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Jüdische Zeitung · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 ...JÜDISCHE ZEITUNG keit entrückt, Objekte des nationalen Kampfes zu sein.“ Das bedeutet: Die Deutschen erkennen bereits, daß sie auf die Dauer die Herrschaft in den Handelskammern nicht werden behaupten können und daß sie deshalb das Prinzip der national-getrennten Wahlkataster auch hier einführen wollen, um den Einfluß auf die Kammern, welche auch Abgeordnete in den Landtag entsenden, nicht ganz an die Tschechen zu verlieren. Selbstredend wären nach der Einführung eines deutschen und eines tschechischen Katasters die Juden auch hier ihrer Stellung als Zünglein an der Wage beraubt und durch die willkürliche Zuweisung seitens der Ortsgewa!- tigen in den einen oder anderen Kataster politisch ausgeschaltet. Es ist darum die höchste Zeit, daß die Jüdische Nationalpartei ernstlich zur Frage der Handelskammerwahlreforrn Stellung nimmt und durch Schaffung eines jüdischen Katasters oder sonst geeignete Maßnahmen die Juden aus ihrer Helotenstellung gegenüber den Deutschen und Tschechen befreit und ihnen so die wahrhaft sachliche Mitarbeit in der Kammer, losgelöst .von dem Odium nationaler Parteinahme, ermöglicht. Die von den Jüdischnationalenschon seit länger als einem Jahrzehnt gepredigte Parole von der Neutralität im Kampfe zwischen Deutschen und Tschechen muß endlich durch Formulierung und Verfechtung detaillierter Wahlreformvorschläge mit einem Inhalt erfüllt werden , sonst wird uns Juden ein künftiger deutschtschechischer Ausgleich geradeso überrumpeln und entrechten wie jener vom Jahre 1005. Der zioniltildie Protelt gegen die SonMhetze. In einer großen, frei zugänglichen Versammlung erteilte die jüdische Oeffentlichkeit am Montag, den 11. d. der Wiener Kultusgemeinde Antwort auf die von ihr inszenierte SömBartlietze. Der Saal des Hotel Post war zum Erdrücken voll. Unter den Anwesenden bemerkte man viele, die sich sonst nicht um jüdische Angelegenheiten kümmern. Alle Versammelten harrten bis zum Schlüsse aus und folgten den ihren guten Willen pochend — nichts als Gerechtigkeit verlangen. Denn jetzt sollen sie Rede stehen und auf diese Fragen antworten: Da dir so von deinen Mitmenschen begegnet wird, wie begegnest du ihnen? Merkst du nichts von diesem Haß, von dieser unüberwindlichen Abneigung um dich her, fco bist du danach. Merkst du (es und machst du dich nur nichts wissen, so bist du noch schlimmer. Am schlimmsten aber, wenn du dich damit tröstest, daß die Abneigung jenen anderen gelte, die da mauscheln, mit ihren 'Pretiosen protzen, sich breit und laut machen und, kurzdas Oestlich-Allzuöstliche nicht ablegen können. Du irrst mein Freund, du selber bist gemeint. Machen wir uns doch nichts vor: Wir Juden, unter uns, mögen den Eindruck haben, als sprächen wir als Deutsche zu Deutschen — wir haben den Eindruck. Aber mögen wir uns immerhin ganz deutsch fühlen, die anderen fühlen uns ganz undeutsch. Wir mögen nun Max Reinhardt heißen und die Bühne zu ungeahntem Aufschwung Jjeflügeln oder als Hugo von Hoffmannsthal einen neuen poetischen Stil an Stelle der verbrauchten Schillerschen Bildersprache setzen oder als Max Liebermann die moderne Malerei führen: Wir mögen das deutsch nennen, die anderen nennen es jüdisch, sie hören das „Asiatische“ heraus, sie vermissen das „germanische Gemüt“ und wenn sie schon die Leistung — mit Vorbehalten — anerkennen müssen, sie wünschen wir leisteten weniger. Der Jubel mit dem ein Schmidtborn, Eulenberg, Schönherr“" und andere Unverdächtige begrüßt werden, ist nun einmal anders als der, den die unseren zu hören bekommen, es klingt darin ein Ton, der den Juden demütigt, wenn seine Ohren nur fein genug sind, ihn herauszuhören.