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Jüdische Zeitung · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 11 der Christlichsozialen — ganz, aber schon ganz vermissen ließen. Ein solches Vorgehen mag dem „Israeliten“ schmeicheln, einen Juden kann und darf es nicht verblüffen oder gar zu falscher politischer Stellungnahme veranlassen. Wir Jüdischnationale sind sehr offenherzige Politiker. Diesmal müssen wir es um so mehr sein, da verschiedene Herren von „freiheitlicher“ Seite insgeheim auch bei uns angefragt haben, unter welchen Bedingungen wir für ihre Liste stimmen würden. Diese versteckten Fragen fordern eine deutliche Antwort. Und zu ehrlicher Erklärung und ruhiger Aussprache berufen wir diese Versammlung ein. Ehe noch andere Parteien mit der Versammlungstätigkeit beginnen, erscheinen wir auf dem Plan und sagen klipp und klar unsere Meinung, damit nicht hinterher jemand kommt und sagt: „Ja, Ihr habt uns Eure Wünsche nie mitgeteilt, ihr seid uns in den Rücken gefallen!“ Diese feige Ausrede ermöglichen wir den Herren nicht wieder; sie sollen nicht behaupten können, daß wir der Arbeit wirklicher Freiheitsmänner teilnahmslos oder gar feindlich gegenüberstehen, aber auch nicht, daß sie uns widerspruchslos Finsterlinge aufdrängen 'dürften. Die Verdoppelung der jüdischnationalen Stimmenzahl bei den Reichsratswahlen des Vorjahres, der Erwerb von mehr als 1000 Stimmen des V. Wahlkreises allein für unseren Kandidaten haben uns die Pflicht auferlegt, die jüdischnationalen Kräfte dieses Bezirkes zu sammeln und eine jüdisch-nationale, .wirtschaftlich-politische Organisation, den „Jüdischen Volksverein für die Leopoldstadt“ zu gründen. Wir haben ihm einen so bedeutenden Anhang verschafft, daß wir heute, wenn wir auch von der Aufstellung selbständiger Kandidaten einstweilen absehen, mit Fug und Recht verlangen dürfen, daß unsere Postulate im Bezirke gehört und erfüllt werden. Wir dürfen heute ohne jede Ueberhebung unseren politischen Einfluß, unsere Stimmenzahl in die Wagschale werfen. Und nun zum Gegenstand: unsere Stellung bei den kommenden Gemeinderatswahlen in Wien! Vom-unerschrockensten Revolutionär bis zum hirnlosesten politischen Greißler ist es jedem klar, vor allem aber den Juden, daß etwas geschehen muß, um das Christlich soziale Joch abzuschütteln, Es ist ein dringendes Gebot, daß alle wahrhaften Feinde der Christlichsozialen, idi unterstreiche das Wort wahrhaften Feinde der Chris11 ichsozia 1 en, sich vereinigen. Was wollen wir Juden jedodi an ihre Stelle setzen? ' Es gibt leider in Deutsdi-Oesterreich keine Partei, welche die Juden als völlig gleichbereditigte Nation anerkennt, und deshalb müssen wir uns, unbeschadet unserer eigenen Organisation damit befassen, die momentan gegebenen Verhältnisse zu prüfen und die Fragen anders stellen: Wie sollen wir stimmen, die unfehlbar sichere: Hier ist jungfräulicher Boden, sind Schaffensmöglichkeiten ins Unendliche und hier hört jede ungerechte Vergleichung auf, hier wird kdn Widerstand der Wirtsvölker gegen „Verjudung“ ihrer Nationalliteratur mehr geweckt, hier wird das Wort Jude von selbst zum Ehrennamen . . . .“ Die „h eu te Leben den“ aber, die „Ewig-Halben“, die „Ausgeschlossenen und Heimatlosen“, „können mit dieser neuen Möglichkeit nichts anfangen.