Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 her Stiaßny an Sonnenthals Grab uns Juden der christlichsozialen Gnade empfahl und als gar der Kahal uns schmerzbewegt an Luegers Bahre stehen ließ? Warum schweigt Ihr, Herren Rabbiner, zu dem ganzen, auf Lug und Trug gebauten Gewaltregiment des Kahals? Hat Rabbiner Dawid, als er in Wien vor jüdischer Jugend seine Probepredigt hielt, sich nicht einem hochmögenden Kahal durch Schmähung der Makkabäer empfohlen? Hat nicht derselbe Gottesmann — wieder dem Kahal zulieb — die galizischen Juden dadurch schwer gekränkt, daß er ihren Landsmann, den Verbrecher Schapira als Durchschnitt hinstellte? Predigt Ihr nicht vor jedem Wahlkampf, der uns doch aufgezwungen ist, ein heuchlerisches „Scholaum!“? Wir verstehen Euch! Ihr bezieht Eure guten Gehälter und der Kahal läßt Euch nebstbei Sporteln nach Euerer eigenen Schätzung von den Schäfchen eintreiben. In offener Volksversammlung wird Euer Kollege Mayersohn des Wuchers und jeder Art von Amtsmißbrauch geziehen und Ihr schweigt zu allem, zufrieden, wenn es nur dem Kahal Recht ist. Ihr, Herren Rabbiner, wahrt Eure eigene Ehre, ehe Ihr Euch um die Ehre des Judentums, unseres Judentums schert!! Ihr habt Sombart vorgeworfen, er kenne das. jüdische Schrifttum nicht, wenn er glaube, dem Juden gehe Geld vor idealem Gut. Allen Respekt vor unserem Schrifttum! Wie aber, wenn Sombart gerade durch Euer und des Kahals eigensüchtiges Treiben irregeführt worden wäre! Wer wollte dies dem Volksfremden verdenken, wenn doch selbst uns warmherzigen Juden vor diesen Zerrbildern jüdischer Gemeinden mit ihrem Troß korrumpierter Existenzen graut? So oft wir in den verqualmten Rayon der Seitenstettengasse müssen, heißt es rasch in den reinen Lüften der jüdischen Geschichte tief Atem schöpfen, um uns in der Liebe zum Judentum wieder zurechtzufinden. Sombart mag in seinem Vortrage dies und jenes verfehlt haben, das eine wissen wir ihm herzlich Dank, daß die Wirkung seines Auftretens und wieder einmal grell gezeigt hat: „Der Kahal ist unser Feind!“ Gegen ihn gilts — wollen wir die Kelle in sicherer "Ruhe führen — unsere Waffen zu schwingen. Dann braucht uns nicht bange sein um „die Zukunft der Juden“. Aus dieser einen Äußerung, die für den Großteil der Advokaten typisch ist, kann man die Wichtigkeit für uns Juden erkennen. Das fremde Material sind wir Juden, die in die Städte und insbesondere in die Großstädte drängen, weil wir nur dort unsere Kräfte halbwegs frei entwickeln können. Die Gründe hiefür sind bekannt. Der numerus clausus bedeutet die größte Gefahr für die Juden. Die Advokatur war bisher die einzige Zuflucht für den jüdischen Juristen. Nicht aus Liebe zur Advokatur wird er Advokat, sondern weil für. ihn die Staatsanstellungen nicht und die Privatstellungen bei Banken, Versicherungsgesellschaften etc. nur mit größter Protektion erreichbar sind. Der numerus clausus ist aber auch eine große Gefahr für das Publikum selbst. Der Gedanke des numerus clausus zu Ende gedacht, bedeutet die Rayonierung. Das Publikum wird dann an den Advokaten seines Bezirkes gewiesen und hat nicht mehr die Möglichkeit sich den Mann seines Vertrauens frei z u w ä h 1 e n. Durch derartige zünftlerische und rea ktionäre Bestrehungen wird dem Advokatenstande nicht geholfen werden. Teilweise Abhilfe können nur die Advokaten selbst erzielen, wenn sie nur dann Konzipienten beschäftigen, . wenn sie für Konzipienten volle — nicht sollizitatorische Beschäftigung haben. Ferner muß, um dem materiellen'Verfall der Advokatur vorzubeugen, eine intensive Agitation betrieben werden, die Jugend von dem Jusstudium abzuhalten. Dies wäre Sache der juristischen Sektion des Zionistenverbandes ehemaliger Akademiker. Ein Konzipient ParteisNachrichten. Numerus claulus für Röuohaten. Wir erhalten in der für die jüdischen Juristen hochwichtigen Angelegenheit folgende Zuschrift : Seit Einbringung der neuen