Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 narchie rückhaltlos vertritt, und energisch sojvohl gegen die ^Jationalitätenhetze, wie gegen den Antisemitismus Stellung nimmt und der nicht 2. in ökonomischer Hinsicht die Interessen aller physisch und geistig Arbeitenden ohne Rücksicht auf den Beruf gegenüber sämtliche Sonderinteressen zielbewußt zu vertreten verspricht. Bei den vollständig ungeklärten und zerfahrenen Parteiverhältnissen in den einzelnen Bezirken wäre es verfrüht, heute schon eine Wahlparole für. die einzelnen Wahlbezirke auszugeben, aber das wollen wir bereits heute feststellen: Wir sind unter keinen Umständen bereit, von jenen früher präzisierten Minimal- Forderungen unseres jüdisch-demokratischen, gesamtösterreichisch'en und sozialreformatorischen Programmes abzuweichen. Die mäiiriiAe Handelskammer und die Juden. Für Ende Februar waren 'die Wahlen in die Olmützer Handels- und Gewerbekammer, welcher bekanntlich halb Mähren zugewiesen ist, ausgeschrieben. Durch diese Wahlen ist die Frage der Stellungnahme der Juden im Kampfe zwischen Deutschen und Tschechen wieder in den Vordergrund gerückt worden. * Die Handelskammern von Brünn und Olmütz wurden bekanntlich im deutsch-tschechischen Ausgleichsgesetze vom 27. November 1005 von den Deutschen als ihre sichere Domäne betrachtet und darum von dem sonst im Gesetze durchgeführten Prinzip, der national g e t re nuten Wahlkörpern deutscher und tschechischer Zunge ausgenommen. Die Deutschen suchten ihre Herrschaft in den Handelskammern durch "die üblichen Künste autonomer Wahlgeometrie zu sichern. So haben sie vor einigen Jahren, in der Olmützer Kammer, welche nebst dem den Deutschen stets sicheren Wahlkörper der Montansektion drei Wahlkörper der Handelssektion und drei der Gewerbesektion umfaßte, als diese dritten Wahlkörper an die Tschechen verloren Feuilleton. Deutsch-jüdischer Parnaß. Sombarts Theorien über die Juden und ihre Zukunft haben die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit wieder auf eine Frage gelenkt, d;e im Grunde genommen unausgesprochen zwischen zwei Völkern ruht und unsere Seele mit Beklemmung erfüllt. Auf eine Frage, die ein altes .Uebel ist, das zur Unerträglichkeit anschwillt und darum schonungsloses Aufdecken erfordert, rückhaltslose Aussprache und unbeugsame Wahrheit. Es ist dies ein lange währendes Martyrium', kurz die ganze Tragik, die wir in den Worten „Judenfrage in Deutschland“ zusammenfassen (wobei ich natürlich nicht die engen Grenzen des Deutschen Reiches, sondern alle Länder deutscher Zunge meine). Im „K u n s tw a r t“, einem Blatte, das frei von jüdischem Einflüsse und jüdischer Betätigung ist, ergreift in dieser Sache ein Jude das Wort, der, soweit mir bekannt, bisnun dem -Pafteigetriebe ferne stand und sich darum Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit bewahrt hat. Seine Ausführungen sind so treffend, von solcher Schlagkraft und Offenherzigkeit, daß ich bei ihrer Besprechung nach Tunlichkeit den Verfasser selbst möglichst oft zu Worte 'kommen lassen will. . Goldstein — diefe .der Name des Verfassers — erklärt zunächst die Notwendigkeit der Besprechung des Judenproblems. Dann sagt er: „Nur unter Nationaljuden und Zionisten dürfte man den Takt und das Verständnis voraussetzen, die hierfür nötig sind. Aber was nützt es in ihren Parteiblättern Probleme zu besprechen, über deren Bedeutung sie alle im klaren sind? Diese Fragen müssen aus den Reihen der Partei hinausgetragen werden, damit die zu hören gezwungen sind, die* nicht hören wollen und da- JÜDISCHE ZEITUNG gingen, bezw. gegen sie nicht mehr, zu halten waren, durch eine „Wahlreförm“ die Wähler nunmehr in je vier Wahlkörper der Handels¬ und der Gewerbesektion neu gruppiert. Der Zweck war, den Tschechen die beiden Wahlkörper