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Jüdische Zeitung · 1912-03-08 · 10 (8.3.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 1Ö häusern, deren farbige Samtsitze auf jungjüdische Literatur sehr produktionsfördernd zu wirken scheinen. In — leider sehr kurzen — Intervallen verlangen besagte Westen und Krawatten in stürmischer .Weise vom (.Markör Briefpapier in großen Quantitäten. Hier kann ich nicht umhin, dem geschätzten Leser die literarisch sehr interessante Entdeckung mitzuteilen, daß zirka neunzig Prozent aller modernen jüdischen Gedichte, Dramen etc. auf Kaffeehausbriefpapier geschaffen werden. 'Ob das Verbot fdes Verkaufes von Briefpapier in Kaffeehäusern die Wirte schwer schädigen würde, weiß ich nicht, doch kann ich mit Sicherheit behaupten, daß es auf die hier besprochene literarische Bewegung ruiniös wirken müßte. Uebrigens sind die Träger dieser verhängnisvollen Kleidungsstücke meistens sehr nette, warmfühlende, ganz famose Menschen. Nur wenn sie Beziehungen zu jüdischen Schauspielern, Theaterdirektoren und schöngeistigen Vereinen haben, die ihre Schöpfungen auf die Bühne bringen, nur dann hören sie auf, liebenswürdig zu sein und werden unseren Volksbühnen und dem Publikum gefährlich. Ja, gefährlich und strafbar ist es, in eine urwüchsige Umgebung all diesen geschraubten Blödsinn, diese tölpelhafte Unreife, die zwischen Symbolismus, Verismus und gewöhnlichster Schweinerei hin und her taumelt, zu verpflanzen. . Ich wußte nicht, ob ich lachen oder schimpfen solle, als sich eines Abends der Vorhang hob und einen geisterbleichen Jüngling herausließ, der alle Anzeichen der Kabarctkranklieit am Körper trug. Nachdem er einige Minuten die bekannten fanatisch-ekstasisch-verzweifelt-stieren Dichterblicke — man findet sie auch bei hypnotisierten Hühnern — in des Saales Decke gebohrt hatte, hauchte er eine halbe Stunde lang blumenreiche Schmerzen aus und verschwand. Dann hob sich der Vorhang wieder und man mimte eines seiner Stücke. Gorki und Tolstbj sind dagegen lustige Knaben. Das Söhnchen — Idiot — schnürt dem Väterchen — Fallot — einen Akt lang das Kehlchen zu und das Schwesterchen — Hure — sitzt dabei und kratzt sich. Aus dem Leben gegriffen! Eines anderen Abends sah ich einen veritablen Sautanz, nannte sich „Wir schwache Weiber“, natürlich auch ein „Lebensbild“. Handelnde Personen: Mutter — Dirne; Tochter, ■verheiratet — Dirne; Tochter, ledig — Dirne; Kousine — wird erst zum Schluß Dirne; Magd — Dirne; Vater — Idiot; Liebhaber — Idiot; Schwiegersohn — Idiot. Ferner zwei junge Herren, von der Sorte jener, die da imgrauenden Morgen an der Straßenecke auf die Geliebte warten, um ihr mit Liebe und einem scharfen Messer den Nachtverdienst abzunehmen. Spielt aber im Salon einer gut-bürgerlich-jüdischen Familie; weils ja ein Lebensbild ist! Handlung: Die Damen sind sehr beschäftigt. Durchschnitt- Hinblick aut die Fortpflanzung unerläßlich ist. um sidi einer Beschäftigung hinzugeben, die im lieh fünfmal pro Akt verschwindet jede Dame, Vor der Tür dreht sich jede jedesmal um und seufzt: „Ach, wir schwache Weiber!“ Guter Witz, was?! Einmal erwischt eine den eigenen illegitimen Vater, tuts für eine Busennadel. Nett! Nicht?! Die Zeit, welche diese Weibdten auf der Bühne verbringen, nützen sie konstant dazu aus, Kostgelder für ihre unehelichen Kinderchen herauszuschwindeln. Zum Schlüsse wird der Autor von den Schauspielern hervorgezogen und man klatsdit. Der Mann verdient es wirklich, gezogen und beklatscht zu werden. Allerdings in anderer Form. So wird eine Stätte, die das empfänglichste und mit dem gesundesten Instinkte begabte Publikum aufweist, zum Tummelplatz unreifer Papierverderber. Bombastischer Schwulst, der doppelt kläglidi wirkt, weil er in einer Sprache vorgebracht wird, der alles Erkünstelte fremd ist, torkelt über die Bühne und hinter ihm die Zote. Sie hat mit dem graziösen, anmutigen, pikanten Laster nichts gemein. 