Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 9 reiche Redner erzählten von ihren Erfahrungen mit dem Rabbiner Mayersohn, welcher — selbst bei der Annahme, daß nur ein Bruchteil dieser Schilderungen den Tatsachen entspreche — jedenfalls von der Vorgesetzten Behörde zur Verantwortung gezogen werden müßte. Allerdings wurde von vielen Rednern hervorgehoben, daß Beschwerden an die Kultusgemeinde nichts genützt haben, weil Oberrabbiner Güdemann und Dr. 'Stern Herrn Mayersohn schützen. Daß man sich mit aller Schärfe gegen das volksfremde System der derzeitigen Kultusgewaltigen wenden muß, wenn man die schmachvollen Zustände in der Gemeinde gründlich ändern will’. Und das halten wir auch für das einzig Richtige, denn die Stellungnahme lediglich gegen Einzelpersonen bietet keine Plattform für einen ernsten Kampf. Im übrigen sind wir auf den Ausgang dieser Angelegenheit sehr gespannt. Ohne entscheiden zu wollen, ob alle gegen den Rabbiner erhobenen Anklagen berechtigt sind, konstatieren wir, daß gegen einen hohen geistlichen Funktionär der „Wiener Judengemeinde" vor der breitesten Oeffentlichkeit ein entehrender Vorwurf erhoben und gleichzeitig der Kultusvorstand der Duldung beschuldigt wurde. Wir sind neugierig, wann und wie sich der um die jüdische Ehre so besorgte Wiener Kultusvorstand — siehe Protest gegen Sombart — Genugtuung, für sich und seinen Rabbiner, verschaffen wird. Der Kampf der jüdischen Studentenschaft um ihre nationalen Rechte. In der Samstagnummer der „N. Fr. Presse“ war ein Telegramm aus Czernowitz veröffentlicht, dessen Inhalt durch den nachfolgenden uns zugekommenen Bericht richtiggestellt und ergänzt wird: „Samstag den 24. Februar fand eine Versammlung der jüdischen Studentenschaft statt, an welcher die Verbindungen „Emunah“, „Jüdische Kultur“, „Zephirah“ und ein großer Teil der jüdischen Finkenschaft teilnahmen. Der Gegenstand dieser Versammlung war das vom Senate über die Verbindungen .,Emunah“ und „Zephirah“ verhängte Farbenverbot. Der diesjährigen Inauguration des Rektors waren die jüdischen Verbindungen ferngeblieben und hatten vielmehr ein Kommunique veröffentlicht, in welchem der akademische Senat einen Angriff zu erblicken vermeinte. Der akad. Senat forderte hierauf die jüdischen Verbindungen auf, dieses Kommunique zu revozieren, welcher Aufforderung jedoch nur die Korporationen „Hasmonaea“ und „Hebronia“ Folge leisteten, während die anderen jüdischen Verbindungen das Kommunique aufrecht erhielten. Am 21. Feber erfolgte nun das erwähnte Farbenverbot. In der heutigen stark besuchten Versammlung wiesen die Redner darauf hin, daß die Verweigerung der Anerkennung der jüdischen Nationalität die Versammlung zu ihrem Fortbleiben von der Rektorsinauguration und zur Veröffentlichung des genannten Kommuniques veranlaßt habe und daß diese Verbindungen hierin eine ungerechtfertigte Zurücksetzung der jüdischen Studenten erblicken. Diese Verbindungen werden den Kampf um die gerechte Sache mit aller Energie und allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln fortführen. Sie erheben gegen das Vorgehen des akademischen Senates Protest. Zum Schlüsse wurde folgende Resolution gefaßt: »Die am 24. Februar 1912 im Musikvereinssaale tagende jüdische Studentenversammlung erhebt nachdrückliclist Protest gegen das vollständig ungerechtfertigt verhängte Farbenverbot über die Korporationen „Emunah“ und „Zephirah“, da die zum Anlasse des Farbenverbotes herangezogenen Zeirungskommuniques keinen