Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 10 gräbnis tcilnehmen müssen. Wir kämpfen gegen die Judentaufe und betrachten es als feige Fahnenflucht, wenn ein Jude, aus welchen Gründen immer, dem Judentum den Rücken kehrt. Vor dieser Art von' Leichenschändung, welche von den getauften Kindern an ihrem alten bewußtlosen Vater verübt würde, empfindet man mehr als Zorn. Da faßt einen der Ekel vor dieser Bande ,daß man ihr am liebsten ins Gesicht spucken möchte. Allerdings muß man konstatieren, daß diese Nottaufen und Leichenschändungen zu einer ständigen Institution auszuarten drohen. Denn in fast allen Kultusvertretungen sitzen Väter einer getauften Nachkommenschaft. Und wenn diese Kultusväter auch für gut genug erachtet werden, die Juden zu repräsentieren, so Ist bei deren Senilität nicht ausgeschlossen, daß sie gleich Mendelsburg und Neumann auf dem Totenbette den jüdischen Totengräbern verloren gehen werden. Kennzeichnend ist die Haltung der offiziellen Judenschaft solchen Vorkommnissen, gegenüber. Sie schweigt sich gründlich aus. Wenn aber ein Gelehrter wagt, sich für den Zionismus einzusetzen, da rotten sich die Kollegen der Totenbett-Täuflinge zusammen und protestieren. Sozialdemokratischer Antisemitismus. Eigentlich sollte es genauer israelitisch-sozialdemokratischer Antisemitismus heißen, denn seitdem die israelitischen Sozialdemokraten gemerkt haben, daß sich die Parteimassen gegen die jüdischen Führer und Führeraspiranten auflehnen, machen die roten Assimilanten mit Vorliebe in Antisemitismus. Vor einigen Wochen hat sich der äußerst seltene Fall ereignet, daß ein jüdischer Multimillionär Dawid Ritter von Gutmann drei Millionen für ein jüdisches Kinderspital gespendet hat. Jahrzehnte mußten vergehen, bis die reichen Juden gewitzigt wurden, um nicht „ohne Unterschied der Konfession“ zu stiften. Erst mußten antisemitische Heldenjünglinge auf jüdische Kosten studiert haben und der Wiener Magistrat mit jüdischen Stipendien seine Günstlinge -mästen, bis die jüdischen Spender eingesehen haben, daß jede Stiftung „ohne Unterschied der Konfession“, welche von nichtjüdischen Körperschaften verwaltet wird, eigentlich zur Stiftung für jedermann außer den Juden ist. Der erste, welcher den Fehler der jüdischen Spender gutzumachen versucht, ist Ritter von Gutmann. Uebrigens wurde — was nur recht ist — vorgesehen, daß auch 1 christliche Kinder in dem zu erbauenden Spitale aufgenommen werden. Da die Verwaltung des Spitales in jüdischen Händen liegen wird, ist cs sicher, daß dieser Punkt des Stiftungsbriefes strikte eingehalten werden wird. Der „A r b e i t e r - Z e i t u n g“ war aber die Stiftungsmethode Gutmanns nicht recht. Empört, beschwerte sie sich darüber, daß G u tman'n, der sein Vermögen hauptsächlich christlichen Arbeitern verdankt, für ein jüdisches Kinderspital gespendet hat. Warum empört sich die Arbeiter-Zeitung nicht darüber, daß der Wiener Gemeinderat, welcher auch jüdische Steuern einsackt, keine jüdischen Beamten anstellt? Warum schweigt sie bei den tausend und abertausend frommen, christlichen Stif - tungen? Aber es ist ihr ja nicht um die christlichen Arbeiter zu tun. Genau wie in tausend anderen Fällen trägt sie bloß einer Stimmung in demagogischer Weise Rechnung. Die Mauschel der Arbeiterzeitung haben überhaupt keine Grundsätze. Sie können so und so. Nur ein Gefühl ist in ihnen unvergänglich: Die Angst vor dem Durchschaut- und Erkanntwerden. Eigentlich tun sie einem leid, die roten Jüngel der Arbeiterpresse! Wie die Wiener Kultusgemeinde zur Wahlrechtserweiterung rüstet. Dem Zwang der öffentlichen Meinung und nicht dem eigenen Triebe gehorchend, hat die Wiener Kultusvertretung so getan, als ob sie das Wahlrecht verallgemeinern wollte.