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Jüdische Zeitung · 1912-03-22 · 12 (22.3.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite - 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 12 scher Gemeinden nur christliche Lehrer anstellen, jene Schulen die jetzt allmählich in den Besitz des deutschen Schulvereines übergehen, um mit Hilfe der jüdischen Kinder Bollwerke des Antisemitismus zu werden, da es doch mit Sicherheit nicht zu-erwarten ist,' daß jemals jüdische Lehrer daselbst angestellt werden? Ist es Zufall, daß selbst an den „verjudeten“ Privatschulen, an Lyzeen oder Handelsschulen „anzukommen“, jüdische Supplenten oder Lehrer mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen haben, daß eine Anstellung höchstens durch irgendeine große Protektion zu erlangen ist? Zufall, daß Präterierungen meist nur an jüdische Namen sich knüpfen, Zufall, daß an keiner staatlichen Mittelschule rein Jude .-als Direktor wirkt, obwohl jüdische Schulmänner von pädagogischem Ruf und Namen und wissenschaftlicher Bedeutung sich wiederholt. um solche Stellen bewarben? Man erinnere sich an die schamlose Komödie, die man anläßlich der Besetzung der jüdischen Oberlehrerstelle in (der Blumauergasse in Szene setzte. fc)och das alles ist ja bekannt und dennoch dulden wir die Fußstöße, die man uns täglich neu versetzt j ' ■ - ,. “ ' « Aber wie viele jüdische Lehrer gehen nach dem beendigten aufreibenden Studien mit demi Lehramtszeugnis in der Tasche von Anstalt zu Anstalt hausieren, um entweder direkt brüske -Ablehnung oder „herzliches Bedauern“ zu bekommen, nachdem ein flüchtiger Blick ins Zeugnis den jeweiligen :Direktor über die Abstammung des Petenten belehrt hat Am kränkendsten.aber ist es bei den sogenannten „jüdischen“ Schulen, weil deren Leiter nicht den Vorwurf jüdischer Parteilichkeit auf sich laden wollen,, weil sie „unparteiisch objektiv“ sich geberden, indem ihr Freisinn schon bei einem jüdischen -Petenten, sei er noch so befähigt, umkippt Ist es schließlich zu. verwundern, daß soviele voll herber Enttäuschung und bitterer Erfahrung zur Taufe greifen, da sie selbst an den maßgebenden jüdischen Organen keinen" Schutz und keine -Stütze haben: denn nicht immer sind es die schlechtesten, die abfallen und Verzweiflung und Elend haben manche schon. mürbe gemacht -'Man weiß es ja auch, die jüdischen Lehrer sind «nicht die schlechtesten, denn ein. jüdischer Lehrer muß dreifach leisten, um als einfach gewertet: zu werden. Und auch die jüdischen Schüler sind nicht -die schlechtesten und der Prozentsatz .der -.jüdischen Vorzugsschüler fiele bei ge- -nauer Statistik sicher zugunsten der jüdischen* *■ Kinder aus.- Hier gibt es nur ein Mittel: jüdische Schulen. Flüchten viele aus den „interkonfessionellen“ Schulen in die verschiedenen privaten Schulen, ‘die der jeweiligen Gesinnung und Richtung der Eltern Rechnung tragen, so flüchten auch wir zu den älten Judenschulen zurück. Nicht nur wjr Alten kämpfen, auch unsere Jungen; denn es weht ein neuer, starker Geist durch unsere Jugend. Es ist ein trotziger kräftiger Wille zum Judentume, der unsere Knaben beseelt, die ihnen .das .Judentum wieder lebenswert macht. Laßt uns darum jüdische Schulen bauen! Denn Sqhüler sind da. Die alten berühmten Judenschulen