Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZOTLNE ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden' ■ _ tä '’ich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte., werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- H ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5__ Vierteljahr. ® ES Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067, B Nr. 11 Wien, Freitag, den 15. März 1912 VI. Jahrgang Jüdischer Turnverein in Fünfhaus. Anläßlich des 12jährigen Bestandes des Jüdischen Turnvereines in Fiinfhaus findet Samsst a g, den 16. März 1912, präzise 9 Uhr abends, im Hotel Monopol (vorm. Savey), VI., Mariähilferstraße 81, ein Schau-Turnen mit anschließendem Tanzkrsnzchen stalt. Entree: Eintrittskarten K 2.—, FamTenkarten (4 Personen) K 6.—; Karten sind erhältlich: Am Turnplatz Freitag Vorl 8—§ Uhr abends; bei den Vere'nsmitg'.iedern; im Cafe Raimundhof, VI., Wallgasse; beim Portier des Vereinshauses und an der Abendkassa. Telephonische Bestellungen unter Nr, 1643, Stelle 6. Der Sohn tempelsängers. (Exzellenz Sieghart.) In einer kleinen jüdischen Gemeinde Schlesiens, lebte_v.Qr.. Jagten ..eia, Kantor, namens Singer. Das kleine Einkommen reichte zur Erhaltung der vielköpfigen Familie nicht aus, aber mildtätige Gemeinedemitglieder halfen. Als der Kantor starb, sorgten sie für die Hinterbliebenen. Eines Kindes, eines Buben, nahmen sie sich besonders warm 'an tund ließen den aufgeweckten jungen an der Universität studieren. Kaum hatte er die Studien beendet, lieferte er auch sofort den Beweis seiner hervorragenden Verstandesschärfe und Hellsichtigkeit, er ließ.sich taufen. Der Umstand, daß ihm jüdischer Gemeinsinn und jüdische Barmherzigkeit das Fortkommen ermöglicht hatten, verursachten ihm kein Kopfzerbrechen. Aus dem Singer ward ein Sieg hart. Er kam in einem Ministerium unter und gerade in einer Zeit, d e der Entfaltung seiner Fähigkeiten günstig war. Die Regierung war damals zum bequemen System der Bestechung der oppositionellen Parteien und ihrer Führer übergegangen. Sieghart entpuppte sich als der idealste Handlanger. Er verstand das Handeln und Paktieren mit den scheinbar widerborstigsten Elementen famos. Er brachte alles unter einen Hut. Daß die Christlichsczialen hof- und regierungsfähig wurden, ist sein ureigenstes Verdienst. Er hat diese Partei, d:e ja Sieghart’schen Mittelchen am leichtesten zugänglich ist, mächtig gefördert. Ihr blutrünstiger Atisemitismus, ihre Rückstän-, digkeit, das moralische Niveau der Bielohlawek, Vergani und Schneider, nichts hat den Sohn des Tempelsängers geniert. Er überhäufte sie auch mit Würden und Titeln. Er förderte die Korruption unter den Parlamentariern, wie keiner vor ihm. Er wurde unentbehrlich. Die fanatischesten nationalen und konfessionellen Judenhasser wurden die besten Freunde des Sieghart, rekte Singer. Er stieg immer höher und höher, wurde in jungen Jahren Sektionschef, Geheimrat und schließlich Nachfolger des großen Taussig, Bankgouverneur. Der erfolgreiche Agent des österreichischen Antisemitismus wurde Nachfolger des Mannes, der ein williger Helfer der russischen Bluthunde, 'der Geldgeber des Pogromzaren war. Sein Austritt aus dem politischen Dienste hat seine Macht noch gesteigert. Die Vorfälle der letzten Tage, die der grandiose Waffenfabriksschwindel verursachte, haben das neuerdings bewiesen. Das Manöver ist bekannt. Die Waffenfabnksgeselhchaft, deren Präsident Sieghart ist, hat durch falsche Gerüchte erst ihre eigenen Aktien entwertet, billig aufgekauft und dann mit Hilfe der Regierung, besonders des polnischen Finanzministers Zaleski, die Aktien so enorm in die Höhe getrieben, daß Sieghart und Genossen in wenigen Stunden einen Millionengewinn einstreichen konnten. Der krasse Schwindel kam fm Parlamente zur Sprache, im selben Augen- «blicke, als -Sieghart, däs- .neugebackene Herrenhausmitglied, beim Kaiser in Audienz war. Und siehe da: die Antisemiten aller Sorten traten wie ein Mann für Sieghart und seine Genossen von