- In der Sitzung, von der wir berichtet haben, ist es Dr. Stern gelungen, die Beratungen über diesen Gegenstand von der Tagesordnung verschwinden zu lassen. Dr. Stern weiß jedoch, daß sich die jüdischen Kultuswähler dieses Hinhalten und Verzögern nicht gefallen lassen wollen. Er entschloß sich also in den sauren Apfel zu beißen und ließ Studien in dieser Angelegenheitmachen. Zu dem Zwecke schickte er einen Beamten nach Berlin, damit er dort Daten sammle. Doch schickte Dr. Stern nicht den Leiter des Steueramtes nach Berlin,- sondern einen seiner ergebensten Nachläufer, den Herrn Engel, trotzdem der Steueramtsleiter ein genauer Kenner des Steuerwesens und Engel auf diesem Gebiete ein Laie ist. Allerdings ist der Steueramtsleiter ein Anhänger der Wahlrechtserweiterung und Engel ein Gegner derselben. Dr. Stern baut also als kluger Mann vor. Er entsendet und bestellt zum Referenten einen Menschen, welcher Daten gegen die Wahlrechtserweiterung sammeln wird.. Dann aber wird Dr. Stern mit Berufung auf gemachte Studien die Forderung nach Erweite-' rung des Wahlrechtes bekämpfen. DOPPEL-MALZ BIER. Austria-Brauerei Wien-Neudorf. Sozialdemokratie und Rifimilation. Die nationale Frage läßt die Sozialdemokratie nicht zur Ruhe kommen. Begreiflicherweise : denn eine Partei, welche „alle sozialen Erscheinungen nicht nach ihrer nationalen Wirkung, sondern nach ihrem Klassencharakter wertet“ (Bauer), ist völlig außerstande, nationale Fragen richtig zu beurteilen. Immerhin schwingen sich einige vorurteilslose Sozialisten, wie z. B. Pernerstorfer, zu einer richtigen Ansicht der nationalen Soziologie auf. Solche Erscheinungen sind aber vereinzelt und werden insolange vereinzelt bleiben, als die Partei die wissenschaftliche Bearbeitung der Nationalitätenfrage jüdischen Assimilanten überläßt, die hierin absolut nicht unvoreingenommen sein können. Erst in jüngster Zeit erhob sich wieder ein Streit in der österreichischen Sozialdemokratie über die Notwendigkeit, von parteiwegen die Assimilation nationaler Minderheiten zu fördern. Und diese, die Rufer im Kampf sind die zwei Assimilanten: Hartmann und Bauer. Hartmann vertritt ganzoffen den Standpunkt, daß die Assimilation nationaler Minderheiten eine naturgesetzliche Notwendigkeit ist. Jedem Streben nach „Sonderrechten“ für nationale Minderheiten müsse die Sozialdemokratie entgegentreten! Bauer, der die marxistische Wissenschaft in Pacht hat, tritt' diesem Standpunkt entgegen, freilich aber nur ganz schwach. Er untersucht in einem langen Artikel im „Kampf“ die „Bedingungen der nationalen Assimilation“. Leider ist das was er sagt, und das was neu ist, nicht von Objektivität diktiert, sondern parteiisch gefärbt. Bauer exemplifiziert wiederholt auf die Juden. ,deren Assimilation er als unbedingt sicher voraus.sagt. Aber in seiner gan- Klcines Eeuilelton. Lebende Judensprachen.*) Die moderne jüdische Wissenschaft, welche ihren Aufschwung der nationalen Idee verdankt, beschäftigt sich mit dem vernachlässigten Gebiete der jüdischen Gegenwart. Der „Jüdische Verlag“ hat es sich zur Aufgabe gestellt, alle, auch das lebende jüdische Volk betreffenden Schriften herauszugeben und den Juden zu übermitteln. Unter den in diesem Verlage erschienenen Werken verdient das Buch von Heinrich Loewe „Die Sprachen der Juden“ besondere Emppfehlung. Es bietet eine erschöpfende Darstellung der Sprachverhältnisse, welche Sm Laufe der Jahrtausende unter den Juden geherrscht haben und faßt zum ersten Male wichtige und interessante Daten zusammen. Nachfolgend sei ein kurzer Abschnitt aus dem vortrefflichen, lesenswerten Buche wiedergegeben. Lebende Juden sprachen. Eine ganze Reihe von Judensprachen hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Voran das Jüdisch-Deutsche mit seinen polnischen, russischen, galizischen, rumänischen, seinen alten Mundarten in Deutschland und seinen neuen -in der neuen Welt. Dann das Judenspanisch und das Judenpersisch. In Saloniki gibt es ein Judengriechisch, von dem die Dönme eine besondere Mundart redeten. Heute sprechen sie bereits *) Aus „D ic Spra che der Juden“ von Heinrich Loewe, „Jüdischer-Verlag“ Berlin. Preis K 2.40. —, Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“. Türkisch. Anderes Judengriechisch, das an die griechischen Mundarten Tauriens anknüpft, sprechen die Karäer Jerusalems und Konstantinopels. In Palästina sprechen die Samaritaner heute Arabisch, haben aber ihre alte aramäische Mundart als Gebetssprache beibehalten. Die Juden von Jemen sprechen einen arabischen Dialekt, dessen Eigenheiten wie bei allen Juden-Volkssprachen auf ihre Aussprache des Hebräischen übergegangen sind. Der Dialekt von Aden gehört zu den jemeni-ch-jüdischen Mundarten. Diese selbst sind nordarabisch. Die seit alter Zeit in Marokko wohnenden Juden, die dorthin den Weg nicht erst mit den Arabern oder nach der Judenvertreibung aus Spanien gefunden haben, auf dem Atlas und in der Sahara, auch solche in den Städten Uesan, Fez, Tesa und Udschda sprechen kein Spagnolisch. Sie bedienen sich nur des Arabischen und in rein berberischen Gegenden des Schellah oder Tamasirht. ln Marokko gibt es auch sehr zahlreiche spagnolische Juden. Die heutigen Juden von Mzab, aut dem Teil von Algerien, scheinen nach einem Bericht von Huguet ein mit Arabisch durchsetztes Berberisch zu sprechen. Aber die meisten der wenigen von ihm zitierten Wörter aus ihrem Munde sind hebräisch in moghrebinischer Aussprache Freilich sind es (meist {Bezeichnungen (für Dinge, die irgendwie mit dem Gesetz oder Ritus in Verbindung stehen. Die Falaschas in Abessinien sprechen heute das Amharische (Amarina) in Amliara, ebenso wie das Tigrina in Tigre, während die Kuarena- Mundart, die nach Joseph Halevy ihre ursprüngliche Stammessprache gewesen ist, nur noch in der Provinz Kuara selbst von ihnen gesprochen wiro, während sie bei den Falaschas in Amhara und Tigre nur noch im Munde von alten Leuten und Gelehrten gehört wird. Das Hebräische ist ihnen gänzlich unbekannt, und sie wußten bisher nicht einmal, daß man irgendwo bei den Juden diese Sprache noch anwendet. Ihre heilige Sprache, in der die biblische Literatur überliefert ist und vorgelesen wird, ist das Ge’ez, die altäthiopische, seit mindestens sechs Jahrhunderten aus dem Voiksmunde geschwundene Sprache,' die auch den christlichen Abessiniern als Kirchensprache dient. Faitlovitch erwähnt außerdem eine alte, von den Falaschas noch bewahrte, jetzt im Aussterben begriffene Sprache, ohne daß er direkt sagt, daß er die Kuarena-Mundart oder einen Abkömmling von ihr meine. Der Missionär Flad stellt es als die Hauptkenntnis ihrer Mönche, Kahen (Priester) und Debtera (Schriftgelehrten) hin, daß sie am Sabbat und an Feiertagen dem* Volke die Abschnitte des Gesetzes, die in Ge’ez vorgelesen werden, ins Amharische übertragen können. Wie mir Sudanesen mitteilten, gäbe es auch in ihrem Lande sehr zahlreiche Juden, von denen viele durch einen helleren Typus als die anderen Einwohner des Sudan auftielen. Nach den Mitteilungen meiner Gewährsleute müßten sie - im häuslichen Verkehr sich des Arabischen bedienen. Die höhlenbewohnenden Juden am Dschebel Gurian, südlich von Tripolis, sprechen berberisch, doch erkennt man sie sogleich an dem lispelnden Jargon. Die Beni Hobab, ein arabischer Stamm südlich von Hedschas, bekennen äußerlich den Islam, beobachten aber das mosaische Gesetz. Ihr Scheich verstand sehr gut hebräisch und ihr