Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. iO JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 zen „wissenschaftlichen“ Untersuchung über die Bedingungen der Assimilation vergißt er völlig, die eine Hauptbedingung: daß sich die Mehrheit nicht gegen die Assimilierung der Minderheit sträubt. Er weiß nichts davon, daß es Minderheiten gibt, die sich partout assimilieren wollen, aber von der Mehrheit zurückgewiesen werden. So lange er darüber nicht sagt, sind seine Ansichten über die Aussichten der jüdischen Assimilation völlig wertlos, und der Wunsch ist der Vater des Gedanken gewesen. Genau so wenig, wie Bauer dieses die Assimilation der Juden retardierende Elemente würdigt, so wenig begreift er die Festhaltungskraft des Judentums, und dessen Ausdruck, den jüdischen Nationalismus. Dieser ist ihm nur eine Antwort auf die Pogroms von 18S1 (!), er begreift nicht, daß er nichts weniger ist, als der starke Selbsterhaltungstrieb der Nation. Die Bestrebungen der Jüdischnationalen in der Sozialdemokratie sind ihm „separatistische“, nach Art der tschechischen. Und dies, trotzdem er von einer jüdischen „Nation“ zu sprechen so gütig ist. Wir wollen Herrn Bauer nicht nochmals daran erinnern, daß nach dem Grundgesetz seiner eigenen Partei jede „Nationalität“ das Recht hat, sich separat. zu organisieren. Denn nicht Unkenntnis dieses Gesetzes läßt Bauer so reden, sondern sein Assimilantenstandpunkt verursacht sein Nichtverstehenwollen der Judenfrage. Im Resume seiner langen „wissenschaftlichen“ Untersuchung kommt Bauer zum Schluß, daß es assimilierbare und nicht assimilierbare Minderheiten gibt. Den ersteren wird die Sozialdemokratie keine Minderheitsschulen bewilligen. Wer sind nun diese;,,a ssimilierbaren“ Minderheiten? Bauer führt da außer einigen unbedeutenden Fällen niemand sonst an als „die jüdischen Minderheiten in Galizien“. Na also! Jetzt wissen wir, wozu diese ganze „wissenschaftliche“ Untersuchung nötig war. Der jüdischen Nation, soweit sie in Galizien sozialistisch organisiert ist, soll wieder einmal von dem Juden Bauer im Namen der hehren sozialdemokratischen Wissenschaft erklärt werden, daß die Partei der Gleichheit und Freiheit ihren Untergang dekretiert hat, ihr daher keinerlei Unterstützung ihrer nationalen Forderungen ange'deihen lassen kann. Damit aber in diesem traurigen Erzeugnis eines roten Assimilanten nicht der Humor fehle, zerbricht sich Herr Bauer den Kopf darüber, wieso just Hartmann sich so sehr für zwangsarabischer Dialekt ist mit hebräischen Phrasen durchsetzt. Weiter isüdlich nähert sich ider Dialekt der' Juden dem Himjaritischen und dem Ge’ez. Außerdem wird ein mit Hebräisch gemischter Dialekt mindestens im Scherz vielfach gesprochen. In Jemen bedienen sich die Juden des Arabischen, wie wohl alle Juden der arabischen Halbinsel. Die Juden von Adarbaigan, der nordwestlichen, an das russische Kaukasusgebiet und die kleinasiatische Türkei grenzenden Provinz des heutigen persischen Reiches, sprechen zum Teil einen syrischen (also aramäischen) Volksdialekt, der ebenso wie der ihrer Brüder in Zahu bei Moßul von dem der neuaramäisch sprechenden Urmia-Syrier bei p'le: Aehnlichkei: doch ,erheblich abweicht. Außer hebräischen Fremdwörtern hat ihr Dialekt, den das gewöhnliche Volk für hebräisch hält und der mit hebräischen Buchstaben von ihnen geschrieben wird, viele Hebraismen. Die Karäer auf der :Krim, 'besonders in Kertsch, Simferopol, Sewastopol und Eupatoria sprechen einen besonderen tatarischen Dialekt, dem die tatarische Mundart der krimisch-talinudischen Juden, der Krimtschaken, die heute gegenüber den Aschkenasim eine verschwindende Minderheit bilden, sehr nahe steht. Endlich wird von der kleinen karäischen Gemeinde in Halicz (Galizien) jüdisch-deutsch gesprochen. Die Nachrichten jüber die Juden in Indien und China sind oft sehr widerspruchsvoll. Seitdem die