sollen aufs neue entstehen, aber mit einem neuen jüdischen Geiste: überall fühlt man die Notwendigkeit, mag man auf den alttestamentarischen Satzungen •unseres -Glaubens stehen, mag man modern national denken. Die Sache ist zu ernst, als daß -man sich angesichts eines so wichtigen Problems „erst um Worte streiten sollte. Überall und zu .allen Zeiten war die Schule das Fundament aller Kultur und nationaler .Entwicklung; denn der Jugend gehört die Zukunft. Das jüdische Kind ^gehört in eine jüdische Schule, damit das assimilatorische .Unkraut nicht länger in den Blütenbeeten Judas, tn den jüdischen Kinderherzen -wuchere. Freie, stolze jüdische Lehrer- und eine begeisterte stolze jüdische Jugend tun uns not. iDenn unsere Kinder sind ein köstlich Gut, sie einer lichten, reichen Zukunft entgegenzuführen, -sei. eine der hehrsten Aufgabe unseres Volkes. neuer Ernte Julius JWeinl Die Reiter Oes jOOffdien Volftes. Wir haben in der .letzten Nummer über die große Protestversammlung berichtet und bringen nunmehr im Auszug die treffenden Ausführungen des Referenten Dr. Egon Zweig. Er wies auf die Riesenaufgabe hin, welche die Zionisten zur Ermöglichung einer besseren Zukunft der Juden auf sich genommen haben. Dieser aufbauenden Arbeit, für welche stets neue Genossen durch Verbreitung jüdischer Selbstachtung geworben werden, widersetze sich überall ein selbstsüchtiges Assimilantenklüngel, welches die Macht mit dem Volke nicht teilen wolle. Eine solche Trutzburg unserer Widersacher sei in Wien der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde, wie erst der jüngst gegen uns-arrangierte Sombart-Rummel beweise. Redner schildert dann launig und präzise die diesbezüglichen, unseren Lesern schon bekannten Vorgänge der letzten Wochen und setzt dann, wie folgt, fort: „Geehrte Versammlung! Wir wissen, daß der Sombart-Rummel damit noch lange nicht aus ist. Der Kahal wird diesen Knochen, in Ermanglung eines besseren, nicht sobald locker lassen. Gilt es doch, die Aufmerksamkeit der Judenschaft von der Kultuswahl abzulenken, die heuer im Herbst stattfindet lind bei der wir mit dem Kahal abzurechnen haben. Auch der Herr Kultuspräsident höchstselbst ' der vor 6 Jahren mit ganzen 19 Stimmien über die absolute Mehrheit-in den Vorstand gewählt wurde, muß sich diesmal überprüren lassen. Grund genug, uns Zionisten mit allen Mitteln zu verleumden : Fördern wir doch den Antisemiten Sombart, sind also selbst „jüdische Antisemiten“! Wie tief gesunken ist diese zionistische Partei seit den glorreichen Tagen ihres Gründers Herzl! Ja, wenn sie andere Führer hätte, eitel Frieden und Eintracht gäbe es in unserem schönen Wien. O, über Euch Heuchler! Wollt ihr unsere Jünger, die der-Zionsfahne begeistert zustreben, kopfscheu machen? Nun denn, schlagen wir in der Lokalchronik nach, wie Ihr mit Herzl .verfuhrt und wie er von Euch dachte. Kaum war sein „Judenstaat“ aus der Presse, witterte der Kahal Unheil. Der Oberrabbi Güdemann mußte sich seiner Beschaulichkeit entreißen und flugs die Gegenschrift „Nationaljudentum“ losschießen, in welcher — prompt laut Ordre — auch nur das Bekenntnis zum jüdischen Volk als Frevel am heiligen Glauben gebrandmarkt war. •Nordau hat freilich mit ein em köstlichen Artikel „Der Tempelstreit“ dies Kartenhaus pfäffischer Sophisterei umgeblasen, der Kahal aber sann Rache. Herzl durfte nicht wagen, seine Kongresse nach Wien einzuberufen, was doch am nächsten gelegen wäre. Er mußte nach Basel. Dort ließ nun Herzl seinerseits 1898 die Parole verkünden: „Erobert die Kul.tusgeraeinden!