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Jüdische Zeitung · 1912-03-08 · 10 (8.3.1912) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDECHE ZEITUNG 3SS8E -JüDBCHEg asm jggg ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden* ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuruckgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ “ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ” ■ ' Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr. 10 Montag, den 11. März 1912, 8 Uhr abends „Hotel Post“ I., Fleischmarkt Nr. 16 große frei zugängliche Versammlung Die Zuhunit der Juden und die Sombart*Hetze. Referenten: 1. Kurt Blumenfeld, Parteisekretär der zion. ZentralJeitung (Berlin). 2. Dr. Egon Zweig (Wien). Diskussion. Jüdischer Handlungsgehilfen-Verband -c Wieri, II., 1 faoorstrane 20. “ Sonntag, den 10. März 1912, präzise 3 Uhr nachmittags, im Festsaale des Hotel Continental, II., Taborstraße 4, VORTRAG des bekannten Nationalökonomen und Schriftstellers Dr. Franz Oppenheimer, Berlin Thema: DAS LOHNPROBLEM. Eintrittskarten (Sitzplätze) ä K 1.—, 2.—, und 3.— sind erhältlich: in den Kartenbüros Kehlendorfer, I., Krugerstraße 3, Spitzer, I., Morzinplatz 5 und im Jüdischen Volksheim, II., Stefaniestraße 12. Rundschau. Der wiedererwachte Fortschritt. Mit viel Stimm- und Geldaufwand rüsten siel) in Wien die „Freiheitlichen“ zum Kampfe gegen die Christlichsozialen. Bei den kommenden Gemeinderatswahlen soll ihre Macht definitiv gebrochen werden. Obzwar es sich nur um „Wiener“ Wahlen handelt, so spielt sich hier doch eine Affaire ab, die ganz Oesterreich in Atem hält, denn es gilt ja, die von den mächtigsten Einflüssen geförderte Partei Luegers wegzufegen und der freiheitlichen Entwicklung Bahn zu schaffen. Mit besonderer Spannung beobachten gewiß die Juden in der österreichischen Provinz diese Vorgänge. Von der liberalen Presse falsch und einseitig informiert, wünschen sie gewiß sehnlichst den Sieg jener Männer herbei, die heute den Kampf gegen die Rathauspartei führen, und glauben, daß mit ihrem Siege bessere Zeiten für die freiheitliche Sache und insbesondere für die Juden selbst in Oesterreich hereinbrechen werden. Einer ehrlichen jüdischen Publizistik fällt die gewiß nicht angenehme Aufgabe zu, den wahren Sachverhalt aufzuklären und den Hoffenden und Harrenden schwere Enttäuschungen zu ersparen. Der Sturz der Christlichsozialen ist gewiß zu begrüßen, aber wer löst sie denn in der Wien, Freitag, den 8. März 1912 Herrschaft ab, wenn die im liberalen Blätterwalde so jubelnd besungenen Gegner sie besiegen? Unter dem Kommando des Abgeordneten Friedmann hat sich eine buntgemischte Gesellschaft deutschnationaler Antisemiten, herausgeworfener Christlichsozialer, altliberaler und der Ofnerichtung angchöriger Juden, die aber in allen Kundgebungen verschwiegen werden, versammelt. Was den Abg. Friedmann selbst betrifft, so ist er der getaufte Sohn jüdischer Eltern, reicher Fabrikant, der den extremsten Unternehmerstandpunkt vertritt. Er ist Bekiimpfer des Koalitionsrechtes der Angestellten, tritt für Förderung der Organisation des Industriekapitals ein, insbesondere ist er Verteidiger der Kartelle und Trusts. In wirtschaftlicher Hinsicht bedeutet ein Sieg seiner Richtung einen weiteren Schlag für die arbeitenden und mittleren Stände, für die Konsumenten, die dann nicht nur der agrarischen, sondern auch der gesteigerten Ausbeutung durch das industrielle Kapital ausgesetzt sein werden. Für die politischen und persönlichen Qualitäten dieses Mannes ist Nachstehendes charakteristisch. ..Während-, cler, •-Reicfrsrafaavahlen ließ_er hinter seinen Namen in Klammern das Wort „Christ“ drucken. Die wirtschaftliche Zentralstelle, deren Chef er ist, hat während cler Reichsratswahlen in ganz Oesterreich Geld für christlichsoziale Wahlzwecke bewilligt, darunter auch den Gemeinden, in welchen Geßmann kandidierte. Von seinem ehemaligen Anhänger, dem Gemeinderatskandidaten Moißl, wurde ihm in großer Sitzung Ehrlosigkeit und Verieumdungssucht vorgeworfen. Moißl machte ihm weiters zum Vorwurf, daß er bei seiner Wahl Bestechungsversuche unternommen habe. Friedmann begnügte sich, demgegenüber mit der Erklärung, daß er sich in keine Polemik ieinlasse. Jedenfalls kann dieser neue Führer des „Fortschritts“ nicht als politischer Idealmensch gewertet werden. Im Anhänge Friedmanns erblicken