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Jüdische Zeitung · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 uns endlich der ewige Schmarotzer, de/ unsere Steuern und sonstige Abgaben aufzehrt, vom Halse geschafft wird. Auch wir treten ein für die klaglose Fleisch Versorgung und die zweckentsprechende A p p r o v i s i o n i e r u n g Wiens. Natürlich liegt auch uns eine durchgreifende Verbesserung der kommunalen Boden- und Wohnungspolitik sehr am Herzen. Dies alles sind aber Fragen, für welche vielleicht auch andere kämpfen und so begründe ich sie heute nicht näher. Was uns von den anderen trennt, worin wir dem Professor Wolkan und seinem Klüngel niemals Recht geben werden, das ist die Auffassung der nationalen Frage im allgemeinen, der Judenfrage im besonderen. — Wien als die Metropole eines nationalitätenreichen Staates, als Mittelpunkt eines vielsprachigen Reiches muß sich seiner hohen Plichten bewußt sein. Es darf sich niemals durch eine lex Kolis ko -Hofbauer schänden, es darf nie so tief sinken, wie Professor Wolkan wünscht,, dessen gestrige Rede In iden Gartenbausälen neuerdings ein klares Bild von dem verhetzenden Treiben der deutschnationalen Antisemiten der Triedmannclique entrollt. Die Reichshaupt- und Residenzstadt miiß in nationalen Dingen die möglichste Neutralität bewahren. Ein gesetzlich festgelegter Vorrang der Deutschen wäre übel angebracht. Wien darf weder die 300.000 Tschechen, noch die 200.000 Juden, noch die anderen Nationalitätensplitter entrechten oder vergewaltigen. Als jüdische Wähler verlangen wir: 1. Eine gerechte amtliche Behandlung der jüdischen Parteien ohne jede Schikane, wie sie häufig geübt wird, wenn Juden vor den Gemeindebehörden erscheinen. Vor allem dürfen die Vorschriften der Gewerbeordnung, insbesondere die über den Befähigungsnachw e i s, ferner das Heimatsrecht und das Hausierpatent gegen Juden nicht strenger gehandhabt werden, als gegen andere; 2. Juden müssen als Beamte und Diener der Stadt Wien in entsprechender Zahl ange- . stellt und turnusmäßig befördert werden; 3. das Schulwesen und die Erziehung soll in einwandfreier Weise ohne Zurücksetzung jüdischer Lehrer und Schüler geleitet werden. Damit habe ich, wie ich glaube, die Stellung der Jüdischnationalen, des „Jüdischen Volksvereines“ zu den kommenden Gemeinderatswahlen in den wichtigsten Fragen genügend erläutert und wiederhole: Wir wählen absolut keine deutschnationaien Antisemiten, wir wählen keine unfähigen Kandidaten, unsere Stimmen erhalten die befähigten, wahrhaft freiheitlichen Bürger, welche ausdrücklich versprechen, die staaatsgrundgesetzlich und durch das Wiener Gemeindestatut gewährleisteten Rechte der Juden im Gemeinderate und vor den Gemeindebehörden rückhaltlos wahrzunehmen. Wir haben ehrlich unsere Wünsche und Beschwerden vorgebracht. Sache der Interessenten in den Kreisen des freiheitlichen Bürgertums ist es, unsere Worte zu hören. Wir sind nicht mehr die selbstverständlichen Heloten des sogenannten Wiener, freiheitlichen Bürgertums. Die Tragödie ist -glücklich zu Ende und aus der Nichtbeachtung unserer Wünsche folgt mit Notwendigkeit der Kampf. Ob wir im Falle des Kampfes eigene Kandidaten aufstellen oder geeignete Wahlwerber anderer Fraktionen gegen die Kompromißcliquc unterstützen werden, auch das wissen wir heute noch nicht. Jedenfalls werden wir uns bemühen, die Juden vor politischer Hinterlist zu sicher n. Rus der Leopolöltaöt. Der Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt berief für Mittwoch, den 6. d. M., eine öffentliche Vereinsversammlung ins „Hotel Central“, um der jüdischen Wählerschaft Gelegenheit zu einer Aussprache über die kommenden Gemeinderatswahlen zu geben. Seit einigen Tagen wird die jüdische Wählerschaft dujch — von zuverlässigen Gewährsmännern bestätigte — Gerüchte beunruhigt, welche besagen, daß in allen Wahlkörpern seitens der „vereinigten Freiheitlichen“ Kandidaten präsentiert werden sollen, deren Berechtigung zur Vertretung des Judenbezirkes ausschließlich darin besteht, daß ihre stramm antisemitische Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist. Das Kompromiß zwischen den liberalen Juden und der sogenannten deutschen Wirtschaftspartei scheint darin ausarten zu wollen, daß einige Christlichsoziale, die es in ihrer Partei nicht zu Amt und Würden gebracht haben, mit Hilfe jüdischer Stimmen ihren politischen Ehrgeiz stillen sollen. Gegen diese beschämende und unwürdige Politik wurde lauter Protest erhoben. Der Verlauf unserer Versammlung hat gelehrt, daß die Juden unter der Leitung ihrer politischen Organisation, des jüdischen Volksvereines für die Leopoldstadt hinreichend aufgeklärt sind, als daß man sich mit ihnen jenes frevle Spiel erlauben dürfte. Gg. Ob.