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Jüdische Zeitung · 1912-03-29 · 13 (29.3.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 13 raten. Dem Einsichtigen, der sich durch salbungsvolle und sehr human tuende Kommuniques und Preßberichte nicht blenden läßt, ist es von vorneherein klar, daß bei der Geschichte herzlich wenig herausschaut. Die Ursachen der Auswanderung sind : Ausschaltung der Juden aus Handel und Gewerbe, Verdrängung der Bauern vom Grund und Boden durch adelige und bürgerliche Bodenwucherer, Ausbeutung durch eine sozial rückständige Unternehmerklasse. An diesen Ursachen wird ein Auswanderungsgesetz nichts ändern. Der Drang zur Auswanderung muß immer stärker werden. Kein Gesetz kann die in Frage kommenden Elemente vor dem Zwange, das Heimatland zu verlassen, bewahren. Das könnte einzig und allein eine Aenderung der Gesellschaftsordnung bewirken. Bleibt also als eventueller Zweck des Gesetzes der Schutz der Aus wandernden vor Ausbeutung. -Da muß allerdings bemerkt werden, daß die bestehenden Gesetze und ihre verwaltungsrechtlichen Machtbefugnisse der Regierung seit jeher die Möglichkeit geboten haben, die Auswanderer zu schützen. Sie hat es unterlassen, weil sich die Schiffahrtsgesellschaften und Auswanderungsbureaus der höchsten Protektion erfreuen. Also fällt für die Einberufung der Enquete auch dieser Grund weg. Es scheinen lediglich die Gelüste gewisser Elemente nach Einschränkung der Freizügigkeit und neuen Möglichkeiten der S chikanier ung der oppositionell gesinnten armen Bevölkerung in Galizien und anderswo die ganze Frage heraufbeschworen (zu haben. Der polnische Grundbesitzer will billige Arbeiter haben, die Landbevölkerung soll in seinem Diensten auf galizischer Scholle verkommen, weil er so billiges Arbeitsvieh anderswo nicht auftreiben kann. Wenn es einmal Verordnungen, Auswanderungspässe, Erlaubnisscheine etc. gibt, dann gibts auch die Möglichkeit die Bauern mit Gendarmen an der Auswanderung zu hindern. Und auch die Juden kann man schikanieren, man kann ihnen Bestechungsgelder abpressen und falls, sie sich nicht politisch gefügig zeigen, „aiiswänderungsgesetzlich" beikömmen. "*Män wird sich diese „Enquete“ wirklich genau besehen müssen. Ihre Zusammensetzung bietet keine* Gewähr für das Vorhandensein eines ehrlichen Willens. Daß die zionistische Partei, welche in Wien ein. trefflich arbeitendes Informationsbureau für Auswanderer erhält, und die einzige österreichische Organisation ist, 'welche sich überhaupt der Emigranten annimmt, nicht zur Beschickung eingeladen wurde, geniert die jüdischen Teilnehmer der Konferenz natürlich nicht und charakterisiert die „Sachlichkeit“ der Verhandlungen. Zum Ritualmordprozeß in Kiew. — Eine Taktlosigkeit Die traurige Ritualmordkomödie, welche die russischen Gewalthaber vor den Schranken des Gerichtes in Kiew gegenwärtig zum .Austrag Feuilleton. Die Unheimlichen. Das kleine Haus gegenüber, Gott weiß, es ist unheimlich. . . . Scheu verkrochen zwischen vierschrötigen Zinskasernen blinzelt es mit seinen Staubmatten Guckfenstern wie ein schiefer, boshafter Zwerg in den Alltag. Das Dach ist hoch und spitz, wie eine rote Narrenschellenmütze. Die Tür schwarz und,winzig wie ein Maulwurfsloch. | Aber — das Unheimliche, das Dumpf-Geheimnisvolle, ist oben, im Stockwerk. Zwei Zimmer mit blinden Fenstern. Schlag neun Uhr morgens öffnet sich das eine. Im schwarzen Fensterrahmen erscheint er: ein entsetzlich abgehärmtes Gesicht mit schneeweißem Struppelbart; die Augen müde schillernd unter haararmen Brauen. So starrt er wiederkäuend aut die Gasse, bis in den späten