wir aus allen möglichen Gründen aus der christlichsozialen Partei eliminierte Leute. Blase!, Metzer, Weidner und noch viele andere, die heute als Kandidaten der „Freiheitlichen“ figurieren, sind jahrelang die eifrigsten Bekämpfer des „Judenliberalismus“ gewesen und haben bei allen christlichsozialen Parteibeschlüssen wacker mitgeholfen. Ebenso die neuesten Protektoren, Abg. Dr. H e i 1 i n g e r, und Abg. S i 1 b e r e r. Es ist überhaupt eine der verdächtigsten und kläglichsten Erscheinungen, daß der blutigste Antisemit von gestern, heute in der Presse und Friedmannpartei stürmisch als Fortschrittsmann bejubelt wird, wenn er aus irgendwelchen persönlichen Gründen der Rathauspartei die Zähne zeigt. Auch die Abgeordneten des antisemitischen Deutschen Nationalverbandes Ganser, Denk und W a b e r spielen bei den „Deutschwirtschaftlichen“ eine große Rolle. Daß letzterer zusammen mit dem Judenfreund und Freiheitshelden V e r g a n i ein Komitee gebildet hat, geniert die ihm huldigenden Liberalen -nicht. Systemlosigkeit, Unaufrichtigkeit, versteckter und offener Antisemitismus charakterisieren die Gruppe, von der die Liberalen das Heil erwarten. Wie der Kampf auch ausfallen möge, für die Juden wird er nichts Gutes bringen und dem Freisinn, wird schlecht gedient seih. VI. Jahrgang Noch nie hat sich der Mangel einer umfassenden jüdischen Organisation, die in dieser Situation mit Leichtigkeit viel für die Juden erreichen könnte, so fühlbar gemacht. Inzwischen bemühen sich die Jüdischnationalen, die jüdische Bevölkerung so weit als möglich aufzuklären und es wird ihnen hoffentlich getingen, den ärgsten Mißgriffen vorzubeugen. Parlamentsbeginn. Nach längerer Pause trat das Abgeordnetenhaus am 5. März wieder zusammen. Die ersten Verhandlungstage verliefen in Beschaulichkeit und in scheinbarer Hingabe an die Arbeit. Man berichtete und debattierte über die Resolutionen des seinerzeit gewählten Teuerungsaus-. Schusses, obwohl es dem Abgeordnetenhause klar sein muß, daß sich die Regierung an diese Resolutionen nicht hält und die Bevölkerung auf den Schwindel dieser laxen Reden und Beschwerden nicht hineinfällt. Die Versumpfung der wichtigsten gesetzgebenden Körperschaft hat den höchsten Grad erreicht. Deutschnaüonale, Wiener Freisinnige, Sozialdemokraten lassen die Dinge ruhig gewähren und fühlen sich anscheinend in diesem ScFTeinparfamerif wohl. Dieser zerrüttete Zustand hat für uns Juden nur aus dem Grunde keine besonders bösen Folgen, weil uns in Anbetracht der dermaligen jüdischen Vertretung, das schlecht funktionierende Parlament nicht weniger schadet als es auch ein gut funktionierendes tun würde. Die Verhandlungen am 5. März mögen als Illustrationsfaktum dienen! Im Namen des Polenklubs erstattete der Konservative Dr. Steinhaus (ein galizisch-jüdischer Abgeordneter) im Namen des Teuerungsausschusses einen Bericht, der den Großkapitalisten und Feudalen auf den Leib verfaßt war. Im Namen der Sozialdemokraten sprach zum selben Kapitel ein zweiter Jude Dr. Diamant, der den entgegengesetzten Standpunkt vertrat. Beide Abgeordnete sind in den judenreichsten Wahlbezirken Oesterreichs gewählt und beide nahmen in ihren Referaten auf die Bedürfnisse ihrer Wähler, welche weder Kapitalisten noch Sozialisten sind, nicht die geringste Rücksicht. Ist es da für die Juden nicht einerlei, ob das Parlament arbeitsfähig ist oder nicht? Wohl sind wir darüber einig, daß dem Parlament eine größere Bedeutung zu wünschen ist und begrüßen jeden Versuch, der für das Abgeordnetenhaus einen größeren Einfluß im Staatsleben erstrebt. Aber wir täuschen uns keinen Augenblick darüber, daß in jedem Falle für die Juden die Situation gleich bleibt, so lange nicht ausgesprochen jüdische Vertreter die Interessen des jüdischen Volkes im Parlamente wahrnehmen werden. * Leichenschändungen. Der Fall des Krakauer Millionärs und Kultusvorstandes Mendelsburg ist noch nicht vergessen und vorige Woche ereignete sich in Budapest ein ähnlicher Fall, der die Aufmerksamkeit der Juden auf den Assimilationssumpf der großbourgeoisen jüdischen Kreise lenkt. Es handelt sich um die Taufe des 74jährigen Kultusvorstandes N e u m a n n, ivelchcr auf dem Totenbette von seinen Kindern der alleinig seligmachenden Kirche übergeben wurde, damit diese würdigen Sprößlinge nicht an einem Judenbe-

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