Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 12 Seite 2 denn sie ist in fast allen Fällen ein Auswandern auf Nimmerwiederkehr. Nichtsdestoweniger hat man, . wie in tausend anderen Fällen, an die Juden ganz vergessen. Vorerst hat man keinen einzigen Juden eingeladen. Dann ermannte sich dqr Minister für Galizien und lud den Sekretär der Krakauer Handelskammer, Dr. Benies, ein, weldier in -seinem Referate über alles Mögliche nur nicht über die Juden sprach. Der zweite galizisdi-jüdische Experte Dr. Kolischer, * der im letzten Augenblicke geladen wurde, maß der ganzen Sache eine solch geringe Bedeu-. tung bei, daß er sich überhaupt nicht ein- . fand. Bei diesem Stande der jüdischen Auswandererinteressen in der Enquete griff der galizische Abgeordnete Reizes, von einigen unserer Parteigenossen aufmerksam gemacht, ein und wandte sich an 'den Minister Dlugosz mit der Forderung, der Frage der jüdischen Auswanderung Aufmerksamkeit zu schenken und zu dem Behufe einige Experten, die von dieser Sache wirklich etwas verstehen, vorzuladen. \ Minister Dlugosz weigerte sich vorerst, dem Verlangen zu entsprechen, dann aber besann er sich doch eines Besseren und nahm eine Liste von vorgeschlagenen Experten entgegen. Hoffentlich werden einige v.on ihm geladen werden. In letzter Minute verlautet es, daß auch Dr. Straucher an der Enquete teilnehmen wird. Antisemitische Niedertracht Eingedenk des Satzes, daß man -sich nur mit den Mitteln vor dem Untergang retten kann, denen man den Aufschwung verdankt, greifen die 'Christlichsozialen zur bewährtesten Waffe ihres Rüstzeuges, zur niedrigsten antisemitischen Hetze. Allerdings stehen sie jetzt nicht allein in der Ausbeutung dieser Goldmine österreichischer Politiker auf dem Plan, denn die Deutschnationalen und zum Teile auch die Sozialdemokraten laufen ihnen den Rang ab. In der letzten Zeit operieren die Wiener .Christlichsozialen mit einer niederträchtigen Verleumdung. Sie brachten die Lüge auf, daß anläßlich der Versammlung im Beethovensaale Juden den Ruf „Nieder mit den Christen, ' wir; haben »das Geld!“ ausgestoßen hätten. Diese einmal 'gedruckte Lüge schroteten sie gründlich aus. Jeder Leitartikel der „Reichspost“ wiederholte diese infame Erfindung mehrere Male in gesperrtem Druck. Als der Ton dieser famosen Artikel und Aufrufe schon so -niederträchtig wurde, daß sich der antisemitischen Exzessen gegenüber .mehr als tolerante Staatsanwalt zur Konfiskation eines Aufrufes ent- schloß, da erhoben die Exzellenzherren der christlichsozialen Partei ein furchtbares Geheul. Der mehrfach durchgekrachte, mehr als übel Feuilleton. Die Zukunft der Juden.*) Es ist nachgerade gewagt über dieses Buch zü’ schreiben, denn von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt das Urteil über den Wert dieser Schrift Eines ist sicher: Sombart muß darin etwas Bedeutsames gesagt haben, denn sonst wäre e6 unerklärlidi, warum dieses sachliche leidenschaftslos geschriebene Buch so viel Staub aufgewirbelt hat. Das Buch, „Die Zukunft der Juden“, ist; die Niederschrift des gleichnamigen Vortrages. Was jedoch im Vortrage nur angedeutet . wurde, ist in der Niederschrift ausführlicher besprochen und durch statistische Angaben belegt Sympathisch berührt es, daß nirgends „Wenn“ und „Aber“ und „Hoffentlich“ Vorkommen. Sombart , der in diesem Buche ein Bekenntnis ablegt, drückt sich klar aus. , Ja“t und „Nein“ lauten seine Antworten auf verschiedene Fragen. Sind die Juden ein Volk mit . besonderer Eigenart? Sombart antwortet: „Ja!“ -Sollen und können sich die Juden assimilieren? Die Antwort ist ein unzweideutiges: „Nein!“ Wie können die Juden am besten ihre Eigenart bewahren? Durch Anschluß an die zionistische Renaissancebewegung. Ist der Zionismus, der *) „Die Zukunft der Juden“ von Werner Sombart Verlag Duncker & Humblot, Leipzig. Preis K 3.—; zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“. beleumundete Dr. Weiskirchner hielt eine mächtige Rede, in der es von Judenhaß troff. In mehr oder minder deutlicher Weise gab Weiskirchner zu verstehen, daß das gesamte christliche Volk Oesterreichs zum Kampfe gegen das Judentum rüstet und daß dieser Kampf ungeahnte und in Oesterreich noch nicht praktizierte Formen annehmen werde. Andere Redner sekundierten,, der antisemitischen Exzellenz und wenn nicht alle Zeichen trügen, wird die Judenhatz frisch-fröhlich losgehen. Ob diese Judenhetze gerade den Christlichsozialen nützen wird, ist fraglich. Doch ist »uns Juden leider einerlei, wer die Früchte dieser Antisemitensaat ennten. wird. Die Deutschnationalen sind für uns ebenso schlecht wie die Christlichsozialen, und es wäre Selbstbetrug, wollten" wir aus dem Bankerotte der Christlichsozialen auf einen Bankerott des Antisemitismus schließen. Was Mauscheltum nicht tut! Beim Vortrag Sombart in Czernowitz war' kein Universitätsprofessor zu sehen, was all> gemein auffiel. Professor Sombart erfuhr, davon erst, als er am folgenden Tage von ^mehreren Professoren Schreiben erhielt, in welchen sie sich entschuldigten, sie hätten nicht kommen können, weil der Senat beschlossen habe, die Veranstaltungen der widerspenstigen jüdischen Studenten nicht zu besuchen. Professor Sombart hielt diese Entschuldigungen für vollkommen unzutreffend. Als man ihm sagte, daß es sich wirklich so _ verhalte, daß die Universität wirklich 'zwei jüdische Verbindungen boykottiere, wollte Sombart das nicht glauben. Es sei wohl möglich, daß ein Veteranen verein in Krähwinkel solche Beschlüsse fassen könne, aber nicht ein akademischer Senat. Solchen Verordnungen ihrer Vorgesetzten würden sich nicht einmal Volksschullehrer fügen. Schließlich gelang es doch, den Berliner Professor von der wirklichen, Existenz solcher traurigen Tatsachen zu überzeugen. Professor Sombart lächelte ein wenig und lenkte das Gespräch rasch auf ein anderes Thema. Es ist zubemerken, daß diese lächerliche und feindselige Haltung; gegen die jüdischen^. Studenten auf das Konto des noch nicht getauften Prof. Petschek und des schon getauften Prof. Adler zu setzen ist. * Die Wiener Kultusgemeinde ins Stammbuch. Donnerstag, den 14. d. M., fand eine zahlreich besuchte Versammlung der Anhänger des Rabbiners Mayersohn statt, welche zu der vor zwei Wochen abgehaltenen Versammlung der Gegner des Rabbiners Mayersohn Stellung nahm'. Weiters wird gemeldet, daß in den nächsten Tagen eine neue Kontra-Mayersöhn-Versammlung für die Ostjuden auch Retter aus der materiellein Not ist, realisierbar? Sombart gibt die Möglichkeitzu. Das ist der wesentliche Inhalt der Sombartschen Schrift Fragestellung und Beantwortung sind treffend und zeugen von tiefer Erfassung des Judenproblwis. Das Gerede, ob Sombart Antisemit ist oder nicht, ist im Hinblick auf den Inhalt des Buches ganz müssig. Die im; Buche geäußerten. Ansichten sind richtig. Wenn sie Antisemitismus bekunden, dann sind Jehuda Halewy, Theodor Herzl und alle Zionisten antisemitisch. Und solche Antisemiten — meinte der Warschauer „Frajnd“ bei , Besprechung des Sombartschen Vortrages — kann das jüdische Volk nie genug haben. Sine ira et cum' studio, sei festgestellt, daß, Sombart ohne bombastische Phrasen ein ausgezeichnetes Buch geschrieben hat, dessen Lehren wir Juden beherzigen sollen. Nur kleinliche Nörgelei und aus anderen Motiven fließende Böswilligkeit kann wegen einiger Entgleisungen — der vielzitierte Passus, in welchem Sombart von den Juden Verzichtleistung auf Leutnantsportepees verlangt! — das Buch. ablehnen. Man lese das Buch und wird sich überzeugen, daß strenge Sachlichkeit, genaue Kenntnis und tiefes Interesse am' Judentum Sombärts Feder bei der Niederschrift geleitet haben. Die Lektüre des Buches