Abend. Dann humpelt er hüstelnd aus dem Mauhvurfsloch und schleppt sich der Stadt zu ... . Um die Mittagsstunde, wenn die Sonne furchtsam den närrischen Giebel zu streicheln bringen, hat einen Protest ausgelöst. Die hervorragendsten nichtjüdischen Gelehrten, Künstler und Politiker aller europäischen Kulturstaaten versenden folgenden Aufruf: „Am 12. März- 1911 wurde der Knabe Andrejecv Justschinski in Kiew ermordet. Sein Mörder wurde trotz vielen Bemühungen bisher in zweifelsfreier Weise nicht entdeckt. Schließlich ist ein Jude als Täter verhaftet worden und die Untersuchung gegen ihn schwebt. Ob dieser Jude der Mörder ist, darüber können wir nicht urteilen. Es wäre unstatthaft, einem schwebenden Rechtsverfahren vorzugrei-' fen, noch dazu, wenn es in einem fremden Staate anhängig ist. Eins aber zwingt uns in unserem Gewissen, zu jenen Vorgängen in Kiew Stellung zu nehmen. Die Agitation der Straße hat diesen Vorfall gierig aufgegriffen und behauptet dreist, der Knabe Justschinski sei von Juden abgeschlachtet, um ihm sein Blut abzuzapfen, und um dieses Blut gemäß einem angeblichen jüdischen Religionsgesetze für rituelle Zwecke z u verwenden. Dieser gewissenlos in das Volk getragene Wahn hat vom Mittelalter an bis in die-neueste Zeit immer wieder entsetzliche Folgen hervorgerufen. Er hat die ungebildete Volksmasse zu grausigen Judenmassakres verführt,. und irregeführte Scharen haben sich durch diesen Wahn mit dem unschuldigen Blut ihrer Mitmenschen besudelt. Und doch ist niemals für die Berechtigung dieses Wahnglaubens auch nur der Schatten eines Beweises erbracht worden. Die angesehensten christlichen Kenner des jüdischen Schrifttums haben einwandfrei nachgewiesen, daß zu keiner Zeit die Juden durch ihre Religion zum Morde ihrer Mitmenschen angestiftet wurden. Wir halten es für die Pflicht eines jeden, dem der sittliche Fortschritt der Menschen am Herzen liegt, gegen solchen traurigen Aberwitz die Stimme zu erheben. Wir schließen uns damit dem Warnruf der angesehensten russischen Gelehrten, Schriftsteller und Künstler an in dem Bewußtsein, daß solche Warnung an keine Grenz-, 'pfähle gebunden ist. Sie muß Herzenssache der gesamten Kulturwelt sein.“ Es folgen sodann eine Menge wohlklingender Unterschriften, darunter die vom Präsidenten der Parlamente und wissenschaftlicher Akademien, Rektoren aller europäischen Universitäten u. a. m. Die edle Absicht dieser Männer soll nicht verdunkelt werden. Ihnen gebührt gewiß der Dank des jüdischen Volkes. Aber die traurige Erfahrung läßt den Wert dieser akademischen Proteste auf ein Minimum zusämmenschrumpfen. .Sie haben dem Blutwahn der Massen noch kein Opfer entrissen, Diese schönen Worte dringen nicht weit. Der russische Bauer liest sie nicht und die Gewalthaber, die ihren politischen Nutzen aus dem Blutglauben ziehen, wollen sie nicht verstehen. Es liegt wirklich ein gut Stück rührender Unbeholfenheit -in dem Beginnen der weisen Herren. Sie wollen den Aberglauben im fernen, dunklen Rußland beschwören und er wubeginnt, kommt sie an das andere Fenster. Oh, sie ist furchtbar!! Eine mit Oelfarben geschminkte Mumie; spärliche gelblich-graue’Haarsträhnen um ein. zusammengeschrumpftes Gesidit, das wie ein gebratener Apfel aussieht. Einmal der Woche schleicht sie fröstelnd aus dem Haus, um spät Nachts todesmatt wieder in die Höhle zu kriechen. Dann aber glühen ihre Augen in heißen Erregungen und die grellen Seidenfetzen tun den schlotternden. Leib sind wie von wolllüstigen Fingern zerknittert ..... Qftmals starre ich wie hypnotisiert hinüber: da steht der gespenstische Greis vor dem verstaubten Rokkoko-Spiegel, schwenkt wie beschwörend die hageren Arme, fährt sich erregt mit den gichtbrüchigen Fingern durch den Schopf und ich höre, wie er heiser mit sich selber spricht. Und nebenan steht sie, die Greisin, tänzelt wie eine betrunkene alte Krähe vor dem Spiegel hin und her, neigt sich, wiegt sich und der Totenschädel grinst. Ich #sagte zu Aurelian S. vom Detektivinstitut „Sherlok Chochem“: „Mich peinigt es!! Es zehrt an mir! Wer sind sie, die Unheimlichen??! Was.tun sie?