Advokatenordnung ist die Beschränkung der Zulassung zur Advokatur, d. h. gesetzliche Beschränkungder Zahl der Advokaturskanzleien, eine stark umstrittene Frage geworden. Tatsächlich handelt es sich um den Lebensnerv der freien Advokatur. Vor Jahren hat sich bereits der Deutsche Juristentag für die freie Advokatur und gegen den numerus clausus — die Beschränkung der Zulassung — ausgesprochen, ja es wurde sogar die Forderung aufgestellt, auch das Notariat freizugeben. Der Regierungsentwurf hat die bisherige freie Advokatur beibehalten. Nun die große Aufregung bei einigen, die bereits Advokaten sind. Der Beruf wurde proletarisiert und die Möglichkeiten der Deklassierung seien gestiegen. Der Zuzug zur Advokatur muß im Interesse des materiellen Wohles der. Advokaten erschwert werden, die Konkurrenz ist eine zu große! Und es ergehen neue Vorschläge. Ein Teil der Advokaten hat sich noch Schamgefühl bewahrt und spricht sich gegen den numerus clausus aus, aber der Pferdefuß kommt nach. „Ich bin gegen den numerus clausus; deswegen bin ich aber doch nicht für die Beibehaltung der bisherigen unbeschränkten Zulassung zur Advokatur“, so lauten die Äußerungen deS „Das Barreau“, Organ für die Standesgenossen der Anwälte Österreichs und hat in seiner letzten Nummer einige derartige Äußerungen veröffentlicht. Natürlich nur die für eine Beschränkung. So schlägt der als Christlichsozialer bekannte Dr. Robert Gruber vor, man möge die Freizügigkeit in Orte, die der Sitz eines Oberlandesgerichtes sind, aufheben. Nur die Heimatsberechtigung und die an dem Orte vollendete ganze Kandidatenzeit (7 Jahre) sollen das Recht auf Niederlassung und Ausübung der Advokatur in Wien, Brünn, Innsbruck, Lem'r berg etc. etc., gewähren. Damit wären die großen Städte und insbesondere Wien vor der Überfüliung mit fremden Material, das nicht immerdas beste ist, bewahrt.“ Zionistischer Zentralfonds. . (Eingänge vom1 14. bis 21. März.) Böhmen (Teplitz-Schönau): Elisabeth Perutz K 200.—; M. Abeles, Ludw. Steiner, Emmy Stein ä K 50.—; S. Falk, Ernst Bechert, G. J. Grünhut, A.Kannf ä K 20.—; J. Kohner, Dr. Scheuer ,ä K 10.—; M. H. Unger, P. Weingarten, L. Spitz, . Karl Löw ä K 5.—; (Turn bei Teplitz): Rudolf Kohn K 5.—; (L e i t m e r i t z): Dr. E. Margulies K 50.—; (W e i p e r t): S. Hüller K 10.—; (Prag): R. Gutmann K 1.25. Innerösterreich (W i e n): Dr. Max Pickarski K 150.—; Dr. E. Krasny K 30.—; Dr. Max Jerusalem K 20.—; Dr. A. Lanzer K 30.—; Arch. Dr. Alex. Marmorstein K 20.—; Dr. Benno Schallinger K 10.—; Natan Deutsch K 10.—; Dr. S. Ruß K 3.—; „Makkabäa“ K 4.—. Mähren-Schlesien (Brünn): Brunner K 2.—; Spitzer K 1.—; A. Ausschuß d. zion. Mittelschüller K 11'.—. Zusammen K 827.25 Gesamteingang aus Westösterr. (1912) K 3160.35 Aufzubringender Betrag im Jahre 1912 (Brünner Parteitags-Resolution) K 18.000.— Sdhekeleingänge (5672). Innerösterreich (Wien): „Bar Giora“ Kronen 49.20. Mähren - Schlesien (T r o p p a u): Distriktskomitee K 300.—. (Spezifikation folgt.) Zusammen K 349.20 Gesamteingang aus Westösterr. (5672) K 1.110.60 Sitzung des Großen Aktions-Komitees der zionistischen Organisation. Vom 17.—19. März fand in den Räumen des Zionistischen Zentralbureaus in Berlin die zweite Sitzung des vom X. Zionistenkongreß einge-* setzten großen Aktionskomitees statt. Zweiundzwanzig Mitglieder dieser Körperschaften aus Deutschland, Österreich, Rußland, Rumänien, England Belgien und der Tjirkei hatten sich zu den Beratungen eingefunden. Die Mitglieder des Engeren Aktionskomitees erstatteten ausführliche Berichte über die Angelegenheiten der einzelnen Ressorts (Palästinaarbeit, politische und kulturelle Tätigkeit, Propaganda und Verwaltung, Presse usw.). Im Anschluß an die Beratungen des Aktionskomitees fanden auch Sitzungen der zionistischen Finanzinstitute statt, nämlich \eine Generalversammlung und eine Direktoriumssitzung des Jüdischen Nationalfonds, eine Aufsichtsratssitzung der