mit der großen Masse der minderbesteuerten Wähler auszuliefern und sich aus den sieben anderen Wahlkorpern eine qualifizierte Mehrheit 7:2 zu sichern. Dabei wurde als selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Juden mit den Deutschen durch Dick und Dünn gehen. Hier nun haben die Tschechen diesmal mit besonderem Eifer eingesetzt, indem sie sich -nicht auf die bisherige Art der Drohung und Ausübung des Boykottes gegen die deutschgesinnten Juden beschränkten, sondern umwarben die jüdischen Handelskammerwähler durch Flugschriften, welche von einer großen Zahl tschechisch gesinnter Juden gefertigt waren. In diesen Flugschriften war einerseits darauf hingewiesen, wie viele Juden die ”i schechen in den von ihnen beherrschten Handelskammern und sonstigen Vertretungskörpern zu Ehrenstellen verholten haben, und andererseits auf die grobe Undankbarkeit der Deutschen gegenüber den Juden , insbesonders auf das Verhalten bei der Abstimmung über die Resolution Schmid und bei dem Hinauswurf der drei liberalen Juden aus dem Deutschen Nationalverband. Auf dies Flugblatt antwortete nun eine Anzahl deutschgesinnter Juden des Olmützer Kammerbezirkes in einem Gegenflugblatt mit dem lendenlahmen Hinweis auf - die Judenemanzipation, welche der deutsch-liberalen Partei von anno dazumal zu danken sei, und betonten im übrigen, daß vor allem die Aufgabe der sachlichen Arbeit die Juden auf Seite der Deutschen dränge. (Daß dieser Aufruf auch gefälschte Unterschriften trug, sei nur nebstbei erwähnt.) Im gleichen Sinne suchte das „Mährische Tagblatt“, das vom Kultuspräsidenten Dr. Eben redigierte *Organ der Olmützer Liberalen, die Juden durch Hinweis auf die sachliche Arbeit in der Kammer bei der Stange zu halten. Und die deutsche Partei selbst machte den Juden diese Sachlichkeit dadurch plausibel, daß sie nicht weniger als acht Juden, eine bisher unerhörte Zahl, in die deutsche Kandidatenliste aufnahm. Nr. U Die Wahlen sind vorbei. In der Verteilung der Mandate ist bis auf einem Ersatzmann, den die Deutschen im 3. Wahlkörper der Handelssektion an die Tschechen verloren haben, keine Aenderung gegen das letzte Wahljahr 1909 eingetreten. Hingegen ist die Anzahl der tschechischen Stimmen in allen Wahlkörpern und insbesonders im 3. und -1. Wahlkörper stark gestiegen, während die Anzahl der deutschen Stimmen in den letzten beiden Wahlkorpern entsprechend gesunken ist. Nach diesem Ergebnis kann man sich an den Fingern ausrechnen, wann mit den Mandaten der beiden 3. Wahlkörper alsbald auch die Herrschaft in der Kammer an die Tschechen verloren gehen wird. Die tschechischen Blätter, voran der-'Olmützer „Pozor“, jubeln natürlich, die deutschen Blätter hingegen bescheiden sich resigniert damit, daß die deutsche Herrschaft sich behauptet habe. Das „Mährische Tagblatt“, berühmt sich in seinem Leitartikel vom 2. März, daß dieser Erfolg vor allem der Todestreue der Juden zu verdanken sei, welche sich selbst von den Sirenenklängen der tschechischen Juden nicht haben verführen lassen. . Darum müßte auch mit dem selbstmörderischen Wahnsinn des deutschen Antisemitismus aufgeräumt werden. Dann fährt das Blatt wörtlich fort: „Wäre es nicht an der Zeit, ernstlich in Erwägung zu ziehen, ob um die österreichischen Handelskammern in Hinkunft überhaupt noch nationale Kämpfe geführt werden sollen? Könnte es nicht gerade dieses stillere Mähren, die Wiege des nationalpolitischen Katasters, sein, wo zuerst mit aller Energie der Frage der nationalen Trennung der Handelskammern viel näher getreten wird, als es durch rein theoretische Auseinandersetzungen geschehen kann? Es ist interessant, zu' wissen, daß auch tschechische Politiker dieser — im deutschen Lager längst angeschnittenen Frage — mit großer Sympathie gegenüberstehen. Der Stein ist also eigentlich . schon im Rollen und eine nationalpolitische Permanenzkomrnission, die für diese Frage kompetent wäre, haben wir int Landtage auch. Es kann nur im ureigentfichen Interesse des Wesens der Handelskammern sein, wenn man diese Körperschaften endgültig der Möglichmit wenigstens soviel allgemein begriffen und öffentlich zugestanden wird, daß hier etwas problematisch ist.