kann nicht warm genug empfohlen werden. ' stattfinden .wird. Wenn man £ich -vor .Augen hält, daß es in allen diesen Versammlungen stürmisch zugeht, daß die Gemüter der Gemeindemitglieder dadurch in beständiger Erregung gehalten werden, so kann man der berufenen Vertretung der Wiener Judenschaft, dem . Kultusvorstande, nicht genug Vorwürfe machen. Es ist ja förmlich unerhört, wie die Israelitische Kultusgemeinde die ganze Angelegenheit behandelt. Entweder haben die Anhänger oder die Gegner ' Mayersohns recht. Durch Versammlungen und Resolutionen werden aber die Anklagen nicht widerlegt und nicht bewiesen. Wehn es den Tatsachen entspricht, daß eine Disziplinarkommission der Kultusgemeinde den Sachverhalt festgestelit und die Unschuld Mayersohns zutage gefördert hat, so ist das Verhalten der Kultusgemeinde geradezu schändlich. Denn mit verschränkten Armen zuschauen, wie zwei feindliche Lager über einander herfallen und sich zerfleischen, kann nur der, wer aus dem’ Streite der Parteien Nutzen ziehen will. Wir können nicht genug nachdrücklich auf dieses dem primitivsten Verantwortlichkeitsgefühl hohnsprechende Verhalten der Kultusgemeinde hinweisen. Wir erklären ausdrücklich, daß wir in dem Streite pro und kontra Mayersohn keine Partei ergreifen, denn wir wissen tvohl, daß der einzig Schuldige 6ie Wiener Israelitische Kultusgemeinde ist, welche sich in diesem Falle offenbar an den Satz „Divide et impera“ hält. Sonst wäre. es unbegreiflich, wie sie es zu dieser Spaltung und zum Skandale der Pro- und Kontra-Mayersohn-Versammlungen kommen lassen konnte. Zum ’ Ansehen des Wiener Rabbinates ■und,' der Wiener Judenschaft haben Versammlungen wie die beiden letzten gewiß nicht beigetragen und wenn jetzt leider keine Aussicht auf baldige Beilegung des Streites besteht, so ist das auf das Konto der schuldbeladenen Kultusgewaltigen zu setzen. Ergebnis der Landeskonferenz der unganlihen Juden. Die zionistische Bewegung hat' das jüdische Problem’ , jn den . Vordergrund der jüdischen öffentlichen Meinung gerückt. Überall läßt sich die Wirkung des Zionismus vvahrnehmen. In den meisten Ländern hat der Zionismus in Parteiverbänden Ausdruck gefunden, in anderen bewirkt er eine Umwertung der hergebrachten in jüdischen Kreisen herrschenden Anschauungen und schafft auf diese Weise die-Vorbedingungen für einheitliche Zusammenfassung und Naftionalisierung des jüdischen .Volkes. Auch die letzte in Budapest abgehaltene Nachstehend sei eine kleine Probe aus dem Werke gegeben: „Jede Art zu erhalten ist ein Gewinn! Aber natürlich ein um so größerer Gewinn ist die Erhaltung einer Art, je wertvoller diese ist. Brauche ich zu sagen, daß wir im Judenvolke, wenn wir es als Ganzes betrachten, eine der wertvollsten Arten vor uns sehen, die das Menschengeschlecht hervorgebracht hat? Welche gewaltige Lücke müßte in der Menschenwelt entstehen, wenn die jüdische Art verschwände! Von allen Einzelheiten abgesehen: Das Judenvolk ist es,' das seit den Propheten den großen ethischen Ton ln das Menschheitskonzert gebracht hat und durch seine besten Söhne auch heute immer wieder bringt. Das große tragische Pathos, das die natürliche Welt versittlichen will, stammt doch am Ende aus Juda und ist von dort her in das Christentum übergegangen. Dem Griechentum ein großes Gegenbild entgegenzustellen, war und ist die Aufgabe Israels bis heute geblieben. Und wer den Reichtum in der Welt und vorerst in der Menschenwelt über alles liebt, wer die. Türmung der Widersprüche im’ Menscheiigeiste als höchstes Ziel der Menschheit schaut, der mag das griechenfeindliche Judentum mit der Leidenschaft einer Nietzscheseele hassen: er wird nicht wünschen können, daß es aus dieser Welt verschwinde. Wie arm würde diese Welt werden ,wenn es in ihr nur noch grinsende Amerikaner oder selbst: wenn es in ihr nur lachende