“ Für sie heißt es: „sich abfinden!“ „Palliative“ kann ihnen Goldstein nur ver-‘ schreiben, „Linderungsmittel“, bis einmal das Kraut gewachsen ist, das uns heilt — bis es einmal wieder Menschen gibt, moderne, gebildete, „europäische“ Menschen, die auf jüdischer Erde, in einem jüdischen Volke jung gewesen sind, mit jüdischem Heimat- und Sprachgefühl, fern unseren Nöten, fern auch unserer Halbheit . . . Es fehlt uns noch das Organ, das alle schaffenden Juden, eben als Juden, vereinigt, ein Organ das nicht religiösen oder politischen Einzelzwecken dient,* sondern nichts ist als eine Sammelstätte des Besten, was Juden in Deutschland leisten. Hätten wir es, es würde mancher christlich-germanische Rufer im Streit still werden und mancher hocheuropäische Jude — sich zum Philosemiten bekehren.“ Wahrhaftig, Goldstein hat Recht Doch nicht auf bloße Abwehr sollten wir uns beschränken, zur mannhaften Tat, zum Angriff sollten wir auch" übergehen. Wir sollten jenen, die nicht müde werden von den schlechten Eigenschaften der Juden, von ihren Missetaten zu sprechen, doch einmal Vorhalten, wie groß die Mitschuld ihres eigenen Volkes an den Auswüchsen ist, die sich, wer wollte es leugnen — wenn auch bei weitem nicht so kraß als unsere wenn es uns mit der Ehre des jüdischen Volkes und dem Kampf gegen die Christlichsozialeh wirklich ernst ist? ln dieser Richtung besteht wohl für den Nationaljuden, der sich des rechten Weges bewußt ist, keine besondere Schwierigkeit, und ich glaube die Lösung, welche der Ausschuß des jüdischen Volksvereines gibt, muß allgemein befriedigen. Unsere Parole lautet: „W ir wählen keinen deutschnation a 1 e n Antisemiten, wir wählen keinen unfähigen Barrierestock, unsere Stimmen erhalten die fähigen freiheit/i chen Bürger, welche bereit sind und sich ausdrücklich bereit erklären, die Forderungen, die staatsgrundgesetzlich und durch das Wiener Gemeindestatut gewährleisteten Rechte der Juden in der Gemeindeenergie vollszu/vertreten!“ Was steht uns denn bevor? Es ist ein durch Zeitungsnachrichten bestätigtes Gerücht, daß sich die Herren vom „Donauklub“ und dem „Freiheitlich - sozialen Verein“ mit den W i r t s ch a f t s p o 1 i t i k e r n im II. Bezirke ein Wahlbündnis abgeschlossen haben. Wir halten diesen Paktfür höchst verderblich. Die Wirtschaftspolitiker, an deren Spitze Ganser und Denk, Friedmann und Zenker, Vergani, Waber und Pollauf, Wolkan, Rosanelli, Blasel und Engelhart marschieren, sind entweder verkrachte Christlichsoziale, oder kluge Spekulanten, welche die Konjunktur ausnützen wollen, oder sie sind Angehörige und Anhänger jenes Deutschen National verbandes,- der noch viel gemeiner ist als die christlichsoziale Vereinigung, jedenfalls viel hinterhältiger als diese. Was die einen betrifft, . die Hinausgeworfenen, sehe ich wirklich nicht ein, warum gerade die Juden mitwirken sollen, einem Silberer, Hraba, Stahltch und anderen politisch Toten neues Leben einzuhauchen, Leuten ä la Heilinger und Vergani Pagendienste zu leisten. Bezüglich der Herren .deutschnationalen Antisemiten braucht man lediglich auf die Tätigkeit des. berüchtigten Deutschen Nationalverbandes im Parlamente zu verweisen. Auf jenen Deutschen Nationalverband, dessen Ziel nicht der nationale Friede in diesem vielsprachigen Reiche, sondern die Verhetzung der