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Jüdische Zeitung · 1912-03-22 · 12 (22.3.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 -:—i jüdische Länderkonferenz kann nur unter diesem Gesichtspunkte begriffen werden. Wenn es auch hieß, daß es sich nur um die Einheit der jüdischen Konfession handle, so liegt in diesem Bestreben nach Vereinigung ein unbewußter Zug; zur Nationalisierung. Interessant ist es, daß gerade die Orthodoxen in Ungarn Gegner der Vereinigung waren, sichaber im Laufe der Konferenz zum Teile eines Besseren belehren ließen. Die Orthodoxen wiesen darauf hin, daß die Prinzipien, die Orthodoxie und Neologie von einander scheiden, so grundlegend seien, daß die Kluft zwischen Orthodoxie und Neologie größer sei, als die zwischen Katholizismus und Protestantismus; sie verlangten darum eine gesetzliche Anerkennung der jüdisch-orthodoxen Konfession und wollten mit einem Schlage jede Gemeinschaft, mit den Neologen aufheben. Die Orthodoxen wären wohl mit dem jetzigen Stande der Dinge zufrieden gewesen, da ja auch jetzt bereits die Orthodoxen ebenso wie die Neologen ihre streng gesonderten, von einander ganz unabhängigen Organisationen haben. Durch daq immerwährende Bemühen der Neologen aber, diese beiden Organisationen zu vereinigen, fühlten sich die Orthodoxen in ihrer Selbständigkeit auf die Dauer bedroht und sie proklamierten völlige Lossagung von der Neologie. Gegen die Absichten der offiziellen Orthodoxie erhoben sich vor allem die Neologen, die status quo Gemeinden und auch die Zionisten. Der Präsident der status quo Gemeinde in Kabadka leitete eine Propaganda zur Abhaltung einer. Landeskonferenz ein, auf welcher der Friede zwischen .Orthodoxie und Neologie hergestellt werden sollte. An der Konferenz nahmen 600 Delegierte, darunter die prominentesten Persönlichkeiten der ungarischen Neologie und auch einige Vertreter orthodoxer Gemeinden teil. Hofrat Franz Szekely, wurde zum Konferenzpräsidenten erwählt, der Ziel und Zweck der Versammlung hervorhob und dann Dr. Adolf Klein das Wort zur Erstattung des Referats erteilte. ln längerer Rede setzte dieser die Mißstände auseinander und empfahl die Annahme folgender, Resolution: „Die Landeskonferenz hegt einstimmig die Überzeugung, daß die israelitischel Konfession trotz der bestehenden verschiedenen Parteien und Schattierungen, vermöge ihrer gemeinsamen Geschichte, ihres alten Glaubens und laut den vaterländischen Gesetzen und den aus dem konfessionellen Leben des gesamten Judentums geschöpften Beweisen eine einheitliche und unteilbare ist, die von niemandem und unter keinem1 Titel in zwei oder mehr Konfessionen geteilt werden kann. Infolgedessen beschließt die Konferenz, auf dieser Basis noch im Laufe dieses Griechen gäbe. Wir wollen die tiefen, traurigen Judenaugen niemals verlieren. Denn mit ihnen gingen andere Schönheiten aus dieser Welt heim: die wundersame Melancholie der jüdischen Dichtung, wie sie in Heinrich Heine uns offenbart worden ist; der jüdische Witz und vielerlei sonst, was uns wert ist, und was diese Welt reich macht. Aber was uns noch darin bestärken muß, auf Arterhaltung zu dringen, ist die Wahrnehmung ,daß die stärkere Betonung der Eigenheit die Art verbessern, veredeln hilft. Echte Art verkümmert, wo sie sich nicht rein entfalten kann. Das erleben wir heute so oft. Gerade auch dieses Gemisch zwischen jüdischem und deutschem oder andern Wesen, wie es der Tag bringt, hat weidlich dazu beigetragen, alle Arten zu verschlechtern. Ich wünschte vom Herzen, daß diese unnatürliche Vermengung einmal würde ein Ende nehmen, zum Heil jeder besonderen Art. Ich wünschte es im Interesse unserer deutschen Volksseele, daß sie von der Umklammerung durch den jüdischen Geist befreit würde, damit sie sich wieder in ihrer»Reine entfalten könnte. Ich wünschte, daß die „Verjudung“ so breiter Gebiete unseres öffentlichen und geistigen Lebens ein Ende nähme: zum Heile