Juden aus ihrem indischen Jerusalem in Kranganor durch die Portugiesen vertrieben sind, weise Assimilation einsetzt. Und er hat es richtig herausgefunden! Weil Hartmann — ein Historiker Italiens ist, in welchem Lande ein ununterbrochener Assimiiierungsprozeß stattfand. Oh, du Schäker! Wir wollen dir den wahren Grund verraten: Hartmann ist jüdischer Assimilant, genau so wie Herr Otto Bauer selbst. Und deshalb ist Euer ganzes Geschätz über nationale Assimilation von vornherein wertlos und Euer „wissenschaftlicher“ Standpunkt wegen des Mangels der „Voraussehungslosigkeit“ ver - dächtig. Wir erwarten von den anständigen arischen Führern der Sozialdemokratie, daß sie endlich einmal ihren jüdischen Parteigenossen verbieten, über die Fragen von Nationalität und Assimila^ tion der Juden zu Gericht zu sitzen und der Partei ihr Verhalten in diesen Fragen vorzuschreiben, wenn diese jüdischen Genossen schon selbst nicht den Takt haben, den Mund zu halten. Dann wird vielleicht rascher eine Auseinandersetzung zwischen „jüdischen Separatisten“ und der sozialdemokratischen Partei möglich sein. Im jüdilcfien Theater. Im Streite über den Wert und die Notwendigkeit des jüdischen Theaters sind schon etliche spitze Federn und scharfe Zungen stumpt geworden. Der Eine will es vom Erdboden tilgen, der Andere will ihm überall Prunkpaläste bauen. Beide reden drunter und drüber weg. Das jüdische Theater entspricht einem Bedürfnisse und entsteht dort, wo Juden aus dem Osten in größerer Zahl und einer gewissen Dichte wohnen. Das Gejammer der Gegner kann dieses Entstehen nicht unterdrücken, wenn die Bedingungen vorhanden sind, hingegen können auch die leidenschaftlichen Lobhudeleien die fehlenden Bedingungen nicht ersetzen. Diese Erkenntnis, so naheliegend sie auch erscheint, ist auf theoretischem Wege niemandem beizubringen. Wer nicht mit dem ostjüdischen Elemente in Berührung tritt, wird nie zu ihr gelangen. Ich habe das an mir selbst erfahren. Als gehorsamer Parteizionist habe ich jahrelang Essays über das jüdische Theater in größten Mengen heruntergeschluckt, habe mich während stundenlanger Vorträge nicht vom Fleck gerührt, habe die unter mir brennende Sitzgelegenheit gesinnungstreu an mich gepreßt und dem. langweilighaben sie keine politische Selbständigkeit in Ostindien mehr. Ihre Hauptsitze sind an der Westseite Kotschin, Bombay, Konkan und Poona. Sie unterscheiden sich in weiße und schwarze Juden, sowie in die Beni Israel. Diese haben ihren Mittelpunkt in Konkan, gegenüber von Bombay, und sprechen, wie die Mehrzahl ihrer Landsleute, mahratthisch, das sie mit Sanskritbuchstaben schreiben. Desgleichen sprechen die Juden von Puna (Poona) diese Sprache. Ihre jüdischen Zeitschriften enthalten alle einen mahratthischen und einen englischen Teil. Dagegen sprechen die weißen und die schwarzen Juden, die früher eine politische Selbständigkeit in Kranganor hatten, und sich 1565 nach Kotschin flüchten mußten, das drawidische Malajalam. Die weißen Juden sind unzweifelhaft echte Nachkommen des Hebräerstammes. Wie weit die schwarzen Juden sich mit Eingeborenen gemischt haben, muß unentschieden bleiben. Glover hebt grade von ihnen hervor, daß sie ebenso wie die andern mit dem Hebräischen vertraut sind. Auch für Bombay unterscheide! er zwischen schwarzen und weißen Juden? Eine alte Siedlung nennt er auch die afghanischen Juden von Kalkutta. Doch dürften die meisten, oder sehr viele Juden daselbst arabisch sprechen, da dort eine besondere jüdische Zeitschrift in arabischer Sprache erscheint. Die chinesischen Juden in K’ai Fong Fu sollen nach der gewöhnlichen Ueberlieferung zur Zeit der Han-Dynastie, also im ersten nachchristlichen Jahrhundert, nach China gekommen sein. Ein anderer Bericht leitet sie ebenfalls aus Persien ab, aber aus der sassanidischen Zeit. Berthold Läufer 'will glauben, daß isie :im zwölften Jahrhundert aus