österreichischen Nationalitäten und sohin das Unglück Oesterreichs bedeutet, auf jenen impertinenten * Doppelgänger der Christlichsozialen, der zahlreiche Mitglieder mit jüdischen Stimmen umfaßt, und dennoch für den Schmidtschen Schulantrag, für das Hausierverbot, für jede Bedrückung der Juden, aber gegen strenge Maßregeln wider die Drohobyczer Meuchelmörder, gegen die galizisclien Schenker, und sogar gegen die Teuerungsmaßregeln auftrat. Die Anhängersolcher Prinzipien sollten bei den Gemeinderatswahlen die Stimme nicht haßerfüllten Gegner sie schildern — im Judentum bemerkbar machten. Man sperre einmal die Deutschen jahrhundertelang in mittelalterliche Ghettis, schließe sie von jeder Bildung und Gesittung ab, raube ihnen die Möglichkeit jeder ehrlichen Existenz, lasse sie die lange ununterbrochene Kette maßloser Leiden, Demütigungen, Entwürdigungen durchmachen, man trete "ihre Menschenrechte mit solch brutaler Gewalt mit Füßen und wir wollten dann sehen, wie viel von den guten Eigenschaften der Deutschen bliebe und wie viele neue, nichts weniger als gute, sie sich aneigneten. Im Ernst: Wer fördert Würdelosigkeit und Verrat, eitel Strebertum und Charakterlosigkeit in unserer Mitte? Deutsches Edelvolk, das bist du! Du zeichnest unsere Abtrünnigen aus, du lohnst ihren Verrat, du lockst unsere Söhne zur Taufe indem du ihnen Aemter und Würden bietest. Unseren Aufrechten und Nackensteifen aber, unseren Edlen und Charakterfesten wehrst du mit aller Gewalt und ziehst ihnen die Würdelosen vor. Deine akademische Jugend (in Oesterreich) schalt uns einst Memmen. Und als wir zur Klinge griffen für die Ehre unseres Volkes, als unserer immer, mehrere wurden, da weigerte sie uns die Genugtuung und sprach uns die Ehre ab. Diese Tat wird ewig gebrandmarkt bleiben in der Geschichte. Denn kein zweites Kulturvolk hat ähnliches je getan. Deine Schulvereine betteln um jüdisches Geld, das ihnen denn auch reichlich zufließt. Und ihre Ehrenmitglieder und Mitglieder ihres Ausschusses stimmen im Reichsrare für die perzentuelle Beschränkung der Juden in den- Schulen. Deutsches Edelvolk, wo blieb da deine Würde?! „Wir führen“ — schließt Goldstein — „einen Kampf mit zwei Fronten. Unsere Feinde auf der einen Seite sind die dcutsch-christlich-germanieines einzigen Juden erlangen! Wenn sie uns Berge Goldes versprechen, dürfen wir so hinterhältigen Gesellen nicht vertrauen. Solche Leute statt der Christlichsozialen wählen, hieße in Wahrheit den Teu/e! mit Beizebub austreiben. Was beabsichtigen nun die „freiheitlichen“ Bürger im II. Bezirk? Mir wurde von wohlinformierter Seite aut das bestimmteste versichert, dab .von den zu vergebenden 5 Mandaten 4, sage und schreibe vier, den deutschnationalen Antisemiten zufallen werden, ein Mandat erhält ein sogenannter „israelitischer Freiheitlicher“,- dem wahrscheinlich — in Kreisen des „Donauklubs“ und des „freiheitlichsozialen Vereines“ hegt man sehr die Befürchtung — die Herren Deutschwirtschaftler ihre Stimmen versagen werden. Dies geschieht, obwohl mindestens 35"/« der Wähler Juden sind, in einem Wählkörper, welcher den gewerblichen Mittelstand und die Intelligenz enthält. Außer den gefährlichen IDeutschnationalen müssen wir auch Personen abiehnen, welche nicht genügende Fähigkeiten zur1 Ausübung des Mandates besitzen. Dies