der deutschen Kultur, aber ebensosehr auch der jüdischen. Denn ganz gewiß leidet diese ebensosehr unter, der unnatürlichen Paarung. Ich habe die ganz deutliche Empfindung, als ob dieses emsige Bestreben der Juden, ihren. Jahres in Budapest unter Teilnahme der. Delegierten . der vaterländischen Kultusgemeinden einen Landeskongreß zu veranstalten, dessen Aufgabe es bilden soll, alles zu tun, um in unserer Konfession, die durch ungefähr vier Dezennien unter Zwietracht und Spaltung leidet, das Einvernehmen wieder herzustellen, damiS hierdurch die der rezipierten israelitischen Konfession im Sinne der Gesetze gebührende Autonomie auf einheitlicher Basis gesichert werden könne. Zur Durchführung dieser Beschlüsse entsendet die Landeskonferenz ein Landeskomitee, das die Aufgabe haben wird, den Kongreß vorzubereiten und einzuberufen, dessen Tagesordnung festzustellen und bei den Vorbereitungsarbeiten auf die inzwischen eingetretenen Verhältnisse zu achten, sowie auf die Erhaltung und Beschützung unserer Institutionen und auf die Zerstreuung der in dieser Hinsicht auftauchenden Bedenken hinzuwirken, so zwar, daß innerhalb des Rahmens der auszubauenden Autonomie rechtskräftige Verfügungen eine treue Erhaltung und Pflege der von welcher Konfession immer erhaltenen Institutionen und Traditionen sichern sollen. Das Komitee soll ferner dem Kongreß geeignete Vorschläge wegen Sicherung des Rechtszustandes der Rabbiner und Beamten der Kultusgemeinden, sowie im Interesse der Schaffung eines für sie bestimmten Pensionsinstituts unterbreiten. Die Konferenz erwartet, daß jeder wahre und unbefangene Jude, alle Gehässigkeit beiseite lassend, ' inach bester Einsicht, mit bestem Können im Interesse der Schaffung einer für die einheitliche ungarische Judenschaft zu erkämpfenden' einheitlichen Autonomie mitwirken wird.“ Die- Rede Dr. Kleins wurde stürmisch akklamiert und die Resolution nach langer Debatte einstimmig angenommen. Das Unterrichtsministerium war wohl nicht offiziell vertreten, doch wohnte Sektionsrat Dr. Balassa der Konferenz bei. Jüdifihe Sdiulen. .*__ JIJl v Von j. L. M. Einem dringenden Bedürfnis entsprechend, soll in Wien eine jüdische Mittelschule begründet werden. Eingekeilt zwischen oft judenfeindlichen Lehrern und judenfeindlichen Mitschülern, vielfach Objekt höhnischer Verspottung seitens ihrer Kameraden, trauen sich unsere Kleinen mit offener Klage nicht hervor. Gegen alles Gesetz wurden an einigen Wiener Schulen christliche und jüdische Schüler in eigenen Abteilungen separiert und in die zarten Gemüter statt des Geistes des „interkonfessionellen Humanitätsgedankens“, Einfluß überall zur Geltung zu bringen und zwar in einer möglichst farblosen, unnationalen Form im jüdischen Wesen selbst nicht die besten Seiten entwickelte. Ein großer Teil derjenigen jüdischen Eigenschaften, die wir Nichtjuden (und viele, ach! so viele Juden) besonders peinlich empfinden, verdankt ihre Entstehung und Entwicklung der Sucht nach Assimilation, nach Anpassung und Annäherung: der Mangel an Distanz Menschen und Dingen gegenüber; die zersetzende Geistesverfassung sind rechte „Golus“unarten des Assimilationsjuden, die ganz gewiß verschwinden, werden, wenn wieder der Wille zuni nationalen Judentum allgemein geworden ist. Allein dieser Wille, die jüdische Art zu erhalten und zu entwickeln, weckt den Sinn für die guten wie für die schlechten nationalen Eigenschaften und dringt auf die Pflege der als gut erkannten und die Ausmerzung der als schlecht erkannten hin: wirkt einen Erziehungsprozeß, der niemals sich vollziehen kann, solange man überhaupt keine besondere Eigenart, weder gute noch schlechte, zu erkennen für gut befindet. Gerade aber auch die Periode, in die das Judentum jetzt eintritt mit dem Beginne der jüdischen Renaissance, wird in. besonders reichem Maße wertvolle Eigenarten zur Entfaltung bringen wie alle Perioden nationaler Wiedergeburt. Es wird viel