'Eine widerliche, täppische, dickbeinige Dirne stampft im Mist vorbei und schwingt uns ihre schmierigen Unterröcke ins Gesicht. \ Literarische Kritik ist nicht mein Beruf. Ich habe mich auch nie damit befaßt, meinen Mitmenschen vorzuschreiben, wie und worüber sie sich unterhalten sollen. Wenn ich jetzt über das jüdische Theater gesprochen habe, so haben mich nicht Erwägungen literarischer Natur dazu veranlaßt. Ich rede als Nationaljude, der nicht will, daß die jüdische Volkskunst und das jüdische Publikum verschandelt werden. Ich kann nur an die berufenen Faktoren, insbesondere aber an jene Vereine, die sich die Pflege jüdischer Sprache und Kunst zum Ziel gesetzt haben, die Mahnung richten, den Spielplan des jüdischen Theaters in günstigem Sinne zu beeinflussen. Die ausreichenden Bedingungen sind gegeben, denn die schauspielerischen Kräfte sind sehr gute, das Publikum interessiert und empfänglich. Robert Stricker. Zum Sombarfrummel. neuer Ernte JUlius JMeinl Den Sturm, welchen die deutschtüinelnden Kultusjuden und ihre getauften Mitläufer gegen Professor S o m b a r t, den arischen Soziologen, inszeniert haben, weil er so kühn war, sich für den jüdischen Nationalgedanken, für den Zionis mus einzusetzen, charakterisiert Gesinnungsgenosse Dr. Otto A b e I e s in der „Welt“ in temparamentvoller und treffendster Weise. Er sagt u. a.: Ein Kampf um Sombart? Oh nein! Man kann — wie es in der zionischen Presse wiederholt geschehen ist — bei aller Uebereinstimmung mit seinen überraschend klaren und kerngesunden Ausführungen — in seiner Behandlung der Judenfrage manche Unstimmigkeit konstatieren und in der Fundierung seiner Konklusionen manche Lücke aufzeigen. Dieses Kesseltreiben aber hat mit einer Kritik der Sombart’schen Arbeiten über die Judenfrage nichts, aber auch gar nichts gemein. Diese wilde Jagd — das pind die alten Herzl- Jäger, die mit giftgeschwollenen Backen ins Horn stoßen.;Das 'sind die jMarannen und ähre betörten, mißbrauchten Hörigen, denen Theodor Herzl die Kreise störte. Erst verspotteten sie ihn als ungekrönten Zionskönig. Dann, als dieser Urkräftige in Westen einen ganzen Heerbann stolzer jüdischer Männlichkeit aus dem Boden gestampft hatte, zischelten sie ihm immer dreister unlautere Spekulationsgeschäfte nach. Und als ein wahrer Frühlingssturm durch die Länder ging, als hier im Westen jene nie geahnte Wiedergeburt in den Herzen zu klingen begann, die drüben im Osten längst gewirkt hatte und deren Werkzeug Theodor Herzl war —, da wurde alles aufgeboten, alle Verbindungen mit Wissenschaft, Börse und Presse ausgenützt, um den Mann und seine Tat totzuschweigen. Nicht gegen Sombart, gegen die jüdische Moderne ralliieren sich die alten Herzl-Jäger. Und weil sie zugelernt haben und fühlen, daß keine Zeit zu verlieren ist, vereinigen sie jetzt alle Waffen, lassen gleichzeitig alle Minen springen. Sie spotten, verdächtigen und sorgen gleich dafür, daß der einst gehätschelte Professor und seine Arbeiten über das Judentum von der Presse totgeschwiegen werden. Und doch ein neues Kampfmittel tritt in die Erscheinung: Sie spielen den Zionismus gegen uns aus. Wem ist’s entgangen, daß sie drüben mit offenen Armen einstige Gesinnungsgenossen aufnehmen? Sie ersparen ihnen jede Probezeit, jede Aufnahmeprüfung, Sogar Zionisten dürfen sie sich weiter nennen, wenn sie nur mit dem „herrschenden System“ in der zionistischen Partei nicht einverstanden sind. Da wird uns nun mit verdrehten Augen zugerufen: „Habt ihr Zionisten Sombart wirklich gerufen? Könnt ihr eure Sache so entweihen?