der Ministerbank ein. Sie boten der Welt das widrige Schauspiel, wie eine Volksvertretung, eine Regierung den gewissenlosen Börsenspekulanten mit dem eigenen Leibe schützt, ihm zuliebe die eigene Ehre opfert! Wenn Oesterreich durch dieses Treiben nicht so arg vergiftet würde, könnte dieses Schauspiel uns Juden mit grimmer Freude erfüllen. Diese teutonischen und polnischen Helden, die uns nicht genug beoeifern können, die ihren größten Mut an Hausierern und Schänkern üben, diese stolzen ..Arier“ im Schmutze zu Füßen des Tauf Juden! Aus unserem Abfall formen sie ihre Götzen! Die Gemeindepatsuahleih Wer den bisherigen Verlauf der Wiener Gemeinderatscampagne aufmerksam verfolgt,' muß drei wesentliche Momente konstatieren: Eine ungeheure Apathie der Wähler, einen stets wachsenden Wirrwar in allen Parteilagern und das Fehlen jener großen Gesichtspunkte, welche gerade bei der derzeitigen politischen, sowie wirtschaftlichen Situation Wiens und der österreichischen Gesamtmonarchie in erster Linie in Betracht kommen. Vor allem muß man diesbezüglich fordern, daß Wien, die Metropole des Reiches, dessen kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung untrennbar verbunden ist mit der Gesamtmonarchie nur'Männer in den Gemeinderat entsende, die sich dieser Tatsache bewußt sind und somit ein Programm des inneren Friedens, einer wirklichen Sozialreform im Interesse aller werktätigen Schichten und der politischen Konsolidierung Oester'reichs vertreten. Von alledem ist auch nicht eine Spur in den verschiedenen Gemeinderatskandidatenreden zu entdecken. Es wird vielmehr eifrig die Nationalitätenhetze und der Antisemitismus, — der verschämte und der unverschämte — kultiviert, eine gegenseitige Klassenverhetzung als Wirtschaftspolitik uns präsentiert und im übrigen über alle Lebensfragen des Reiches zur Tagesordnung übergegangen. Daß wir Nationaljuden unter solchen Modalitäten uns für keine einzige der sich bekämpfenden Parteien erwärmen können, ist .daher klar. Dazu gesellt sich aber noch der besondere Umstand, daß wir uns aufs entschiedenste dagegen verwahren müssen, daß mit Hilfe von jüdischen Stimmen in die Kommunalverwaltung Wiens, welches mehr als 180.000 Juden beherbergt, Männer entsendet werden, welche^ deren nationale oder 'politische Gleichberechtigung negieren. Mit der ausschließlichen Parole: Weg mit der christlichsozialen Herrschaft, kann den Wiener Juden absolut nicht gedient sein, zumal dann, wenn die Erben der Christlichsozialen antisemitische Deutschnationale sind. Nun gibt es auch allerlei ,Wi rtsch af tsparteiler, die dadurch charakterisiert werden, daß sie sich nicht als Wirtschaftsparteiler schlechtweg bezeichnen auch sich nicht das Epitheton „österreichisch“ beilegen, sondern sich1 „Deutsche Wirtschaftsvereine“ nennen und deren Organisation tatsächlich teilweise aus Juden, teilweise aus verkappten Deutschnationalen besteht. Und doch sollten gerade „Wirtschaftsparteiier“, „Demokraten“ etc. sich darüber klar sein, daß Wien die Hauptstadt eines vielsprachigen Reiches ist und daß daher im Wiener Gemeinderat eine einseitig nationale Politik ebensowenig am Platze ist, als eine einseitig konfessionelle, sondern daß dort nur ein einziges Banner flattern darf: das großösterreichische Reichsbanner. Statt einer lächerlichen Tschechenhetze ist aber in Wien, das durch den Dualismus ohnedies wirtschaftlich aufs empfindlichste geschädigt wird, eine energische Abwehr der separatistischen und ausbeuterischen Gelüste der magyarischen Oligarchie am Platze, die ein Haupthindernis einer großzügigen Wirtschaftspolitik unserer Monarchie bildet, wie sie durch ihre Haltung in der Fleisch frage neuerlich deutlich zeigte. Aus dem hier Gesagten ergibt sich unsere Stellungnahme zu den Kandidaten der einzelnen Parteien in den verschiedenen Bezirken von selbst. Wir können für keinen Kandidaten eintreten, der nicht 1. die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes sowie überhaupt aller Nationalitäten der österreichischen Mo-