“ Des weiteren schildert der Verfasser, wie die Juden, als die geistigen Ghettomauern fielen, sich mit Begeisterung Wissen und Bildung aneigneten, aus Lernenden Lehrer wurden und alsbald im deutschen Kulturleben solch tätigen Anteil nahmen, daß man schier sagen kann: „W ir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes, das uns die Berechtigung und die Fähigkeit dazu abspricht.“ Das beweist er zunächst: „Niemand bezweifelt im Ernst die Macht, die die Juden in der Presse besitzen. Namentlich die Kritik ist, wenigstens in den Hauptstädten und ihren einflußreichsten Zeitungen, geradezu im Begriff, jüdisches Monopol zu werden. 'Ebenso bekannt ist -das Vorherrschen des jüdischen Elements im Theater: Fast sämtliche Berliner Theaterdirektoren sind Juden,v ein großer, vielleicht der größte Teil der Schauspieler desgleichen, und daß ohne jüdisches Publikum ein Theater- und Konzertleben in Deutschland so gut wie unmöglich wäre, wird immer wieder gerühmt oder beklagt. Eine ganz neue Erscheinung ist, daß auch die deutsche Literaturwissenschaft im Begriff scheint in jüdische Hände überzugehen und es ist je nach dem Standpunkte komisch oder tragisch, die Mitglieder der germanischen Seminare unserer Universitäten zu überblicken. Wie viele Juden endlich es unter den „deutschen Dichtern“ gibt, weiß so manch ein Hüter deutscher Kunst zu seinem Zorne.“ Dennoch werden wir nicht nach Gebühr geschätzt, nach unseren Leistungen beurteilt. „Tröste man sich doch nicht mit der Ausrede, das seien rüde Radau- und Hetzantisemiten: Um sie würde niemand sich scheren und sie haben, wo sie auftraten, uns immer mehr genutzt als geschadet. Nein, es sind die besten Geister, kluge, wahrheitsliebende Männer, die aber, sobald von den Juden die Rede ist, in einen blinden, an Tollwut grenzenden Haß geraten, und um die grundsätzliche Minderwertigkeit, Schlechtigkeit, Schädlichkeit der Juden zu beweisen, alle Tatsachen auf den Kopf stellen.“ So sind wir für Chamberlain eine minderwertige Rasse, Wagner bezeichnet uns als „Ausländer“, die sogar die deutsche Spräche „nur wie eine erlernte, nicht als angeborene Sprache“ sprechen, für Schopenhauer gar sind wir ein Volk, daß „nachdem es in Aegypten auf Jehovas ausdrücklichem Spezialbefehl, seinen alten, zutrauensvollen Freunden die dargeliehenen goldenen und silbernen Gefäße gestohlen hatte, nunmehr, den Mörder Moses an der Spitze, seinen Mord- und Raubzug ins. gelobte Land antrat . . . .“ Jakob ist ihm ein „infamer Schurke“ und das jüdische .Volk ein „Gesindel“, von dem er sagt: „Möge jedes Volk, das sich einen Gott hält, der die Nachbarländer zu Ländern der Verheißung macht, rechtzeitig seinen Nebukadnezar finden und seinen Antiochus Epiphänes dazu, und weiter keine Umstände mit ihm gemacht werden!“ „Nicht was der Philosoph in seinem Haß sagt“, meint Goldstein, „sondern welche Leidenschaft einer fanatischen Abneigung in diesem Manne wüten muß, um ihn so aller menschlichen und männlichen Würde vergessen zu lassen, das ist es, worauf wir das schmerzende .Auge richten müssen. .Und ohne Gewährsmänner: Achthundert Jahre lang, nämlich seit den Kreuzzügen würden die Juden verfolgt, gehöhnt geschlachtet und verketzert, warum? Weil sie so verstockt waren Juden zu bleiben, da es doch ein Christentum in der Welt gab .. . .“ „Nein“ — sagt er weiter — „Europa ist nicht gerecht, und so haben die braven Juden unrecht, die — auf ihre Leistungen und