-Ing. Stricker eröffnete die Versammlung und führte aus, daß dieselbe den Zweck habe, die Stellung der Jüdischnationalen zu dem freiheitlichen Kompromiß für die Gemeideratswahlen zu präzisieren. Die Parole „gegen die Christlichsozialen“ finde naturgemäß unsere volle Zustimmung, man müsse sich aber genau die Gesellschaft ansehen, die mit diesem Schlachtrufe um jüdische Stimmen werbe. Wir werden nur solche Kandidaten unterstützen, deren freiheitliche Gesinnung bewährt und deren objektive Stellung in der Judenfrage erprobt ist. Wenn man gegen die Korruption der Christlichsozialen ins Feld ziehe, müsse man vor allem selbst von jeder Korruption frei sein. Was man jedoch von einzelnen Herren dieser Opposition zu hören bekomme, sei geeignet, ein gewisses Mißtrauen gegen deren persönliche Intaktheit wachzurufen. Hierauf hielt Gg. Dr. Plaschkes, das an anderer Stelle dieser Nummer veröffentlichte Referat. Nachdem noch Gg. W a 1 d m a n n unsere Auffassung <der nationalen Frage fand unsere Stellung zur österreichischen Frage präzisiert hatte, wurde von der Versammlung einstimmig nachstehende Resolution angenommen: Die am 6. März 1912 im „Hotel Central“ tagende jüdische Wählerversammlung protestiert mit aller Entschiedenheit dagegen, daß durch das sogenannte freiheitliche Kompromiß der jüdischen Wählerschaft Kandidaten aufgedrängt werden sollen, die nach ihrer christlichsozialen oder deutschnational-antisemitischen Vergangenheit durchaus nicht geeignet sind, als wahrhaft freiheitliche, demokratische Mandatare in den Wiener Gemeinderat einzuziehen. Die Versammlung; e-r'klärt, daß die jüdische Wählerschaft der Leopoldstadt nur solche Kandidaten unterstützen kann, deren freiheitliche Gesinnung und Objektivität in der Judenfrage (außer Frage steht. Die jüdische Wählerschaft fordert daher den Jüdischen Volksverein für die Leopoldstadt als ihre politische Organisation auf, mit allen Mitteln gegen die Aufstellung solcher Kandidaten Stellung zu nehmen, die nicht gewillt sind, unsere Forderung nach vollkommener Gleichstellung der Juden auch in der Gemeinde tatkräftigst zu unterstützen. Ein Unfug. (Dem Wiener Kultusvorstand zur gefälligen Beachtung.) Die Redaktion erhielt seitens eines Kultuswählers folgende Zuschrift: „Am 7. d. M. besuchte ich den von der Wiener Kultusgemeinde veranstalteten, frei zugänglichen Oppenheimer- Vortrag. Zufolge des großen Interesses war der Saal bald überfüllt und obzwar ich mich eine halbe Stunde vor Beginn eingefunden hatte, mußte ich mich mit einem Stehplatz begnügen. Die Genugtuung über die rege Teilnahme seitens der jüdischen Bevölkerung ließ mich diese Unannehmlichkeit gern verschmerzen, doch fiel mir und vielen anderen Anwesenden ein Umstand sehr unangenehm auf. Die vorderen Sitzreihen, zirka 80 Plätze, blieben leer. Gemeindebedienstete wiesen jeden, der sich diesen Plätzen näherte, mit dem Bedeuten ab, daß diese Sitzgelegenheiten „reserviert“ seien. Knapp vor Beginn des Vortrages begann dann der Einmarsch der Privilegierten. Reich gekleidete Damen, eine Schar von sehr jugendlichen Herren, darunter Einjährig-Freiwillige in Uniform, wurden ehrfurchtsvoll von den Aufsichtsorganen zu den leeren Plätzen geleitet. Daneben mußten alte Männer und Frauen, die sich früher e i n g e f u n d e n hatten, stundenlang stehen. Dieser Anblick war einfach empörend .und rief die entsprechende Kritik hervor, die sich im Wiederholungsfälle ganz gewiß sehr laut Luft machen wird. Die Kosten dieser Vorträge werden aus G e m e indem i 11 e 1 n bestritten. Wie kommen denn diese Herrchen und Dämchen dazu, auf Kosten der Gemeinde und mit Hintansetzung der primitivsten Anstandsregeln gegenüber alten jüdischen Männern und Frauen bevorzugt zu werden? Wennsich die Mitglieder des Vorstandes, als Veranstalter, einige Sitze Vorbehalten, ist das begreiflich, aber die Vettern- und Basen Wirtschaft ist unerlaubt. Ich kann dem Wiener Kultusvorstand nur den Rat geben, in Hinkunft anders vorzugehen. Es mag wohl kleine Gemeinden geben, in welchen die geduldige Bevölkerung derartige Taktlosigkeiten über sich ergehen läßt. Beim Temperament des Wiener jüdischen Publikums wird es im Wiederholungsfälle unfehlbar zu Exzessen kommen.