“ Goldstein meint sodann, wir könnten zwei Ausführungen der Referenten mit großer Aufmerksamkeit. Ueber die Sombart-Hetze sprach Gg. Dr. Egon Zweig, welcher vorerst den Tatbestand feststellte und dann zu einer Kritik der Wiener Kultusgemeinde überging. Mit Recht erblickte der Referent in der Sombart-Hetze eine Fortsetzung der seit jeher von der Kultusgemeinde betriebenen Zionistenverdächtigung und -Verleumdung. In chronologischer Reihenfolge entrollte er das Bild des von der offiziellen Judenschaft mit den gemeinsten Mitteln gegen den Zionismus geführten Kampfes. Dann wandte er sich den „Gottesmännern“ Feuchtwang und Grunwald zu, welche von der Kultusgemeinde zur Bekämpfung Sombarts — eigentlich der Zionisten, denn Sombart war für Dr. Stern und seine Getreuen nur die willkommene Ausrede — abkommandiert wurden. Am Schlüsse seiner Ausführungen befaßte sich Dr. Zweig mit dem derzeitigen Systeme in der Wiener Kultusgemeinde und forderte die Anwesenden auf, unermüdlich im Kampfe gegen den volksfremden Geist der derzeitigen Machthaber zu verharren. Der Hauptredner des Abends, Gg. Kurt Blumenfeld aus Berlin, Generalsekretär der Zionistischen Organisation, sprach, von Sombart ausgehend, über die Zukunft der Juden. Er knüpfte seine Ausführungen an die am selben Tage mit großem Pomp begangene Säkularfeier der preußischen Judenemanzipation und schilderte die Entwicklung des jüdischen Volkes seit der Emanzipation. Anstatt eines Judentums gibt es heute viele Judentümer, deren Zusammenhang gelockert ist. Die politischen Grenzen der verschiedenen Staaten haben das jüdische Volk atomisiert. Der Begriff der jüdischen Nation wurde aufgegeben. Daraus folgte eine Schwächung des Judentums und eine Bedrohung seiner Zukunft. Die erste Generation verblieb aus Pietät vor den Kindheitserinnerungen im Judentume. Die nächsten Generationen hatten schon nur Pietät vor der' Pietät. Die Protestrabbinen täten das iHrlge und ein großer Teif des jüdischen Volkes ist heute dem jüdischen Volkstum entfremdet. Das einzige Mittel, eine Remedur der düsteren Verhältnisse herbeizuführen, ist die Rückkehr zum Judentum und der Anschluß an die zionistische Bewegung. Mittel versuchen: Wir könnten durch Aufklärungen, durch Abwehr der Verdächtigungen und Verleumdungen unser Recht auf deutschem Boden und deutsche Kultur geltend machen. Aber dieses Mittel hat sich als ganz verfehlt erwiesen. „Wir könnten unsere Gegner leicht ad absurdum führen und ihnen zeigen, daß ihre Feindschaft unbegründet ist. Was ist damit bewiesen? Daß ihr Haß echt ist.“ Wir könnten ferner versuchen uns über dfe traurige Tatsache hinwegzusetzen und sich mit ihr abzufinden. „Das tut denn auch die Mehrzahl der produktiven oder sonstwie öftentlich tätigen Judenheit. Aber darin werden wir anderen Juden anfangen, sie zu stören . . . Die Herren Kritiker aus jüdischem Hause, die Hauptmanns Christusroman rezensieren, die Herren Literarhistoriker, die, ohne sich jemals etwas dabei zu denken über Luther und die Reformation arbeiten, die Herren Poeten, die sich als „deutsche Dichter“ unter dem Weihnachtsbaum photographieren und Veröffentlichen lassen, wir werden ihnen die Frage, um die sie sich herumdrücken, vor aller Welt in die Ohren schreien, wir werden sie zwingen, sich als Juden zii bekennen oder sich tailfen zu lassen .... Endlich einmal werden wir es satt bekommen, uns „Mangel an Schöpferkraft“, „kühle Verstandesdichtung“, „Frivolität“, „Witzelei“ vorwerfen zu lassen. Wenn wir denn durchaus das „deutsche Gemüt“ nicht verstehen sollen, endlich einmal werden wir einsehen, daß unser jüdisches Gemüt noch viel weniger verstanden wird. Und endlich einmal werden wir auf die Ehre, ein deutscher Dichter zu heißen