“ Er ging auch in Wien sofort ans Werk, doch seine Verbündeten, voran die „Union“, verrieten ihn. Herzl rüstete , der Kahal verleumdete. Als nämlich Herzl, von den Reichen Israels enttäuscht, aus den Opfergroschen der jüdischen Masse unsere Kolonialbank schuf, .da zischelte die Assimilantenpresse hüben und drüben des Kahals. der ganze Zionismus sei dem schlauen Herzl nur Vorwand, einen fetten Gründergewinn einzusacken, die Millionen seien schon aus der Bank aziert..'. Rabbi Bloch pfiff in seiner „Oesterr. öchenschrift“ das Liedchen wacker mit, wenngleich er dann im Gerichtssaal abbitten mußte. 1900 und 1902 führte Herzl die Seinen wieder zum Wahlsturm gegfen die' Kahal. Als sie ihm in anonymen Blättern insinuierten, er wolle die Kultussteuergelder für seine utopischen Zwecke vergeudet, hieß er sie öffentlich „Verleumder“ und hielt (ihr Konterfei zum .Schreck für Kind und Kindeskind in seinem „M a u s c h e 1“ fest. Am III. Oesterreidiischen Parteitag zu Wien 1903 demonstrierte Herzl für mein Referat, welches in den Ruf kampflicher Gewinnung der volksfeindlichen Gemeinden ausklang und noch im Frühling 1901, als schon die Todesschatten auf den Meister herabsanken, bewegte ihn der eine Gedanke: Wie sprenge ich den Kahal? Herzl starb und — welche Ironie — der Kultusvorstand gab ein Ehrengrab, Stern hielt den rühmenden Nachruf. Zugleich jubelten sie, daß mit Herzl sein Werk dahin sei. Diesen schnöden Wunsch haben wir zwar zuschanden gemacht, wir sind vielmehr immer stärker und größer geworden. Doch die vom Kahal haben es uns weidlich erschwert. Jede uns schädliche politische Konstellation, jeder Zwist in unserer Partei war jenen ein Fest, jeder Lump, den wir aus unseren Reihen stießen, war drüben willkommen, ja, Gipfel der Niedertracht, Herzls Andenken ward gegen Herzls Partei ausgespielt! Wir Zionisten Wiens sind -uns bewußt, des Meisters Erbe mit inbrünstiger. Treue gewahrt zu 'haben, und so ist uns auch sein Herzenswunsch zu tiefst eingeprägt: „Fort mit dem Kahal!“ Nie und nimmer können und werden wir zugeben, daß diese Klique, welche sich hinter ihren muffigen Geldsäcken, hinter den Wolfsgruben spießiger Wahlordnungsparagraphe gegen die Teilnahme der breiten jüdischen Volksschichten an der Gemeindeführung verschanzt, sich zugleich als Repräsentanz der Gesamtjudenschaft Wiens, ja Oesterreichs aufspiele und mögen sie hundertmal Amtssiegel, Beamte, Rabbiner und andere Diener für ihre Zwecke mißbrauchen. Eine Klique bleiben sie in unseren Augen, eine engherzige, unjüdische Partei, bis zu jenem glücklichen Tage, da wir sie auf Nimmerwiederkehr werden entfernt haben. Wir Zionisten können aber auch nicht dulden, daß der Kahal sich anmaßt — frei nach Bloch — „die' Ehre des Judentums zu verteidigen“, da doch der Kahal selbst jüdischer Ehre bar ist. Wie, wähle ich etwa meine Worte zu scharf? Oder ist der Wortbrüchige nicht ehrlos? Die Herren Kultusvorsteher, und mögen sie sich im Privatleben noch so sehr als Ehrenmänner g:eberden, haben seit 1904 in