Selbstbewußtsein, viel Selbstvertrauen, viel Mut, viel Gesinnungstüch-* tigkeit dazu gehören, um sich gegen Juden und frühzeitig der Keim des Hasses gepflanzt. Man weiß ja, wie das kindliche Gemüt langsam aber sicher vergiftet und zerstört wurde, wie oft die Kleinen mit Tränen in den Blicken aus der Schule nach Hause kamen, mit dem ersten großen Kinderschmerz, dem Judenschmerz, den wir Großen in allen Formen durchzukosten haben. Nirgends Rat und nirgends Hilfe. Die Eltern wagen es nicht zu klagen, um das Schicksal ihres Kindes nicht zu gefährden, jüdische Lehrer, wagen es ebenfalls nicht, denn auch sie leben in ihrem Innern ein Leben unmännlicher Tragik. Und so heißt es auch hier, die ersten Tränen hinunterzuschlucken und weiter am Judenhasse zu tragen. Diejenigen Eltern, denen es ihre Mittel erlauben, führen ihre Kinder privaten Schulen zu, in denen zwar ein Vornehmerer Geist herrscht, der jedoch die Kinder ihrem Volke entfremdet, ihnen ein farbloses Gepräge aufdrückt, und sie einfach unjüdisch macht. Seit jeher waren die Juden auf eigene Kosten und zu ihrem eigenen Schaden Pionniere der Freiheit und Humanität für — andere und so darf es uns nicht wundern, daß fast alle privaten Schulen, seien es Volksschulen, Töchterschulen, Gymnasien oder Lyzeen, weit über die Hälfte von jüdischen Kindern besucht werden, denen gegenüber nicht immer jener Freisinn gewahrt wird, der ausschließlich als Vorrecht des Freisinns gilt. Denn, obwohl in den meisten Kuratorien dieser Schulen einflußreiche. Juden sitzen, obwohl Vielfach Juden Leiter und Inhaber solcher Anstalten sind, obwohl viele jüdische Eltern eben im Vertrauen auf die gleichsam „jüdischen“ Schulen ihre Kinder hinsenden, fehlt es nicht an Übergriffen mancher nichtjüdischer. Lehrer, wie der letzte in die Öffentlichkeit gelangte Fall an der Prager Handelsakademie zeigt, da ein Lehrer es wagte, die Juden zu beschimpfen, ein Lehrer, der trotzdem noch dem Verbände des Lehrkörpers angehört. Und damit komme ich zu einer anderen Frage, die auch das jüdische Gewissen aufrütteln soll: das jüdische Lehrerelend. Der Lehrerberuf muß uns im Blute liegen, denn die Juden streben ihm trotz der Aussichtslosigkeit, .irgendwo „unterzukommen“, trotz aller Hindernisse, trotz aller Schwierigkeiten immer wieder und wieder zu. Das jüdische Element wird systematisch aus dem Lehrberufe gedrängt. Ist es denn Zufall, daß seit zehn Jahren kein einziger Jude oder Jüdin die Wiener Lehrerbildungsanstalt mit einem Reifezeugnis verlassen hat? Ist es Zufall, daß schon in den Sudetenländern ein junger jüdischer Lehrer nicht mehr zu finden ist, daß sogar die Schulen jüdi- Christen als nationalgesinnte Juden durchzusetzen. Duckmäuserei, Leisetreterei, Kriecherei, Streberei, wie sie die Assimilationssucht notwendig erzeugen mußte, werden verschwinden; der aufrechte Jude: welch ein Gewinn für die Menschheit in einer Zeit, da alle jene mannhaften Tugenden so niedrig im Kurse stehen. Und mehr noch: Gläubigkeit, Hingabe, Begeisterung, Schwung der Seele und Wärme des Herzens werden in die junge Judenschaft einziehen, die den Kampf um ihr gefährdetes Volkstum aufzunehmen entschlossen ist. Gerötete Wangen und leuchtende Augen, die man jetzt schon oft unter der jüdisch-nationalen Jugend antrifft: welcher kostbare Schatz ist damit in unserer armen Zeit gewonnen, in der die Ideale als unnützer Ballast immer mehr über Bord geworfen werden, um eine volle Ladung praktischer Interessen einnehmen zu können! Wenn nichts für die jüdische Renaissance spräche als diese ihre idealbildende Kraft: sie müßte von jedem Menschenfreund gut und willkommen geheißen werden. Und die Kreise, in denen diese Feuer brennen, werden von Tag zu Tag größer. Zumal unter der jüdischen Jugend ist diese nationale Bewegung schon mächtig angeschwollen und verspricht, immer breiter und tiefer zu werden. V •K', rt':i : I

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