Jüdischen Kolonialbank und eine Generalversammlung der Anglo-Palestine Company. Die Berliner Zionistische Vereinigung veranstaltete den Mitgliedern des Aktionskomitees zu Ehren zwei große Volksversammlungen im Westen und Norden Berlins, in denen verschiedene führende Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung Ansprachen hielten. Prof. Dr. Ch. Weizmann in Wien. Montag, den 25. März trifft das Mitglied des großen Aktionskomitees, Prof. Ch. Weizmann aus Manchester in Wien ein. Den Wiener Gg. ist^Prof. Weizmann nicht fremd. Anläßlich seiner Palästinareise im Jahre 1909 war er Gast der Wiener Organisation. Sein damals erstattetes vortreffliches Referat über Palästina gab uns zum ersten Male Gelegenheit, über den Fortschritt unserer Arbeiten in Erez Israel von einem ausgezeichneten Kenner genaue Daten zu erfahren. . Prof. Weizmann, dessen gründliches zionistisches Wissen und rednerische Begabung .allgemein bekannt sind, wird Dienstag, den 26. März, zwei öffentliche Vorträge erstatten. U m 6 Uhr abends spricht er im Hörsaal 33 der jur. Fakultät vor Akademikern über „Jüdische Kultur“. Um 8 Uhr abends ist Dr. Weizmann Gast des zion. Zentralvereines, der eine große Versammlung ins Hotel Kontinental, II.. Taborstraße, einberuft, bei der Prof. Weizmann über „Weltbürgertum und Nationalismus“ sprechen wird. Die zion. Oeffentlichkeit Wiens sieht diesen Referaten mit Spannung entgegen. Verein „Zion“ Stockerau. Sonntag, den 24. März, 81/» Uhr abends veranstaltet der rührige Verein „Zion“ für Stockerau-Korneuburg im großen Saale des „Josefinen-Bräuhaus“ in Stockerau einen Vortrags- und Unterhaltungsabend, bei dem der Vize-Obmann des i. ö. D.K., Gg. Dr. Hermann Kadi seih, über die „Zukunft derjuden“ sprechen wird. Anschließend Rezitationen, Vorträge und Tanz. Mehrere Mitglieder des D. K. werden Gäste des Vereines sein. Gesinnungsgenossen, die sich der Reise anschließen wollen, mögen sich im Büro IX. Türkenstraße 9, melden. Gemeinsame Abfahrt, Gäste herzlich willkommen. Die Sammelbüchsen des Jüdischen Nationalfonds. Das wichtigste Sammelmitte! des Jüdischen Nationalfonds bilden die schon zur Zeit seiner Gründung herausgegebenen Sammelbüchsen, die wie kein zweites Propagandamittel geeignet sind, das Interesse der weitesten Kreise ständig auf das' kostbarste Gut des jüdischen Volkes, den „Jüdischen Nationalfond“ zu lenken. Dafür zeugen sowohl die große Verbreitung der Sammelbüchsen, die in ihrer geschmackvollen Adjustierung eine Zierde für jedes jüdische Heim sind, als auch das stetig wachsende Ergebnis der Büchsensammlungen. In Österreich sind zurzeit 13.000 Büchsen verausgabt. Die Sammlungen beliefen sich im Jahre 1910 auf 5885 Kronen, im Jahre 1911 auf 21.453 Kronen. Dieser Fortschritt ist ein deutlicher Beweis für die große Bedeutung einer guten Organisation der Büchsensammlung. Die österreichische Sammelstelle ist im Begriffe, dieselbe in umfassender Weise auszugestalten. Demnächst wird eine weitgehende Propaganda eingeleitet werden, vorerst in Wien, wo zurzeit zirka 1200 Büchsen in Verwendung stehen. Diese Zahl ist eine sehr niedrige. Die Sammelbüchse darf in keinem jüdischen Hause fehlen! Namentlich gehört sie in die Ordinationsräume der zahlreichen gg. Ärzte, in die Verkehrslokale und in das Zimmer eines jeden organisierten Zionisten. Der so oft von der österreichischen Sammelstelle ergangene Ruf: „Selbstbesteuerung durch die Büchs e“ verdient wahrlich eine gründliche Beachtung. Zwei Heller täglich in jede Büchse würden unseren Nationalfond jährlich um eine halbe Million Kronen bereichern! Im Jahre 1911 wurde Österreich von der so lange behaupteten zweiten Stelle in der Beteiligung an den Sammlungen des Nationalfonds auf die dritte Stelle zurückgedrängt. Sollte nicht der Ehrgeiz der österreichischen Zionisten sich dahin richten, an die erste Stelle vorzurücken? r L l t. "!- St II liä r>.. fci ‘ Utvh>; [i-. iUb.; pt- % ' iy ■ " i?.