Wählerversammlungen und Wahlaufrufen immer wieder feierlichst eine Erweiterung des Wahlrechtes — des schmählichsten in Eurppa — versprochen,- sie haben aber statt dessen 1908 einen neuen Wählerdezimierparagraphen ins Gefecht gebracht und ihn wieder '— allen Versprechungen zu trotz — bis heute weiterbestehen und weiterwirken lassen. Ihr Häuptling, Dr. Stern, der das Zeug zu einem Torquemada hätte, wußte diesen gehäuften Wortbruch noch mit Hohn und Spott zu würzen. Die Herren vom Kahal halten es tfür Kollegialitätspflicht auch dies zu decken. Gut, so muß jeder von ihnen jede Tat des Kollegiums mitverantworten. Wir klagen den Kahal auch deshalb an, weil er' ein umsichfressender Herd der Verderbnis ist. Die Geldmacht, auf die er sich stützt, die Ehrsucht, die ihn stachelt, sind die Fermente dieser Zersetzung. In Ueberfülle strömen mir die Beispiele zu. Da schrieb ein armer Familienvater ein unabhängiges jüdisches Blatt, mit glänzender Feder geiselte er die Mißstände des Gemeindelebens, kennzeichnete er den Herrn Präsidenten. Und was tat der? Ging er-in sich? Nein, er kaufte einfach den Hungerleider, gab ihm eine Sinekure als Sekretär des Israelitischen Gemeindebundes, und nützt seither den Scharfsinn des Gemieteten gegen die Opposition. Oder: Ein Subalternbeamter weiß sich in der Gunst des Herrn Präsidenten hinaufzustrebern, wird Leibsekretär und hilft die ganze Beamtenschaft terrorisieren. Ohne Dienstpragmatik, ohne jeden Schutz vor willkürlicher Entlassung — wer kennt nicht den Fall des Religionsprofessors Fink! — müssen die Beamten und Diener Spitzel- und Schergendienste verrichten, Wahlstimmen abgeben und schleppen, Versammlungen füllen Und sprengen, je wie der Herr die Knute schwingt. Und erst die Gottesmänner! Hätten sie wenigstens von der Schande ihrer Abhängigkeit geschwiegen! Was drängen sie sich noch, die Grunwalds und Feuchtwangs, vor unsere Lupe? Herr Dr , Feuchtwang, Sie schrieben über Sombart: „Er mißbraucht die hochgehende Woge des Nationaljudentums, das uns allen so sehr am Herzen liegt und dessen Pflege wir auf Kanzel und Katheder lehren.“ Und fahren dann im schönsten zionistischen Stil fort: „Wir blikken mit Bedauern und Verachtung auf die Sorte Assimilariten, welche ihre Art verleugnen, ihr Judentum verbergen und ihr Bekenntnis fälschen. Sie sind sittlich defekt und sollen von Juden und Nichtjuden als Schädlinge beurteilt werden.“ Ei, Herr Rabbiner, haben Sie Ihren Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn über die Pflichten des Nationaljudentums belehrt, als er in der Leopoldstadt auf •d'as deutschliberale Proder Leopoldstadt auf das deutschliberale Programm in den Reichsrat kandidierte, haben Sie Ihren Präsidenten von der Kurie in der Bukowina gegen den Willen der Juden hintertrieb, haben Sie Herrn Dr. Stern als sittlich defekt gebrandmarkt, als er aus purer Bosheit den Waisen von Kischinew, als er den brotlosen galizischen Schänkern jede Handreichung versagte? Herr Dr. Grunwald, Sie fühlen die heilige Pflicht, die Ehre des Judentums zu schützen. Bravo! Haben Sie diese Ehre ebenso männlich geschützt, als der Kultusvorsteher Ritter von Taussig dem Pogromzaren Geld lieh und der 'Kahal vor Taussig kroch, als der Kultusvorste-

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