Gem"ind“ordnung hat die preußische Regierung einen Gesetze itwurf ausgearbeitet, der am 7. März im preußischen Herrenhaus zur Verhandlung gelangte. Seitens der verschiedenen Richtungen in der jüdischen Gemeinde waren Petitionen überreicht worden, auf welche in der Debatte Rücksicht genommen wurde. Wie ernst und mit welch strenger Unparteilichkeit die Frage der neuen Gemeindeordnung behandelt wurde, möge der nachfolgende Bericht beweisen. Der Berichterstatter des Hauses, der Berliner Oberbürgermeister Kirschner, führte aus: , „Das Gesetz vom Jahre 1847 reiche für die Bedürfnisse der Berliner Synagogengemeinde nicht mehr aus. Sie schließt einen großen Teil der Berliner Vororte ein und umfaßt 140.000 Seelen. Bei der großen Seelenzahl und der Fülle der Geschäfte sei nicht mit Sicherheit zu erwarten, daß sich stets Herren in genügender Zahl finden werden, welche die Geschäfteder Gemeinde ohne Besoldung führen. Er habe als Referent gegen die im Entwurf geforderten Erweiterungen in ider Vertretung der Berliner Synagogengemeinde nichts einzuwenden. Die Verhältnisse seien derartig, daß sie die neuen Bestimmungen rechtfertigen. Er bitte um unveränderte Annahme.“ Zum Entwürfe sind eine Reihe von Petitionen eingegangen. Zunächst vom Vorstande der Synagogengemeinde von Breslau. Auch dort hat sich mit der Zeit 'd ie bisherige gesetzliche Vertreterzahl als zu gering erwiesen. Breslau hat über 20.000 jüdische Seelen und einen umfangreichen Verwaltungsapparat In Breslau liegt das Bedürfnis nach besoldeten Vorstandsmitgliedern nicht vor. Der Antrag der Petition geht dghin: Bei Synagogengemeinden mit mehr als 10.000 Seelen soll, unter Wegfall der Stellvertreter die Zahl der Vorstandsmitglieder nach den Gemeindesatzungen auf 10, die der Repräsentanten auf 25 erhöht werden können. Diese Petition deckt sich im weserftlichen mit einem Antrag des Breslauer Oberbürgermeisters Bender. Außerdem liegen weitere Petitionen aus den Vororten Berlins, von dem jüdischen Bruderverein in Neukölln (Rixdorf), dem Verein zur Vertretung der jüdischen Interessen Charlottenburgs,