und deutsche Kultur zu machen, verzichten. Denn, weiß Gott! der' deutsche Parnaß sollte einen Juden nicht locken! Wessen er sich dort oben zu versehen hat, lehrt das Beispiel Heinrich Heines.Heinrich Heine, bisher noch immer der einzige jüdische Dichter von Seite 3 Gg. Adolf Böhm beantragte hierauf folgende Resolution, welche einstimmige Annahme fand: „Die am 11. März im Hotel Post tagende jüdische Massenversammlung spricht aus, daß die >fon der israelitischen Kultusgemeinde gegen Sombart inszenierte Hetze lediglich dem Hasse gegen das nationale Judentum entsprungen ist, erklärt, unerschütterlich an dem zionistischen Ideale festzuhalten und die Beseitigung der reaktionären Herrschaft in der Wiener Kultusstube als eine wichtige Etappe im Kampfe für dieses Ideal anzusehen.“ In der nächsten Nummer werden wir die Rede des Herrn Dr. Zweig ausführlich wiedergeben. Untere Stellungnahme zu den 6emeinderatsuahlen. Von Dr. Leopold Plaschkes.*) Im April und Mai gibt es Ersatzwahlen für den Gemeinderat und Normalwahlen für die Bezirksräte der Stadt Wien. Dies erregt wohl allgemein großes Interesse, vor allem jedoch in der Leopoldstadt. Wenn man von der Leopoldstadt spricht, meint man ja doch immer und überall die Juden. Von ihnen soll auch hier die Rede sein; denn für sie bedeutet der Kampf gegen die Antisemiten aller Grade und Schattierungen eine Lebensfrage. Der Jude, ob arm oder reich, der während der letzten Jahre für die Herren „freiheitlichen“ Politiker keinerlei Wert besaß, steigt jetzt wieder einmal unheimlich rasch im Ansehen. Bei vielen Herren, die uns früher nur als „ordinäre Saujuden“ bezeichneten, erfreuen wir uns eines regen Interesses, das diese Leute bei Ausübung ihrer bisherigen Mandate — sie sind nämlich Ableger der verschiedensten Parteien, vor allem *) Aus dem Referat, gehalten anläßlich der Wählerversammlung des „Jüdischen Volksvereines“ im Hotel Zentral am 6. März 1012. europäischer Bedeutung, ist ein Symptom. Wer es zu deuten weiß, dem wird die Lust vergehen, sich mit den, ach! so viel glücklicheren deutschen' Dichtern zu messen; er wird sein Bündel schnüren und seiner Wege gehen!“ Der Verfasser sagt des weiteren, daß nur die Wissenschaft anational sei. Die Kunst aber sei national und wurzle nur in dem Boden fester und echter Volkstümlichkeit. Alle Großen, von Homer und der Bibel bis zu Tolstoi und Ibsen seien zunächst in ihrem Volk und für ihr Volk groß gewesen. So sei denn auch im Sinne jenes Nationalitätenprinzips an einem Juden das Jüdische gerade das Beste. „Oder wenigstens es kann und soll sein, die nationale Eigenart muß sich so steigern, verinnerlichen, veredeln lassen, daß sie zum Vorzug, zur Tugend wird, daß eine besondere Kraft und alle Leistungen daraus hervorquellen. Denn wenn die Juden nicht als Juden etwas wert sind, so sind sie überhaupt nichts wert. Wer das einsieht und will, muß auch die Mittel dazu wollen; er muß Bedingungen zu schaffen suchen, aus denen sich jüdisch-nationale Eigenart frei und leicht entwickeln kann, wie anderswo deutsche, englische, italienische Art. Für Volk wie für Kunst aber ist die Voraussetzung jeder Entwicklung eine Heimat, ein eigener Boden, und so ergibt die Anwendung der modernen Ideen des nationalen Individualismus auf die Juden: Für das Volk — den Zionismus, für die Kunst — die Wiederbelebung hebräischer Sprache und hebräischer Poesie. „In der Tat: Für einen produktiven oder sonstwie an der Kultur mitarbeitenden deutschen Juden wäre die einzige Rettung aus der Halbheit, aus dem Zwitterwesen, aus Verleumdung und Verdächtigung, aus Ungerechtigkeit und Uebelwollen: der Sprung in die neuhebräische Literatur. Die einzige Rettung und zugleich

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