Indien gekommen seien. Er sieht sten Konferenzler verständnisinnig und treu ins Auge geblickt. Das Resultat war, daß ich dem jüdischen Theater so nahe gebracht wurde, wie den patagonischen Schwerttänzen und den Mysterien der mittelafrikanischcn Krokodilanbeter. Erst als mich die Betätigung in der Partei mit meinen östlichen Brüdern zusainmenführte, ging mir ein Licht auf. Da begriff ich, daß diese Menschen das jüdische Theater brauchen, daß sie ein Lachen hören wollen, wie es im Burgtheater nie gelacht wird, daß sie Tränen sehen wollen, die einer Düse und einer Bernard nie über die Backen laufen. Sie wollen dieses Gemisch von IJrlustigkeit, llrgescheitheit und Ursentimentalität. Wenn ihr Komiker blinzelt und dem Mädel handgreiflich kommt, behagts ihnen besser, als wenn der Hoftheaterliebhaber mit seinen Glutblicken der Angebeteten Löcher in den Busen brennt. Sie wollen diese resoluten Frauen und jovialen- Männer und köstlichen Schlehmils. Und der Teufel hol den, der ihnen die Lust nicht gönnt! Dabei ist die Sache absolut nicht primitiv, roh und hölzern, wie sichs Viele vorstellen. Das Publikum dieser, jüdischen Theater hat durchdringende, unbarmherzige Kritikeraugen. Es ist ja unsere Rasse. Auf einem Zwanzighellersitz hockt mehr Intelligenz als in einer Tausendkronenloge der Oper lümmelt. Die Männer, die auf den dünnen Brettern sprechen, lachen, weinen und tanzen, haben den Spielteufel im Leib, die Weiber desgleichen und wirklich talentlos ist keines. Ich habe das jüdische Theater wiederholt besucht und das waren die Eindrücke, die ich als Neuling, als wirklich Voraussctzungstoser empfangen habe. Und vom ersten Augenblicke an wurde ich die. Empfindung nicht los: Mit der Naivität und mit der Milieutreue steht und fällt das jüdische Theater. Fremde Kunstwerte hineinbringen, heißt das jüdische Theater demolieren. Sprache und Publikum bilden hier Grenzen, über die man nicht hinausdarf. Außerhalb dieser Grenzen wird Pathos zur Groteske, Sentimentalität zur unleidlichen Heulerei, Sinnlichkeit zur blöden Zote. Daß die Sucht zur Ueberschreitung der Grenzen vorhanden ist, konnte ich an zwei im Theater qualvoll verbrachten Abenden konstatieren. Da lernte ich die Gefahren, die der jüdischen Volksbühne und ihrem Publikum drohen, kennen. Diese Gefahren tragen gewöhnlich hochgeschlossene Westen und schwarze Flatterkrawatten. Sie leben rudelweise in gewissen Kaffeedie zugrunde gehende -Judensiedlung von K’ai Fong Fu für einen Rest größerer Kolonien an, die auf indisch-jüdischer Einwanderung zurüekgehen. Heute (sprechen diese wenigen, .noch Juden gebliebenen Reste einer früheren zahlreichen jüdischen Bevölkerung in Hünau nur noch chinesisch. Doch haben sich nach Andree bei ihnen persische Wörter und Redensarten bis in die neueste Zeit erhalten. In den in K’ai Fong Fu gefundenen hebräischen, mit Noten begleiteten Handschriften, finden sich manche mit hebräischen Buchstaben geschriebene persische Wörter. Eine Inschrift von 1489 nennt den Rabbi mit dem persischen Worte ustad (chines. transkr.: wuse-ta). Das Hebräische ist diesen Juden unbekannt geworden. Dagegen gibt es in Hongkong und Shanghai sehr zahlreiche Juden, die arabisch oder indisch als Muttersprache reden, und deren Vorfahren vor nicht zu langer Zeit aus Indien oder über Indien dort eingewandert sind. Außerdem sprechen sie englisch. So spiegelt sich in den Sprachen, die die Juden in den verschiedenen Ländern ihres Aufenthaltes sprechen, das Geschick wider, das sie durch die Länder getrieben hat. Es sind die Sprachen des jüdischen Galut. Aber in ihnen hat sich der jüdische Stamm die Luftwurzeln geschaffen, aus denen er, in Ermanglung gesunder Wurzeln in der eigenen angestammten Sprache, die Kraft zieht um die Tage des Galut zu überdauern und die Lebenskraft sich zu erhalten, um wieder in heimischer Erde und heimischer Sprache wurzeln zu können.