“ — Wir haben diesen Ausführungen nichts beizufügen. PapteisNachrichten. Eingänge vom 7. bis 14. März 1912. Zentralfond. Innerösterreich: Dr. Jakob Ehrlich 30.—; Dr. Georg Weiner 30.—; W. Teitelbaum 5.—; „Kadimah“ 41.—. M ä h r e n-Sch I es i e n: Zion. Mittelschüler durch Leo Krieger (M.-Ostrau) 25.—. Zusammen K 131.— Gesamteingang aus Westösterreich (1912) K 2333.10 Aufzubringender Betrag i. J. 1912 (Briinner Parteitagsresolution) K 18.000. Schekel. Innerösterreich: „Ivria“ 44.10; „Kadima“ ()(>.—; „Neure Jehuda“ 25.20 Zusammen K 135.60 Gesamteingang aus Westösterreich (5072) K 761.40 Distriktsseminar. Mit Rücksicht auf die Semesterferien findet der nächste Seminarabend erst im Monat April statt. Zeit und Referat werden rechtzeitig bekanntgegeben. Schekelagitation 5672. Die Schekelquittungen für die von den Distriktsvereinen bereits entrichtete Schekelsteuer können im Büro des DK. täglich in der Zeit von 9—12 Uhr vorm, und 2—0 Uhr nachm, behoben werden. Schekelblocks gegen Empfangsbestätigung . sind erhältlich in Wien: IX., Türkenstraße 9 und II., Stefaniestraße 12 („Jüd. Volksheim“); in Grazbei H. Karl Schwarz, Brückenkopfgasse Nr. 7. ‘ . Prof. Dr. Cb. Weizmann in Wien. Nächste Woche trifft das AK.-Mitglied, Prof. Dr. Ch. Weizmann aus Manchester in Wien ein. Er wird zunächst in einer großen öffentlichen Versammlung, die der Zion. Zentralverein im II. Bezirk veranstaltet, sprechen. Ort und Zeit werden durch Straßenplakate und in der nächsten Nummer dieses Blattes bekanntgegeben. Bus dem Jüdischen Reben. Die englischen Juden und die russische Paßfrage. London: In einer der letzten Nummern der „Times“ ist eine von Mr. L. Alexander, Präsident des Jewish Board of Deputies, und Mr. Claude G. Montefiore, Präsident der Anglo-Jewish-Association, Unterzeichnete Erklärung abgedruckt, in der gegen das Vorgehen der russischen Behörden gegen jüdische Reisende aus England Protest erhoben wird. U. a. heißt es in dieser Zuschrift: In der Regel werden die Pässe englischer Juden, die nach Rußland reisen wollen, überhaupt nicht vidiert, geschieht dies aber dennoch, so werden die Inhaber solcher Pässe in Rußland verschiedenen unerträglichen Beschränkungen unterworfen. Dies alles widerspricht offenkundig den Bestimmungen des englisch-russischen Handelsvertrages vom 12. Jänner 1859. Die Unterzeichner der Erklärung beziehen sich aut einen Artikel der „Times“ zum amerikanisch-englischen Paßkonflikt, in dem gesagt wurde, diese Streitfrage „berühre glücklicherweise England nicht“. Demgegenüber wird in der Protesterklärung nachdrücklich hervorgehoben, daß die Angelegenheit allerdings unglücklicherweise auch. England berühre. Die Art, wie die russische Regierung mit englischen Staatsbürgern jüdischen Bekenntnisses umzuspringen wage, sei eine Herausforderung Englands. „Darum sind wir der Meinung, daß die Regierung Sr. Majestät verpflichtet ist, uns aus diesem Zustand der Rechtlosigkeit zu befreien.“ — Die Erklärung wird in politischen Kreisen lebhaft besprochen und hat auch in Rußland Eindruck gemacht. Dies kann man am besten aus einem Hetzartikel der „N'owoje Wremja“ ersehen, der sich mit Bezugnahme auf diese Kundgebung der englischen Juden in wüsten Schimpfereien gegen das „internationale Judentum“ ergeht, welches in die souveränen Rechte des russischen Staates eingreife. Die einzige Antwort, die Rußland darauf geben könne, führt das vornehme Patriotenblatt aus, sei eine allgemeine ausnahmslose Grenzsperre gegen alle Juden .... Der Prozeß gegen den Uralsker Polizeimeister. Petersburg: Dieser Tage begann vor dem Militärgericht in Saratow die Verhandlung gegen den gewesenen Polizeichef von Uralsk, Ltwkin, der die beiden Juden Benjaminowitz und Bielosfotzki, welche ihn bei seiner Vorgesetzten Behörde wegen seiner fortgesetzten Erpressungen angezeigt hatten, kurzerhand nieder-

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