“ , chert noch üppig in ihrer nächsten Umgebung, in Deutschland und Oesterreich. Die Schande Könitz und P o 1 n a ist noch ungetilgt Hilsner, das . Opfer einer Schmachjustiz, schmachtet als Ritualmörder im österreichischen Kerker. Akademisch gebildete Richter haben das wahnwitzige Urteil gesprochen. Weich ein aussichtsloses Unternehmen, den russischen Huligan das lehren zu wollen, was die Zierden deutscher und österreichischer Gerichte nicht fassen können. — Es liegt in der Natur der Sache, daß nur nichtjüdische M|nner diesen Aufruf unterfertigt haben, da das Zeugnis von Juden in dieser Angelegenheit wenig Gewicht hat. Nun prangt unter den Unterschriften auch die des. Herrn Dr. Ludo Hartmann, seines Zeichens sozialdemokratischer Parteimann und Privatdozent in Wien. Er ist gebürtiger Jude und hat erst vor nicht gar lajiger Zeit das Judentum verlassen. Es bedeutet wohl das Höchstmaß der Taktlosigkeit, sichgerade beiein e m solchen Anlasse in eine arische Gesellschaft einzuschleichen und auf den „N ich t j u d en“ h e r au s z u sp i e le n. Herr Ludo Hartmann hat damit nicht nur einen neuerlichen Beweis für die Charakterlosigkeit der Assimilationsjuden erbracht, sondern auch den guten Zweck gefährdet, den Antisemiten die Handhabe geboten, das Gutachten wider das Ritualmordmärchen als eine versteckte Judenmache hinzustellen. I Maltin- I I Kakao I ■ Ersetzt die Fleisehnahrung I ■ Kräftigt den Organismus ■ ■ Ist außerordentlich billig I Ein Wahlerfolg — vor den Wahlen. (Zur Döblinger Wahlbewegung.) Einmal ist keinmal. So -dachten offenbar die „Getauften und Baldgetauften“ von Döbling, als sie einen der ihrigen als Kandidaten für die Gemeinderhtswahlen aufgestellt hatten. Für sie war, die Lehre der letzten Gemeinderatswahlen in der Inneren Stadt vergeblich gewesen. Der Durchfall der getauften Juden Dr. Wilhelm Neumann und Dr. Fürth, die nur aus dem' Grunde von -der jüdischen Wählerschaft abgelehnt worden waren,' weil sie dem Judentume den Rücken gekehrt hatten. Da nun auch im! Döblinger Falle alle Vorstellungen der jüdischen Vertreter im Bezirkskomitee vergeblich waren, rekurrierten diese an die jüdische Wählerschaft und diese Flucht in die Oeffentlichkeit brachte vollen Erfolg. Unter Vorsitz unseres Gesinnungsgenossen Dr. Jakob Aurelian sah1 nachdenklich in die Feme und sagte „Gott weiß!“. So verstand ich ihn, gab ihm acht Kronen und er, versprach, „innerhalb 24 Stunden promptest Information zu liefern“. . Tags darauf kam er, blaß und abgespannt. Ich fieberte. , Das Haus lag da wie in einem Spinngewebe. In ihrem Zimmer saßen die beiden einander gegenüber Aid spielten Domino. Die Knöchel klapperten wie die Steine. Aurelian seufzte: „Es ist fürchterlich!!“ „Wer ist er?“ fragte ich und ein rieselnder Schauer kroch mir über den Rücken. „Er hat im Jahr 48 von «.seinem Fenster den Kämpfen auf der Barrikade zugesdhaut! S i e war eine „Grande däme“ von der Lövel- E astei . „Und jetzt?“ „Jetzt ist er Wanderredner der deutscii1m irtschaftlichen Jungmannschaft — —“ „Und sie?“ „Beim Balletkorps der Hofoper.“' Beda.

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