Angriff, sondern eine loyale, den Tatsachen entsprechende Fassung unserer Stellungnahme zur Rektorsinauguration enthalten haben. Die Versammlung sieht in dieser seit dem Bestände der Universität einzig dastehenden Maßregelung von Studentenkorporationen nicht das so oft betonte Wohlwollen, sondern den Ausfluß einer seit Jahren andauernden Willkür und Animosität gegen die jüdische Studentenschaft in ihrem berechtigten Kampfe um die Anerkennung der jüdischen Nationalität, so daß sie als akademische Bürger zweiten Grades behandelt erscheint. Die Versammlung drückt gegen diese aggressive Tendenz ihre tietste Entrüstung aus und erklärt feierlich, daß sie sich im gerechten Kampfe um die Anerkennung ihrer Nationalität von keinerlei Maßregeln werde abschrecken lassen, vielmehr ihrem Kampf mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln bis zum endlichen Siege der gerechten Sache zu Ende führen werde.« Diese Resolution wurde einstimmig angenommen. Die Versammlungsteilnehmer formierten sich hierauf zu einem geschlossenen Zuge, welcher zur Universität zog. Dort begaben sich zwei Vertreter zum Rektor und baten um einen Saal zum Zwecke der Abhaltung einer Versammlung -an der Universität, was i hnen jedoch, wie schon am vorhergehenden Tage, verweigert wurde. Ein Versammlungsmitglied hielt hierauf an die Versammelten eine Ansprache, wobei er darauf hinwies, daß es unerhört sei, daß akademischen Bürgern a(uf akademischem Boden die Abhaltung einer Versammlung nicht gestattet werde, und die wiederholt von stürmischen Pfuirufen auf das Rektorat und den Senat unterbrochen wurde, worauf der gerade herankommende Dekan Dr. G e i 11 e r dem Redner das Wort entzog. Nach dem Absingen des Nationalliedes zogen die Versammlungsteilnehmer vor die Wohnung des Prodekans Doktor P e t s c h e k, gegen den sie durch Pfui- und Abzugsrufe demonstrierten.“ Eine neue RitualmorOaUaire. Die Sprachenfrage in den mährischen Städten wird akut. Auf beiden Seiten wirbt man um die Juden — in der Wahlzeit. Nur hie und da erfolgt eine Entgleisung. In dem Städtchen Leipnik hat. sich „etwas“ zugetragen. Man weiß nichts Bestimmtes und man spricht davon. Bis die „Hlasy z Pobecvi“ das Geheimnis lüften. „Es habe sich etwas ereignet und die Bevölkerung werde aufgefordert, ihre Kinder und Dienstmädchen vor den Feiertagen nicht in jüdische Geschäfte zu sch i cken.“ ' Und jetzt wird es stadtbekannt: Das Dienstmädchen eines Professors (!) der tschechischen Realschule hat am Nachmittag im Geschäfte der Firma W. einen Einkauf besorgt und hat dasselbe mit Hinterlassung einer Schuld von 1 Krone nach wenigen Minuten verlassen. Die geschäftsführende Frau, deren Tochter und eine zufällig anwesende Bekannte,- die ein gerade vorbeiziehendes Begräbnis beobachten, sind Zeuginnen dieses sonst nichtssagenden geschäftlichen Zwischenfalles. Am Abend desselben Tages erscheint der Dienstgeber des Mädchens im Geschäfte und verlangt dringend zu wissen, was man dem Mädchen getan, warum man sie ins Magazin geschleppt und dort gewürgt habe.... Der wohlbekannte Tatbestand enthebt die Beteiligten der Notwendigkeit, deutlicher zu werden und so (zirkuliert das natürlich zugeschnittene Gerücht noch einige Tage bis zur Austragung des angestrengten Prozesses und wahrscheinlich darüber hinaus, wenn es möglich sein wird, dem richterlichen Wahrspruche irgendwie ein Fragezeichen hinzuzufügen. Der Fall ist an und für sich nicht mehr originell. Es soll daher auch nicht auf die bornierte Infamie und die unsauberen Motive der Kulturschänder verwiesen werden. Nur, daß es ein Schundblatt gibt, dessen stadtbekannte Hintermänner anläßlich der Wahlen um jüdische Stimmen betteln und daß es eine k. k. Bezirkshauptmannschaft in Mähr.