“ Und nach etlichen Komplimenten für den jüdisch-nationalen Gedanken und den Zionismus: „Sombart ist unser Feind, unser gefährlicher Feind. Was er sagt, muß die größte Entrüstung und sittliche Empörung jedes aufrechten Juden her verrufen . . Bruder, der Weg ist verfehlt. An solcher Kriegslist ermessen wir die eigenen erstarkten Kräfte. * Die Zionisten des Westens ruft es mit tausend Zungen nach der Arbeit fürs Judentum. Sie fühlen, daß ihnen eine grausame Entwicklung fast Unersetzliches geraubt hat, und sie wissen, daß es für sie keine heiligere Arbeit gibt als zurückzuerobern, was ihrer Brust das Glück und den Frieden bringt. Viel wichtiger ist es für sie, das jüdische Bewußtsein zu suchen, wo es lebt und sich froh erneut, als gegen diejenigen fruchtlos zu streiten, in deren Herzen es gestorben ist. Und doch zuckt die Rechte immer wieder nach dem Köcher, um jenen zweiten Pfeil auf die Bogensehne zu legen, den Theodor Herzl für •Mauschels Brust bestimmt hat. t Jüdiidie Nationalfonöharten. Unter den erfolgreichsten Propagandamitteln des jüdischen Nationalfonds gehören zweifelsohne die von der Wiener Sammelstelle seit einem Jahre herausgegebenen künstlerisch ausgeführten Ansichtskarten, die nicht nur in zionistischen, sondern in allen jüdischen Kreisen sehr beliebt sind und stark verwendet werden. Der rührige Wiener Ansichtskartcn-Verlag übermittelt uns die jüngst edierte neue Serie, die; 62 Sujets umfaßt. Die Reproduktionen sind in. Kunstkupferdruck auf feinem Karton ausgeführt und mit der geschmackvollen Vignette des jüdischen Nationalfonds geziert. Die Porträt-Serie umfaßt nebst den bekannten Bildnissen Herzls die mit Namenszeichnungen versehenen Porträts von Warburg, Bodenheimer, Glicenste.in, Bialik, ein sehr ausdrucksvolles Porträt Professor L i e b e r m a n n s, ein Porträt. Strucks nach einer schwungvollen Radierung seines Schülers Pasternak, ferner.ein Selbstporträt des Im Vorjahre verstorbenen" Meisters Israels nach einer Radierung von Struck, Porträts von Smolensk y, Ach ad Haam, Jeanette Herzl, W o 1 f Es o h n, Schatz und viele a. m. Die Reproduktionen der im Besitze der Wiener Sammelstelle befindlichen Bilder „Herzl berät die Gründung der „Welt“ im Cafe Louvre, Wien“, das künstlerisch und getreu wiedergegebene Interieur des Arbeitszimmers Herzls im zionistischen Kongreßbüro Wien erinnern an die ersten Tage der zionistischen Organisation unter ihrem großen Führer. Sein Grabdenkmal am Döblinger Friedhof ist nach einer stimmungsvollen Aufnahme im Bilde festgehalten. Wir erwähnen noch die Reproduktionen der Werke jüdischer Künstler, die stattliche Serie jüdisch-nationalen und zionistischen Inhalts und die vielfachen gelungenen Aufnahmen aus dem neuen jüdischen Leben in Palästina. Die Wiener Sammelstelle hat sich, durch die Ausgabe der neuen Serie und durch die ,von ihr geleitete weite Verbreitung der Karten sehr verdient gemacht. Die rührige Tätigkeit verbürgt nicht allein eine ausgezeichnete Propagierung der zionistischen Sache, sondern auch eine wesentliche Stärkung des jüdischen Nationalfonds. Gg. Aus dem jüöifcfien Geben. Zum Kiewer Ritualmordprozeß. Kiew: Die Gerichtsverhandlung gegen den des. Mordes an .dem Knaben Justschinsky angeklagten Juden Beilis findet im Mai 1. J.'statt. Als Sachverständige für die Frage des Vorhandenseins sogenannter „Ritualmorde“ bei den Juden hat die Verteidigung eine Reihe russischer Universitätsprofessoren — Theologen, Orientalisten, Psychiater und Chirurgen — sowie CUnter den Verteidigern von Beilis befindet Cden Berliner Professor Strack vorgeschlagen, sich auch der hervorragende Advokat Bobritschew-Puschkin. Die infolge der Enthüllungen des Journalisten Brasul-Bruschkowsky verhaftete Frau Tschebyriakowa wurde vom Polizeigewahrsam ins Gefängnis überführt. Die Orangenausfuhr Jaffas. Jaffa: Der jüngste Bericht des hiesigen deutschen Vizekonsuls veranschlagt den Wert der jährlichen Orangeausfuhr Jaffas auf nahezu 6 Mill. Frcs. Die Bedeutungdieses Artikels für!(•

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