gilt für alle Parteien! Es ist geradezu Schande und Spott, was uns in den letzten Jahren von freiheitlicher Seite präsentiert wurde und man hört, auch diesmal Namen von Männern nennen, welche nicht einen' einfachen Satz zusammenhängend Vorbringen, geschweige denn eine Debatte mit Gegnern ehrenvoll bestehen können. Wir haben es ja erlebt, wie ein Gewerbetreibender anläßlich seiner Bezirksratskandidatur eine Rede in einem Satz hielt, der ihm ' noch eingesagt werden mußte, oder wie ein anderer seine politische Befähigung daher ableitete, daß er es auf der militärischen Stufenleiter zum Feldwebel gebracht habe; ,andrerseits /erhob sich ein Beamter, der offen bekannte, er sei eine politische Jungfrau und vermöge nur auf. der Bierbank zu sprechen, in einer Versammlung aber nicht etc. etc. Auch solche Kandidaten können wir nicht wählen, wir liefern dem Gemeinderat keine Barrierestöcke, das (hieße der Luegerei wiederum die Wege ebnen! Wir werden uns die Kandidaten genau ansehen. Es gibt genug befähigte Männer, man braucht sich nicht gerade an die dümmsten und judenfeindlichsten zu wenden. 'Lieber einige Cliquen verletzen, als tausende Wähler verhöhnen. Das sei die Devise! Wir haben bisher gesagt, was wir nicht wollen. Jetzt komme ich dazu, auszuführen, was wir wollen. Die Herren Gegner sollen uns nicht vorwerfen, daß wir nur negative . Kritik üben. Selbstverständlich wünschen wir Ordnung im Gemeinde haus halt und Verfresserung der finanziellen Gebalir u n g. Als wichtigstes Mittel hiezu betrachten wir die Reichsunmittelbarkeit Wiens. Jeder» Kandidat, der unsere Stimmen will, muß für die vollständige Separation zwischen Wien und dem Lande Niederösterreich eintreten, damit sehen Dummköpfe und Neidholde, die das Wort Jude zum Schimpfwort gemacht haben und alles was von Juden kommt, „jüdisch“ nennen, iim es dadurch zu besudeln, zu verkleinern, zu verdächtigen. Wir unterschätzen diese Führer und ihren Anhang nicht; es sind ihrer mehr, als sie selbst wissen, und welcher Nichtjude nichts mit ihnen gemein haben will, prüfe sich sorgfältig, ob er nicht gegen seinen .Willen, sehr viel mit ihnen gemein hat“. „Auf der anderen Seite stehen unsere schlimmeren Feinde, die Juden, die nichts merken, die unentwegt deutsche Kultur machen, die so tun, als ob, und sich einreden, man erkenne sic nicht. Das sind unsere wahren Feinde; sie gilt es, von den allzu sichtbaren Posten zu verdrängen, wo sie die Judenschaft repräsentieren als ein falscher Typus Jude, sie gilt es, mundtot zu machen und allmählich auszurotten, damit wir anderen Juden wieder unseres Lebens froh werden können j,.in dem einzigen, worin ein Atann sich /stolz und frei fühlen kann: lm offenen Kampfe gegen einen ebenbürtigen Gegner.“ „Wohlan reinliche Scheidung! Wir wollen endlich wissen, wer zu uns gehört, wer Freund und wer Feind ist. Ihr Deutschen mosaischer Konfession und ihr, ihr Ewig-Halben und Schwankenden: Farbe bekennen! Entscheidet euch! Bekennet euch als Juden, oder zieht die letzten Folgerungen aus eurer Würdelosigkeit und lasset euch taufen. Wir wollen euch keine Träne nachweinen. Wir wollen unsere Scharen sammeln und rein halten. Dann erst wird sich die Regeneration des Judentums ohne Hemmnisse vollziehen können.“ M. Fr.

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