- Weißkirchen gibt, die trotz Einschreiten eines Kultusvorstehers in der aufreizenden Notiz des Schundblattes keine Verletzung des Gesetzes erblickt, das bleibe als Kulturdokument für ewige Zeiten festgehalten. Dr. H. Jüdischer Verlag, Geschäftsstelle für Oesterreich-Ungarn, „Jüdische Zeitung“, Wien II/3, Stefaniestraße 12. Empfehlenswerte Neuerscheinungen: Werner Sombart: Die Zukunft der Juden . . K 3 — — Judentaufen.K 2.40 Heinrich Löwe: Die Sprache der Juden ....... K 2.40 Dr. Arthur R u p p i n: Die Juden der Gegenwart, brosch. K 6.— geb.K 7.20 — Protokoll des X. Zionistenkongreß brosch. K 1.80, geb. K 2.70 Theodor Herzl: Feuilletons, . 2. Aufl., soeben erschienen 2 Bände.K 7.20 — Purimgeschichte der Königin Esther.K 0.50 Qembergep Brief. (Von unserem Berichterstatter.) Das vorwöchentliche Programm der Lemberger Zionisten war interessant. Mittwoch sprach das Mitglied des engeren Aktionskomitees Nahum Sokolow vor einer tausendköpfigen Menge über „Jüdische Kultur“. Sokolow leitete den Vortrag in hebräischer Sprache ein und setzte ihn in polnischer Sprache fort. Wichtiger als die meisterhafte Behandlung des Themas war der zweite Teil des Vortrages, der sich von höherer Warte aus mit dem Verhältnis des Zionismus zur polnischen Gesellschaft befaßte. „Was ist denn eigentlich dieser verrufene Zionismus? Er ist die Freiheitsbewegung eines verfolgten und geplagten Volkes, der Rettungsanker der leidenden Nachkommen der ältesten Kultur- Nation, die Wiedergeburt einer Gemeinschaft,, welche der äußeren und jnneren Knechtschaft entrinnen will, eine Schule für Erziehung von Charakteren. Der Zionismus hat Jung und Alt begeistert und eine Phalanx von Idealisten ins Leben gerufen.“ Im weiteren Verlaufe sagte Sokolow.: „Das polnische Volk muß das Hirngespinst der jüdischen Assimilation . zerreißen. Was weder Griechenland, noch Rom, noch Spanien vermocht, wird auch den Polen nicht gelingen. Der Assimilant ist :— wie Sombart sagt — weder ein guter Siegfried noch' ein rechter Kohn. Die Millionenmassen des jüdir sehen Volkes wollen von der Assimilation nichts wissen; sie werden die Ratgeber, welche ihnen Assimilation anraten, aus ihrer Mitte vertreiben und ihren eigenen Weg gehen. Das kleine Häuflein der Assimilierten beweist nicht den realen Wert der Assimilationsidee. Das polnische Volk muß das Faktum gelten lassen, daß das jüdische Volk lebt und leben will.“ Sokolows Ausführungen fanden in der Versammlung lebhaften Widerhall. Samstag, den 24. Februar sprach Hubert Auhagen, der bekannte christliche \Philozionist, welcher in uneigennützigster Weise eine Tournee zugunsten des Nationalfondes in Galizien absolviert und in vielen Städten gesprochen hat, in Lemberg über Palästina. Die Begeisterung Auhagens für die jüdische Kolonisation in Palästina ist in zionistischen Kreisen viel zu bekannt, als daß man jnötig hätte, über seinen Vortrag, der Sachkenntnis mit Liebe zu Palästina verband, zu berichten. Der Vortrag wies einen Massenbesuch auf. Stürmischer Beifall dankte dem Vortragenden, den aufrichtige Sympathie zum Zionismus zu einer Werbereise nach Galizien bewogen hatte. ' * . * Der Präses des reichsrätlichen Polenklubs, Dr. B i 1 i n s k i, ist gemeinsamer Finanzminister geworden und hat sowohl auf die Obmannstelle